SPEED METAL MIT KLARER HANDSCHRIFT
»Hordes Of Bats« eröffnet das Album mit einem klaren Signal: PHANTOM wollen nicht langsam ins Material hineinfinden, sondern sofort zeigen, wo ihre Stärken liegen. Das Stück arbeitet mit hohem Tempo, präzisem Riffing und einer aggressiven Gesangsführung, bleibt dabei aber sauber arrangiert. Die Band verliert sich nicht in Geschwindigkeit um der Geschwindigkeit willen, sondern baut die Nummer mit sicherem Gefühl für Spannung auf.
J.C. García prägt den Song mit seiner Doppelfunktion als Sänger und Gitarrist deutlich. Seine Vocals sind rau, energisch und im besten Sinne ungeschönt. Dazu kommt ein Gitarrenstil, der stark in der klassischen Speed-Metal-Schule verwurzelt ist, aber genug technische Beweglichkeit besitzt, um das Material frisch wirken zu lassen. Schon der Einstieg macht deutlich, dass »Not Midnight Yet« nicht nur auf Nostalgie setzt, sondern auf Leistung.
DYNAMIK STATT BLOSSER GESCHWINDIGKEIT
»Out Of The Mausoleum« gehört zu den stärksten frühen Momenten des Albums. Der Song verbindet klassischen Heavy-Metal-Aufbau mit Thrash-Druck und einem sehr sicheren Gespür für Spannungswechsel. Die Gitarrenarbeit ist hier besonders überzeugend, weil sie nicht nur Geschwindigkeit liefert, sondern rhythmische Varianten, Lead-Akzente und melodische Einschübe sauber zusammenführt.
Harel O. und J.C. García spielen als Gitarrenduo extrem effektiv. Die Riffs sind direkt, aber nicht simpel. Die Leads wirken pointiert und setzen Akzente, ohne das Songwriting zu überladen. Das Zusammenspiel ist einer der großen Pluspunkte der Platte. Man merkt, dass die Band mehr will als nur alte Speed-Metal-Formeln zu bedienen. Der Song zeigt eine klare Steigerung in Arrangement, Sounddesign und kompositorischer Kontrolle.
DIE 80ER ALS BASIS, NICHT ALS KOSTÜM
»Dracula’s Curse« ist ein gutes Beispiel dafür, wie PHANTOM mit ihrer Horror-Ästhetik umgehen. Der Song nutzt klassische Vampir-Motive, klingt dabei aber nicht nach plumper Genre-Verkleidung. Stattdessen entsteht ein starker Heavy-/Speed-Metal-Track mit markanten Refrainmomenten, guter Gitarrenführung und einer Atmosphäre, die zum Thema passt, ohne den Song zu dominieren.
Der 80er-Einschlag ist auf dem gesamten Album deutlich hörbar. Man denkt an frühe Speed-Metal-Schule, an traditionellen Heavy Metal, an die rohe Direktheit alter Thrash-Produktionen. Aber PHANTOM schaffen es, diesen Einfluss nicht museal wirken zu lassen. Das liegt vor allem an der Energie der Performance und am Sound. Die Produktion hat genug Kante, bleibt aber transparent genug, um die musikalischen Details hörbar zu machen.
GITARRENARBEIT AUF HOHEM NIVEAU
»Morgenstern / Iron Strike« setzt stärker auf klassisches Riff-Handwerk und treibende Rhythmik. Hier zeigt sich die technische Seite der Band besonders deutlich. Die Gitarrenlinien sind nicht übermäßig progressiv, aber sorgfältig gesetzt und mit guter Präzision gespielt. Die Soli besitzen Feuer, bleiben aber in der Songstruktur verankert.
Das ist einer der Gründe, warum »Not Midnight Yet« so überzeugend funktioniert. Viele Bands im traditionellen Metal-Bereich können gut zitieren, aber nicht immer gut komponieren. PHANTOM haben auf diesem Album ein deutlich besseres Gespür für Übergänge, Tempi und Dramaturgie entwickelt. Die Songs wirken ausgearbeitet, ohne glattproduziert zu sein.
DER AMBITIONIERTE MITTELPUNKT
»The Pale Remains Of Time« ist einer der wichtigsten Songs des Albums. Die Nummer nimmt Tempo heraus, öffnet den Sound und zeigt eine melodischere, vielschichtigere Seite der Band. Cleanere Gitarrenpassagen, ausgedehntere Gesangslinien und eine leicht progressive Struktur sorgen dafür, dass das Album an dieser Stelle deutlich an Tiefe gewinnt.
Inhaltlich lässt sich der Song als Auseinandersetzung mit Zeit, Verlust und innerer Vergänglichkeit lesen. Musikalisch passt das sehr gut, weil PHANTOM hier nicht auf den schnellen Effekt setzen. Die Band arbeitet stärker mit Dynamik, Zwischenräumen und Aufbau. Gerade Raír Tavizón am Bass bekommt in solchen Momenten mehr Gewicht, weil sein Spiel die ruhigeren Passagen stabilisiert und die Übergänge zu den härteren Teilen sauber trägt.
RHYTHMUSGRUPPE MIT DRUCK UND DISZIPLIN
»Summoned To Kill« zieht das Energielevel wieder an und gehört zu den unmittelbarsten Songs der Platte. Die Nummer lebt von prägnanten Riffs, aggressiver Gesangsarbeit und einer Rhythmusgruppe, die sehr geschlossen agiert. J.P. Alatorre spielt druckvoll, schnell und kontrolliert. Er liefert nicht einfach Dauerbeschuss, sondern setzt Akzente, die den Song nach vorne bringen.
Auch Raír Tavizón verdient besondere Erwähnung. Sein Bassspiel hält das Album zusammen, ohne sich unnötig in den Vordergrund zu drängen. Gerade bei einem Sound, der stark von Gitarren und Gesang geprägt ist, braucht es eine Rhythmussektion, die zuverlässig, präzise und lebendig arbeitet. »Summoned To Kill« zeigt diese Qualität sehr deutlich.
TITELTRACK MIT STARKER STRUKTUR
Der Titelsong »Not Midnight Yet« ist kein reiner Speed-Metal-Abriss, sondern ein strukturierter Song mit mehreren klaren Ebenen. Die Band verbindet schnelle Abschnitte mit Midtempo-Dynamik und einem Arrangement, das bewusst mehr Spannung aufbaut. Gerade dadurch wird die Nummer zu einem zentralen Punkt des Albums.
Der Song wirkt wie eine Zusammenfassung dessen, was PHANTOM 2026 ausmacht: klassisches Fundament, technische Weiterentwicklung, hohe Spielfreude und ein stärkeres Bewusstsein für Atmosphäre. Besonders die Leadgitarren sind hier stark ausgearbeitet. Sie ergänzen die Riffs nicht nur, sondern geben dem Stück einen eigenen melodischen Charakter.
MELODIE UND KONTROLLE
»Solomonari« bringt eine stärker melodische Note in die zweite Albumhälfte. Die Gitarrenharmonien sind hier sehr gelungen, und der Song zeigt, dass PHANTOM nicht ausschließlich über Geschwindigkeit funktionieren. Die Band kann Tempo und Härte zurücknehmen, ohne Spannung zu verlieren. Das ist ein wichtiges Zeichen für kompositorische Reife.
Das Sounddesign fällt auf dem gesamten Album positiv auf. Die Orgel- und Horror-Elemente sind kein Selbstzweck, sondern Teil der Identität der Platte. Sie schaffen Atmosphäre, ohne die Gitarren zu verdecken. Gerade in einem Genre, das oft sehr direkt arbeitet, ist diese zusätzliche Ebene ein Gewinn. PHANTOM setzen solche Elemente sparsam, aber wirkungsvoll ein.
KURZ, DIREKT, WIRKUNGSVOLL
»Sepulchral Majesty« ist einer der kürzeren Songs, wirkt aber keineswegs nebensächlich. Die Nummer ist kompakt, schnell und sehr klar auf Wirkung geschrieben. Hier stehen Riffing, Schlagzeugdruck und Gesangsattacke im Vordergrund. Die Band zeigt, dass sie auch ohne längere Aufbauphasen starke Songs schreiben kann.
Gerade J.C. García überzeugt hier durch Präsenz. Seine Stimme ist nicht klassisch sauber im europäischen Power-Metal-Sinn, sondern rau, fordernd und sehr charakteristisch. Das passt hervorragend zum Gesamtbild. Seine Leistung gibt PHANTOM ein klares Profil und verhindert, dass die Band trotz ihrer traditionellen Ausrichtung austauschbar klingt.
MEHR RAUM FÜR MELODIE
»Curse Your Name« gehört zu den melodischeren und emotionaleren Stücken des Albums. Die Nummer arbeitet mit akustischen Elementen, harmonisierten Gitarren und stärker ausformulierter Gesangsführung. Das sorgt für Abwechslung und zeigt, dass PHANTOM auf »Not Midnight Yet« bewusst mehr Schichten einbauen.
Inhaltlich lässt sich der Song als Auseinandersetzung mit Verrat, persönlicher Abrechnung und innerem Konflikt verstehen. Musikalisch gelingt der Band eine gute Balance aus Melodie und Druck. Gerade die Gitarrenarbeit ist hier erneut stark. Die Leads besitzen eine klassische Heavy-Metal-Eleganz, ohne die Härte des Albums zu relativieren.
KURZER ÜBERGANG, STARKER ABSCHLUSS
»A Trail Full Of Sorrows« dient als kurzer instrumentaler Übergang und bringt noch einmal eine ruhigere Farbe ins Album. Der Track ist knapp, aber sinnvoll platziert, weil er vor dem Finale Luft schafft. Solche Momente sind wichtig, damit ein Album mit hohem Tempo nicht zu gleichförmig wirkt.
Mit »Echoes From The Fights« schließen PHANTOM die Platte energisch ab. Der Song bündelt viele Stärken des Albums: schnelles Riffing, saubere Rhythmusarbeit, starke Gitarrenharmonien und eine überzeugende finale Zuspitzung. Das Stück wirkt nicht wie ein angehängter Rausschmeißer, sondern wie ein bewusst gesetzter Abschluss.
PRODUKTION UND SOUND
Die Produktion ist ein entscheidender Faktor für die Wirkung von »Not Midnight Yet«. Aufgenommen und gemischt wurde das Album erneut mit Héctor „Northen“ Ibarra in den Nehtron Studios in Guadalajara, das Mastering übernahm Patrick W. Engel im Temple Of Disharmony. Das Ergebnis klingt roh genug, um den Old-School-Charakter zu bewahren, aber deutlich differenziert genug, um die technische Entwicklung der Band hörbar zu machen.
Die Gitarren stehen klar im Vordergrund, ohne Bass und Schlagzeug zu verdrängen. Die Drums haben Punch, der Bass bleibt als Fundament präsent, und die Vocals sitzen genau richtig im Mix. Besonders positiv ist, dass die atmosphärischen Elemente nicht künstlich aufgesetzt wirken. Orgelpassagen, ruhigere Gitarren und melodische Zwischenteile sind sinnvoll eingebunden und erweitern das Album, ohne seine Speed-Metal-Basis zu verwässern.
DIE LEISTUNG DER MUSIKER
J.C. García ist eindeutig die prägende Figur dieses Albums. Als Sänger, Gitarrist, Songwriter und kreativer Kopf trägt er viel Verantwortung und liefert auf mehreren Ebenen ab. Seine Stimme ist intensiv, aggressiv und markant. Sie polarisiert vielleicht, aber genau diese Eigenheit macht PHANTOM sofort erkennbar.
Harel O. ergänzt García an der Gitarre hervorragend. Das Zusammenspiel der beiden ist einer der stärksten Aspekte des Albums. Die Riffs sind präzise, die Soli leidenschaftlich und die harmonisierten Linien sauber ausgearbeitet. Raír Tavizón sorgt am Bass für Stabilität und Druck, besonders in den dynamischeren und melodischeren Abschnitten. J.P. Alatorre liefert eine starke Schlagzeugleistung, die Geschwindigkeit und Kontrolle sehr gut verbindet.
Als Band wirken PHANTOM auf »Not Midnight Yet« deutlich gereift. Die Songs sind länger, teilweise komplexer und besser ausbalanciert als man es von vielen reinen Speed-Metal-Veröffentlichungen erwarten würde. Trotzdem bleibt der direkte Zugriff erhalten. Genau diese Mischung macht das Album so stark.
KRITIKPUNKTE
Ein perfektes Album ist »Not Midnight Yet« trotz allem nicht. Bei zwölf Songs und über 56 Minuten Laufzeit ist die Platte sehr umfangreich. Einzelne Passagen hätten noch etwas straffer ausfallen können, vor allem dort, wo die Band bekannte Speed-/Thrash-Muster sehr konsequent ausreizt. Auch der Gesang wird nicht jeden Hörer sofort abholen, weil er bewusst roh und intensiv bleibt.
Das sind jedoch keine gravierenden Schwächen, sondern eher Punkte, die zeigen, dass PHANTOM ihre kompromisslose Linie durchziehen. Wer klassischen Speed Metal mit Thrash-Anteilen, 80er-Flair und starker Gitarrenarbeit sucht, bekommt hier sehr viel Substanz. Das Album ist nicht auf schnellen Konsum ausgelegt, sondern gewinnt gerade durch seine Details und seine konsequente Haltung.
FAZIT:
»Not Midnight Yet« ist ein starkes, technisch versiertes und sehr geschlossenes Speed-/Thrash-Metal-Album mit deutlichem 80er-Einschlag. PHANTOM verbinden klassischen Heavy Metal, aggressive Thrash-Energie, horrorlastige Atmosphäre und starke Gitarrenarbeit zu einem Album, das sowohl Fans traditioneller Schule als auch Freunde dynamischerer Songstrukturen ansprechen dürfte.
Die stärksten Momente sind »Hordes Of Bats«, »Out Of The Mausoleum«, »Dracula’s Curse«, »The Pale Remains Of Time«, »Summoned To Kill«, »Not Midnight Yet«, »Solomonari« und »Echoes From The Fights«. Besonders das Gitarrenduo, die stabile Rhythmusgruppe und das durchdachte Sounddesign heben die Platte deutlich über Durchschnitt.
Für Fans von Agent Steel, Exciter, Razor, frühem Helloween, klassischem Metal Church, Vicious Rumors und traditionellem Speed Metal ist »Not Midnight Yet« eine klare Empfehlung. PHANTOM liefern hier kein Retro-Zitat, sondern ein eigenständiges, leidenschaftliches und sehr starkes Heavy-Metal-Album. Die Nacht ist tatsächlich noch nicht vorbei.