Ein Tagebuch ist etwas Intimes. Es lebt von Ehrlichkeit, von Widersprüchen, von Momenten, die nicht glattgebügelt sind. Genau dieses Gefühl greift »Your Diary« von LIKE WE ARE auf. Das Album wirkt nicht wie ein kalkuliertes Produkt, sondern wie eine Sammlung von Gedanken, festgehalten zwischen Wut, Zweifel, Hoffnung und einer ordentlichen Portion Trotz. Modern-Core und Modern-Rock bilden dabei nur den Rahmen. Entscheidend ist, wie persönlich die Band ihre Songs anlegt.
Druckvolle Songs mit tollem Gesang
LIKE WE ARE aus Österreich bestehen aus Andreas am Gesang, Mathias am Schlagzeug, Richard am Bass sowie den beiden Gitarristen Lukas und Kevin. Dieses Line-up funktioniert hörbar gut. Die Rollen sind klar verteilt, niemand drängt sich unnötig in den Vordergrund. Stattdessen greifen die Parts ineinander und sorgen für ein rundes Gesamtbild, das über die komplette Spielzeit trägt.
Der Opener »Over« macht sofort deutlich, wohin die Reise geht. Druckvolle Riffs, ein treibendes Schlagzeug und ein Gesang, der zwischen kontrollierter Aggression und emotionalem Ausbruch pendelt. Der Song öffnet das Album ohne Umschweife und setzt die Messlatte hoch. »Dead to Me« knüpft direkt an, nahezu kompakter, direkter, mit einem Refrain, der sich festsetzt, ohne anbiedernd zu wirken.
Härte und Melodie wechseln sich ab
Mit »Half a God« zeigt die Band, dass sie auch mit Dynamik umgehen kann. Härte und Melodie wechseln sich ab, die Gitarren bauen Spannung auf, während der Text mit Selbstüberschätzung und Selbstzweifeln spielt. »Closer to You« schlägt danach leisere Töne an, zumindest stellenweise. Der Song lebt von Atmosphäre und einem klaren Spannungsbogen, der sich langsam aufbaut und im Refrain entlädt.
»Disintegrate« gehört zu den härteren Momenten der Platte. Hier dominiert der Modern-Core-Einfluss, kantig, roh, annähernd schon kompromisslos. Direkt im Anschluss sorgt »Illusion« für einen Stimmungswechsel. Der Song wirkt reflektierter, approximativ nachdenklich, ohne an Intensität zu verlieren. Besonders der Gesang gewinnt hier an Tiefe und zeigt eine verletzlichere Seite.
Die Album-Mitte ist mit »Secrets« und »Still Breathing« stark besetzt. Beide Songs funktionieren auf unterschiedliche Weise. »Secrets« überzeugt durch einen packenden Aufbau und einen Refrain, der lange im Ohr bleibt. »Still Breathing« setzt stärker auf emotionale Zugänglichkeit und dürfte live zu den verbindenden Momenten zwischen Band und Publikum gehören.
Kämpferischer Ton
Mit »One Man Army« kehrt der kämpferische Ton zurück. Der Song transportiert Durchhaltewillen und Selbstbehauptung, ohne in platte Parolen abzurutschen. »Who Am I« wirkt dagegen introspektiver, angenähert suchend. Textlich gehört der Song zu den stärkeren Beiträgen des Albums und unterstreicht das Tagebuch-Motiv sehr deutlich.
»This Time« und »Toxic Sin« treiben das Tempo wieder an. Hier zeigt sich die Spielfreude der Band, vor allem im Zusammenspiel der Gitarren. Die Riffs sind präzise, das Schlagzeug drückt nach vorne, ohne überladen zu wirken. »Paralyzed« nimmt anschließend einigermaßen Geschwindigkeit raus und setzt stärker auf Atmosphäre und emotionale Dichte.
Die letzten drei Songs bilden einen stimmigen Abschluss. »Take Home This Trash« überrascht mit einer fast rotzigen Attitüde, die guttut und dem Album nochmal eine andere Farbe verleiht. »Still Moving On« wirkt wie ein Fazit, ein Blick nach vorne, ohne die Vergangenheit auszublenden. Der Song schließt den Kreis und lässt das Album offen ausklingen, statt einen harten Schlusspunkt zu setzen.
»Your Diary« ist kein perfektes Album, aber ein ehrliches. LIKE WE ARE liefern ein Werk ab, das Haltung zeigt, musikalisch überzeugt und emotional greifbar bleibt. Wer modernen Rock mit Core-Einflüssen mag und Wert auf persönliche Texte legt, wird hier fündig. Vier von fünf Punkten sind dafür absolut gerechtfertigt.
Fazit: »Your Diary« ist ein starkes Album, das die Stärken von LIKE WE ARE gut zur Geltung bringt und Lust auf mehr macht.
Tracklist
01. Over
02. Dead to me
03. Half a God
04. Closer to you
05. Disintigrate
06. Illusion
07. Secrets
08. Still breathing
09. One Man Army
10. Who Am I
11. This Time
12. Toxic Sin
13. Paralyzed
14. Take home this trash
15. Still Moving On
Besetzung
Andreas Schmid – Vocals
Mathias Hofer – Drums
Richard Schönherr – Bass
Lukas Neyer – Guitar
Kevin Malcher – Guitar

