FESSUS ALBUM RELEASE,
Fessus, Clairvoyance, Temora
26.11.2025, Wien – Live Review
Ein stark untergrundiges Konzert – klein, roh, aber überraschend überzeugend. Drei Bands, die aus völlig unterschiedlichen Phasen ihrer Entwicklung kommen: die junge, energiegeladene Formation Temora, die bereits deutlich gereifteren Clairvoyance aus Warschau und schließlich die Stars des Abends, Fessus, die an diesem Abend nicht nur ihre lokale Szene versammelten, sondern auch die Veröffentlichung ihres neuen Albums feierten. Eine Mischung, die auf dem Papier unscheinbar wirken mag, sich live jedoch als intensiver und atmosphärischer Abend voller Leidenschaft, technischer Qualität und spürbarer Hingabe entpuppte.
Temora
Death Metal aus Budweis (České Budějovice), gegründet 2025. Über die Band findet man aufgrund ihres jungen Alters kaum Informationen, abgesehen von ihrem im Juli erschienenen Demo und ihrer eigenen Beschreibung des Stils: „Temora vomit forth a rotten blend of old school death and decaying new wave filth. Forged in teenage chaos.“ – eine Formulierung, die bereits erkennen lässt, wohin die Reise geht. Trotz dieser noch spärlichen Vita wurden sie von den wenigen bereits anwesenden Besuchern mit spürbarer Vorfreude erwartet.

Und sie starteten äußerst vielversprechend – aggressiv, mit einem Stil, der weder klar old school noch modern ist, sondern eine gelungene Mischung aus beidem.
Nur drei Mitglieder standen auf der Bühne, und tatsächlich wirkte es, als bräuchten sie keinen Bass: Der Sound war auch so erstaunlich komplett. Rozvik an Gitarre und Gesang – beeindruckend in beiden Rollen, ohne Spur von Nervosität, ungehemmt, vibrierend, völlig von Musik durchdrungen. Pája an der Leadgitarre – das Gegenstück dazu: konzentriert, zurückgezogen, mit sehr technischem Spiel. Und Matyáš an den Drums, ebenfalls teilweise am Gesang beteiligt – kraftvoll, energisch, und mit mehreren Wow-Momenten.
Im Set fanden sich einige noch unveröffentlichte Songs: gute, aggressive, abgründige Kompositionen, alle unter einer deutlich morbiden Atmosphäre. Man spürt echte Leidenschaft, aber ebenso viele Stunden Proberaumdisziplin. Technisch stark, dynamisch, mit einigen dissonanten Momenten, ohne je den Spannungsbogen zu verlieren. Selbst die sehr langsamen Passagen blieben hochwertiger Death Metal; die Band fand immer wieder zu Energie und Druck zurück. Absolut beeindruckend.
Diese jungen Musiker sind mehr als vielversprechend. Sie haben nicht nur die richtige Haltung und die notwendige Leidenschaft – sie sind bereits technisch stark und ausgesprochen talentiert. Eine Band, die man unbedingt im Auge behalten sollte. Und ein weiteres schönes Indiz dafür, dass Metal eine Zukunft hat.
Clairvoyance
Als zweite Band des Abends stand der polnische Death-Metal-Act aus Warschau auf der Bühne – reifer und erfahrener als der jugendliche Opener. Gegründet 2019, dieses Jahr mit einem starken Full-Length-Album zurückgekehrt.

Und sie legten sofort los: direkt, hart, aggressiv, mit einem dichten und schweren Sound. Die tiefen Growls von Eryk B., der auf der kleinen Bühne etwas desorientiert wirkte, aber stimmlich absolut überzeugte; die Gitarristen Kacper Pawluk und Denis Didenko sowie Bassist Vlad L. – alle drei technisch hervorragend und fokussiert. Und erneut ein Schlagzeuger, der herausstach: Adrian Szczepański, präzise und brutal, mit enormem Druck. Der Sound der Band war massiv, gelegentlich mit doomigen Färbungen, aber stets fest im Death Metal verwurzelt.
Ein Paradebeispiel dafür, wie gut Underground-Death-Metal sein kann. Trotz rhythmischer Verschiebungen und komplexerer Kompositionen fanden Clairvoyance immer wieder auf ein treibendes Uptempo zurück. Das Publikum – nun deutlich aufgeheizt – reagierte begeistert, mit lauten Ovationen und viel Headbanging. Besonders aktiv: der Sänger von Temora, der in der ersten Reihe stand, ganz so durchdrungen von Musik wie zuvor während seines eigenen Sets. Ein echter Enthusiast.
Der relativ neue Sänger wurde vom Gitarristen – einem Gründungsmitglied – sehr sympathisch vorgestellt. Die leicht verhallten Leadgitarren verliehen der Musik eine beinahe groteske, düstere Atmosphäre. Doomtypische Akkordfolgen wurden in wuchtigen Death Metal verwandelt, begleitet von schwindelerregenden Rhythmen. Die Setlist bestand im Wesentlichen aus dem kompletten Album „Chasm of Immurement“. Sehr starkes Material.
Der Leadgitarrist wirkte zwischendurch unzufrieden, ohne Grund – das Set war hervorragend, das Publikum begeistert und wollte mehr. Nach zahlreichen „one more song“-Rufen kehrte die Band zurück und legte noch einen weiteren Nackenbrecher nach. Ein intensives Set von einer Band, die sehr überzeugte.
Setlist
01. Eternal Blaze
02. Hymn of the Befouled
03. Fleshmachine
04. Reign of Silence
05. Blood Divine
06. Monument to Dread
Fessus
Endlich war es Zeit für die Headliner. Der gesamte Abend wurde von der lokalen Band Fessus organisiert – ein Release-Event für ihr neues Album „Subcutaneous Tomb“, das exakt an diesem Tag offiziell erschien. Ein schöner Rahmen, und ein sehr gelungener.

Das Album ist stark geworden; die Band zeigt hier einen eigenständigen Stil, deutlich reifer und fokussierter als auf dem Debüt. Wer ihre bisherigen Veröffentlichungen kennt, konnte fest davon ausgehen, dass das ein gutes Konzert werden würde. Ihr Livealbum von 2024 hatte ohnehin bewiesen, dass Fessus live überdurchschnittlich professionell klingen. Die Phase „vielversprechend“ haben sie hinter sich gelassen – sie sind bereit für die nächste Stufe auf der lokalen Szene.
Als sie schließlich die Bühne betraten, wirkten sie entspannt: Heimspiel, vertrautes Umfeld, viele bekannte Gesichter. Ihre Professionalität zeigte sich sofort. Live klingen sie noch besser als auf Platte – roher, authentischer, näher an dem, was ihre Musik im Kern ausmacht. Jana am Bass, konzentriert und mit starken Basslinien, die sich nicht – wie oft – in den Drums verlieren, sondern regelmäßig klar hervortreten. Thomas, präzise und druckvoll am Schlagzeug. Gumpf an der Gitarre, fokussiert und souverän in seinen komplexen Akkordfolgen. Und Brenton – Gitarre, Gesang, kreativer Motor der Band – beeindruckend in beiden Rollen, souverän zwischen Gesang, Rhythmus und Solos wechselnd.
Brenton ist so sehr in der Musik, dass ihn selbst technische Probleme kaum aus der Ruhe bringen: Ein ständig verrutschendes Mikrofon machte das Singen sichtbar unbequem, doch er spielte unbeirrt weiter – Komfort ist nebensächlich, die Musik zählt.
Live sind Fessus eindringlich. Die technische Präzision aller Mitglieder, Brentons starke Solos, seine ausbrechenden Schreie, die auf der Bühne noch intensiver wirken, und Janas beeindruckende Bassarbeit formen eine überzeugende Einheit. Das Publikum war komplett dabei. Die Setlist bestand aus dem gesamten neuen Album sowie zwei zusätzlichen Songs – und die neuen Stücke funktionieren live hervorragend.
Kleine Ungenauigkeiten und technische Probleme gehören zu einem Livekonzert; sie minderten den Gesamteindruck in keiner Weise. Insgesamt bot die Band eine technisch anspruchsvolle, sehr kraftvoll gespielte Performance. Vier Musiker, die einen starken Auftritt lieferten. Das Publikum war begeistert und ließ Fessus natürlich nicht ohne Zugabe gehen. Als abschließender Song wurde „Pilgrims of Morbidity“ gewählt – längst ein Hit ihres Repertoires – und er beendete den Abend auf einem Höhepunkt.
Ein sehr gutes Konzert insgesamt, und Fessus zeigten eindrucksvoll, dass sie den Headliner-Status absolut verdient haben.

Setlist
01. Pointless Anguish
02. Asphyxiate in Exile
03. Cries from the Ether
04. The Depths of Lividity
05. Yizkor
06. Living Funeral
07. Acidic Secretion
08. Pilgrims of Morbidity

