All So Vile European Tour 2026
CRYPTOPSY, 200 Stab Wounds, Inferi, Corpse Pile
04.02.2026, ((szene)) Wien
Nach einem harten Arbeitstag gibt es kaum etwas Besseres als einen Death-Metal-Abend, der rohe Gewalt, Dynamik und eine vollständige Entladung von schlechter Energie und Stimmung verspricht. Und genau das wurde in der ((szene)) geboten: vier Bands, die ein breites Spektrum des Death Metal abdeckten – von melodisch-technisch bis brutal –, jedoch alle mit einem kraftvollen, dynamischen Zugriff. Dass CRYPTOPSY an diesem Abend zudem „None So Vile“ live präsentierten, war ohne Frage ein besonderes Highlight. Verantwortlich für dieses massive Paket war TON-Music Productions, die diesen Abend in die ((szene)) brachten.
CORPSE PILE
Als der Konzertabend begann, herrschte – in der ((szene)) mittlerweile fast schon traditionell – noch immer Stau an der Garderobe. Unangenehm und zugleich unerwartet war zudem der Zustand des Clubs: Der Raum war sichtbar verschmutzt, offenbar hatte nach einer vorhergehenden Veranstaltung niemand aufgeräumt. Müll lag verteilt, insbesondere im Bereich vor der Bühne. Ein befremdlicher und wenig einladender Eindruck.

All diese Nebensächlichkeiten gerieten jedoch schnell in den Hintergrund, als die erste Band die Bühne betrat. CORPSE PILE erschienen ohne jede Ankündigung und legten sofort aggressiv los. Absolut brutal, schonungslos im Ausdruck – vom ersten Ton an wurde das Publikum mitgerissen. In der Mitte des Saals formierte sich rasch ein Moshpit, viele nutzten die Gelegenheit zur vollständigen Energieentladung.
Auch der Sound überzeugte: eine massive, sehr klare Instrumentierung mit genau gesetzten Akzenten. Die Musiker agierten technisch auf hohem Niveau, besonders die Gitarrenarbeit und die wuchtige Rhythmussektion ließen den Raum förmlich beben. Sänger Jason Lionel Frazier zeigte sich extrem aktiv, permanent in Bewegung, mit tiefen, klar artikulierten Growls. Zwischen den Songs war er ausgesprochen kommunikativ, präsentierte sich humorvoll, aber auch gesellschaftskritisch. Aussagen wie „Fuck Donald Trump“ wurden vom Publikum mit begeistertem Applaus aufgenommen.
Zurück zur Musik: Eine besondere Erwähnung verdient der Bassist, ebenso wie der Gesang, der den Bandsound entscheidend prägte. Das Set war durchgehend energiegeladen, rhythmisch unmittelbar und leicht zugänglich. Wütende Musik, aggressive Musiker, ein insgesamt beeindruckender Auftritt. CORPSE PILE überzeugten das Publikum klar, lieferten einen sehr starken Opener ab und setzten die musikalische Messlatte bereits früh hoch.
Setlist
01. Genesis Of Suffering
02. Vengeful Hymns
03. Force Fed Lead
04. For Flesh and All
05. Where the Sidewalk Ends
06. Stacking Bodies
07. Reality
08. Fed to the Starved
09. Kicked in Cadaver
10. In the Hall of FYL
INFERI
Zwischen den Umbaupausen wurde das Publikum mit Disco-Musik aus den 80ern beschallt – ein weiterer Ausdruck jener respektlosen Haltung gegenüber den Konzertbesuchern, die sich in der ((szene)) zuletzt leider häuft und zunehmend störend wirkt.

Als INFERI schließlich die Bühne betraten, war sofort klar, dass sich Atmosphäre und Klangbild deutlich vom Opener unterschieden. Der Sound war merklich schlechter: roh, matschig, wenig differenziert. Ob dies am Mischpult oder an mangelnder Abstimmung lag, bleibt offen – in jedem Fall lag die Klangqualität mehrere Klassen unter jener von CORPSE PILE.
Auch musikalisch war der Zugang ein anderer. Trotz hoher technischer Fertigkeiten wirkte der Stil weniger geschlossen. INFERI bewegen sich im Bereich des Technical/Melodic Death Metal, durchsetzt mit Elementen aus dem Metalcore und weiteren Einflüssen, die im Verlauf des Sets deutlich wurden. Neuere Songs tendieren stärker in eine technische Richtung, was mit „The Rapture of Dead Light“, der ersten Single des im April erscheinenden Albums, unter Beweis gestellt wurde. Der Unterschied zu älteren, melodischeren und weniger komplexen Stücken war dabei sehr deutlich. Dieser Song funktionierte live gut, der Circle Pit lief auf Hochtouren, besonders jüngere Besucher zeigten sich begeistert.
Gesanglich präsentierte sich die Band stark: unterschiedliche Techniken wurden souverän eingesetzt, unterstützt durch effektive Backing Vocals. Die Gitarrenarbeit war technisch anspruchsvoll, vor allem wenn beide Gitarristen gemeinsam Solopassagen spielten, entstand ein dichtes, mitunter überwältigendes Klangbild. Die Musik wirkte jedoch nicht immer intuitiv, häufige Tempowechsel und Melodieführungen unterbrachen stellenweise den Fluss. Dennoch erzeugte die Band eine solide Energie.
INFERI setzten weniger auf Direktheit und Durchschlagskraft, boten dafür eine stärkere melodische Durchdringung. Die rohe Wucht und rhythmische Konsequenz des Openers erreichten sie nicht, dennoch zeigte sich das Publikum – insbesondere der jüngere Teil – sehr angetan. In nahezu jedem Song fanden sich melodische Elemente, die Leadgitarre überzeugte durchgehend mit hoher technischer Präzision. Der Abschlusssong „Heirs of the Descent“ sorgte noch einmal für spürbare Begeisterung im Saal. Während ein Teil des Publikums den Auftritt klar feierte, blieben Fans härterer, weniger melodischer Spielarten eher distanziert. Die Stimmung in der ((szene)) blieb jedoch positiv – und die besten Programmpunkte sollten noch folgen.
Setlist
01. The Promethean Kings
02. Eyes of Boundless Black
03. The Rapture of Dead Light
04. Heaven Wept
05. Heirs of the Descent
200 STAB WOUNDS
Vor dem nächsten Auftritt wurde das Publikum erneut mit bizarrer elektronischer Musik beschallt – auch das wirkte respektlos. Man kann nur hoffen, dass bei Popkonzerten zwischen den Bands künftig Death Metal läuft.

200 STAB WOUNDS starteten ihren Auftritt äußerst stark und energiegeladen. Eine Band, die live schon immer beeindruckend war und in Wien keineswegs zum ersten Mal spielte – wer sie bereits gesehen hatte, wusste genau, was zu erwarten war. Aggressiver, direkter Death Metal mit klarer Rhythmik und sehr kontrollierten Kompositionen, die live sogar noch besser funktionieren als auf Platte – und diese sind bereits auf hohem Niveau. Der Opener „Hands of Eternity“, zugleich Auftakt ihres aktuellen Albums und zweifellos einer ihrer beliebtesten Songs, setzte sofort ein klares Zeichen.
Der starke Beginn brachte die rohe Energie des Abends zurück, das Publikum reagierte entsprechend und ein großer Moshpit entstand. Es ist Musik, der man sich kaum entziehen kann: massiv im Sound, klar im Rhythmus. Einen wesentlichen Anteil daran hatte der Bassist, der klanglich in einer eigenen Liga spielte – inklusive grüner Haare, die sogar einen Kommentar des Sängers der ersten Band provozierten. Natürlich in freundschaftlichem Ton.
Zentrale Figur der Band ist jedoch Steve Buhl an Gesang und Gitarre: extrem präsent auf der Bühne, mit starken Riffs und beeindruckenden Growls. „Skin Milk / Tow Rope Around the Throat“, eine Kombination zweier ihrer meistgeschätzten Songs, sorgte für offene Begeisterung und lautstarke Ovationen. Zu Recht: ein massiver Sound, klare Riffs, ein durchgehend professionelles Gesamtbild. Auch die Solos waren technisch präzise und punktgenau gesetzt.
Das Publikum headbangte geschlossen, der Moshpit geriet außer Kontrolle – jedoch stets in einer positiven, ausgelassenen Atmosphäre. 200 STAB WOUNDS verdienen diese Reaktionen. Gute Musik liefern sie ohnehin, live jedoch entfalten sie eine noch größere Wirkung. Der Livesound wirkte deutlich stärker als auf den Alben. Wild, ohne Zurückhaltung: „Itty Bitty Pieces“ brachte hohes Tempo und maximale Energie, ebenso das Publikum. „Release the Stench“, ebenfalls vom aktuellen Album, bildete den Abschluss und die finale Entladung. Zwar war der Beginn des Sets rhythmisch geschlossener als die letzten Songs, dennoch überzeugte der gesamte Auftritt. Eine Band, die in Erinnerung bleibt und eine sehr starke Vorstellung ablieferte.
Setlist
01. Hands of Eternity
02. Masters of Morbidity
03. Skin Milk / Tow Rope Around the Throat
04. Drilling Your Head
05. Gross Abuse
06. Defiled Gestation
07. Ride the Flatline
08. Parricide
09. Itty Bitty Pieces
10. Fatal Reality
11. She Was Already Dead
12. Release the Stench
CRYPTOPSY
Dann war es Zeit für die Legende: CRYPTOPSY betraten die Bühne. Die Band aus Montreal zählt seit den frühen 1990er-Jahren zu den prägenden Kräften des Extreme Metal. Ihre Alben setzten Maßstäbe, insbesondere das 1996 erschienene None So Vile, das bis heute als Meilenstein des Genres gilt. Sein Einfluss auf unzählige Bands ist kaum zu überschätzen. Rasende Geschwindigkeit, komplexe Riffs, extreme Tempowechsel und rohe Aggression machten das Album zu einem Werk, das Fans wie Kritiker gleichermaßen als bahnbrechend einordnen. Der Abend stand ganz im Zeichen des 30-jährigen Jubiläums dieser Veröffentlichung.

Schon mit den ersten Akkorden setzte eine andere Art von Schwere ein. Als Intro lief „For Whom the Bell Tolls“ von Metallica vom Band, leicht verfremdet und mit cineastischen Passagen angereichert, bevor CRYPTOPSY die Bühne betraten. Doch spätestens mit „Slit Your Guts“ entfaltete sich eine infernalische Wucht. Einer der repräsentativsten Songs der Band: technisch, brutal und stilprägend für jene aggressiven Spielarten des Death Metal, die CRYPTOPSY gemeinsam mit wenigen anderen Bands wie Suffocation, Nile oder Dying Fetus entscheidend mitgeprägt haben. Und auch heute zerschmettern sie noch alles mit ihrem massiven Sound.
Erneut überzeugte der Bass mit majestätischer Präsenz, Gleiches gilt für die Gitarren. Besonders beeindruckend war jedoch Flo Mounier, Gründungsmitglied der Band, hinter dem Drumkit. Am Gesang verlieh Matt McGachy dem Ganzen den finalen, unverwechselbaren Charakter: seine markanten Vocals gaben dem Sound zusätzliche Schärfe. Das Zusammenspiel aller Musiker wirkte dicht, massiv und mahlend. Das Publikum dankte es mit anhaltendem Headbangen, Ovationen und einem durchgehend aktiven Circle Pit. Der sympathische Frontmann erzählte zwischendurch kleine Anekdoten und zeigte sich sichtlich erfreut, wieder in Wien zu sein – und das Publikum honorierte diese Rückkehr deutlich.
Angesichts einer so umfangreichen und starken Diskografie war die Songauswahl keine leichte Aufgabe, wobei der Schwerpunkt klar auf None So Vile lag. Auch das aktuelle Album An Insatiable Violence wurde mit mehreren Stücken berücksichtigt – völlig zu Recht, handelt es sich doch um ein äußerst starkes Werk. „Graves of the Fathers“ wurde mit großer Begeisterung aufgenommen und setzte erneut enorme Energie frei.
„Orgiastic Disembowelment“ bildete den sechsten Beitrag aus dem 30 Jahre alten Album – erstaunlich frisch, druckvoll und zeitlos. Als letzter Song des Abends folgte jedoch ein Stück vom aktuellen Album: „Malicious Needs“. Ein idealer Abschluss – energetisch, wütend und eine präzise Essenz dessen, wofür CRYPTOPSY stehen. Live funktionierte dieser Song hervorragend.
CRYPTOPSY bewiesen einmal mehr ihre anhaltende Relevanz und ihre enorme Live-Stärke. Ein voller Erfolg, ein großartiger Abend für Death-Metal-Fans und ein insgesamt sehr starkes Konzert.
Setlist
01. Slit Your Guts
02. Until There’s Nothing Left
03. Serial Messiah
04. Dead Eyes Replete
05. Benedictine Convulsions
06. Graves of the Fathers
07. Godless Deceiver
08. Crown of Horns
09. Phobophile
10. Orgiastic Disembowelment
11. Malicious Needs


