Band: Lockhart 🇨🇦
Titel: City Pulse
Label: High Roller Records
VÖ: 12.06.2026 – CD / Digital; 26.06.2026 – Vinyl
Format: Vinyl / CD / Kassette / Digital
Genre: AOR / Melodic Rock / Hard Rock

Tracklist

01. City Pulse – 03:45
02. Can’t Shake It – 03:53
03. The Dose That Made You Poison – 03:48
04. Together As None – 04:16
05. Under Fire – 02:55
06. Just Can’t Wait – 05:17
07. You Wouldn’t Know Love – 03:39
08. Before The Fall – 00:51
09. No Chance In Heaven – 04:27

Besetzung

Devon Kerr – Lead- und Hintergrundgesang, Gitarren, Synthesizer, Flügel
Jason Junop – Bass, Gesang
Fabio Alessandrini – Schlagzeug, Percussion

Gastmusiker:
Imogen Wasse – Hintergrundgesang bei »City Pulse« und »You Wouldn’t Know Love«
Ian Kilpatrick – Gitarrensolo bei »Can’t Shake It«
Nick Poulos – Gitarrensolo bei »You Wouldn’t Know Love«

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Die Großstadt schläft nicht. Sie glänzt, flimmert, schwitzt und pumpt ihren Rhythmus durch regennasse Straßen. Genau dort setzen Lockhart mit ihrem ersten vollständigen Album an. »City Pulse« ist ein in Neonlicht getauchtes AOR- und Melodic-Rock-Debüt, das sich unverkennbar vor den großen Produktionen der späten Siebziger- und Achtzigerjahre verbeugt. Vintage-Synthesizer, breite Chorsätze, melodische Gitarren und Refrains für nächtliche Autobahnfahrten bestimmen das Bild.

Nach der 2022 veröffentlichten EP »No Chance« und der 2025 vorausgeschickten Titelsingle legt das kanadische Trio neun Stücke mit einer kompakten Gesamtlaufzeit von knapp 33 Minuten vor. Lockhart versuchen dabei nicht, klassischen AOR durch moderne Metal-Elemente gewaltsam neu zu erfinden. Stattdessen wollen sie die alte Maschine wieder zum Laufen bringen. Der Lack glänzt, die Armaturen leuchten, im Kassettendeck rotiert ein längst verloren geglaubtes Mixtape – und unter der Motorhaube arbeiten drei Musiker, die ihre Wurzeln im traditionellen Heavy Metal und Hard Rock keineswegs verleugnen.

Albumstream:

DIE STADT SCHALTET DAS LICHT EIN

Der Titelsong »City Pulse« öffnet das Album mit schimmernden Synthesizerflächen, einem federnden Rhythmus und Gitarren, die weniger auf rohe Härte als auf melodische Wirkung setzen. Schon nach wenigen Sekunden scheint die Musik aus einer Zeit zu stammen, in der ein nächtlicher Highway, ein Sportwagen und eine leuchtende Skyline als vollständiges Handlungskonzept für ein Musikvideo ausreichten.

Die Vergleiche mit Journey, Survivor, Foreigner, Boston, Toto und REO Speedwagon liegen offen auf der Hand. Lockhart verstecken diese Einflüsse nicht hinter einem dünnen Mantel vermeintlicher Modernität. Das Trio trägt sie wie eine sorgfältig gepflegte Lederjacke. Entscheidend ist jedoch, dass der Song nicht wie eine unbeholfene Stilübung klingt. Die Melodieführung besitzt Substanz, die Gesangsharmonien sind sauber aufgebaut und das kurze Gitarrensolo setzt genau dort an, wo der Refrain zusätzliche Leuchtkraft benötigt.

Devon Kerr singt mit einer weichen, luftigen Mittellage. Er ist kein brüllender Arena-Dompteur und versucht auch nicht, die dramatische Wucht eines klassischen Hard-Rock-Shouters zu erzwingen. Seine Stärke liegt in der unaufgeregten Melodieführung. Gerade im Titelsong fügt sich diese Stimme hervorragend in die nächtliche Atmosphäre ein.

Unterstützt wird Kerr von den Hintergrundstimmen Imogen Wasses, die dem Refrain zusätzliche Wärme verleihen. Die Chöre klingen breit, aber nicht künstlich zu einer gesichtslosen Stadionwand aufgeblasen. Man hört einzelne Stimmen, harmonische Bewegungen und kleine Gegenmelodien. Bereits hier wird deutlich, wie sorgfältig Lockhart ihre Gesangsarrangements aufgebaut haben.

Der Text zeichnet Bilder von Regen, kalter Luft, rastlosen Nächten und dem niemals vollständig zur Ruhe kommenden Herzen einer Stadt. Dadurch besitzt »City Pulse« mehr melancholischen Untergrund, als die freundlich glänzende Oberfläche zunächst vermuten lässt. Unter den Neonfarben liegt Einsamkeit – und genau diese Verbindung macht den Auftakt stärker als einen bloßen Achtzigerjahre-Kostümfilm.

Selbst der allmähliche Fade-out wirkt wie eine bewusste Zeitreise. Wo heutige Produktionen häufig mit einem harten Schnitt enden, lässt Lockhart den Puls der Stadt langsam in der Ferne verschwinden. Das ist nostalgisch, beinahe demonstrativ nostalgisch, passt aber perfekt zur Gesamtästhetik.

EIN OHRWURM IM RÜCKSPIEGEL

»Can’t Shake It« zieht das Tempo an. Fabio Alessandrini treibt den Song mit einem geradlinigen Schlagzeugrhythmus voran, während Jason Junop den Bass nicht lediglich unter den Gitarren versteckt, sondern dem Stück eine deutlich wahrnehmbare Bewegung gibt. Die Synthesizer liegen wie ein leuchtender Teppich unter der Rhythmusarbeit, ohne jeden freien Raum zuzukleistern.

Der Refrain besitzt jene angenehme Aufdringlichkeit, die ein guter AOR-Song benötigt. Er setzt sich schnell fest, wirkt dabei aber nicht wie ein mit Gewalt eingesetzter Werbejingle. Die melodischen Übergänge sind sorgfältig vorbereitet, und die Gitarren tauchen immer wieder mit kurzen Antworten zwischen den Gesangszeilen auf.

Kerrs Stimme bleibt auch hier vergleichsweise leicht. An einigen Stellen könnte man sich einen Sänger mit kräftigerer Bruststimme vorstellen, der den Refrain noch entschlossener über die Instrumente hebt. Gleichzeitig würde ein röhrender Hard-Rock-Vokalist vermutlich einen Teil der schwebenden Eleganz zerstören. Die Stimme ist deshalb weniger ein objektiver Schwachpunkt als eine Frage der Erwartung: Wer Steve Perry, Dave Bickler oder Lou Gramm als unmittelbaren Maßstab anlegt, dürfte etwas mehr Wucht vermissen. Wer Kerrs zurückhaltende Wärme akzeptiert, erhält eine eigenständige Klangfarbe.

Für zusätzliche Schärfe sorgt Ian Kilpatrick. Sein Gastsolo bricht aus der kontrollierten Hochglanzoberfläche heraus und erinnert daran, dass hinter Lockhart Musiker stehen, die auch mit deutlich metallischerer Musik vertraut sind. Das Solo ist prägnant, besitzt Biss und verschwindet wieder, bevor es die Komposition an sich reißen kann.

Gerade hier zeigt sich eine der größten Stärken von »City Pulse«: Die Platte ist zwar keyboardlastig, aber keineswegs zahnlos. Die Gitarren werden nicht auf dekorative Hintergrundarbeit reduziert. Sie warten geduldig auf ihren Einsatz und schlagen dann mit melodischer Präzision zu.

DIE DOSIS ZWISCHEN ZÄRTLICHKEIT UND GIFT

Mit »The Dose That Made You Poison« schalten Lockhart in einen emotionaleren Gang. Sanfte Tasteninstrumente und Kerrs zurückhaltender Gesang eröffnen eine Halbballade, die zunächst beinahe zerbrechlich wirkt. Nach und nach treten Schlagzeug, Bass, Gitarren und mehrstimmige Stimmen hinzu, bis aus dem intimen Beginn ein breit ausgeleuchteter Melodic-Rock-Song entsteht.

Die Nummer funktioniert vor allem durch ihre Dynamik. Lockhart lassen die Komposition atmen und vermeiden es, bereits in den ersten Sekunden sämtliche verfügbaren Spuren aufzutürmen. Der Refrain wirkt dadurch größer, weil er tatsächlich aus einem ruhigen Ausgangspunkt herauswächst.

Kerrs Stimme findet in dieser Umgebung ihren besten Platz. Seine weiche Klangfarbe transportiert Verletzlichkeit, ohne in übertriebenes Pathos abzurutschen. Die höheren Passagen zeigen allerdings auch die Grenzen seines Vortrags. Wo ein stimmgewaltiger Sänger den Refrain möglicherweise noch weiter öffnen würde, bleibt Kerr kontrolliert und vergleichsweise leicht. Das nimmt dem Stück etwas dramatische Wucht, erhält aber seinen persönlichen Charakter.

Musikalisch erinnert »The Dose That Made You Poison« an jene großen Rockballaden, die Gefühle nicht mit einer einsamen Akustikgitarre und einem bereitgelegten Taschentuch erzwingen, sondern über eine kontinuierliche Steigerung aufbauen. Das Gift wird hier nicht in einem plötzlichen Ausbruch verabreicht. Es sickert langsam durch Klavierakkorde, Chorstimmen und eine Melodie, die immer größer wird.

Besonders gelungen ist das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug. Junop und Alessandrini begleiten die Ballade nicht mit angezogener Handbremse, sondern verleihen ihr einen festen Puls. Dadurch kippt die Nummer nie in körperlosen Keyboard-Pop. Unter der glänzenden Oberfläche bleibt ein stabiles Rockfundament erhalten.

GEMEINSAM UND DOCH ALLEIN

»Together As None« beginnt mit hellen Synthesizern und einem Refrain, der sofort nach offenem Autofenster und endloser Straße verlangt. Der Titel spielt mit einem Widerspruch: Gemeinsamkeit und Isolation stehen nebeneinander, ohne sich vollständig aufzulösen. Auch musikalisch bewegt sich das Stück zwischen aufwärtsdrängender Euphorie und einer unterschwelligen Nachdenklichkeit.

Der Song gehört zu den deutlich poppigeren Momenten des Albums. Das Hauptriff bleibt zurückhaltend, während Keyboards und Gesang die Führung übernehmen. Trotzdem wird die Nummer nicht weichgespült. Alessandrini setzt kräftige Akzente, und die Gitarre schiebt sich in den entscheidenden Momenten mit kurzen, scharf umrissenen Leads nach vorne.

Der Refrain besitzt eine enorme Eingängigkeit. Nach zwei Durchläufen lässt er sich kaum noch aus dem Gedächtnis entfernen. Diese Unmittelbarkeit ist gleichzeitig Stärke und Risiko. Lockhart setzen auf vertraute Akkordbewegungen und verzichten weitgehend auf überraschende Richtungswechsel. Wer AOR hauptsächlich wegen seiner großen Melodien hört, wird genau das lieben. Wer hinter jeder Kurve einen Stilbruch erwartet, dürfte die Strecke bereits nach wenigen Takten vollständig überblicken.

Dennoch klingt »Together As None« nicht wie eine übrig gebliebene Skizze aus einem vergessenen Songwriterarchiv. Dafür sorgen die sorgsam geschichteten Gesangsstimmen und die kleinen harmonischen Details. Unter den offensichtlichen Achtzigerjahre-Signalen liegen Einflüsse aus klassischem Pop, Doo-Wop und mehrstimmiger Chormusik. Diese Elemente treten nie plakativ in den Vordergrund, geben den Refrains aber mehr Tiefe als gewöhnliche Stadionrock-Parolen.

UNTER FEUER WIRD DER AOR HÄRTER

Mit »Under Fire« schieben Lockhart die Gitarren weiter nach vorne. Die Nummer ist mit weniger als drei Minuten der kürzeste vollständige Song des Albums und verschwendet entsprechend wenig Zeit. Schlagzeug und Bass setzen einen energischen Groove, die Synthesizer bleiben präsent und die Gitarren erhalten mehr Biss.

Hier kommt die metallische Vergangenheit der Musiker am deutlichsten zum Vorschein. Jason Junop ist durch Cauldron und Goat Horn bekannt, Devon Kerr durch Axxion, während Fabio Alessandrini unter anderem mit Annihilator, Enforcer, Bonfire und Hardline verbunden ist. »Under Fire« klingt zwar weiterhin klar nach AOR, doch unter den Keyboards lodert ein kräftiger Hard-Rock-Kern.

Alessandrinis Hi-Hat-Arbeit gibt der Nummer zusätzlichen Schwung. Er spielt nicht spektakulär um des Spektakels willen, sondern setzt kleine rhythmische Impulse, die den Song ständig in Bewegung halten. Junops Bass sitzt gleichzeitig fest im Zentrum und verhindert, dass die zahlreichen Synthesizerspuren den unteren Frequenzbereich vollständig übernehmen.

Der Refrain ist knapp, direkt und wirkungsvoll. Kerr muss hier etwas kräftiger gegen die Instrumente ansingen, was seiner Stimme guttut. Die weiche Grundfarbe bleibt erhalten, bekommt aber eine rauere Kante. Genau diese Verbindung aus melodischem Glanz und härterer Rhythmusarbeit macht »Under Fire« zu einem der stärksten Stücke der Platte.

Bemerkenswert ist außerdem, dass der Song nicht auf die üblichen fünf Minuten gestreckt wird. Nach knapp drei Minuten ist alles gesagt: Strophe, Refrain, melodische Zuspitzung und Schluss. Lockhart beweisen damit, dass aufwendige Arrangements nicht zwangsläufig lange Laufzeiten benötigen.

WARTEN IM SYNTHESIZERSTAU

»Just Can’t Wait« stammt bereits von der EP »No Chance« und wurde für das Album neu aufbereitet. Mit über fünf Minuten ist die Nummer der längste Titel auf »City Pulse«. Breite Synthesizerflächen, ein deutlich hörbarer Bass und ein langsam wachsender Refrain bestimmen das Bild.

Die Komposition besitzt viele starke Einzelteile. Der pulsierende Unterbau funktioniert, die Gitarren setzen geschmackvolle Gegenmelodien und der Refrain bringt das zentrale Motiv überzeugend auf den Punkt. Besonders die Verbindung aus urbanen Bildern, rastloser Erwartung und romantischer Ungeduld passt ausgezeichnet zum Gesamtkonzept des Albums.

Allerdings zeigt sich hier auch, weshalb die übrigen Stücke überwiegend kompakter gehalten sind. »Just Can’t Wait« benötigt länger, um sein Ziel zu erreichen, und wiederholt seine zentralen Ideen etwas häufiger als notwendig. Die dichte Synthesizerwand entwickelt nach einigen Minuten weniger zusätzliche Dynamik als bei den vorherigen Songs.

Das macht die Nummer keineswegs schwach. Sie besitzt einen starken Refrain und eine nachvollziehbare emotionale Dramaturgie. Im direkten Vergleich mit »Can’t Shake It« oder »Under Fire« wirkt sie jedoch schwerfälliger. Wo diese Stücke sofort beschleunigen, steht »Just Can’t Wait« kurz im nächtlichen Berufsverkehr.

Gerade deshalb ist die Platzierung in der Albumstruktur sinnvoll. Nach dem kurzen, druckvollen »Under Fire« darf die Musik breiter werden und etwas länger verweilen. Ein gekürzter Mittelteil hätte die Wirkung trotzdem noch verstärken können.

EIN ALTER HIT IM NEUEN LACK

Bei »You Wouldn’t Know Love« handelt es sich um eine Coverversion des unter anderem durch Michael Bolton und Cher bekannten Stücks. Statt den Song grundlegend umzubauen, integrieren Lockhart ihn in ihre eigene Klangwelt. Synthesizer, breite Chöre und ein federnder Rhythmus sorgen dafür, dass die Nummer neben den Eigenkompositionen nicht wie ein stilistischer Fremdkörper wirkt.

Imogen Wasse ergänzt erneut die Hintergrundstimmen und gibt dem Refrain zusätzliche Farbe. Ihre Einsätze stehen nicht bloß als dekorative Dopplung hinter Kerr, sondern erweitern die harmonische Struktur. Gerade bei einem Song, der bereits in mehreren prominenten Fassungen existiert, hilft diese vokale Gestaltung dabei, zumindest eine eigene Perspektive zu entwickeln.

Den auffälligsten Akzent setzt jedoch Nick Poulos mit seinem Gitarrensolo. Sein Spiel bringt eine schärfere, beinahe metallische Energie in die ansonsten glatte Komposition. Das Solo wirkt wie ein kurzer Riss in der Neonfassade, durch den plötzlich Funken schlagen.

Trotzdem bleibt die Frage, ob das Album diese Coverversion zwingend benötigt. Lockhart spielen den Song überzeugend und passen ihn sauber an ihre Ästhetik an, übertreffen die bekanntesten Interpretationen jedoch nicht eindeutig. Auf einer Platte mit lediglich neun Titeln nimmt die Coverversion außerdem Raum ein, der für eine weitere eigene Komposition hätte genutzt werden können.

Als stilgerechter Einschub funktioniert »You Wouldn’t Know Love« dennoch. Wer den ursprünglichen Song nicht kennt, könnte ihn ohne Weiteres für ein eigenes Stück der Band halten. Das spricht für die Geschlossenheit des Albums, auch wenn die Nummer nicht zu dessen unverzichtbaren Höhepunkten zählt.

51 SEKUNDEN VOR DEM FALL

Das instrumentale »Before The Fall« dauert lediglich 51 Sekunden. Ein Synthesizer baut eine dunklere Atmosphäre auf, die sich deutlich von der meist warmen Grundstimmung der Platte unterscheidet. Das Stück ist kein eigenständiger Song, sondern ein Vorspann für das Finale.

Gerade diese Kürze ist richtig gewählt. Lockhart versuchen nicht, aus einer stimmungsvollen Einleitung künstlich ein fünfminütiges Instrumental zu machen. Die Klänge öffnen lediglich eine Tür, hinter der bereits »No Chance In Heaven« wartet.

Innerhalb der Albumdramaturgie erfüllt das Intermezzo eine wichtige Aufgabe. Nach der bekannten Covermelodie wird die Atmosphäre zurückgesetzt. Die hellen Farben verschwinden für einen Moment, die Stadt liegt still und der letzte Song kann aus einem dunkleren Hintergrund hervortreten.

KEINE CHANCE IM HIMMEL, ABER EIN STARKES FINALE

»No Chance In Heaven« war bereits auf der Debüt-EP enthalten und erhält auf dem Album eine überarbeitete, klanglich geschlossene Fassung. Der Song verbindet sämtliche Stärken von Lockhart: einen druckvollen Bass, breite Synthesizer, melodische Gitarren, große Chöre und einen Refrain, der mühelos zwischen Melancholie und Aufbruchsstimmung pendelt.

Die Gitarren besitzen hier mehr Schärfe als in vielen vorherigen Stücken. Kurze Riffblöcke geben dem Song Stabilität, während die Leads über dem Rhythmus schweben. Besonders der spätere Tonartwechsel verleiht dem Finale zusätzliche Größe. Die Steigerung wirkt nicht wie ein billiger Trick, sondern wie der logische Höhepunkt einer Komposition, die von Beginn an auf diesen Moment hinarbeitet.

Kerrs Stimme profitiert erneut von der etwas härteren Instrumentierung. Er bleibt melodisch und kontrolliert, muss sich aber stärker gegen Bass, Schlagzeug und Gitarren behaupten. Dadurch gewinnt sein Vortrag an Dringlichkeit. Der Refrain klingt nicht nach einem Sänger, der eine Rolle spielt, sondern nach jemandem, der eine gescheiterte Beziehung tatsächlich hinter sich lassen möchte.

Junop liefert eine seiner auffälligsten Bassleistungen des Albums. Seine Linien bewegen sich unter den Gitarren und geben dem Song eine zusätzliche melodische Ebene. Alessandrini hält das Fundament straff, setzt aber in den Übergängen genügend Akzente, um die abschließende Steigerung vorzubereiten.

Als Finale ist »No Chance In Heaven« hervorragend gewählt. Der Song wirkt größer als seine viereinhalb Minuten, ohne unnötig ausgewalzt zu werden. Nach dem letzten Refrain bleibt das Gefühl zurück, eine kurze Fahrt durch eine vollständig ausgearbeitete Klangwelt erlebt zu haben.

DREI METALMUSIKER WECHSELN DIE FAHRSPUR

Dass die Mitglieder von Lockhart aus dem traditionellen Heavy Metal und Hard Rock kommen, ist für »City Pulse« ein entscheidender Vorteil. Das Trio nähert sich dem AOR nicht wie eine reine Studiopop-Band, die nachträglich einige verzerrte Gitarren über ihre Keyboards legt. Bass, Schlagzeug und Riffs besitzen echtes Gewicht.

Jason Junop spielt seinen Bass präsent und melodisch. Er folgt nicht durchgehend den Grundtönen der Gitarren, sondern schafft kleine Gegenbewegungen und rhythmische Verschiebungen. Gerade bei »Under Fire«, »Just Can’t Wait« und »No Chance In Heaven« verhindert er, dass die Musik unter den zahlreichen Keyboardflächen ihre körperliche Wirkung verliert.

Fabio Alessandrini hält das Album mit einem kontrollierten, songdienlichen Schlagzeugspiel zusammen. Seine Erfahrung in härteren Bands zeigt sich weniger durch Geschwindigkeit als durch Präzision und Druck. Er weiß, wann ein Refrain zusätzliche Beckenbreite benötigt, wann eine Hi-Hat-Figur den Groove antreiben kann und wann ein gerader Beat wirkungsvoller ist als ein kompliziertes Fill.

Devon Kerr übernimmt mit Gesang, Gitarren, Synthesizern und Flügel einen Großteil der melodischen Gestaltung. Seine Arrangements sind hörbar bis ins Detail ausgearbeitet. Kaum eine Hintergrundstimme steht zufällig im Raum, kaum ein Lead wird lediglich eingesetzt, weil an dieser Stelle traditionell ein Solo erwartet wird.

Sein Gesang bleibt der wahrscheinlich stärkste Diskussionspunkt. Kerr verfügt über eine angenehme, warme und sofort erkennbare Stimme. Sie passt hervorragend zu Balladen, schwebenden Synthesizern und melancholischen Strophen. In den größten Refrains fehlt gelegentlich jener letzte Schub, mit dem Sänger wie Steve Perry oder Lou Gramm eine ganze Arena aus den Sitzen heben konnten.

Diese Einschränkung sollte jedoch nicht überbewertet werden. Kerr versucht nicht, seine Vorbilder zu imitieren, und gerade dadurch behält Lockhart eine eigene Identität. Die Stimme ist kein austauschbares Hochleistungsinstrument, sondern Teil der speziellen Atmosphäre dieser Platte.

CHÖRE STATT SCHULTERPOLSTER

Die offensichtlichsten Zutaten von »City Pulse« stammen aus dem AOR der Achtzigerjahre: helle Synthesizer, große Refrains, melodische Gitarrensoli und eine Produktion, die jedes Instrument sauber ausleuchtet. Unter dieser Oberfläche liegen jedoch weitere Einflüsse.

Die mehrstimmigen Arrangements erinnern stellenweise an Doo-Wop, klassischen Pop und die harmonische Detailarbeit eines Brian Wilson. Diese Einflüsse werden nicht in Form plakativer Stilzitate ausgestellt. Sie stecken in den Stimmen, den Übergängen und den kleinen melodischen Antworten, die zwischen den Hauptmotiven auftauchen.

Dadurch besitzen die Refrains mehr Substanz als gewöhnliche Retro-Hymnen. Lockhart schreiben nicht einfach eine Gesangslinie und verdoppeln sie anschließend auf acht Spuren. Die Stimmen bewegen sich teilweise gegeneinander, ergänzen einzelne Wörter und schaffen harmonische Räume. Diese Arbeit ist besonders bei »City Pulse«, »The Dose That Made You Poison« und »Together As None« hörbar.

Die Band behandelt die Achtzigerjahre außerdem nicht als ironische Verkleidung. Es gibt kein musikalisches Augenzwinkern, das dem Publikum ständig versichert, man wisse natürlich selbst, wie kitschig diese Musik sei. Lockhart glauben an große Melodien, romantische Texte und Keyboards, die wie eine nächtliche Skyline leuchten. Diese Ernsthaftigkeit ist wichtig, denn AOR funktioniert nur, wenn eine Band den Mut besitzt, Gefühle ohne schützende Ironie auszuspielen.

RETRO, ABER NICHT VON GESTERN

Klanglich bewegt sich »City Pulse« bewusst nahe an den klassischen Produktionen seines Genres. Die Synthesizer sind keine Hintergrunddekoration, sondern ein tragendes Instrument. Gitarren, Bass und Schlagzeug wurden trotzdem nicht unter einer spiegelglatten Oberfläche begraben.

Der Bass bleibt hörbar, die Bassdrum besitzt Druck und die Gitarren behalten genügend Kontur, um auch Metal-Hörer anzusprechen. Gleichzeitig klingt die Produktion nicht übermäßig modern. Das Schlagzeug wurde nicht zu einem klinischen Maschinengewehr bearbeitet, und die Gitarren bilden keine vollständig verdichtete Wand.

Gelegentlich stößt die konsequente Retro-Ausrichtung an ihre Grenzen. Die häufigen Fade-outs, vertrauten Akkordfolgen und Synthesizerfarben lassen wenig Zweifel daran, welches Jahrzehnt hier verehrt wird. Überraschende Brüche, ungewöhnliche Klangexperimente oder deutlich moderne Elemente sind kaum vorhanden.

Das Album gewinnt dadurch Geschlossenheit, wird aber auch berechenbar. Nach den ersten drei Songs kennt man die wichtigsten Bauteile. Die späteren Stücke müssen ihre Wirkung deshalb stärker über Melodien und Arrangements entfalten als über stilistische Überraschungen.

Dass dies überwiegend gelingt, ist dem starken Songwriting zu verdanken. »City Pulse« klingt nicht frisch, weil Lockhart das Genre neu erfinden, sondern weil sie seine bekannten Mittel mit hörbarer Begeisterung und großer handwerklicher Sorgfalt einsetzen.

KNAPP 33 MINUTEN STATT ENDLOSER NACHTFAHRT

Die kurze Laufzeit erweist sich als Vorteil. Lockhart liefern neun Titel, von denen einer lediglich als instrumentale Einleitung dient. Trotzdem wirkt »City Pulse« nicht unvollständig. Die Platte sagt, was sie zu sagen hat, und endet, bevor sich die Synthesizerlandschaft in gleichförmigen Hintergrundnebel verwandelt.

Lediglich »Just Can’t Wait« hätte etwas Straffung vertragen. Die Coverversion »You Wouldn’t Know Love« ist gut umgesetzt, bleibt im Gesamtkonzept aber weniger unverzichtbar als die stärksten Eigenkompositionen. Diese beiden Punkte verhindern, dass das Debüt vollständig in die Spitzenklasse des Genres vorstößt.

Demgegenüber stehen mit »City Pulse«, »Can’t Shake It«, »The Dose That Made You Poison«, »Under Fire« und »No Chance In Heaven« mehrere Stücke, die sich unmittelbar festsetzen. Auch »Together As None« gewinnt durch seine ungewöhnlich detaillierten Gesangsharmonien.

Vor allem funktioniert das Album als geschlossenes Ganzes. Covergestaltung, Produktion, Texte und Musik folgen derselben nächtlichen Ästhetik. »City Pulse« ist keine lose Sammlung von Songs, sondern eine Fahrt durch Straßen, in denen hinter jeder Reklametafel eine alte Erinnerung wartet.

FAZIT:

Mit »City Pulse« legen Lockhart ein bemerkenswert geschlossenes Debüt vor. Das kanadische Trio verbindet keyboardgetriebenen AOR, melodischen Hard Rock und die musikalische Bodenhaftung erfahrener Metal-Musiker. Große Refrains, mehrstimmige Chöre, präzise platzierte Gitarrensoli und eine hervorragend arbeitende Rhythmusgruppe sorgen dafür, dass die Platte weit mehr ist als eine nostalgische Stilübung.

»City Pulse« erfindet AOR nicht neu. Das Album erinnert vielmehr daran, weshalb dieses Genre überhaupt so lange überleben konnte. Gute Melodien benötigen kein Verfallsdatum, ein großer Refrain keine ironische Rechtfertigung und eine nächtliche Straße kein festgelegtes Ziel. Manchmal genügt es, den Motor zu starten, das Armaturenbrett leuchten zu lassen und dem Puls der Stadt zu folgen.

4,5 von 5 Punkten.

Official Video: City Pulse

Internet

Lockhart - City Pulse - CD Review

Vorheriger ArtikelGhost Avenue – Full Throttle