KINSHIP EUROPEAN TOUR 2026

IOTUNN, IN VAIN, NEPHYLIM

22.04.2026, Klub Pod Minogą, Poznań 

Ein Abend im Zeichen von Melodic Death und Progressive Metal, eine Tour, die drei Bands zusammenbringt, die jeweils ihren eigenen Zugang zum melodischen Sound haben, alle mit einer gewissen Aggressivität, aber deutlich stärker zur melancholischen und melodischen Seite des Extreme Metal tendierend.

Der kleine Club in der schönen und authentischen polnischen Stadt Poznań, das „Klub Pod Minogą“, ist ein gemütlicher Ort für ein Metal-Konzert und einen gelungenen Abend. Der Konzertsaal ist nicht sehr groß, aber sehr gut für ein mittelgroßes Konzert eingerichtet, im oberen Stock des Gebäudes gelegen, mit einer Bühne, die nur eine Stufe über dem restlichen Raum liegt, was das gesamte Erlebnis persönlicher macht und die Interaktion deutlich erleichtert. Dazu ein sehr guter Sound, alles war vorbereitet für einen gelungenen Abend.

NEPHYLIM

Die niederländische Band NEPHYLIM eröffnete den Abend. In einer bereits recht gut gefüllten Location starteten sie ihr Set mit Songs vom letzten Album „Circuition“, einem erfolgreichen Werk, das ihren Namen stärker ins Blickfeld gerückt und ihnen ein breiteres Publikum verschafft hat. Auch live sind sie sehr aktiv, eine entschlossene Band in der Rolle als Opener, häufig auf Bühnen zu sehen.

NEPHYLIM 01

Von Beginn an bringen sie einen typischen Melodeath-Sound, der live sogar noch melodischer wirkt als auf dem Album. Der leidenschaftliche Sänger dominierte das gesamte Konzert mit seiner präsenten Performance, sehr engagiert und zugleich professionell, mit einer beeindruckenden stimmlichen Bandbreite, die dem Bandsound Gewicht und Tiefe verlieh. Seit 2015 aktiv, aber besonders in den letzten Jahren stärker in Erscheinung getreten, hatte die Band an diesem Abend bereits einige sehr engagierte Fans vor Ort.

NEPHYLIM 02Die geringe Höhe der Bühne ermöglichte es dem Sänger, immer wieder in den Publikumsbereich zu treten und von dort zu singen, eine Geste, die bei Konzerten immer gut funktioniert. Er war nicht nur dynamisch, sondern auch sehr freundlich und kommunikativ. Doch auch abseits des Frontmanns hatten alle fünf Musiker ihre starken Momente, sauber gespielte Songs und ein sehr kompakter Sound. Trotz der stark melodischen Ausrichtung verfügen die Songs über guten Rhythmus und solide Riffs, die immer wieder mit ruhigeren Gitarrenpassagen wechseln. Insgesamt ein gutes Set, das sich stark auf das aktuelle Album stützte, was sich als richtige Entscheidung erwies.

Der kleine Club war gegen Ende ihres Sets nahezu voll, und neben vereinzeltem Headbangen in den rhythmischeren Passagen gab es auch einige im Publikum, die das komplette Set durchtanzten. Ein Auftritt, der nicht nur die eigenen Fans überzeugte, sondern auch die Energie im Raum spürbar anhob. Ein guter Opener, ein gutes Set.

Setlist

01. Inner Paradigm
02. Travail Pt.II – Animus
03. Amaranth
04. Withered
05. Circuition
06. Fractured Existence
07. Grand Denial

IN VAIN

Als zweite Band betraten die Norweger IN VAIN die Bühne, eine Progressive-Death/Black-Metal-Band, die ebenfalls viel Melodie in den Abend brachte. Mit zahlreichen cleanen, sehr emotionalen Gesangspassagen, die live teilweise den Sound dominierten, aber auch mit Growls und gelegentlichen starken Riffs, kombiniert mit melodischen und oft melancholischen Akkorden.

IN VAIN 01

Der Gesamteindruck war ein eher weicher Sound, ein anderer Zugang als auf den Alben. Lange Solos, harmonische Strukturen und eingängige Refrains gaben dem Set einen ungewohnten Charakter. Oft wirken melodische Bands live härter, hier war es umgekehrt. Weniger progressiv, stärker im Melodeath verankert, sie können zwar auch Härte zeigen, aber das passiert zu selten.

IN VAIN 02Vier verschiedene Gesangsstimmen ergeben einen interessanten, fast choralen Klang, live ein klarer Vorteil und eines der markanten Merkmale der Band, das hier noch stärker zur Geltung kam. Der Hauptsänger wirkte dabei etwas zu dramatisch, sowohl in seiner Gestik als auch im Gesangsstil. Er ist neu in der Band und hat dieses Jahr nach dem tragischen Verlust des ursprünglichen Sängers die Rolle übernommen. Er scheint bereits gut integriert, dennoch verschiebt sich der Fokus deutlich in Richtung der cleanen, emotionalen Vocals. Ein neuer Abschnitt in der Bandgeschichte, der sich auch live bemerkbar macht.

Auch hier suchten die Musiker die Nähe zum Publikum, etwa wenn der Gitarrist bei aggressiveren Passagen für ein Solo von der Bühne herunterkam und sich direkt vor die ersten Reihen stellte. Solche Momente verstärken die intime Atmosphäre. Das Publikum reagierte positiv und spendete viel Applaus. Die Growls passen insgesamt besser zur Band als die hohen Gesangslinien, doch genau dieser Kontrast ist Teil ihres Konzepts. Auch der Bass fiel mit einigen technisch starken und inspirierten Passagen positiv auf.

Das Publikum blieb eher ruhig, tanzte stellenweise, aber die Musik lud kaum zu intensiverem Headbangen ein. Ein unangenehmer Moment entstand, als der Sänger selbst einen Moshpit initiierte, indem er ins Publikum ging und begann, Leute zu schubsen. Eine eher unpassende, aggressive Geste, die nicht wirklich willkommen wirkte. Wenn Moshpit gewünscht ist, müsste die Musik entsprechend mehr Druck entwickeln. Eine merkwürdige Situation.

Einer ihrer bekanntesten Songs, „Image of Time“, wurde vom Publikum sehr gut aufgenommen. Die abschließenden Ovationen deutete die Band als Wunsch nach einer Zugabe, auch wenn dieser so nicht eindeutig geäußert wurde. Dennoch folgte mit „Against the Grain“ ein weiterer Song, der den Auftritt auf einem starken Moment beendete. Ein Set mit guten, aber auch schwächeren Phasen, die Fans der Band dürften dennoch zufrieden gewesen sein.

Setlist

01. Shadows Flap Their Black Wings
02. Blood We Shed
03. Hymne Til Havet
04. Season of Unrest
05. Captivating Solitude
06. Seekers of the Truth
07. At the Going Down of the Sun
08. Image of Time
09. Against the Grain

IOTUNN

Zum Abschluss stand der Headliner bereit: IOTUNN. Eine Band, die zwar nicht neu ist, aber mit dem letzten Album endgültig zu einem großen Namen geworden ist. „Kinship“ war zweifellos eines der stärksten Alben des Jahres 2024, ein deutlicher Schritt nach vorne und ein bedeutendes Werk im Bereich des progressiven melodischen Death Metal. Ein Album, das in keiner entsprechenden Playlist fehlen sollte.

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Nach einem langen, atmosphärischen Intro, das sich langsam ins Aggressive steigert, eröffnet „Twilight“ das Set unter großem Jubel. Nach den komplexen Gitarrenpassagen und dem Moment, in dem Jón Aldará die Bühne betritt, ist die Reaktion des Publikums eindeutig. Seine leidenschaftlichen Vocals beeindrucken sofort, die Kombination aus klarer, sensibler Höhe und tiefen, aggressiven Growls ergibt einen unverwechselbaren Bandsound. Auch seine Präsenz ist stark, geheimnisvoll mit Kapuze und dennoch dominierend, unterstützt durch das Lichtspiel rund um das Mikrofon.

IOTUNN 04Die neuen Songs sind dem Publikum bestens vertraut und werden entsprechend gefeiert. „Mistland“ ist ein weiterer Höhepunkt, sowohl auf dem Album als auch live. Der gesamte Raum reagiert mit Applaus und Begeisterung. Kein riesiges Publikum, aber ein sehr engagiertes. Die Band versteht es, Emotionen zu transportieren, ohne dabei die Komplexität und Härte ihrer Musik zu verlieren.

Die feinen Anpassungen in den Songs machen sie live besonders. Einige Stücke wirken druckvoller und härter, andere wie „Kinship Elegiac“ deutlich introspektiver, fast akustisch. Ein beeindruckendes Beispiel für musikalische Reife. Ein Stück voller Melancholie, getragen von Jóns Stimme, mit einem Aufbau, der live hervorragend funktioniert.

IOTUNN 03Die beiden Gitarristen, die Brüder Jesper Gräs und Jens Nicolai Gräs, liefern mit ihren ineinander verwobenen Melodielinien ein technisch beeindruckendes Spiel. Dazu eine starke Rhythmussektion, die den Gesamtsound trägt. Dennoch steht der Sänger im Zentrum, mit seiner vielseitigen, stets überzeugenden Performance.

IOTUNN 06Das Set konzentrierte sich zurecht auf das aktuelle Album „Kinship“, und das Publikum reagierte auf jeden Song begeistert. Mitsingen, Applaus, Headbangen – die Reaktionen spiegelten die Dynamik der Musik wider. „The Anguished Ethereal“ funktionierte hervorragend als Abschluss, mit seiner positiven Stimmung und dem melodischen Aufbau. Auch der Bass setzte hier starke Akzente und trug aktiv zur Melodieführung bei.

Die anhaltende Begeisterung des Publikums führte schließlich zu einer Zugabe: „Laihem’s Golden Pits“ vom Debütalbum, auf den ersten Blick eine überraschende Wahl, live jedoch äußerst wirkungsvoll und mit stärkerem Fokus auf die aggressive Seite der Band. Ein Song, der den Abend auf hohem Niveau abrundete. Ein sehr gutes Konzert, eine professionelle Band, ein stimmig zusammengestelltes Set. Insgesamt ein rundum gelungener Abend.

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Setlist

01. Twilight
02. Mistland
03. Safe Across the Endless Night
04. I Feel the Night
05. Kinship Elegiac
06. Earth to Sky
07. The Tower of Cosmic Nihility
08. The Anguished Ethereal
09. Laihem’s Golden Pits

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