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NARNIA – X

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Narnia - X - cover Artwork
Narnia - X - cover Artwork

Band: NARNIA 🇸🇪
Titel: X
Label: Narnia Songs
VÖ: 29/05/26
Genre: Melodic Metal

Tracklist

01. Like a Thief in the Night
02. Oceanwide
03. Heavens Calling
04. Walk on Water
05. God Under Fire
06. Remedy (SOS)
07. Jerusalem
08. Every Breath
09. The War That Tore the Land (Reprise)
10. The Man from Nazareth Pt. II

 

Besetzung

Christian Liljegren – Lead vocals
CJ Grimmark – Guitars, lead & backing vocals
Jonatan „Jono“ Samuelsson – Bass, lead & backing vocals
Martin Härenstam – Keyboards
Anders Köllerfors – Drums

 

Bewertung:

4/5

Drei Jahrzehnte Melodic Metal mit Haltung

Mit ihrem zehnten Studioalbum »X« feiern die schwedischen Melodic-Metal-Veteranen NARNIA nicht nur ein rundes Jubiläum, sondern auch ihre erstaunliche Konstanz. Seit fast dreißig Jahren bewegt sich die Band zwischen hymnischem Power-Metal, melodischem Hard-Rock und spirituellen Themen, ohne sich jemals dem Zeitgeist anzubiedern. Während viele Genre-Kollegen entweder härter, moderner oder beliebiger geworden sind, bleibt NARNIA ihrer eigenen Linie treu. Genau darin liegt auch die Stärke von »X«.

Die Besetzung rund um Sänger Christian Liljegren und Gitarrist CJ Grimmark wirkt eingespielt, routiniert und dennoch hungrig. Gemeinsam mit Jonatan „Jono“ Samuelsson am Bass, Keyboarder Martin Härenstam und Drummer Anders Köllerfors liefert die Band ein Album ab, das einerseits klassische NARNIA-Tugenden pflegt, andererseits aber erstaunlich frisch klingt. Produziert und gemischt wurde die Platte von CJ Grimmark selbst, das Mastering übernahm Thomas „Plec“ Johansson im Studio Bohus. Klanglich bewegt sich »X« auf hohem Niveau, druckvoll, transparent und angenehm organisch.

Klassische Stärke ohne Nostalgiefalle

Bereits der Opener »Like a Thief in the Night« macht klar, wohin die Reise geht. Druckvolle Riffs treffen auf große Refrains und jene melodische Handschrift, die NARNIA seit den späten Neunzigern auszeichnet. Besonders Christian Liljegren zeigt sich in starker Form. Seine Stimme besitzt noch immer diesen charakteristischen Mix aus Pathos, Wärme und Energie, ohne angestrengt zu wirken.

»Oceanwide« schlägt etwas emotionalere Töne an und punktet mit atmosphärischen Keyboardflächen, während »Heavens Calling« als klassischer Melodic-Metal-Track funktioniert. Hier zeigt sich die Erfahrung der Band besonders deutlich, keine überladene Instrumentierung, keine unnötigen Spielereien, sondern sauber arrangierte Songs mit Fokus auf Melodie und Dynamik.

Auch »Walk on Water« überzeugt mit einem gelungenen Spannungsaufbau. Die Gitarrenarbeit von CJ Grimmark bleibt über das gesamte Album hinweg ein echtes Highlight. Seine Soli wirken nie selbstverliebt, sondern dienen stets dem Song. Genau dadurch behalten die Stücke ihre Eingängigkeit.

Zwischen Spiritualität und gesellschaftlicher Spannung

Thematisch bleibt NARNIA ihrer spirituellen Ausrichtung treu, wirkt dabei jedoch deutlich reflektierter als viele Bands, die ähnliche Inhalte transportieren wollen. »God Under Fire« etwa verbindet hymnische Melodien mit einer dunkleren Grundstimmung und gehört zu den stärksten Momenten der Platte. Der Song besitzt Wucht, Dramatik und einen Refrain, der sich sofort festsetzt.

Mit »Remedy (SOS)« folgt ein Stück, das fast schon radiotaugliche Qualitäten entwickelt, ohne seine metallische Basis zu verlieren. Gerade die Verbindung aus eingängigen Hooks und klassischer Metal-Energie gelingt NARNIA hier besonders gut. Der Song dürfte sich schnell zum Live-Favoriten entwickeln.

»Jerusalem« bringt orientalisch angehauchte Melodien ins Spiel und sorgt damit für Abwechslung innerhalb des Albums. Gleichzeitig bleibt die Band stilistisch geschlossen. Nichts wirkt aufgesetzt oder künstlich modernisiert.

Große Melodien und starke Atmosphäre

Im letzten Drittel der Platte gewinnt »X« noch einmal deutlich an Tiefe. »Every Breath« entwickelt sich langsam, fast episch, bevor die Band den Hörer mit einem kraftvollen Finale abholt. Die Keyboardarbeit von Martin Härenstam verleiht dem Song zusätzliche emotionale Schichten, ohne jemals kitschig zu werden.

Besonders interessant gerät »The War That Tore the Land (Reprise)«. Der Track funktioniert als atmosphärische Brücke zum abschließenden »The Man from Nazareth Pt. II«, das den Albumkreis eindrucksvoll schließt. Hier zeigen NARNIA noch einmal ihre Fähigkeit, melodischen Metal mit cineastischer Größe zu verbinden.

Gerade das Finale macht deutlich, warum die Band auch nach drei Jahrzehnten relevant bleibt. »X« klingt nicht wie eine müde Jubiläumsplatte, sondern wie das Werk einer Formation, die genau weiß, was sie kann. Die Songs besitzen Substanz, Wiedererkennungswert und ausreichend emotionale Tiefe, um langfristig Wirkung zu entfalten.

»X« ist kein revolutionäres Album. Das will es auch gar nicht sein. Stattdessen liefern NARNIA genau das, was ihre Fans seit Jahren schätzen! Melodischen Metal mit starken Refrains, technischer Klasse und ehrlicher Leidenschaft. Die Band klingt fokussiert, spielfreudig und erstaunlich zeitlos.

Natürlich bewegt sich manches innerhalb vertrauter Strukturen, und einige Songs hätten etwas mehr Risiko vertragen können. Doch die Qualität des Songwritings, die starke Produktion und die überzeugende Performance der gesamten Band gleichen das mühelos aus.

Nach dreißig Jahren im Geschäft präsentieren sich NARNIA stabiler denn je. »X« ist ein würdiges Jubiläumsalbum, das die Vergangenheit respektiert und gleichzeitig genug Energie besitzt, um auch in Zukunft relevant zu bleiben.

Fazit: Zum 30. Jubiläum beweist »X« erneut, warum NARNIA zu den bedeutendsten Vertretern des melodischen Metal zählen.

Internet

NARNIA - X - CD Review

Android 86 – Industrial metal im Viererpack: Temporal Struggle, King Of Cheese, Among The Tall Ones She Walked, After The Huntress Fell

ANDROID 86 – VIER SINGLES, EIN UNIVERSUM

Industrial Metal der puristischen Form. Genau damit könnte man dieses Special zu Android 86 eigentlich schon eröffnen und wieder schließen. Wäre aber schade, denn hinter diesem Projekt steckt deutlich mehr als nur Maschinenriff, Synth-Druck und metallischer Groove. Anthony Damasco baut mit Android 86 keine Band im klassischen Sinne, sondern ein wachsendes Industrial-Metal-Universum aus Musik, Storytelling, Romanwelt, Charakteren, digitalen Stimmen, Graphic-Shorts und einer ziemlich nerdigen Liebe für große Konzepte.

Im Zentrum stehen dabei nicht nur Gitarren, Bass, Synthesizer und maschinelle Drums, sondern auch die beiden Vocal-Personas RIOT und LYRA. RIOT ist die rohe, aggressive, auf Konfrontation gebürstete Seite. LYRA dagegen bringt eine fast überirdische, weibliche Stimme ins Spiel, die nicht selten wie eine Mischung aus digitalem Engel, Gothic-Metal-Priesterin und melancholischer Erzählerin wirkt. Das Ergebnis ist ein Sound, der zwischen Rammstein-Groove, Static-X-Motorik, Nine Inch Nails-Düsternis, Fear Factory-Kälte und eigenem Sci-Fi-/Fantasy-Wahnsinn pendelt.

Dieses Special nimmt sich vier Singles vor, die alle unterschiedliche Facetten dieses Projekts zeigen: Zeitdruck, toxisches Gamer-Gewinnen, unterirdische Riesenlegenden und futuristische Rachefantasy. Klingt nach viel? Ist es auch. Aber genau darin liegt der Reiz. Android 86 will nicht einfach nur Songs veröffentlichen. Hier werden Kapitel in ein größeres System geladen.

Android 86 - Single Special

Künstler: Android 86 🇺🇸
Titel: Temporal Struggle
Label: Palm Mute Maniac / Eigenveröffentlichung
VÖ: 08.05.2026
Format: Digital Single
Genre: Industrial Metal / Dark Modern Metal / Cinematic Industrial

Titelliste

01. Temporal Struggle

Konzept / Stimme

Thema: Kampf gegen Zeit, Alltag, Erschöpfung, Kalender, Arbeit, Familie und die Frage nach dem Sinn dahinter

Vocal-Fokus: LYRA / weiblicher Gesang mit dunkler Industrial-Atmosphäre

Sound: Ticking-Groove, schwere Gitarren, Cello-Momente, Synth-Druck und düsteres Sounddesign

Bewertung:

4 von 5 Punkten

»Temporal Struggle« öffnet nicht einfach eine Tür, sondern eher einen rostigen Zeittresor, der einem direkt die Uhr ins Gesicht hämmert. Mit einem bedrohlich wirkenden Synth-Attack baut Android 86 sofort eine Stimmung auf, die irgendwo zwischen digitalem Burnout, kosmischem Druck und spätabendlicher Existenzfrage hängt. Hier geht es nicht um den großen Heldentod, sondern um etwas viel Gemeineres: den Alltag, der einen langsam zerreibt.

Musikalisch bewegt sich der Song im Midtempo, aber ohne gemütlich zu werden. Akustische Gitarren, druckvoller Bass und verzerrte E-Gitarren legen sich übereinander wie Schichten aus Beton, Staub und Neonlicht. Die elektronischen Drums geben den Groove vor, während die Gitarren den leicht verzerrten Gesang tragen. Das Ganze marschiert nicht blind nach vorne, sondern tickt, stoppt, zieht wieder an und erinnert damit ziemlich clever an den zentralen Gegner des Songs: die Zeit selbst.

Temporal Struggle - Android 86

DER TICKENDE KÄFIG

»Temporal Struggle« lebt von seinem düsteren Sounddesign. Synthesizer und verzerrte Streicher zieren das Arrangement und setzen gekonnte Akzente, ohne den Song künstlich vollzustopfen. Das ist wichtig, denn der Track funktioniert gerade deshalb, weil er Druck über Wiederholung erzeugt. Man spürt dieses Gefühl, morgens aufzuwachen und schon beim ersten Augenaufschlag zu wissen: Die Liste ist länger als der Tag.

Besonders stark ist, wie der weibliche Gesang durch dieses mechanische Fundament getragen wird. LYRA wirkt hier nicht wie ein klassischer Metal-Frontgesang, sondern eher wie eine Stimme aus einer kaputten Erinnerung. Düsteres Sounddesign trifft auf amtliche Synthesizer, und darüber liegt dieser Gesang, der nicht schreit, um groß zu wirken, sondern gerade durch seine kontrollierte Präsenz unter die Haut geht.

Inhaltlich übersetzt Android 86 die banale Hölle aus Arbeit, Rechnungen, Bildschirmen, Schlafmangel, Familie, Traditionen und ständigem Weitergezogenwerden in etwas Kosmisches. Genau das macht den Song stark. »Temporal Struggle« fragt nicht nur, warum wir keine Zeit haben. Er fragt, warum wir so tun, als könnten wir sie überhaupt besitzen.

FAZIT:

»Temporal Struggle« ist ein bedrückender, stark arrangierter Industrial-Metal-Track, der weniger auf den schnellen Abriss als auf Atmosphäre, Groove und innere Spannung setzt. Die Mischung aus elektronischer Kälte, Gitarrendruck, weiblichem Gesang und tickender Rhythmik funktioniert sehr gut. Kein Song für den schnellen Partyabriss, sondern einer für Kopfhörer, dunkle Räume und diese Momente, in denen man merkt, dass die Uhr schon wieder gewonnen hat.

Android 86 - Temporal Struggle - Single Review

Künstler: Android 86 🇺🇸
Titel: King Of Cheese!
Label: Palm Mute Maniac / Eigenveröffentlichung
VÖ: 24.04.2026
Format: Digital Single
Genre: Industrial Metal / Gaming Metal / Modern Groove Metal

Tittelliste

01. King Of Cheese!

Konzept / Stimme

Thema: toxisches Gewinnen, Cheats, Exploits, Spawncamping, Min-Maxing, Rules-Lawyering und der eine Spieler, der jeden Spieleabend ruiniert

Vocal-Fokus: RIOT / LYRA im Wechsel

Sound: bouncender Bass, tanzbare Industrial-Rhythmik, Rammstein-artige Gitarren, Hookline mit Augenzwinkern

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

»King Of Cheese!« ist Uptempo Industrial Metal der tanzbaren Form und kommt mit genau der Sorte Grinsen um die Ecke, bei der man weiß: Hier gewinnt gleich jemand sehr unfair. Der Song ist eine Hymne für Exploit-Abuser, Spawncamper, Save-Scummer, Min-Maxer und alle anderen digitalen Unholde, die schon beim ersten Würfelwurf die Hausregeln diskutieren. Kurz gesagt: Der Track ist der Soundtrack für den Typen, den niemand einlädt, der aber trotzdem irgendwie immer am Tisch sitzt.

Satte Bässe und Drums treiben das Arrangement voran, ohne es stumpf zu überladen. Dazu kommen griffige, fantastisch gesetzte Gitarrenriffs, die rhythmisch nicht selten an Rammstein erinnern. Nicht als billige Kopie, sondern eher in dieser herrlich trockenen Art, bei der ein Riff nicht tausend Noten braucht, um im Kopf zu bleiben. Der Groove sitzt, der Refrain klebt, und das Thema ist so herrlich albern wie böse.

King Of Cheese! - Android 86

CHEATER-HYMNEN BRAUCHEN GROOVE

Der große Trumpf von »King Of Cheese!« ist die Mischung aus Witz, Härte und Tanzbarkeit. Fantastische Gitarrenleads garnieren das Ganze, Breaks, Wechsel und kleine Schnörkel im Arrangement halten den Song aufregend und spannend. Hier wird nicht einfach ein Industrial-Riff geloopt, bis die Maus vom Gaming-PC fällt. Android 86 baut kleine Haken ein, lässt die Dynamik springen und sorgt dafür, dass der Song trotz seiner bewusst corny Hook nicht zum Gag-Track verkommt.

Im Zentrum steht der raue männliche Gesang, der von engelsgleichem weiblichem Gesang gekontert wird. Dieses Wechselspiel zwischen RIOT und LYRA passt perfekt zum Thema. Der eine klingt nach prahlerischem Trash-Talk, die andere nach der fast schon sakralen Krönung eines komplett unsportlichen Königs. Herrlich unfair, herrlich bekloppt, aber musikalisch deutlich ernster gebaut, als der Titel zunächst vermuten lässt.

Tanzbare Rhythmik, epische Gitarrensolos und elektronische Effekte zieren das Ganze. Man kann dazu nicken, lachen, headbangen und innerlich die Freundesliste ausmisten. Genau so muss ein Song funktionieren, der Toxic-Gamer-Energie in ein Industrial-Metal-Königreich verwandelt.

FAZIT:

»King Of Cheese!« ist der zugänglichste und vielleicht frechste Song in diesem Special. Nicht der tiefgründigste, nicht der düsterste, aber einer mit enormem Wiedererkennungswert. Der Groove sitzt, die Gitarren drücken, der Gesangswechsel macht Laune, und die Hook bleibt hängen wie ein unfairer Cheatcode im letzten Bosskampf. Für Fans von tanzbarem Industrial Metal mit Humor, Gaming-Nerdtum und kernigen Riffs ist das Ding absolut empfehlenswert.

Android 86 - King Of Cheese! - Single Review

Künstler: Android 86 🇺🇸
Titel: Among The Tall Ones She Walked
Label: Palm Mute Maniac / Eigenveröffentlichung
VÖ: 15.05.2026
Format: Digital Single
Genre: Gothic Metal / Cinematic Industrial Metal / Story Metal

Single-Daten

01. Among The Tall Ones She Walked

Konzept / Stimme

Thema: Katherine-Wells-Legende, verborgene Riesen, unterirdische Welten, verlorene Zivilisationen, Einsamkeit und das Gefühl, nie wieder ganz zur Menschenwelt zu gehören

Vocal-Fokus: LYRA

Sound: Gothic Metal, epische Synthesizer, fanfarenartige Elektronik, weiblicher Gesang zwischen Schönheit und rauer Intensität

Bewertung:

4 von 5 Punkten

»Among The Tall Ones She Walked« ist der große Gothic-Metal-Erzählbrocken dieses Specials. Der Song empfängt den Zuhörer mit epischen elektronisch-klassischen Elementen im fanfarenartigen Sound und macht sofort klar: Hier wird nicht nur ein Refrain gesucht, hier wird eine Legende betreten. Inspiriert von der Geschichte um Katherine Wells, verborgene Riesen und eine Welt unter der Erde, wirkt der Track wie ein düsteres Hörspiel, das sich entschieden hat, Gitarren mitzunehmen.

Die standfeste Rhythmusinstrumentalisierung zieht den Zuhörer direkt in ihren Bann. Drums, Bass und Gitarren bilden ein solides Fundament, auf das Android 86 epische Synthesizer und cineastische Texturen gekonnt aufbettet. Hier geht es nicht um stumpfe Härte, sondern um Atmosphäre, Größe und dieses Gefühl, dass hinter der nächsten Tunnelwand etwas wartet, das deutlich älter ist als wir.

Among The Tall Ones She Walked - Android 86

WENN DIE ERDE ZUR KATHEDRALE WIRD

Im Zentrum steht der weibliche Frontgesang, der unter die Haut geht und dabei absolut souverän rüberkommt. LYRA bewegt sich zwischen schönem Sopran, digitaler Entrücktheit und gutturaler Rauheit. Genau dadurch bekommt der Song seine besondere Farbe. Diese Stimme wirkt nicht einfach nur menschlich, aber auch nicht komplett künstlich. Sie schwebt dazwischen – und genau das passt perfekt zu einer Geschichte über ein Mädchen, das von verborgenen Riesen aufgenommen wird und danach nie wieder ganz in die normale Welt passt.

Epische Synthesizer zeigen ambitionierte kompositorische Fähigkeiten und zieren das Arrangement auf mächtige Art. Der Song nimmt sich Zeit, baut Bilder auf, lässt die Atmosphäre atmen und kombiniert tanzbare Rhythmik mit elektronischen Effekten und metallischem Druck. Gerade hier merkt man, dass Android 86 Storytelling wirklich ernst nimmt. Die Musik folgt der Szene, nicht umgekehrt.

Das ist keine Nummer für Leute, die nach dreißig Sekunden nur den nächsten Circle Pit suchen. »Among The Tall Ones She Walked« ist eher ein dunkler Gang in eine vergessene Zivilisation. Man kommt mit einem Song rein und geht mit Bildern im Kopf wieder raus.

FAZIT:

»Among The Tall Ones She Walked« ist die atmosphärisch stärkste Single in diesem Viererpack. Gothic Metal, Industrial-Sounddesign, epische Synthflächen und der eindringliche LYRA-Gesang verschmelzen zu einem Track, der mehr Erzählung als Standard-Single ist. Wer auf cineastische Dunkelheit, mystische Geschichten und starke weibliche Vocals steht, bekommt hier einen der überzeugendsten Android-86-Momente.

Android 86 - Among The Tall Ones She Walked - Single Review

Künstler: Android 86 🇺🇸
Titel: After The Huntress Fell
Label: Palm Mute Maniac / Eigenveröffentlichung
VÖ: 01.05.2026
Format: Digital Single
Genre: Industrial Metal / Sci-Fi Metal / Fantasy Industrial Metal

Single-Daten

01. After The Huntress Fell

Konzept / Stimme

Thema: Rache, Zusammenbruch, gefallene Heldin, alte Spielwelten, zerstörte Planeten, dunkle Kirchen, verlorene Technologie, Satelliten und ein letzter Weg ins All

Vocal-Fokus: RIOT dominiert, LYRA unterstützt gezielter

Sound: schneller Industrial Metal, Static-X-Nähe, palm-muted Gitarren, epische Chöre, Sci-Fi-Synths und düstere Härte

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

»After The Huntress Fell« ist der schnellste und kompromissloseste Song dieses Specials. Die Machart erinnert nicht selten an Static-X: mechanische Geschwindigkeit, klare Kante, palm-muted Gitarren, treibende Drums und dieser unruhige Industrial-Puls, der sofort in die Beine und in den Nacken fährt. Kompromisslose Geschwindigkeit trifft hier auf einen epischen Sound, der trotzdem unter die Haut geht.

Die Geschichte dahinter ist großes Sci-Fi-/Fantasy-Kino: Eine gefallene Huntress, zerstörte Systeme, dunkle Kirchen, vergiftete Welten, alte Technologie und junge Krieger, die nach ihrem Tod ihre Mission weitertragen. Das klingt auf dem Papier nach Spielwelt, Comic und Metal-Oper gleichzeitig. In der Praxis funktioniert es, weil Android 86 die Erzählung nicht weichspült, sondern in Bewegung übersetzt. Trauer wird hier nicht beweint, sie wird angeschoben.

After The Huntress Fell - Android 86

RACHE IM MASCHINENRAUM

Epische Gesänge im Chor und ein düsteres Sounddesign geben dem Song eine Größe, die über einfachen Industrial-Metal-Drive hinausgeht. Hier wird nicht nur gebrettert, hier wird eine Schlacht nachgezeichnet. Die Komposition zeigt Fingerfertigkeit, weil sie Geschwindigkeit, Härte und erzählerische Wucht zusammenhält, ohne auseinanderzufallen. Gerade die Mischung aus maschinellem Groove und heroischer Spannung macht den Track so stark.

Die männliche Leadstimme dominiert hier deutlich. RIOT klingt kehlig, tief und entschlossen, während der weibliche Gesang zur Abwechslung spartanischer eingesetzt wird. Das ist eine gute Entscheidung, denn dadurch bekommt der Song einen anderen Schwerpunkt als »Among The Tall Ones She Walked«. Wo dort LYRA die mythische Welt öffnet, tritt hier RIOT die Tür ein. Volle Kanne Hoschi, aber mit Konzept dahinter.

»After The Huntress Fell« packt direkt zu und lässt kaum los. Der Song ist brachial, kompakt, schnell und dennoch cineastisch genug, um im Android-86-Kosmos nicht wie ein bloßer Ausreißer zu wirken. Das ist keine stumpfe Prügelnummer, sondern ein Industrial-Metal-Angriff mit Story-Drive und ordentlich Wumms im Maschinenraum.

FAZIT:

»After The Huntress Fell« ist der stärkste Abriss im Viererpack. Wer Static-X, frühe Fear Factory, modernen Industrial Metal und Sci-Fi-Fantasy-Erzählungen mag, bekommt hier einen schnellen, druckvollen und packenden Track. Besonders stark sind die kompromisslose Rhythmik, die tiefe RIOT-Stimme, die düstere Atmosphäre und der epische Unterbau. Ein Song, der nicht lange fragt, sondern direkt losrennt.

Android 86 - After The Huntress Fell - Single Review

GESAMTFAZIT: VIER SINGLES, VIER TÜREN INS SYSTEM

Mit diesen vier Singles zeigt Android 86 ziemlich deutlich, wie breit dieses Projekt gedacht ist. »Temporal Struggle« steht für düsteren, kontrollierten Industrial Metal mit Zeitdruck im Nacken. »King Of Cheese!« bringt tanzbaren Groove, Gamer-Humor und Rammstein-nahe Rhythmusgitarren ins Spiel. »Among The Tall Ones She Walked« öffnet die Gothic-Metal-Kammer und überzeugt mit epischem LYRA-Gesang, während »After The Huntress Fell« als schneller Sci-Fi-Industrial-Brecher die Prügel rausschmeißt.

Besonders spannend ist, dass Android 86 nie nur nach Band klingt, sondern immer nach Welt. Jeder Song wirkt wie ein Ausschnitt aus einem größeren Archiv. Mal steht der Mensch gegen die Zeit, mal ein Cheater auf seinem digitalen Thron, mal ein Mädchen zwischen Riesen und Menschenwelt, mal eine Kriegergruppe nach dem Fall einer Heldin. Das kann schnell überladen wirken, doch hier hält der industrielle Kern vieles zusammen: schwere Gitarren, elektronische Drums, Synthesizer, Sounddesign und die klare Dualität aus RIOT und LYRA.

Nicht jeder Song wird dieselbe Zielgruppe gleichermaßen abholen. Wer direkte Tanzbarkeit sucht, startet mit »King Of Cheese!«. Wer Atmosphäre will, greift zu »Among The Tall Ones She Walked«. Wer Härte braucht, nimmt »After The Huntress Fell«. Und wer abends auf die Uhr schaut und merkt, dass der Tag schon wieder gewonnen hat, wird bei »Temporal Struggle« landen.

Android 86 ist damit kein gewöhnliches Industrial-Metal-Projekt, sondern ein multimediales System aus Riffs, Charakteren, Maschinen, Mythos und Nerd-Energie. Man muss sich darauf einlassen. Aber wer das tut, bekommt mehr als nur vier Singles. Man bekommt vier Einstiegspunkte in eine kaputte, laute und ziemlich faszinierende Welt.

Android 86 - Social Media

Internet

Android 86 - Vier Singles - Special Review

Noosed – Misery

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Noosed - Misery - cover Artwork
Noosed - Misery - cover Artwork

Band: NOOSED 🇮🇪
Titel: Misery
Label: Road To Masochist / Throne Of Lies Records / Fiadh Productions
VÖ: 15.05.2026
Format: Digital / 10″ Vinyl / CD / MC
Genre: Crust Punk / Death Sludge / Hardcore

Tracklist

01. This Country
02. Drag Them Out
03. Fuck The Church
04. Fallout
05. Floating Coffins
06. Misery
07. No Return

Besetzung

Rodger Boyle – Gesang, Gitarre, Bass, Drum Programming & Samples

Live Line-up:
Rodger Boyle – Gesang, Samples, Noise
Oliver Cunningham – Schlagzeug
Alex Hölzinger – Gitarre, Gesang
Eoghan Galligan – Bass

Weitere Infos:
Aus Galway, Irland
Seit 2019 aktiv
Alle Musik und Texte geschrieben, aufgenommen, gemischt und gemastert von Rodger Boyle
Cover Art: Edited version of Inferno, Canto XXXIV: Lucifer by Petrus de Plasiis, 1491
Logo Art by Kirill Semenov
Artwork Edits and Layout by Rodger Boyle

10″ Vinyl über Road To Masochist
CD über Throne Of Lies Records
MC über Fiadh Productions

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Manche Platten brauchen eine Stunde, um ihre Botschaft auszubreiten. NOOSED brauchen auf »Misery« nicht einmal eine Viertelstunde und kommen trotzdem nicht gerade mit leeren Händen zurück. Die irische Formation beziehungsweise das Studioprojekt um Rodger Boyle liefert sieben kurze, giftige Stücke, die irgendwo zwischen Crust Punk, Sludge, Hardcore, Death Metal und blankem Gesellschaftsekel herumprügeln. Das ist kein Sound für Kerzenlicht und philosophisches Nippen am Rotwein. Das ist eher der Moment, in dem der Tisch umfällt und niemand mehr so tut, als wäre alles in Ordnung.

Inhaltlich ist »Misery« ein Rundumschlag gegen eine Welt im Dauerkrisenmodus: Wohnungsnot, mentale Erschöpfung, soziale Kälte, rechte Bewegungen, religiöser Machtmissbrauch, Sucht, Armut, Krieg, Klimaangst, politische Lügen und die allgemeine Frage, warum der Mensch offenbar mit laufender Motorsäge durch die eigene Zukunft stolpert. NOOSED formulieren das nicht elegant, sondern direkt. Manchmal grob. Manchmal fast platt. Aber diese Musik will auch nicht charmant um Zustimmung bitten. Sie stellt sich vor einen hin, brüllt, spuckt auf den Boden und fragt dann höchstens noch, ob man endlich wach ist.

DIE KRISE HAT KEIN INTRO VERDIENT

»This Country« eröffnet die EP mit nicht einmal einer Minute Spielzeit, aber der Ton ist sofort gesetzt. Ein kurzer, schwerer Einstieg, ein bitterer Ausruf, keine Höflichkeit. Der Song funktioniert weniger als voll ausgearbeiteter Track, sondern als Türtritt. Inhaltlich geht es um den Hass auf gesellschaftliche Zustände, um Entfremdung vom eigenen Umfeld und um den Punkt, an dem Patriotismus nur noch wie ein schlechter Witz wirkt. Als Auftakt ist das effektiv, weil es keine falsche Distanz aufbaut. NOOSED stehen direkt mitten im Dreck.

»Drag Them Out« zieht das Tempo an und zeigt die crustige Seite deutlich stärker. Der Song ist kurz, hektisch und besitzt dieses raue Punk-Fundament, das sofort körperlich wird. Hier klingt Wut nicht abstrakt, sondern praktisch. Es geht um das Herauszerren der Verantwortlichen aus ihren sicheren Räumen, um Widerstand gegen Macht und um das Ende des geduldigen Zusehens. Musikalisch ist das keine komplexe Angelegenheit, aber genau das macht die Nummer stark. Das Riff sitzt, der Dreck fliegt, weiter geht’s.

Mit »Fuck The Church« wird es erwartungsgemäß nicht subtiler. Der Titel sagt bereits ziemlich genau, wohin die Faust fliegt. Der Song attackiert religiöse Heuchelei, moralische Kontrolle und Institutionen, die sich gern als Hüter des Guten verkaufen, während sie Leid, Schuld und Unterwerfung produzieren. Das Schlagzeug arbeitet hier mit ordentlich Maschinengewehr-Gefühl, die Riffs bleiben simpel, aber effektiv, und Boyle klingt, als hätte er auf höfliche Debatten endgültig keine Lust mehr. Kann man verstehen. Manchmal ist der Geduldsfaden eben nicht gerissen, sondern längst verbrannt.

SLUDGE, SCHUTT UND SOZIALE WUT

»Fallout« ist länger, schwerer und bringt die Sludge-Seite der EP stärker nach vorne. Der Song schleppt mehr, drückt breiter und lässt kurz etwas mehr Raum zwischen den Einschlägen. Inhaltlich lässt sich das Stück als Blick auf die Folgen einer kollabierenden Gegenwart lesen: Nach dem Knall bleibt keine Erkenntnis, sondern nur Trümmer, Verwirrung und neue Gewalt. Gerade diese Nummer dürfte spalten. Wer die schnellen Stücke stärker findet, könnte hier kurz ungeduldig werden. Wer aber auf den schwereren Teil von NOOSED steht, bekommt eine schön hässliche Walze.

»Floating Coffins« rückt wieder näher an die kurze Attacke heran. Der Titel liefert ein starkes Bild für eine Welt, in der Menschen, Körper und Existenzen wie Abfall durch die Krise treiben. Migration, Krieg, Gleichgültigkeit und das Wegsehen vor fremdem Leid schwingen hier mit, ohne dass die Band daraus ein ausgearbeitetes Manifest bastelt. Der Song ist zu kurz dafür, aber nicht zu kurz, um zu treffen. Besonders die Vocals tragen viel bei, weil sie nicht einfach nur aggressiv klingen, sondern angeekelt.

Der Titeltrack »Misery« ist dann der direkteste Höhepunkt der EP. Hier bündelt sich das Grundgefühl des Releases: alles wird schlimmer, jeder sieht es, niemand will verantwortlich sein, und trotzdem steht man noch. Der Song hat den besten Vorwärtsdrang, ein starkes Hauptmotiv und genug Punk-Energie, um live vermutlich ordentlich Unruhe zu erzeugen. Hier funktionieren NOOSED am überzeugendsten, weil Härte, Kürze und Botschaft in einem Punkt zusammenlaufen. Keine große Raffinesse, aber eine verdammt wirksame Abrissminute.

AM ENDE BLEIBT KEIN WITZ MEHR ÜBRIG

»No Return« nimmt fast ein Drittel der gesamten Spielzeit ein und ist dadurch der entscheidende Streitpunkt dieser EP. Der Song kombiniert schwere, schleppende Instrumentierung mit einer bedrückenden Gesprächsebene über Drogenabhängigkeit, Missbrauch und menschlichen Absturz. Das ist kein leichter Abschluss. Es ist auch kein Track, der sofort als klassischer Song funktioniert. Vielmehr wirkt er wie eine dokumentarische Bruchstelle am Ende einer ohnehin schon wütenden EP.

Genau hier werden sich die Meinungen teilen. Einige werden »No Return« als mutigen, verstörenden Abschluss sehen, der dem ganzen Release zusätzliche Tiefe gibt. Andere werden finden, dass der Sample-/Narrativ-Anteil den Fluss bremst und musikalisch mehr hätte passieren können. Beide Sichtweisen sind nachvollziehbar. Für mich funktioniert der Song als Idee stärker als als reiner Hörgenuss. Er ist wichtig, aber nicht der beste Track. Er trifft, aber er zieht die EP auch in eine andere Richtung. Das muss man wollen.

KLANG, DRUCK UND KLEINE SCHRAMMEN

Produktionstechnisch ist »Misery« dunkel, rau und passend ungemütlich. Die Gitarren schieben, der Bassbereich drückt, die Vocals bleiben präsent, und das Drum Programming sorgt für viel Angriff. Genau da liegt aber auch eine kleine Schwäche: Die Drums wirken stellenweise sehr weit vorn und verlieren dadurch etwas von dem organischen Rotz, den Crust und Sludge eigentlich gut vertragen können. Es knallt, keine Frage. Aber manchmal knallt es etwas zu mechanisch.

Die Kürze ist gleichzeitig Stärke und Problem. Vierzehn Minuten können großartig sein, wenn jeder Schlag sitzt. Bei »Misery« sitzen viele Schläge, aber nicht alle gleich hart. »Drag Them Out«, »Fuck The Church« und »Misery« sind sofort da. »Fallout« und »No Return« sind schwerer, sperriger und nicht ganz so zwingend. Dadurch bleibt die EP intensiv, aber nicht völlig rund.

Trotzdem: NOOSED haben Haltung. Und das ist in diesem Fall kein Werbetext-Wort, sondern hörbar. Diese Musik ist antifaschistisch, antirassistisch, antiautoritär und gegen jede Form von Unterdrückung gerichtet. Man muss nicht jede musikalische Entscheidung feiern, um anzuerkennen, dass hier jemand aus echter Überzeugung arbeitet. Das ist keine Pose für den Pressetext. Das ist der Kern.

FAZIT:

»Misery« ist eine kurze, wütende und kompromisslose EP, die Crust Punk, Sludge, Hardcore und Death-Metal-Elemente zu einem sehr direkten Krisenkommentar zusammenpresst. NOOSED liefern kein schönes Album, kein bequemes Album und schon gar kein Album für Menschen, die extreme Musik nur als sportliche Riffgymnastik verstehen. Hier geht es um Wut auf reale Zustände: Armut, Sucht, religiöse Macht, staatliches Versagen, rechte Bedrohung, soziale Kälte und das Gefühl, in einer Welt zu leben, die täglich ein Stück weiter absackt.

Die stärksten Tracks sind »Drag Them Out«, »Fuck The Church«, »Misery« und mit Abstrichen »Floating Coffins«. »No Return« ist inhaltlich stark und mutig, musikalisch aber der schwierigste Moment. Genau deshalb bleibt die EP nicht nur als kurzer Schlag hängen, sondern auch als zwiespältiges, unbequemes Stück Underground-Extremmusik.

Kleine Abzüge gibt es für die sehr knappe Spielzeit, die teils zu dominante Drum-Programmierung und dafür, dass nicht jeder Track gleich stark zündet. Wer aber auf Amebix, Axegrinder, Allfather, Dead Existence oder generell dreckigen Crust-/Sludge-Hardcore mit politischer Wut steht, sollte »Misery« unbedingt antesten. Das Ding ist kein angenehmer Aufenthalt. Aber manchmal braucht es eben keine Komfortzone, sondern einen musikalischen Schlag in die Magengrube.

Internet

NOOSED - Misery - EP Review

GODTHRYMM – Projections

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GODTHRYMM - Projections - cover artwork
GODTHRYMM - Projections - cover artwork

Band: GODTHRYMM 🇬🇧
Titel: Projections
Label: Profound Lore Records
VÖ: 29/05/26
Genre: Doom Metal

Tracklist

01. Trenches Deep
02. Truth In My Own
03. The Sun Never Fell
04. Endure My Skin (feat. Aaron Stainthorpe)
05. Jewels
06. Hope Is Eternal

 

Besetzung

Hamish Glencross – Guitar & vocals
Shaun Taylor-Steels – Drums
Bob Crolla – Bass
Catherine Glencross – Keys & vocals
Kris McLaughin – Guitar

 

Bewertung:

4,5/5

Mit ihrem dritten Album »Projections« schließen GODTHRYMM ihre sogenannte »Visions Trilogy« ab. Nach »Reflections« von 2020 und dem starken Nachfolger »Distortions« aus dem Jahr 2023 liefert die britische Formation nun das Werk, das den bisherigen Weg konsequent zu Ende denkt. Die Band um Hamish Glencross, der vielen Doom-Fans noch aus früheren Tagen bei MY DYING BRIDE bekannt sein dürfte, bewegt sich tief im Geist der großen britischen Neunziger-Doom-Schule, ohne dabei wie eine bloße Kopie zu wirken. Gerade die Atmosphäre jener legendären Peaceville-Ära schwebt permanent über diesem Album, doch GODTHRYMM besitzen mittlerweile genug Eigenständigkeit, um daraus etwas Eigenes entstehen zu lassen.

Dunkle Schwere mit Gefühl

»Projections« lebt von einer Mischung aus melancholischer Wucht, hymnischer Tiefe und bedrückender Eleganz. Schon der Opener »Trenches Deep« zieht den Hörer langsam in einen Nebel aus schweren Gitarren, getragenen Rhythmen und emotionalem Gesang hinein. Hamish Glencross klingt dabei nie übertrieben dramatisch, sondern glaubwürdig und menschlich. Genau das macht viele Momente auf diesem Album so stark.

Die Produktion wirkt organisch und warm. Das Album wurde über das vergangene Jahr verteilt in unterschiedlichen Studios aufgenommen, wobei Andy Hawkins und Glencross selbst an den Reglern standen. Dadurch entsteht ein Sound, der nicht geschniegelt oder modern glattpoliert wirkt. Stattdessen bekommen die Songs Raum zum Atmen. Besonders die Gitarren entfalten eine massive, fast greifbare Tiefe, während Catherine Glencross mit ihren Keyboardflächen und zusätzlichen Vocals immer wieder feine emotionale Schichten ergänzt.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Der zweite Track »Truth In My Own« zeigt die melodische Seite der Band besonders eindrucksvoll. Hier treffen schwere Riffs auf melancholische Leads, die sich langsam in die Gehörgänge graben. GODTHRYMM verstehen es hervorragend, Spannung aufzubauen, ohne hektisch zu werden. Die Musik lebt vom langsamen Entwickeln der Stimmung. Jeder Ton scheint bewusst gesetzt.

»The Sun Never Fell« gehört zu den emotionalen Höhepunkten des Albums. Der Song verbindet klassische Doom-Schwere mit fast schon epischen Harmonien. Gerade hier zeigt sich, wie sehr die Band ihre Wurzeln verstanden hat. Die Einflüsse von PARADISE LOST oder frühen ANATHEMA sind zwar spürbar, doch GODTHRYMM vermeiden den Fehler vieler Retro-Doom-Bands. Sie verlassen sich nicht ausschließlich auf Nostalgie. Stattdessen wirken die Stücke modern genug, um frisch und relevant zu bleiben.

Starker Gastauftritt

Besondere Aufmerksamkeit verdient »Endure My Skin«, bei dem Aaron Stainthorpe von MY DYING BRIDE als Gastsänger mitwirkt. Seine markante Stimme fügt sich perfekt in die düstere Atmosphäre ein und verstärkt den ohnehin schon intensiven Charakter des Songs zusätzlich. Trotzdem bleibt das Stück klar ein GODTHRYMM-Song und keine bloße Hommage an alte Helden.

Gerade dieser Titel zeigt die größte Stärke des Albums, emotionale Tiefe ohne Kitsch. Die Band schafft es, Trauer, Hoffnungslosigkeit und eine seltsame Form von Trost gleichzeitig transportieren zu können. Das gelingt im Doom-Metal längst nicht jeder Formation.

Feinheiten im Detail

Mit »Jewels« wird das Tempo leicht angezogen, ohne die düstere Grundstimmung zu verlieren. Die Gitarrenarbeit von Glencross und Kris McLaughin harmoniert hervorragend. Immer wieder tauchen kleine melodische Details auf, die erst nach mehreren Durchläufen ihre volle Wirkung entfalten. Bob Crolla liefert dazu ein druckvolles Bassfundament, während Shaun Taylor-Steels am Schlagzeug genau das richtige Maß zwischen Zurückhaltung und Wucht findet.

Der Abschluss »Hope Is Eternal« trägt seinen Titel nicht zufällig. Der Song wirkt wie das emotionale Finale dieser Trilogie und bündelt noch einmal sämtliche Stärken des Albums. Schwere Doom-Passagen treffen auf fragile Melodien und eine beinahe spirituelle Atmosphäre. Gerade das Ende hinterlässt Eindruck und sorgt dafür, dass »Projections« lange nachhallt.

GODTHRYMM liefern mit »Projections« ein beeindruckendes Doom-Metal-Album ab, das tief in der Tradition des britischen Neunziger-Doom verwurzelt ist, dabei aber niemals altbacken klingt. Die Band versteht es, Melancholie, Härte und Atmosphäre in ein stimmiges Gesamtbild zu verwandeln. Besonders die emotionale Ehrlichkeit der Songs macht das Album so stark.

Wer mit den frühen Werken von PARADISE LOST, ANATHEMA oder MY DYING BRIDE aufgewachsen ist, wird hier viel entdecken, das vertraut wirkt. Gleichzeitig besitzt »Projections« genug eigene Persönlichkeit, um nicht im Schatten seiner Einflüsse zu stehen. Für Doom-Fans gehört dieses Album definitiv zu den stärkeren Veröffentlichungen des Jahres.

Fazit: »Projections« markiert einen bedeutenden Meilenstein im Schaffen von GODTHRYMM.

Internet

GODTHRYMM - Projections - CD Review

IATT – Etheric Realms Of The Night

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IATT - Etheric Realms Of The Night - cover Artwork
IATT - Etheric Realms Of The Night - cover Artwork

Band: IATT 🇺🇸
Titel: Etheric Realms Of The Night
Label: Black Lion Records
VÖ: 08.05.2026
Format: Digital / CD
Genre: Progressive Black Metal / Blackened Death Metal / Symphonic Extreme Metal

Tracklist

01. Drift Away
02. To Lie Beneath
03. Somniphobia
04. Pavor Nocturnus
05. Quietus
06. Walk Amongst
07. Hypnos

Besetzung

Jay Briscoe – Gesang, Bass
Joe Cantamessa – Leadgitarre
Alec Pezzano – Rhythmusgitarre, Orchestrationen
Paul Cole – Schlagzeug, Percussion

Gastbeiträge:
Didier Malherbe – Flöte
Benjamin »Valček« Karas – Violine
Jerome Burns – Trompete auf »To Lie Beneath«
Jørgen Munkeby – Saxophon auf »Walk Amongst«

Weitere Infos:
Aus Philadelphia, Pennsylvania, USA
Mixing & Mastering: Marcos Cerutti
Veröffentlicht über Black Lion Records
Album begleitender Film angekündigt für 24.07.2026

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Für Fans von Opeth oder auch Enslaved kommt etwas ganz cremiges auf die Metal Szene zu. IATT aus Philadelphia legen mit »Etheric Realms Of The Night« ein Album vor, das sich nicht mit einer einzigen Schublade zufriedengibt. Progressive Black Metal, Blackened Death Metal, symphonische Extreme-Metal-Farben und eine gehörige Portion cineastischer Dunkelheit greifen hier ineinander, ohne dass die Platte wie ein zusammengeklebtes Stil-Puzzle wirkt.

Das Thema Schlaf wird auf diesem Album nicht als friedlicher Rückzugsort verstanden. IATT betrachten die Nacht als Schwelle, als Durchgang, als Raum zwischen Körper, Geist und Auflösung. Es geht um Albträume, Schlafparalyse, Angst vor dem Einschlafen, Todessehnsucht, Bewusstseinsverschiebung und jene Momente, in denen man nicht mehr sicher weiß, ob man träumt oder bereits in einem anderen Zustand feststeckt. Klingt nach schwerer Kost? Absolut. Aber die Band verpackt diese Themen in eine musikalische Form, die trotz aller Komplexität fließt, wächst und immer wieder überraschend emotional wirkt.

(Hört hier »Etheric Realms Of The Night« von IATT)

DER TRAUM BEGINNT MIT KONTROLLVERLUST

»Drift Away« öffnet das Album mit einer beinahe sanften Geste. Flöte, akustische Farben und ein kurzer Moment von Ruhe lassen zunächst Raum entstehen, bevor die Band den Hörer in eine deutlich bedrohlichere Ebene zieht. Aus dem sanften Gleiten wird ein progressives Extreme-Metal-Stück, das harsche Vocals, melodische Gitarren, symphonische Akzente und klare Gesangsmomente miteinander verbindet.

Inhaltlich steht der Song für das Hinübergleiten in einen Zustand, in dem der Körper zurückbleibt und das Bewusstsein seine feste Form verliert. Schlaf ist hier kein Trost, sondern ein Übergang in unbekannte Räume. Genau das macht der Song musikalisch sehr stark spürbar: Er beginnt offen, fast einladend, und kippt dann in ein Geflecht aus Druck, Schönheit und Unruhe.

»To Lie Beneath« vertieft diesen Ansatz und beschäftigt sich mit Schlafparalyse. Der Text beschreibt Starre, Angst und das Gefühl, im eigenen Körper gefangen zu sein, während etwas Unkontrollierbares näherkommt. Die Musik arbeitet mit langen Spannungsbögen, schwereren Passagen und einer dichten Atmosphäre. Besonders die Trompete von Jerome Burns fügt dem Stück eine fremdartige Farbe hinzu. Sie wirkt nicht schmückend, sondern verstärkt dieses Gefühl von Orientierungslosigkeit.

ANGST, DIE NACHT UND DAS AUFBRECHEN DES ICHS

»Somniphobia« ist direkter und greifbarer aufgebaut. Der Song behandelt die Angst vor dem Einschlafen, aber auch die Erschöpfung, die entsteht, wenn selbst Ruhe zum Feind wird. Der Mensch will abschalten, kann es aber nicht. Der Körper verlangt Schlaf, der Geist verweigert ihn. IATT setzen dieses innere Ziehen mit schärferen Gitarren, temporeicheren Abschnitten und einem Gesang um, der zwischen Panik und Angriff schwankt.

»Pavor Nocturnus« zählt zu den stärksten Momenten der Platte. Der nächtliche Schrecken wird hier nicht als einfacher Albtraum dargestellt, sondern als Macht, die sich in den Geist gräbt. Fantasie, Erinnerung und Angst vermischen sich, bis keine klare Grenze mehr bleibt. Musikalisch baut die Band ein starkes Wechselspiel aus Härte, Melodie und symphonischer Größe auf. Das Stück wirkt dramatisch, aber nicht überladen. Genau darin liegt seine Stärke.

TOD ALS TÜRSCHWELLE

»Quietus« verschiebt den Fokus in Richtung Ende, Entbindung und Loslösung. Der Text kreist um das Ablegen des Körpers, um den Wunsch nach Ruhe und um die Frage, ob der Tod vielleicht weniger Schrecken als Befreiung sein könnte. Das ist ein dunkler Gedanke, aber IATT behandeln ihn nicht plakativ. Der Song besitzt Würde, Schwere und eine fast zeremonielle Bewegung.

Musikalisch gehört »Quietus« zu den Songs, die am besten zeigen, wie sicher diese Band zwischen extremer Härte und emotionaler Weite wechseln kann. Die Gitarren schneiden nicht einfach durch den Raum, sie bauen ihn mit auf. Schlagzeug und Bass halten das Stück zusammen, während die orchestralen Elemente dem Ganzen Tiefe geben, ohne alles in Bombast zu ertränken.

»Walk Amongst« ist danach der auffälligste Track des Albums. Das liegt natürlich auch am Saxophon von Jørgen Munkeby, das dem Song eine zusätzliche, fast geisterhafte Dimension gibt. Der Text bewegt sich durch Nacht, Schuld, Erinnerung und eine Art traumwandlerisches Dasein unter schlafenden Körpern. Man spürt förmlich, wie sich Realität und Traumwelt übereinanderlegen. Der Song ist anspruchsvoll, aber nicht verkopft. Er bleibt emotional verständlich, selbst wenn seine Struktur viele Wendungen nimmt.

HYPNOS HOLT DEN LETZTEN ATEMZUG

Mit »Hypnos« endet das Album nicht mit einem großen Knall, sondern mit einem letzten Übergang. Der Gott des Schlafes steht hier nicht für friedliches Ausruhen, sondern für das endgültige Hinübergleiten. Nach den langen, vielschichtigen Stücken zuvor wirkt der Abschluss fast wie ein Nachhall, aber genau das passt. IATT schließen die Reise nicht sauber ab, sondern lassen sie ausfransen. Der Hörer bleibt mit dem Gefühl zurück, aus einem Traum aufzuwachen, der noch nicht ganz vorbei ist.

Gerade diese Entscheidung macht das Album stimmig. »Etheric Realms Of The Night« folgt keiner simplen Dramaturgie aus Anfang, Höhepunkt und Erlösung. Die Platte bewegt sich wie ein Nachtzyklus: Einschlafen, Feststecken, Panik, Loslösung, Wandeln und schließlich Übergang. Das klingt theoretisch, funktioniert aber erstaunlich körperlich, weil die Band die Härte nie vergisst.

GROSSE IDEEN, STARKES HANDWERK

Handwerklich spielen IATT auf sehr hohem Niveau. Joe Cantamessa und Alec Pezzano liefern Gitarrenarbeit, die technisch anspruchsvoll, aber nicht steril wirkt. Die Riffs können rasen, gleiten, drücken oder sich in orchestrale Passagen einweben. Jay Briscoe trägt das Album mit Bass und Stimme stark zusammen. Seine Growls haben Tiefe, seine harschen Ausbrüche sitzen, und die klareren Gesangsmomente bringen zusätzliche emotionale Farbe. Paul Cole gibt den Songs am Schlagzeug Stabilität, ohne sie zu gerade zu machen.

Die Gastbeiträge sind ebenfalls sinnvoll eingebunden. Flöte, Violine, Trompete und Saxophon wirken nicht wie nette Extras, sondern als Bestandteile der nächtlichen Traumarchitektur. Besonders »To Lie Beneath« und »Walk Amongst« profitieren davon. Das Album bekommt dadurch eine eigene Identität, die sich von vielen anderen progressiven Extreme-Metal-Werken abhebt.

Die Produktion von Marcos Cerutti ist dicht, aber gut lesbar. Bei so vielen Instrumenten, Stimmen und Schichten hätte das schnell überladen wirken können. Stattdessen bleibt die Platte kontrolliert. Die Härte hat Durchsetzungskraft, die orchestralen Farben bleiben erkennbar, und die Songs wirken groß, ohne in völliger Übergröße zu verschwimmen.

WAS FUNKTIONIERT UND WAS FORDERT

Die größte Stärke von »Etheric Realms Of The Night« liegt in seiner Geschlossenheit. Jeder Song gehört klar in diese Welt aus Schlaf, Angst und Auflösung. Die Band denkt in Stimmungen, Übergängen und wiederkehrenden Motiven, aber sie vergisst dabei die einzelnen Songs nicht. Besonders »To Lie Beneath«, »Pavor Nocturnus«, »Quietus« und »Walk Amongst« zeigen, wie gut diese Mischung aus Härte, Melodie und cineastischer Atmosphäre funktioniert.

Ganz ohne Einschränkung geht es trotzdem nicht. Das Album verlangt Aufmerksamkeit. Nebenbei entfaltet es seine volle Wirkung kaum. Manche Passagen sind sehr dicht arrangiert, und wer Extreme Metal lieber roh und unmittelbar hört, könnte sich an der Fülle der Ideen stoßen. Auch die Länge einzelner Songs fordert Geduld. Doch wer sich auf diese Reise einlässt, wird mit einer Platte belohnt, die mit jedem Durchlauf mehr Details freigibt.

FAZIT:

»Etheric Realms Of The Night« ist ein starkes, ambitioniertes und sehr geschlossenes Album. IATT verbinden Progressive Black Metal, Blackened Death Metal, symphonische Extreme-Metal-Elemente und traumartige Konzeptkunst zu einem Werk, das bewusst fordert, aber nie leblos wirkt. Die Platte ist technisch versiert, emotional aufgeladen und atmosphärisch beeindruckend.

Lyrisch kreist das Album um Schlaf, Albtraum, Paralyse, Tod und Bewusstseinsauflösung. Musikalisch wird daraus eine Reise durch extreme Härte, orchestrale Tiefe, progressive Strukturen und unerwartete Instrumentalfarben. Gerade diese Mischung macht IATT spannend. Sie liefern kein Standardalbum, sondern ein Werk mit eigener Handschrift.

Für Freunde von Opeth, Enslaved, Ihsahn, Dissection, Thy Catafalque oder progressivem Extreme Metal mit filmischem Anspruch ist »Etheric Realms Of The Night« eine klare Empfehlung. Kein leichter Gang durch die Nacht, aber ein verdammt starker. Wer bereit ist, sich in diese Traumwelt fallen zu lassen, wird so schnell nicht wieder ganz wach.

Etheric Realms Of The Night Album Stream:

Internet

IATT - Etheric Realms Of The Night - CD Review

Old Moon – Home To Nowhere

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Old Moon - Home To Nowhere - cover Artwork
Old Moon - Home To Nowhere - cover Artwork

Band: Old Moon 🇺🇸
Titel: Home To Nowhere
Label: M-Theory Audio
VÖ: 08.05.2026
Format: Digital / CD / Limited Smoke Colored Vinyl
Genre: Post Black Metal / Melodic Death Metal / Blackened Metal

Tracklist

01. Between The Stars
02. My Name Is Death
03. Distance
04. A Rest To My Name
05. Obsidian
06. Home To Nowhere
07. Creations Undone

Besetzung

Michael Priest – Gesang, Gitarre
Grady Pursel – Gitarre
Chris Lagor – Gitarre
Ryan Wilkerson – Bass
Tim Cauley – Schlagzeug

 

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Es gibt Alben, die wollen beeindrucken. Und dann gibt es Alben wie »Home To Nowhere«, die eher wirken, als hätten sie gar keine Kraft mehr für Selbstdarstellung übrig. Old Moon aus Portland, Oregon legen mit diesem Werk ihr erstes vollständiges Album vor und ziehen den Hörer in eine Welt, in der Melancholie nicht dekorativ eingesetzt wird, sondern der eigentliche Motor ist. Nach der 2024er EP »Old Moon« klingt das Debüt nun deutlich ausgeformter, größer und emotional geschlossener.

Die Band verbindet Post Black Metal, melodischen Death Metal und orchestrale Elemente zu einem Album, das weniger auf reine Raserei als auf innere Schwere setzt. Themen wie Depression, Trauer, Verlust des Selbst und Tod bilden das emotionale Fundament. Das klingt auf dem Papier nach ganz schwerem Gepäck, und genau das ist es auch. Aber Old Moon vermeiden den Fehler, ihre Musik nur in Schwermut zu tränken. Stattdessen entstehen Spannungsbögen aus kalten Gitarrenmelodien, drückenden Ausbrüchen, Chören, Streichern und einer Stimme, die nicht nach Theater klingt, sondern nach echtem Ringen.

(Hört hier »Home To Nowhere« von Old Moon)

SCHWERE OHNE POSE

»Between The Stars« öffnet das Album nicht mit einem Frontalangriff, sondern mit Weite. Die Gitarrenlinien wirken zunächst suchend, fast schwerelos, bevor sich die metallische Kraft langsam durchsetzt. Genau hier zeigt sich bereits die große Stärke von Old Moon: Die Band versteht Dynamik nicht als bloßen Wechsel zwischen leise und laut, sondern als emotionalen Zustand. Der Song behandelt Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und das Gefühl, irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart verloren zu sein. Musikalisch trägt er diese Unsicherheit sehr stark.

»My Name Is Death« geht noch tiefer in die Dunkelheit. Der Tod erscheint hier nicht als plakativer Schockeffekt, sondern als ständige Präsenz, als Stimme im Hintergrund, die nicht schreit, sondern wartet. Der Song ist langsamer, schwerer und sehr getragen. Die orchestralen Elemente verstärken die Wirkung, ohne das Stück in Symphonic-Kitsch zu ziehen. Das ist wichtig, denn genau an dieser Stelle hätten viele Bands zu dick aufgetragen. Old Moon bleiben kontrolliert.

Mit »Distance« folgt einer der kompakteren Songs des Albums. Inhaltlich kreist das Stück um Entfremdung und emotionale Taubheit. Die Distanz ist hier nicht nur räumlich gemeint, sondern innerlich. Man steht noch da, ist aber längst nicht mehr wirklich erreichbar. Musikalisch bringt der Song etwas mehr Druck und Bewegung, bleibt aber fest in der melancholischen Grundstimmung des Albums verankert. Der kürzere Aufbau tut der Platte gut, weil er nach den ersten beiden längeren Nummern für einen klareren Zugriff sorgt.

DIE SCHÖNHEIT DES ZERBRECHENS

»A Rest To My Name« gehört zu den emotional stärksten Momenten von »Home To Nowhere«. Der Song beginnt fragiler, fast vorsichtig, und entwickelt sich dann zu einer schweren, aber nie überladenen Komposition. Inhaltlich geht es um Erschöpfung, den Wunsch nach Ruhe und die Frage, ob Frieden überhaupt noch möglich ist, wenn man zu lange mit sich selbst im Krieg stand. Die Musik bringt diesen Zwiespalt sehr gut auf den Punkt: Zartheit und Härte stehen nicht gegeneinander, sondern bedingen sich.

»Obsidian« ist anschließend der härtere Einschnitt. Die Nummer wirkt kantiger, aggressiver und direkter, ohne die melodische Ebene aufzugeben. Der Titel passt gut: Obsidian ist dunkel, hart, scharfkantig. Genau so arbeitet der Song. Inhaltlich lässt sich das Stück als Blick auf verhärtete Trauer und inneren Schutzpanzer lesen. Was früher Verletzung war, wird hier zu einer schwarzen Oberfläche, an der alles abprallt. Gerade im Zusammenspiel von wütender Energie und trauriger Grundfarbe liegt die Stärke der Nummer.

Der Titeltrack »Home To Nowhere« ist dann der eigentliche Mittelpunkt des Albums. Laut Bandkopf Michael Priest behandelt der Song Schmerz, Reue und die Sehnsucht nach etwas, das nicht mehr existiert. Genau das hört man. Der Track ist nicht der aggressivste, aber vielleicht der offenste. Er bündelt das zentrale Gefühl der Platte: Man sucht nach einem Zuhause, weiß aber längst, dass der Ort, den man meint, nur noch Erinnerung ist. Musikalisch wird das mit großem Aufbau, starker Melodieführung und viel emotionalem Druck umgesetzt.

KEIN LICHTSCHALTER AM ENDE

»Creations Undone« beendet das Album konsequent. Kein triumphaler Schluss, keine plötzliche Erlösung, kein letztes Aufatmen, das alles wieder gut macht. Stattdessen sammeln Old Moon noch einmal die zentralen Elemente der Platte: melodische Kälte, orchestrale Tiefe, aggressive Ausbrüche und dieses Gefühl, dass etwas endgültig zerfallen ist. Inhaltlich wirkt der Song wie ein Blick auf das, was bleibt, wenn eigene Konstruktionen, Hoffnungen und Selbstbilder nicht mehr halten.

Gerade dieser Abschluss macht das Album glaubwürdig. Old Moon suchen keine einfache Katharsis. Sie behaupten nicht, dass Schmerz am Ende automatisch Sinn ergibt. »Home To Nowhere« ist kein Album über Heilung im klassischen Sinne. Es ist eher ein Album über das Aushalten. Über das Weiteratmen, obwohl nichts sauber aufgelöst wird. Das kann anstrengend sein, aber genau darin liegt seine Wirkung.

KLANG, HANDWERK UND WIRKUNG

Die Produktion sitzt sehr gut zwischen Klarheit und emotionaler Dichte. Die Gitarren haben genug Schärfe, das Schlagzeug treibt zuverlässig, und die orchestralen Elemente von Jaime Rojo wirken nicht wie nachträglich angeklebte Dramatik. Sie sind Teil des Gesamtbildes. Gerade die Balance ist stark: Die Platte klingt groß, aber nicht aufgeblasen. Breit, aber nicht überproduziert. Traurig, aber nicht kitschig.

Michael Priest trägt das Album mit seiner Stimme und seinem Songwriting deutlich. Die Vocals sind rau, intensiv und nie beliebig. Tim Cauley gibt den Songs am Schlagzeug ein solides, dynamisches Rückgrat. Die Gitarren von Grady Pursel und Chris Lagor erweitern die Live- und Banddimension, während Ryan Wilkerson am Bass das Fundament zusammenhält. Besonders auffällig bleibt aber, wie stark die Arrangements auf emotionale Wirkung ausgerichtet sind. Hier spielt niemand für die Galerie.

Ganz perfekt ist »Home To Nowhere« trotzdem nicht. Einige Songs bewegen sich atmosphärisch sehr nah beieinander, und wer nach klaren Überraschungsmomenten oder mutigen Brüchen sucht, wird sie nur bedingt finden. Das Album bleibt seiner Grundstimmung sehr treu. Das ist einerseits konsequent, andererseits im Mittelteil auch etwas fordernd. Dennoch: Die Platte funktioniert als Ganzes deutlich besser als als Sammlung einzelner Hits.

FAZIT:

»Home To Nowhere« ist ein starkes Debütalbum, das Post Black Metal, Melodic Death Metal und orchestrale Dunkelheit sehr überzeugend verbindet. Old Moon setzen nicht auf schnelle Effekte, sondern auf Stimmung, Schichtung und emotionale Glaubwürdigkeit. Depression, Trauer, Verlust und Tod werden hier nicht als austauschbare Metal-Motive benutzt, sondern als echte Grundspannung des gesamten Albums.

Die stärksten Momente sind »Between The Stars«, »A Rest To My Name«, »Obsidian«, »Home To Nowhere« und »Creations Undone«. Diese Songs zeigen, wie gut Old Moon Härte und Verletzlichkeit zusammenbringen können. Kleine Abzüge gibt es für die sehr einheitliche Stimmung und dafür, dass nicht jeder Song sofort ein eigenes Gesicht zeigt. Dafür wächst das Album mit jedem Durchlauf.

Für Freunde von atmosphärischem Black Metal, melodischem Death Metal und emotional schwerem Extreme Metal ist »Home To Nowhere« eine klare Empfehlung. Kein leichtes Album, kein schneller Konsum, aber ein Werk mit Substanz, Gefühl und starkem inneren Zusammenhalt. Old Moon liefern mit ihrem Debüt keinen lauten Hype-Moment, sondern eine Platte, die bleibt, wenn der erste Eindruck längst vergangen ist.

Home To Nowhere Album Stream:

Internet

Old Moon - Home To Nowhere - CD Review

MALEBESTE – Monestherou

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MALEBESTE - Monestherou - cover artwork
MALEBESTE - Monestherou - cover artwork

Band: MALEBESTE 🇫🇷
Titel: Monestherou
Label: Antiq
VÖ: 25/05/26
Genre: Black Metal

Tracklist

01. Aigre Vinasse et Chaude Populace
02. Hautefaye 1870
03. Chasse Gallery
04. Palefroi du Diable
05. Milouziena
06. Le Puits d’Enfer
07. Monestherou
08. Flamme Noir de l’Espoir
09. Nocturne (Medley Acoustique)

 

Besetzung

NO INFORMATION

 

Bewertung:

3,5/5

Zwischen Ruinen, Legenden und schwarzer Glut

Mit »Monestherou« legt die französische Black-Metal-Formation MALEBESTE ihr erstes Lebenszeichen vor und verankert sich dabei tief im Boden ihrer Heimatregion. Die Band wurde 2024 in einer Kleinstadt im Westen Frankreichs gegründet und schöpft ihre Inspiration aus den Legenden, historischen Abgründen und düsteren Erzählungen rund um Charente und Vendée. Dieser regionale Fokus verleiht dem Album eine greifbare Identität. Statt austauschbarer Satanismus-Klischees setzt die Gruppe auf Geschichten, die nach kalter Erde, alten Wäldern und vergessenen Dorfchroniken riechen.

Musikalisch orientiert sich das Quintett klar an der französischen und schwedischen Black-Metal-Schule. Melodische Gitarrenlinien treffen auf aggressive Raserei, ohne jemals in sterile Perfektion abzudriften. Genau dort liegt auch die Stärke von »Monestherou«! Das Album wirkt roh, lebendig und stellenweise fast unberechenbar.

Der Sound von MALEBESTE

Schon der kurze Opener »Aigre Vinasse et Chaude Populace« erzeugt eine bedrückende Atmosphäre. Das Stück dient weniger als eigenständiger Song, sondern vielmehr als düsteres Tor in die Welt des Albums. Direkt danach entfaltet »Hautefaye 1870« seine volle Wirkung. Rasende Blastbeats, gallopierende Rhythmen und messerscharfe Gitarren dominieren das Klangbild, während der französische Gesang wie eine wütende Beschwörung über allem schwebt.

Gerade die Entscheidung, konsequent in der Muttersprache zu singen, erweist sich als großer Vorteil. Die Vocals wirken nicht geschniegelt oder künstlich dramatisch, sondern besitzen Charakter und Schmutz. Dadurch entsteht eine Authentizität, die vielen modernen Produktionen fehlt.

»Chasse Gallery« führt die melodische Seite der Band stärker aus. Hier blitzen deutliche Einflüsse klassischer skandinavischer Black-Metal-Bands durch, ohne dass MALEBESTE zur bloßen Kopie verkommt. Besonders die Gitarrenarbeit überzeugt über weite Strecken. Immer wieder tauchen starke Leads auf, die sich sofort festsetzen, bevor sie wieder im Chaos verschwinden.

Zwischen Raserei und Atmosphäre

Mit »Palefroi du Diable« erreicht das Album einen seiner stärksten Momente. Der Song verbindet aggressive Geschwindigkeit mit beinahe epischen Strukturen und entwickelt dabei einen enormen Sog. Vor allem das Drumming fällt positiv auf. Die Rhythmen bleiben abwechslungsreich und verhindern, dass die Platte in monotones Dauerfeuer abgleitet.

Auch »Milouziena« und »Le Puits d’Enfer« profitieren von dieser Dynamik. Während viele junge Black-Metal-Bands ausschließlich auf rohe Gewalt setzen, versteht MALEBESTE etwas von Spannungsaufbau. Immer wieder ziehen sie das Tempo leicht an oder zurück, bauen melodische Passagen ein und lassen den Songs genug Raum zum Atmen.

Allerdings zeigt sich hier auch eine kleine Schwäche des Albums. Manche Ideen wirken noch nicht vollständig ausgearbeitet. Einzelne Übergänge erscheinen etwas abrupt, und nicht jeder Song erreicht die gleiche Intensität wie die stärksten Stücke der Platte. Gerade im Mittelteil verliert sich das Album stellenweise in bekannten Genre-Mustern.

Der Titeltrack als Zentrum

Der Titeltrack »Monestherou« bündelt viele Stärken der Band. Atmosphärische Gitarrenflächen treffen auf aggressive Attacken, während der Gesang beinahe geisterhaft wirkt. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie stark MALEBESTE mit Bildern und Stimmung arbeitet. Die Musik transportiert das Gefühl einer alten Sage, die am Lagerfeuer erzählt wird, nur eben begleitet von rasendem Black Metal.

»Flamme Noir de l’Espoir« schlägt anschließend noch einmal einen emotionaleren Ton an. Trotz aller Härte besitzt der Song eine melancholische Grundstimmung, die hervorragend funktioniert. Gerade diese Mischung aus Aggression und Melodie macht das Album interessant.

Zum Abschluss folgt mit »Nocturne (Medley Acoustique)« ein überraschend ruhiger Ausklang. Die akustischen Elemente wirken keineswegs deplatziert, sondern runden die düstere Reise sinnvoll ab. Nach den intensiven vorherigen Songs entsteht beinahe der Eindruck eines erschöpften Morgengrauens nach einer langen Nacht.

Produktion mit Charakter

Klanglich bewegt sich »Monestherou« auf einem schmalen Grat zwischen roher Underground-Ästhetik und moderner Transparenz. Die Produktion bleibt angenehm organisch und vermeidet sterile Überpolierung. Gleichzeitig sind die Instrumente klar genug voneinander getrennt, um auch feinere Details wahrnehmen zu können.

Besonders die Gitarren profitieren davon. Sie besitzen genügend Schärfe, ohne in unangenehmes Sägen abzudriften. Der Bass bleibt zwar eher im Hintergrund, sorgt aber für ein solides Fundament. Die Drums wiederum treiben die Songs konstant nach vorne und verleihen dem Album seine kämpferische Energie.

MALEBESTE liefern mit »Monestherou« ein vielversprechendes Debüt ab, das vor allem durch Atmosphäre, starke Gitarrenarbeit und seine regionale Verwurzelung überzeugt. Die Band versteht es, klassische Black-Metal-Elemente mit melodischen Ansätzen und französischer Folklore zu verbinden, ohne dabei konstruiert zu wirken.

Nicht jeder Song entfaltet dieselbe Durchschlagskraft, und an einigen Stellen fehlt noch die letzte Konsequenz im Songwriting. Dennoch besitzt das Album genug Charakter, um sich aus der Masse junger Black-Metal-Veröffentlichungen hervorzuheben.

Für Fans von melodischem, atmosphärischem Black-Metal mit historischem und folkloristischem Einschlag ist »Monestherou« definitiv einen Blick wert.

Fazit: »Monestherou« von MALEBESTE ist ein gelungenes Beispiel für die französische Black-Metal-Szene, das sowohl regionale Legenden als auch musikalische Vielfalt in den Vordergrund stellt.

Internet

MALEBESTE - Monestherou - CD Review

Lago – Vigil

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Lago - Vigil - cover artwork
Lago - Vigil - cover artwork

Band: Lago 🇺🇸
Titel: Vigil
Label: Everlasting Spew Records
VÖ: 08.05.2026
Format: Digital / CD / MC / Vinyl
Genre: Death Metal / Dissonant Death Metal / Technical Death Metal

Tracklist

01. Behold, Ruin
02. Fodder
03. Procession Into Slaughter
04. Initiation Rite
05. In A House Of Ill Repute
06. Kingdom Without Pulse
07. The Land Was A Desert

Besetzung

Cole Jacobsen – Gitarre, Growls
Garrett Thomas – Bass, Screams
Gus Barr – Leadgitarre
Brian Miller – Schlagzeug

Weitere Infos:
Aus Phoenix, Arizona, USA
Recorded, Mixed and Mastered by Brian Miller at the BM Hole in Phoenix, Arizona, USA
Vinyl Mastering by Carlo Altobelli at Toxic Basement Studio
Cover Art by Adam Burke
Layout by Giorgio M. Spevo
Photography by Kaitlyn Maree

Veröffentlicht über Everlasting Spew Records
Katalognummer: SPIT112

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Acht Jahre Pause sind im Death Metal nicht einfach nur eine Lücke im Kalender. Acht Jahre können eine Band verschwinden lassen, weichspülen oder in der eigenen Vergangenheit festkleben. Lago aus Phoenix, Arizona wählen auf »Vigil« keine dieser Optionen. Stattdessen kehren sie mit einem Album zurück, das konzentrierter, schwerer und zielgerichteter wirkt als ein bloßes Lebenszeichen nach langer Stille.

Schon nach wenigen Minuten ist klar: Diese Platte will nicht um Aufmerksamkeit bitten. Sie nimmt sie sich. »Vigil« verbindet klassischen US-Death-Metal-Druck mit dissonanten Riffstrukturen, technischer Spannung und einer Atmosphäre, die weniger auf Horror-Kulisse als auf systematische Zermürbung setzt. Wer bei Namen wie Immolation, Gorguts, Morbid Angel oder Altars hellhörig wird, ist hier grundsätzlich richtig. Trotzdem klingen Lago nicht wie eine Kopie ihrer offensichtlichen Bezugspunkte, sondern wie eine Band, die diese Sprache lange gesprochen hat und nun eigene, sehr dunkle Sätze daraus formt.

(Hört hier »Vigil« von Lago)

WENN VERLUST KEIN GEFÜHL MEHR IST, SONDERN ZUSTAND

»Behold, Ruin« öffnet »Vigil« ohne Vorspiel und ohne Schonfrist. Der Song wirkt wie ein schwerer Block, der sich langsam bewegt und dabei alles zerreibt, was ihm im Weg steht. Drums, Bass und Gitarren greifen sofort ineinander, ohne dem Hörer eine bequeme Orientierung anzubieten. Die Leadgitarre setzt grelle Spitzen, während die Rhythmik permanent den Boden verschiebt.

Lyrisch steht der Opener für das erneute Konfrontiertwerden mit Verlust. Das ist keine explosive Wut mehr, sondern ein späterer Zustand: Erinnerung, Leere, Akzeptanz und das Wissen, dass nichts davon wirklich heil wird. Lago übersetzen diesen Zustand nicht in Pathos, sondern in Druck. Der Song ist nicht traurig im klassischen Sinn. Er ist erschöpft, verhärtet und kompromisslos.

»Fodder« gehört anschließend zu den stärksten Stücken des Albums. Inhaltlich geht es um Schuld, Verdrängung, Mitläufertum und darum, wie Menschen zu Verbrauchsmaterial für größere, korrupte Strukturen werden. Das Stück ist bissig, riffbetont und trotz seiner technischen Anlage sofort körperlich. Besonders der Bass von Garrett Thomas gibt der Nummer zusätzlich Tiefe, während Brian Miller am Schlagzeug nicht einfach Tempo liefert, sondern die Spannung regelrecht zerlegt und neu zusammensetzt.

DEMAGOGEN, RITEN UND DER PREIS DER UNTERWERFUNG

Mit »Procession Into Slaughter« wird der gesellschaftliche und religiöse Unterton des Albums deutlicher. Der Text beschreibt Gefolgschaft, Manipulation und eine Masse, die sich in Richtung Untergang führen lässt. Es geht um erzwungenen Glauben, falsche Autorität und den Moment, in dem Schmerz politisch oder spirituell nutzbar gemacht wird. Musikalisch ist der Song ein finsterer Marsch mit starken Attacken, ohne dabei in stumpfes Durchprügeln zu kippen.

»Initiation Rite« verdichtet dieses Motiv. Hier steht eine Verwandlung im Mittelpunkt, die nicht erleuchtet, sondern entmenschlicht. Hass wird zur neuen Haut, Mitgefühl wird entfernt, Identität wird geopfert. Der Song ist kürzer und direkter, aber keineswegs weniger komplex. Die ersten Riffbewegungen wirken fast old-schoolig massiv, bevor sich die dissonanten Linien immer stärker durch das Stück ziehen. Genau dieses Wechselspiel macht Lago spannend: Sie können brutal traditionell wirken und im nächsten Moment alles leicht falsch ausrichten.

Der längste Track »In A House Of Ill Repute« ist das Zentrum des Albums. Hier bündeln sich religiöse Ausbeutung, falsche Hoffnung, Gier nach Erlösung und die bittere Erkenntnis, dass manche Heilsversprechen nur neue Abhängigkeit erzeugen. Der Song braucht seine Länge, weil er nicht nur ein Thema abarbeitet, sondern eine Umgebung aufbaut. Die Gitarren kriechen, schneiden, drehen sich ineinander, während die Vocals wie eine zusätzliche Schicht aus Verachtung und Verzweiflung über dem Material liegen. Wenn »Vigil« einen Moment hat, in dem die Band ihre ganze Handschrift zeigt, dann hier.

EIN KÖNIGREICH OHNE PULS

»Kingdom Without Pulse« bringt das Album wieder etwas kompakter auf den Punkt. Inhaltlich greift der Song Bilder von Gier, geistiger Verwahrlosung, Sektenbildung und dem Verfall korrupter Machtstrukturen auf. Das Königreich ist hier kein Ort der Größe, sondern ein abgestorbener Organismus, der trotzdem weiter gefüttert wird. Musikalisch zählt die Nummer zu den zwingendsten des Albums. Die Riffs sind greifbarer, der Vorwärtsdrang stärker, und dennoch bleibt dieser dissonante Schatten über allem.

Der Abschluss »The Land Was A Desert« zieht den Blick noch weiter auf. Was vorher in Personen, Ritualen und Systemen verhandelt wurde, wird hier landschaftlich und fast kosmisch gedacht. Monumente verfallen, heilige Orte werden entwertet, die Erde selbst erscheint beschädigt und ausgezehrt. Der Text liest sich wie ein Endbild nach langer Anbetung falscher Dinge. Musikalisch ist der Song kein versöhnlicher Schluss, sondern ein kontrollierter Zusammenbruch. Lago lassen das Album nicht mit einem simplen Knall enden, sondern mit einem schweren Nachhall.

HANDWERK, SOUND UND WIRKUNG

Die Produktion ist für diese Art Death Metal entscheidend, und Brian Miller trifft hier einen sehr guten Mittelweg. »Vigil« klingt dicht, druckvoll und unangenehm nah, aber nicht unlesbar. Die Gitarren sind massiv, die Leads schneiden scharf durch den Mix, die Drums haben Gewicht, und die Vocals sitzen tief im Gesamtbild, ohne unterzugehen. Die Platte wirkt nicht steril, aber auch nicht verwaschen. Gerade bei dissonantem Death Metal ist das wichtig: Wenn alles nur noch Masse ist, verliert die Musik ihre Bedrohung.

Instrumental liefern Lago stark ab. Cole Jacobsen und Gus Barr arbeiten nicht mit klassischen Hook-Riffs, sondern mit Bewegungen, die sich nach mehreren Durchläufen stärker erschließen. Garrett Thomas ist mit Bass und zusätzlichen Screams mehr als nur Fundament, und Brian Miller spielt präzise genug, um die technischen Wendungen sauber zu führen, aber hart genug, damit die Platte nicht zur akademischen Übung wird.

Ganz ohne Schwächen ist »Vigil« dennoch nicht. Die Songs sind durchweg stark, aber das Album verlangt Konzentration. Wer klare Refrains, schnelle Wiedererkennung oder Death Metal als direkte Abrissbirne sucht, muss sich hier erst hineinbeißen. Außerdem liegen einige Stücke atmosphärisch nah beieinander. Das ist Teil des Konzepts und der Wirkung, kann aber beim ersten Hören wie eine sehr geschlossene Front erscheinen. Erst mit weiteren Durchläufen treten die Unterschiede deutlicher hervor.

FAZIT:

»Vigil« ist ein starkes Comeback und ein deutliches Zeichen dafür, dass Lago ihre lange Pause nicht verschlafen haben. Das Album ist brutal, dissonant, technisch anspruchsvoll und atmosphärisch konsequent, ohne sich in reiner Kopfarbeit zu verlieren. Die Band verbindet Death-Metal-Wucht mit schiefen, dunklen Riffarchitekturen und einer lyrischen Welt aus Verlust, Unterwerfung, falscher Erlösung, Schuld und systemischem Zerfall.

Besonders »Fodder«, »Procession Into Slaughter«, »In A House Of Ill Repute«, »Kingdom Without Pulse« und »The Land Was A Desert« zeigen, wie stark diese Platte funktioniert, wenn man ihr die nötige Aufmerksamkeit gibt. Lago schreiben keine Songs für den schnellen Effekt. Sie bauen Druckräume, in denen man sich erst zurechtfinden muss.

Für Freunde von Immolation, Gorguts, Morbid Angel, Altars, Ulcerate oder Replicant ist »Vigil« eine klare Empfehlung. Kein leichtes Album, kein gefälliges Album, aber eines mit Substanz, Haltung und erstaunlicher Langzeitwirkung. Nach acht Jahren Stille ist das keine bloße Rückmeldung. Das ist ein ernstzunehmender Schlag aus der Tiefe.

Vigil Album Stream:

Internet

Lago - Vigil - CD Review

MURRAB ROCK – Wo Musik Grenzen sprengt und die Nacht eskaliert

MURRAB ROCK – 23.05.2026 – das Festival im Schloss Tabor

Es gibt Festivals, die einfach nur Konzerte bieten. Und es gibt Festivals wie MURRAB ROCK, die weit mehr sein wollen: ein kultureller Brückenschlag zwischen zwei Ländern, ein Treffpunkt für Musiker, Künstler und kreative Köpfe – und ein lebendiges Zeichen dafür, dass Zusammenarbeit stärker ist als jede Grenze.

Initiiert vom österreichischen Rock Kollektiv Süd und dem slowenischen Verein MSI Cankova, setzt MURRAB ROCK bewusst auf Austausch statt Abgrenzung. Hier treffen sich nicht nur Bands auf einer Bühne – hier entstehen neue Kontakte, Ideen und Perspektiven für eine nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Österreich und Slowenien. Musiker, Künstler und lokale Entscheidungsträger arbeiten gemeinsam an einer Szene, die regional verwurzelt und gleichzeitig international offen ist.

Seinen Höhepunkt fand das Projekt in zwei Festivals, die im Mai 2026 die Grenzregion zum Beben brachten. Den Auftakt machte am 1. Mai die slowenische Ausgabe am idyllischen Ledava-See im Ort Krašči. Die österreichische Fortsetzung folgte am 23. Mai in einer Kulisse, die kaum beeindruckender hätte sein können: dem historischen Schloss Tabor im Burgenland.

Schon am Nachmittag zeigte sich, dass MURRAB ROCK mehr sein will als nur ein klassisches Rockfestival. Besucher konnten an Workshops rund um Gitarre, Schlagzeug, Licht- und Tontechnik teilnehmen. Besonders erfreulich: Das Interesse war enorm. Die Workshops wurden hervorragend angenommen und boten jungen Musikbegeisterten ebenso wie erfahrenen Szene-Fans spannende Einblicke hinter die Kulissen des Live-Betriebs.

Am Abend übernahm schließlich die Musik das Kommando – und das Line-up hatte es in sich.

Den Auftakt machte die slowenische Punkband Potato Mushroom, die mit roher Energie und schnellem Sound sofort Bewegung ins Publikum brachte. Danach sorgten Doppeldecker aus dem Bezirk Jennersdorf mit ehrlichem Rock für beste Stimmung, bevor Back to the Future den Abend mit klassischem Rockfeeling weiter anheizten.

Ab 21:00 Uhr wurde es dann deutlich härter:
Psycho Toaster präsentierten erstmals ihren neuen Bassisten und überzeugten mit brachialem Stoner Metal und schweren Doom-Einflüssen. Druckvolle Riffs, massive Soundwände und ein düsteres Klangbild machten ihren Auftritt zu einem der intensivsten Momente des Festivals.

Glen Ample

Danach betraten Glen Ample die Bühne – und lieferten mitreißenden Hardrock voller Groove und Energie. Spätestens jetzt verwandelte sich der Bereich vor der Bühne in einen einzigen Circle Pit. Die Band verstand es perfekt, das Publikum mitzureißen und Schloss Tabor endgültig zum Kochen zu bringen.

MARJETICE

Den Abschluss machten schließlich die slowenischen Death-Metaller Marjetice, die zu später Stunde die Bühne regelrecht abrissen. Brutale Härte, kompromisslose Performance und pure Energie sorgten dafür, dass das Festival mit einem wahren Inferno endete. Mit Mosh Pits wurde trotz späteren Stunde durchaus nicht gespart.Es war das erste Mal, dass die slowenische Death Metal Kombo in Österreich performten.

MURRAB ROCK – der Startschuss einer neuen Festivalreihe

Campingmöglichkeiten gab es bewusst keine, denn MURRAB ROCK war als eintägiges Festival konzipiert. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – war die Besucherzahl beeindruckend. Viele Gäste nutzten die Gelegenheit für einen intensiven Festivaltag in außergewöhnlicher Atmosphäre. Das Ambiente rund um Schloss Tabor verlieh dem Event dabei einen fast magischen Charakter: historische Mauern, sommerliche Nachtluft und harte Gitarrenriffs – eine Kombination, die perfekt funktionierte.
MURRAB ROCK 2026 war damit weit mehr als nur ein gelungenes Festivaldebüt. Es war der Startschuss für eine neue grenzüberschreitende Festivalreihe, die zeigt, wie Musik Menschen verbindet und Regionen zusammenwachsen lässt. Wenn die erste Ausgabe bereits so eindrucksvoll war, darf man gespannt sein, wohin die Reise von MURRAB ROCK noch führen wird.

LaCasta – Olibanvm

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LaCasta - Olibanvm - cover artwork
LaCasta - Olibanvm - cover artwork

Band: laCasta 🇮🇹
Titel: Olibanvm
Label: Argonauta Records
VÖ: 08.05.2026
Format: Digital / CD
Genre: Blackened Crust / Blackened Hardcore / Black Metal

Tracklist

01. Manqaf
02. Melma
03. Feast For Parasites
04. Gallows Throne
05. A Grave Makes No Distinction
06. Dogma
07. Overdose
08. Harrowing Silence
09. Eradication

Besetzung

Alessandro Donnaloia – Gesang & Synths
Mario Morgante – Gitarre
Marino Martellotta – Bass
Sbrough – Schlagzeug

 

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Black Metal ist etzadla immer noch krieg! Zumindest dann, wenn LaCasta auf »Olibanvm« ihre Version davon ausrufen. Die Italiener kommen nicht mit Kerzenromantik, nicht mit Schönklang, nicht mit fein gezeichnetem Post-Black-Metal-Nebel. Hier wird gedrückt, geschoben, gebrüllt und verdichtet, bis aus Black Metal, Crust und Hardcore ein ziemlich ruppiger Klumpen Wut entsteht. Das Album ist mit gut 34 Minuten angenehm knapp gehalten und verschwendet wenig Zeit. Wer hier eine kunstvolle Einleitung in zwölf Akten erwartet, bekommt stattdessen sehr schnell eine Wand vor den Brustkorb gestellt.

Dabei ist »Olibanvm« kein bloßes Prügelalbum. Der Titel verweist auf Olibanum, also Weihrauch, und genau daraus ziehen LaCasta ihr zentrales Spannungsfeld: das Sakrale und das Grausame, Reinheit und Verletzung, Ritual und Machtmissbrauch. Die Platte beschäftigt sich mit religiöser Manipulation, moralischem Zerfall, gesellschaftlicher Fäulnis, Schuld, Sucht, Unterwerfung und der Frage, ob aus vollständiger Zerstörung überhaupt noch etwas Neues entstehen kann. Klingt schwer? Ist es auch. Aber LaCasta diskutieren das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit geballten Fäusten.

(Hört hier »Olibanvm« von laCasta)

SAKRALES MATERIAL, UNHEILIGE ANWENDUNG

»Manqaf« öffnet das Album mit kurzer, dunkler Spannung. Das Intro arbeitet nicht mit großem Bombast, sondern mit einer rituellen Grundierung, die sofort klarmacht: Dieses Album will keinen freundlichen Einstieg. Es setzt einen Rahmen, lässt den Raum kurz enger werden und übergibt dann direkt an »Melma«. Dort wird der Ton schlagartig konkreter. Der Song attackiert eine Welt, in der Verfall und Kontamination längst Normalzustand geworden sind. Gesellschaftliche Zersetzung wird hier nicht als abstrakter Gedanke, sondern als körperlich spürbare Überwältigung verstanden.

Musikalisch ist »Melma« einer der stärksten frühen Treffer. Die Gitarren sind dicht, der Rhythmus treibt gnadenlos, und Alessandro Donnaloia klingt, als wolle er nicht überzeugen, sondern anklagen. Das ist wichtig, denn gerade bei dieser Mischung aus Black Metal und Hardcore entscheidet die Stimme viel. Sie darf nicht nur kreischen, sie muss Druck erzeugen. Genau das passiert hier.

»Feast For Parasites« geht noch deutlicher in Richtung gesellschaftlicher Abrechnung. Der Text beschreibt Menschen, die sich falschen Göttern, leeren Ritualen und bequemem Gehorsam ausliefern. Die Parasiten sitzen dabei nicht nur oben, sondern leben auch von der Passivität der Masse. Der Song ist ein Manifest gegen geistige Unterwerfung und religiös aufgeladene Verdummung. Keine besonders subtile Nummer, aber Subtilität wäre hier auch ungefähr so passend wie Flanellpantoffeln im Schlachtfeld.

GERICHT, DOGMA, VERFALL

Mit »Gallows Throne« verbinden LaCasta Schuld, Strafe und Herrschaft zu einem der brutaleren Bilder des Albums. Der Galgen wird zum Thron, also zur Machtform. Wer richtet, herrscht. Wer zuschaut, macht mit. Der Song funktioniert musikalisch besonders gut, weil er nicht nur schnell nach vorne prügelt, sondern auch diesen schwereren, stampfenden Zug nutzt, der dem Album zusätzliche Härte gibt. Hier treffen Black-Metal-Schärfe und Hardcore-Körperlichkeit ziemlich direkt aufeinander.

»A Grave Makes No Distinction« schlägt inhaltlich einen anderen Ton an. Hier geht es um das Ende aller Unterschiede. Besitz, Ruhm, Macht, Privilegien – am Schluss bleibt davon nichts. Das ist kein neuer Gedanke, aber LaCasta bringen ihn sehr effektiv auf den Punkt. Die Nummer hat einen starken, fast schon nüchternen Fatalismus. Gerade nach den vorherigen Songs tut dieser Blick auf die endgültige Gleichmachung gut. Nicht im tröstlichen Sinn, eher im Sinne von: Am Ende gewinnt der Boden.

»Dogma« ist dann der direkte Angriff auf religiöse und ideologische Kontrolle. Der Song ist kurz, wütend und gehört zu den giftigsten Momenten der Platte. Die Band zeigt Dogma als geistiges Gefängnis, als System aus Angst, Selbstbestrafung und falscher Sicherheit. Musikalisch bleibt wenig Raum zum Atmen. Riff, Schlagzeug, Stimme – alles wirkt auf Verdichtung ausgelegt. Kein Schnörkel, keine Schonfrist.

DER MENSCH ALS SCHWACHSTELLE

»Overdose« verschiebt die Perspektive stärker auf Sucht, Ersatzrealitäten und das Leben im permanenten Ausnahmezustand. Der Text denkt Abhängigkeit nicht nur chemisch, sondern auch gesellschaftlich: Chaos als Dauerzustand, künstliche Flucht, Überleben ohne Sinn. Der Song setzt diese Idee mit ruppiger Direktheit um. Er ist nicht der auffälligste Track des Albums, aber ein wichtiger Baustein, weil er den Blick vom religiösen Machtapparat auf die innere Selbstzerstörung lenkt.

»Harrowing Silence« ist mit seiner kurzen Spielzeit ein sehr konzentrierter Schlag. Der Song handelt von Leiden, Verlassenheit und einem Körper, der bereits dem Ende übergeben scheint. Gerade weil die Nummer so knapp bleibt, funktioniert sie. Kein Auswalzen, keine große Geste. Einfach Schmerz, Druck, Ende. In einem Album, das sonst gern mit großen Begriffen wie Dogma, Eradication und Sacrifice arbeitet, ist dieser kurze, körperliche Moment besonders effektiv.

Der Abschluss »Eradication« ist mit Abstand der längste Song und trägt die zentrale Spannung des Albums noch einmal zusammen. Die Welt erscheint als zerfallendes Gebäude, gestützt von brüchigen Pfeilern, beherrscht von Täuschung, Apathie und Angst. Der Gedanke der Auslöschung wird hier nicht nur als Zerstörung, sondern auch als mögliche Voraussetzung für Neubeginn formuliert. Das ist gefährliches Terrain, weil solche Motive schnell platt werden können. LaCasta halten den Song aber stark genug zusammen, um daraus ein würdiges Finale zu machen. Der Track nimmt sich Zeit, steigert sich und lässt das Album nicht einfach abbrechen, sondern konsequent ausbrennen.

KLANG, DRUCK UND GRENZEN

Die Produktion von Sebastiano Lillo und Paolo Palmieri passt sehr gut zum Material. »Olibanvm« klingt nicht glatt, aber auch nicht nach kaputter Proberaumromantik. Die Gitarren sind massiv, das Schlagzeug arbeitet mit viel Druck, und die Vocals sitzen dominant im Zentrum. Wichtig ist: Die Platte bleibt trotz ihrer Dichte nachvollziehbar. Man hört Riffs, Brüche und Strukturen, ohne dass der rohe Charakter verloren geht.

Die größte Stärke des Albums liegt in seiner Konsequenz. LaCasta ziehen ihre Linie durch. Black Metal, Crust und Hardcore werden nicht höflich nebeneinandergestellt, sondern ineinandergepresst. Dadurch entsteht eine aggressive, kompakte Platte, die ihre 34 Minuten gut nutzt. Kein Song wirkt wie ein reiner Platzhalter, und besonders »Melma«, »Feast For Parasites«, »Gallows Throne«, »Dogma« und »Eradication« hinterlassen deutliche Spuren.

Ganz ohne Einschränkungen bleibt es dennoch nicht. Die Platte ist in ihrer Grundhaltung so kompromisslos, dass sie stellenweise wenig Luft für Überraschungen lässt. Wer nach großer Dynamik, melodischen Öffnungen oder experimentellen Seitenwegen sucht, wird hier nicht viel finden. »Olibanvm« will vor allem Druck, Schwärze und Anklage. Das macht es stark, aber auch eng. Für diese Art Album ist das kein Fehler, eher eine bewusste Entscheidung. Man sollte nur wissen, worauf man sich einlässt.

FAZIT:

»Olibanvm« ist ein wütendes, dichtes und konsequent gebautes Album zwischen Black Metal, Crust und Hardcore. LaCasta liefern keinen spirituellen Trost, sondern eine Abrechnung mit Dogma, Verfall, Macht, Sucht, sozialer Passivität und der Illusion menschlicher Überlegenheit. Der Weihrauch des Titels steht nicht für Erhebung allein, sondern für ein Ritual, das immer auch Verletzung, Opfer und Ende in sich trägt.

Musikalisch überzeugt die Platte durch kompakten Druck, schneidende Riffs, starke Rhythmusarbeit und eine Stimme, die permanent am Rand der Eskalation steht. Besonders die mittlere Albumphase und das lange Finale »Eradication« zeigen, wie effektiv LaCasta ihre Mischung aus schwarzer Kälte und Hardcore-Wucht einsetzen können. Kleine Abzüge gibt es für die begrenzte stilistische Öffnung und den engen Fokus, der nicht jedem Hörer viel Raum lässt.

Wer seinen Black Metal mit Crust-Schmutz, Hardcore-Zorn und klarer antiklerikaler Schlagseite mag, bekommt hier eine sehr überzeugende Platte. »Olibanvm« ist kurz, hart, konsequent und unangenehm im besten Sinne. Kein Album für Wellness-Schwarzmetaller, sondern für Leute, die bei extremer Musik noch immer Reibung, Zorn und klare Kante hören wollen.

Olibanvm Album Stream:

Internet

laCasta - Olibanvm - CD Review