Interpret: Joseph Tholl 🇸🇪
Titel: It Might Be Art
Label: High Roller Records
VÖ: 12.06.2026 – CD / Digital; 26.06.2026 – Vinyl
Format: Vinyl / CD / Digital
Genre: Melodic Rock / Dark Rock / AOR / Post-Punk

Tracklist

01. New Dawn
02. Oh The Madness
03. I’m In A Darkness
04. Invocation Of The Evening Star
05. Walking
06. It Might Be Art
07. I Syrenens Tid
08. Rebirth
09. On Velvet Waves
10. The Burial

Besetzung

Joseph Tholl – Gesang, Gitarren, Bass, Piano, Synthesizer
Robert Eriksson – Schlagzeug
Jakob Ljungberg – Schlagzeug

Gastbeiträge:
Johannes Andersson
Tobias Lindkvist
Pia Stjärnvind
Adam Zaars
Robert Pehrsson

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Wer Joseph Tholl ausschließlich mit dem rasanten Heavy Metal von Enforcer, dem kernigen Siebzigerjahre-Rock von Black Trip und Vojd oder der finsteren Atmosphäre von Tribulation verbindet, dürfte von »It Might Be Art« zunächst überrascht werden. Auf seinem zweiten Soloalbum öffnet der schwedische Multiinstrumentalist die Türen weit und verbindet melodischen Rock, AOR, Post-Punk, Gothic Rock, schwedischen Pop und vereinzelte Heavy-Metal-Wurzeln zu einem kurzen, aber ungewöhnlich abwechslungsreichen Werk. Sieben Jahre nach »Devil’s Drum« wirkt Tholl heller, poppiger und unmittelbarer, ohne die melancholische Dunkelheit vollständig aus seinem Songwriting zu verbannen. Gerade dieser Gegensatz aus großen Melodien, rauer Studioatmosphäre und emotionalen Abgründen macht den Reiz eines Albums aus, das seinen vorsichtig formulierten Titel am Ende selbstbewusster bestätigt, als es zunächst zugeben möchte.

Albumstream:

EIN NEUER MORGEN IM NORDEN

»New Dawn« eröffnet die Platte mit jener unmittelbaren melodischen Wärme, für die skandinavischer Rock seit Jahrzehnten bekannt ist. Gitarren, Tasteninstrumente und mehrstimmige Gesänge greifen sauber ineinander, während das Schlagzeug den Song mit einem geradlinigen, aber lebendigen Puls vorantreibt. Der Refrain öffnet sich weit, ohne nach einem künstlich konstruierten Stadionmoment zu klingen.

Thematisch geht es um Aufbruch, Erinnerung und die Hoffnung, aus vergangenen Jahren etwas Neues entstehen zu lassen. Der im Text beschworene Sonnenaufgang ist deshalb mehr als eine freundliche Naturaufnahme. Er steht für den Versuch, sich trotz Verlusten, vergangenen Träumen und dem unaufhaltsamen Lauf der Zeit erneut aufzurichten.

Tholls Stimme besitzt keine sterile Perfektion. Sie klingt warm, leicht rau und gelegentlich so, als würde sie unmittelbar aus einem kleinen, mit Holz verkleideten Aufnahmeraum kommen. Genau das gibt dem Song Persönlichkeit. Wo viele moderne Melodic-Rock-Produktionen jeden Atemzug polieren, lässt »New Dawn« kleine Kanten stehen.

Die Verbindung aus eingängigem Rock, schwedischer Popmelodik und einem leichten AOR-Schimmer erinnert stellenweise an die zugänglichere Seite von Ghost, ohne deren theatralischen Überbau zu übernehmen. Auch die Schule von Robert Pehrsson ist hörbar: Melodien werden nicht als Dekoration behandelt, sondern tragen den gesamten Song.

DER WAHNSINN BRAUCHT NUR ZWEIEINHALB MINUTEN

»Oh The Madness« verändert die Stimmung schlagartig. Der Song ist kompakter, dunkler und rhythmisch kantiger als der Opener. Statt des offenen Horizonts von »New Dawn« zieht Tholl die Wände näher zusammen und konfrontiert sich mit Schuld, Selbstzerstörung und der Erkenntnis, dass keine äußere Macht vor dem eigenen Inneren retten kann.

Die Musik bleibt dennoch eingängig. Ein markanter Refrain verhindert, dass die Nummer in schwermütiger Selbstbetrachtung versinkt. Genau darin liegt Tholls Stärke: Er kann über psychologische Abgründe schreiben und trotzdem eine Melodie finden, die nach wenigen Durchläufen im Gedächtnis sitzt.

Die leicht angezerrte Stimme und die dunkleren Tasteninstrumente rücken den Song in die Nähe von Post-Punk und Gothic Rock. Gleichzeitig behalten die Gitarren genügend Druck, um die Rockbasis zu sichern. »Oh The Madness« klingt nicht nach einem Metal-Musiker, der sich für ein Wochenende an Wave-Musik versucht, sondern nach einem Songwriter, der diese Klangsprache verstanden und in seine eigene Welt übertragen hat.

Mit seiner kurzen Laufzeit endet das Stück, bevor sich sein zentraler Gedanke abnutzen kann. Kein zusätzlicher Refrain, kein überlanges Solo und keine künstliche Steigerung verlängern die Nummer. Der Wahnsinn kommt, setzt seinen Haken und verschwindet wieder.

IM DUNKELSTEN RAUM DES ALBUMS

»I’m In A Darkness« ist das emotionale Zentrum der Platte. Das Tempo wird zurückgenommen, die Instrumentierung gewinnt an räumlicher Tiefe und Tholls Gesang trägt eine Müdigkeit, die nicht gespielt wirkt. Die Dunkelheit ist hier kein stilistisches Accessoire, sondern ein Zustand, aus dem es zunächst keinen sichtbaren Ausgang gibt.

Der Text beschreibt ein Versinken im Wasser, einen endlosen dunklen Ozean und die Angst vor dem kommenden Tag. Diese Bilder werden musikalisch nicht mit übertriebener Dramatik beantwortet. Stattdessen lässt Tholl die Melodie langsam kreisen, als würde sie tatsächlich auf einer Strömung treiben.

Die Gitarren bleiben kontrolliert und erzeugen gemeinsam mit den Tasteninstrumenten eine kühle, graue Atmosphäre. Erinnerungen an The Cure, The Sisters Of Mercy und die melancholischere Seite von Unto Others sind nachvollziehbar. Dennoch besitzt das Stück genügend eigene Konturen, um nicht wie eine nachgespielte Gothic-Rock-Schablone zu wirken.

Besonders überzeugend ist die stufenweise Steigerung. Der Song beginnt beinahe erstarrt, gewinnt aber mit jedem Abschnitt an Intensität. Tholl erhöht nicht einfach die Lautstärke, sondern erweitert die harmonischen Räume und lässt die Stimme zunehmend verzweifelter wirken.

Wo »New Dawn« einen neuen Morgen verspricht, zieht »I’m In A Darkness« die Vorhänge wieder zu. Dieser Gegensatz gibt dem Album früh eine emotionale Tiefe, die über gewöhnlichen Melodic Rock hinausgeht. Die Nummer ist kein beiläufiger Stimmungswechsel, sondern der Punkt, an dem das Album seine dunkle Seele offenlegt.

EIN GEBET AN DEN ABENDSTERN

Mit »Invocation Of The Evening Star« kehrt die rhythmische Energie zurück. Die Gitarren treten deutlicher hervor, das Schlagzeug schiebt nach vorne und der Refrain verbindet himmlische Bilder mit einer bodenständigen Rockstruktur.

Der Text richtet sich an den Abendstern und beschreibt eine Welt, die ihre ursprünglichen Träume verloren hat. Zwischen brennendem Himmel, Mondlicht und spiritueller Neuordnung entsteht eine beinahe feierliche Atmosphäre. Tholl vermeidet es jedoch, daraus eine pathetische Metal-Hymne mit überladenen Chören zu machen.

Die Nummer lebt von ihrem Kontrast aus kosmischer Bildsprache und direkter Komposition. Ein klarer Rhythmus führt durch den Song, während Orgel- und Synthesizerspuren im Hintergrund zusätzliche Farben setzen. Kleine Details wie Percussion, mehrstimmige Stimmen und melodische Gitarrenantworten verhindern, dass die übersichtliche Grundstruktur zu schlicht wirkt.

Gerade dieser Song zeigt, wie selbstverständlich Tholl verschiedene Jahrzehnte miteinander verbindet. Siebzigerjahre-Rock, Achtzigerjahre-AOR und dunkler Alternative Rock der Neunziger fließen zusammen, ohne dass die Übergänge wie bewusst gesetzte Genreübungen wirken.

WEITERGEHEN, OBWOHL DIE STRASSE ENDET

»Walking« nimmt erneut Tempo und Gewicht aus der Platte. Die Instrumentierung wird reduzierter, und Tholls Stimme rückt in den Mittelpunkt. Der Song bewegt sich zwischen Rockballade, Folk und melancholischem Pop, ohne vollständig in eine dieser Richtungen zu kippen.

Inhaltlich beschreibt er eine Figur, die weitergeht, obwohl Ziel und Rettung ungewiss bleiben. Regen, Nacht, Leere und die Flucht vor dem eigenen Selbst prägen den Text. Das wiederkehrende Gehen wird zum Sinnbild für eine Bewegung, die weniger aus Hoffnung als aus der Unfähigkeit zum Stillstand entsteht.

Die Komposition ist bewusst einfach gehalten. Diese Reduktion verleiht der Stimme Raum und macht die Verletzlichkeit glaubwürdig. Gleichzeitig ist »Walking« einer jener Songs, deren Wirkung stark von der persönlichen Verbindung zur Melodie abhängt. Wer auf einen großen Refrain wartet, erhält ihn hier nicht.

Innerhalb der Albumdramaturgie ist diese Zurückhaltung sinnvoll. Nach den dichten ersten vier Stücken entsteht eine kurze Ruhezone, die den Titeltrack vorbereitet. Dennoch gehört »Walking« nicht zu den unmittelbarsten Höhepunkten. Die Nummer berührt leise, hinterlässt aber weniger deutliche Spuren als »I’m In A Darkness« oder »The Burial«.

VIELLEICHT KUNST, SICHER EIN GUTER SONG

Der Titelsong »It Might Be Art« steht zwischen schwebendem Synth-Rock, Post-Punk und melodischem Pop. Die Gitarren ziehen sich etwas zurück, während Tasteninstrumente und sorgfältig aufgeschichtete Gesangsharmonien das Bild bestimmen.

Der Text spielt mit Formen, Linien, Rahmen und Bedeutungen. Ein Pfeil durch das Herz kann ebenso Kunst sein wie ein Apfel oder eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Tholl liefert keine eindeutige Definition, sondern beschreibt den Moment, in dem Betrachter und Werk miteinander in Verbindung treten.

Diese Offenheit spiegelt sich in der Musik. Der Song besitzt keinen brachialen Höhepunkt, sondern entwickelt eine schwebende, leicht entrückte Stimmung. Der Refrain setzt sich nicht durch Lautstärke, sondern durch seine melodische Klarheit fest.

Besonders gelungen sind die mehrstimmigen Gesänge. Sie wirken nicht wie eine nachträglich aufgesetzte Vergrößerung der Hauptstimme, sondern bilden eigene harmonische Bewegungen. Dadurch erhält die Komposition eine Tiefe, die bei ihrem vergleichsweise zurückhaltenden Aufbau zunächst leicht überhört werden kann.

Der Titel könnte als ironische Unsicherheit missverstanden werden. Nach mehreren Durchläufen wirkt er jedoch eher wie eine Einladung. Tholl behauptet nicht, ein großes Kunstwerk geschaffen zu haben. Er stellt den Song in den Raum, tritt einen Schritt zurück und überlässt die Entscheidung dem Hörer.

ZWISCHEN FLIEDERDUFT UND VERGEHENDER ZEIT

»I Syrenens Tid« ist der einzige schwedischsprachige Song der Platte und gehört zu ihren persönlichsten Momenten. Musikalisch kehrt das Album zu einem direkten, beschwingten Rocksound zurück. Die Gitarren treiben, der Refrain wirkt warm und die gesamte Nummer besitzt eine beinahe frühlingshafte Leichtigkeit.

Unter dieser hellen Oberfläche liegt jedoch erneut Melancholie. Der Text beschreibt ein Kind mit goldenen Locken, einen alten Hafen, Erdbeerplätze, Wellen und Kirchenglocken. Im Zentrum steht der Wunsch, die Zeit möge für einen kurzen Moment stillstehen.

Gerade weil der Text nicht ins Englische übertragen wurde, besitzt der Song eine besondere Nähe. Tholl klingt nicht wie ein international ausgerichteter Rockmusiker, sondern wie ein schwedischer Songwriter, der eine Erinnerung in seiner eigenen Sprache festhalten möchte.

Das Stück entwickelt eine ansteckende Energie, ohne seine emotionale Ebene zu verlieren. Der Refrain lässt sich auch ohne Schwedischkenntnisse schnell erfassen. Stimme, Rhythmus und Melodie vermitteln ausreichend deutlich, dass hier Freude und die Angst vor dem Vergehen derselben Zeit nebeneinanderstehen.

»I Syrenens Tid« gehört zu den stärksten Belegen dafür, dass Eingängigkeit und persönliche Tiefe keine Gegensätze sein müssen. Der Song könnte problemlos als sommerlicher Rocktitel funktionieren, besitzt aber unter seiner hellen Oberfläche einen bittersüßen Kern.

WIEDERGEBURT OHNE WORTE

Das kurze Instrumental »Rebirth« wirkt wie eine atmosphärische Brücke. Nach der unmittelbaren Wärme des schwedischen Songs nimmt Tholl die Stimme vollständig heraus und lässt Instrumente und Klangfarben den Übergang zum letzten Albumdrittel gestalten.

Der Titel legt eine große Transformation nahe, doch die Musik vermeidet bombastische Gesten. Statt einer monumentalen Wiedergeburt entsteht ein stiller Moment des Neuordnens. Tastenflächen, Gitarren und eine zurückhaltende rhythmische Bewegung schaffen Raum zum Durchatmen.

Als eigenständige Komposition bleibt »Rebirth« skizzenhaft. Innerhalb der Albumstruktur erfüllt das Stück jedoch eine klare Funktion. Es trennt die intime Mitte von den beiden abschließenden Hauptsongs und verhindert, dass die unterschiedlichen Stimmungen zu abrupt aufeinanderstoßen.

AUF SAMTENEN WELLEN

»On Velvet Waves« bringt die sonnigere Seite des Albums zurück. Der Song besitzt einen lockeren Rock-’n’-Roll-Puls, melodische Gitarren und eine Wärme, die an Tom Petty, The Hellacopters und den klassischen schwedischen Gitarrenrock erinnert.

Die lyrische Reise führt über Ozeane, durch den Himmel und in eine surreale Welt aus Dünen, Mondlandschaften, Engeln und Unterwasserwelten. Die Bilder sind verträumt, doch die Musik bleibt fest auf dem Boden. Bass und Schlagzeug geben dem Stück einen natürlichen, beinahe live wirkenden Schwung.

Der Refrain gehört zu den unmittelbarsten des Albums. Die samtenen Wellen werden zum Symbol einer gemeinsamen Reise durch Dunkelheit, Sturm und Veränderung. Dabei vermeidet Tholl eine übertrieben romantische Inszenierung. Seine Stimme bleibt rau genug, um den Song vor glatter Sentimentalität zu bewahren.

Die Gitarrenarbeit ist besonders wirkungsvoll, weil sie nicht mit langen Soli auf Aufmerksamkeit drängt. Kurze melodische Linien, Akkordbewegungen und kleine Antworten auf die Stimme genügen, um der Nummer Charakter zu geben.

»On Velvet Waves« ist vielleicht der klassischste Rocksong der Platte. Er verbindet Zugänglichkeit, Spielfreude und Melancholie in einem Verhältnis, das exemplarisch für Tholls Songwriting steht. Das Stück klingt leicht, ohne bedeutungslos zu sein.

DIE LETZTE GLOCKE

Mit »The Burial« endet das Album in seinem dunkelsten Raum. Kirchenglocken, Trauer, Erde, Asche und der endgültige Abschied bestimmen den Text. Musikalisch bewegt sich Tholl zwischen Gothic Rock, düsterem Americana und einer beinahe sakralen Form des melodischen Rock.

Die Stimme wird tiefer und erzählerischer eingesetzt. Stellenweise erinnert dieser Vortrag an Andrew Eldritch, Lee Hazlewood oder die späten, reduzierten Aufnahmen von Johnny Cash. Tholl imitiert diese Stimmen nicht, nutzt aber eine ähnliche Verbindung aus Ruhe, Schwere und Autorität.

Die Instrumentierung lässt dem Text ausreichend Platz. Statt den Tod mit massiven Gitarrenwänden zu vertonen, setzt der Song auf Atmosphäre. Jeder Schlag, jede Fläche und jede melodische Bewegung scheint bewusst positioniert zu sein.

Inhaltlich wird das Begräbnis nicht ausschließlich als Ende verstanden. Der menschliche Körper kehrt zur Erde zurück, gebrochene Flügel heilen und der Kreislauf aus Geburt und Tod schließt sich. Dadurch erhält der Song trotz seiner Trauer einen versöhnlichen Unterton.

Als Abschluss ist »The Burial« hervorragend gewählt. Nach der hellen Eröffnung von »New Dawn« endet die Platte mit dem letzten Glockenschlag. Zwischen Morgen und Begräbnis liegen nur knapp 34 Minuten, doch Tholl nutzt diese kurze Strecke, um einen erstaunlich weiten emotionalen Bogen zu schlagen.

KEIN METALALBUM, ABER VON EINEM METALLER

»It Might Be Art« ist kein Heavy-Metal-Album. Verzerrte Gitarren, rockige Rhythmen und einzelne härtere Akzente sind vorhanden, doch das Zentrum bilden Melodien, Stimmen, Atmosphäre und klassisches Songwriting. Tholl selbst scheint keinerlei Interesse daran zu haben, seine Musik aus Rücksicht auf frühere Bandzugehörigkeiten künstlich härter zu machen.

Trotzdem dürften viele Metal-Hörer einen Zugang finden. Die dunkle Stimmung von »I’m In A Darkness« und »The Burial«, die organische Gitarrenarbeit sowie die beteiligten Musiker aus dem Umfeld von Tribulation, Tyrann, Serpent Omega und The Hellacopters sorgen für ausreichend Verbindungspunkte.

Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit. Tholl wechselt nicht zum melodischen Rock, weil sich dieser momentan besser vermarkten ließe. Die Songs wirken wie Stücke, die unabhängig von Genregrenzen geschrieben werden mussten. Mal landet das Ergebnis im AOR, mal im Post-Punk, mal im Gothic Rock oder beinahe im schwedischen Pop.

Diese Vielfalt könnte leicht zu einem unübersichtlichen Stilgemisch führen. Dass das nicht geschieht, liegt an Tholls Stimme, seiner charakteristischen Melodieführung und der warmen Produktion. Selbst wenn zwei aufeinanderfolgende Stücke unterschiedlichen Szenen entstammen könnten, bleibt der Urheber sofort erkennbar.

DAS STUDIO DARF ATMEN

Aufgenommen wurde »It Might Be Art« im Studio Humbucker, das Tholl gemeinsam mit Robert Pehrsson betreibt. Beide zeichneten für die Aufnahmen verantwortlich, während Pehrsson Mixing und Mastering übernahm.

Die Produktion klingt warm, direkt und leicht angeraut. Instrumente wurden klar voneinander getrennt, aber nicht in klinische Perfektion gezwungen. Das Schlagzeug besitzt natürlichen Druck, der Bass bleibt hörbar und die Gitarren behalten ihre individuelle Struktur.

Besonders die Stimmen profitieren von diesem Ansatz. Mehrstimmige Arrangements erhalten Breite, ohne zu einer anonymen Chorwand zu werden. Kleine Unregelmäßigkeiten und unterschiedliche Stimmfarben bleiben erhalten und geben den Songs eine menschliche Dimension.

Robert Eriksson und Jakob Ljungberg teilen sich die Schlagzeugparts. Beide stellen ihr Spiel vollständig in den Dienst der Kompositionen. Es gibt keine technischen Demonstrationen, aber zahlreiche kleine Akzente, die den jeweiligen Charakter eines Songs unterstützen.

Tholl selbst übernimmt neben dem Gesang sämtliche Gitarren, den Großteil der Bassparts sowie Piano und Synthesizer. Trotz dieser Konzentration klingt die Platte nicht wie ein isoliertes Heimstudio-Projekt. Die Gastbeiträge und die Zusammenarbeit mit Pehrsson bringen genügend unterschiedliche Energie ein, um das Material lebendig zu halten.

KURZ, ABER NICHT KLEIN

Mit weniger als 34 Minuten ist »It Might Be Art« ein ausgesprochen kompaktes Album. Mehrere Stücke bleiben deutlich unter der Vier-Minuten-Marke, und selbst die längeren Songs vermeiden ausgedehnte instrumentale Umwege.

Diese Kürze ist eine Stärke. Tholl behandelt eine gute Songidee nicht automatisch als Rohstoff für fünf Wiederholungen und ein obligatorisches Gitarrensolo. Besonders »Oh The Madness« und »I Syrenens Tid« zeigen, wie viel Charakter in wenigen Minuten entwickelt werden kann.

Lediglich das Instrumental »Rebirth« wirkt eher wie eine atmosphärische Verbindung als wie ein vollständig ausgearbeiteter Titel. Auch »Walking« bleibt in seiner Reduktion weniger prägnant als die stärksten Stücke. Diese kleinen Schwächen fallen angesichts des hohen kompositorischen Niveaus jedoch kaum ins Gewicht.

Das Album besitzt vor allem keinen Leerlauf. Jede Nummer verändert Klangfarbe, Tempo oder emotionale Temperatur. Trotzdem zerfällt die Platte nicht in Einzelteile. Der gemeinsame Nenner bleibt Tholls Fähigkeit, selbst dunkle Gedanken in klare, erinnerungswürdige Melodien zu verwandeln.

FAZIT:

»It Might Be Art« verbindet melodischen Rock, AOR, Post-Punk und Gothic-Dunkelheit zu einem warmen, persönlichen und bemerkenswert kurzweiligen Album, dessen stärkste Momente mit »I’m In A Darkness«, »I Syrenens Tid«, »On Velvet Waves« und »The Burial« weit über gewöhnliche Genreübungen hinausreichen. Kleine Abstriche gibt es lediglich für das skizzenhafte »Rebirth« und das weniger markante »Walking«, doch die hohe Melodiedichte und die organische Produktion überwiegen deutlich. 4,5 von 5 Punkten.

Official Video: It Might Be Art

Internet

Joseph Tholl - It Might Be Art - CD Review

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