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THE SCALAR PROCESS – Agnomysticism

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cover artwork THE SCALAR PROCESS Agnomysticism
cover artwork THE SCALAR PROCESS Agnomysticism

Band: THE SCALAR PROCESS 🇫🇷
Titel: Agnomysticism
Label: Transcending Obscurity Records
VÖ: 29/05/26
Genre: Progressive/Technical Death Metal

Tracklist

01. Physical Conquest
02. Far From The Flesh
03. Incessant Continuum [feat. Andy Thomas]
04. Illness [feat. Justin Mckinney]
05. Affluent Marea
06. A Breathing Moment
07. Agnomysticism
08. Lack Of Colors
09. Sigil
10. In A Light Frame

Besetzung

Mathieu Lefevre – vocals
Eloi Nicod – guitars
Vincent Amar – Bass
Thomas Giroud – Drums
Lucas Martinez – Guitars

Bewertung:

3,5/5

Die französische Band THE SCALAR PROCESS kehrt fünf Jahre nach ihrem Debüt mit neuem Album zurück, „Agnomysticism„, das einmal mehr versucht, die Stärke und technische Fähigkeit der Band auszudrücken und all das in melodische und moderne Weise zu setzen.

Gemäßigter Opener mit technischen Fähigkeiten

Das Album eröffnet sehr soft und melodisch, Akustikgitarren, die langsam Platz für dynamischeren Klang machen. „Physical Conquest“ ist eine Mischung aus Deathcore und Technical Death Metal, nicht zu schnell, nicht zu aggressiv, ein gemäßigter Ansatz aus allen Gesichtspunkten. Alternierende Tempos, permanente Wechsel in melodischer Linie mit Demonstration guter technischer Fähigkeiten. Nicht exzessiv in irgendetwas, ein moderater Ansatz, ein guter Opener.

THE SCALAR PROCESS kommen aus Besançon, wurden 2016 gegründet. Neben dem Gründungsmitglied, Gitarrist Eloi Nicod, versammelte sich langsam das aktuelle Lineup mit Vocalist Mathieu Lefevre, Bassist Vincent Amar, Schlagzeuger Thomas Giroud und dem zweiten Gitarristen Lucas Martinez. Alles technische Musiker mit Erfahrung auf der lokalen Szene.

Ein wildererer Klang kommt in „Far From The Flesh„, Growls werden ergänzt durch diverse Backing Vocals, die Gitarren weben viele Melodien, die sich miteinander verflechten und komplexe Klanglandschaft erzeugen, vielschichtig und polyrhythmisch. Ein inspirierterer Song als der vorherige, immer noch mit vielen Passagen in Deathcore verwurzelt, scheint, als wäre das tatsächlich das Genre, das man hört. Ein Song, der durch seine Komplexität von Klängen beeindruckt, die sorgfältig ausbalancierte Melodie und Aggressivität.

Klare Produktion mit starker Dynamik

Die Produktion ist sehr gut, klar und mit starker Dynamik, alle Instrumente ausbalanciert zusammengebracht. Sorgfältig gemixt, mit klarem Akzent auf atmosphärischen Passagen, die auch besser eingefangen wurden, der entgegengesetzte Klang, die massive und explosive volle Dissonanz kommt ein bisschen roher, sichert damit den Kontrast.

Sehr melodisch und leicht, „Incessant Continuum“ zuerst von Leadgitarre dominiert, mit dem Rest der Instrumente, die plötzlich in einer Aggressivitätsexplosion beitreten. Gastvocals von Andy Thomas (Black Crown Initiate, Rivers of Nihil) geben klaren Einfluss mit massiverer Vocal-Präsenz, auch im Clean-Vocals-Ansatz. Gnadenlose Drums und besser ausgedrückte Rhythmusgitarre geben dem Song viel Gewicht, alles in allem eine viel überzeugendere Komposition.

Der nächste Song „Illness“ bringt einen weiteren Gastmusiker, diesmal die Gitarren ergänzend, Justin Mckinney (The Zenith Passage, ex-The Faceless). Ein viel simplerer Song, ohne die extra Ornamentierung, an die wir uns bereits gewöhnt haben, mit klarem Fokus auf die Gitarren-Parts, lässt den Gastmusiker auf bestimmten Passagen glänzen.

Und das Album setzt sich fort, ohne zu sehr im Klang zu wechseln, wird vielleicht softer. „Affluent Marea“ langsam, leicht und melodisch. „A Breathing Moment“ genau das Gegenteil, laut, aggressiv mit guten Riffs, auch besserer Technik, ein Song, der in diesem aggressiveren und dynamischeren Klang bleibt und der Band sehr gut passt. Ein direkter Ansatz, einer der besten Songs auf dem Album.

Der Titelsong „Agnomysticism“ setzt mehr oder weniger den vorherigen Track fort, bringt mehr Melodie mit emotionalen Akustikpassagen, eine Melodie, die weiterläuft, selbst wenn sie voll technisch werden und näher an Death Metal. Beeindruckende Leadgitarre, ziemlich abrasiver Mittelteil, wo sie versuchten, die Melodie vom Song zu schütteln mit unklarem Resultat. „Lack Of Colors“ kommt dissonant und wieder voll aggressiv, ein Wechsel zwischen Gegensätzen, der einmal mehr die Unentschlossenheit in der Komposition unterstreicht.

Um die Arbeit zu komplettieren, kehrt „Sigil“ zu atmosphärischen Klängen zurück, elektronische Musik, eine seltsame und zweifelhafte Wahl. Schöne ambiente Musik allerdings, so falsch im allgemeinen Kontext, ein kompletter Fehlschlag von der Band mit dieser Wahl. Schließlich der Abschlusssong „In A Light Frame„, wo alle Stile und Ansätze einmal mehr kollidieren, auf eine Weise ein würdiger Abschluss des Albums.

Unentschiedenheit verhindert wahres Glänzen

Ein Mittelweg, der das Album verhindert, wirklich zu glänzen. THE SCALAR PROCESS fühlen sich irgendwie unentschieden in ihrem Ansatz, gefangen zwischen melodisch und aggressiv, wählen, zwischen all dem zu bleiben. Voll von übermelodischen Momenten, ein Album mit interessanter musikalischer Ideen, nicht immer voll ausgedrückt. Elektronische Musik einfügen, ambient, fühlt sich so falsch an und zeigt einmal mehr – falls notwendig – dass sie keine klare Vision haben, welche Art Musik sie machen sollten.

Erinnert an Fallujah, Allagaeon oder The Zenith Passage, sogar Obscura von Zeit zu Zeit, ein Klang, der den modernen und melodischen Ansatz zu Technical Death Metal einfängt. Eine bessere Arbeit als ihr Debüt-Album, leicht entschiedener und mit klarerem Ansatz zu ihrem musikalischen Stil, immer noch voll von Momenten, wo sie sich zurückgehalten, selbstzensiert und unaufrichtig fühlen. Ohne Kohäsion, aber mit guten Momenten, doch insgesamt ein fragmentiertes Werk.

Fazit: THE SCALAR PROCESS zeigen mit „Agnomysticism“ technische Fähigkeiten, scheitern an fehlender Kohäsion und Unentschlossenheit zwischen melodisch und aggressiv.

Internet

THE SCALAR PROCESS - Agnomysticism

ATAVISTIA – Old Gods Awaken

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ATAVISTIA - Old Gods Awaken - cover artwork
ATAVISTIA - Old Gods Awaken - cover artwork

Band: ATAVISTIA 🇨🇦
Titel: Old Gods Awaken
Label: Blood Blast Distribution
VÖ: 15/05/26
Genre: Melodic/Symphonic Death Metal

Tracklist

01. Raise All Thy Horns
02. Mystic Tavern
03. Seeker of Time
04. To a New World
05. I skogens djup
06. Goddess of My Dreams
07. Ride the White Storm
08. Old Gods Awaken

 

Besetzung

Mattias Sippola – Guitar, Vocals, Composition, Production
Max Sepulveda – Drums, Engineering
Elia Baghbaniyan – Guitar
Spencer Budworth – Bass, Vocals

 

Bewertung:

3,5/5

Zwischen Frostlandschaften und nordischer Mystik

Seit ihrer Gründung 2017 in Vancouver stehen ATAVISTIA für epischen Extreme-Metal mit cineastischem Anspruch. Inspiriert von verschneiten Landschaften Kanadas, nordischer Mythologie und den gewaltigen Kräften der Natur erschafft die Band Klangwelten, die zwischen Schönheit und Zerstörung pendeln. Nach der EP »One With The Sun« sowie den Alben »The Winter Way« und »Cosmic Warfare« legt die Formation nun mit »Old Gods Awaken« nach. Das Werk verbindet melodischen Death Metal mit symphonischer Opulenz und folkigen Einschüben, ohne die harsche Seite der Band zu vernachlässigen.

Das Line-up um Mattias Sippola (Gitarre, Vocals, Komposition, Produktion), Max Sepulveda (Drums, Engineering), Elia Baghbaniyan (Gitarre) und Spencer Budworth (Bass, Vocals) setzt dabei erneut auf atmosphärische Größe statt auf reine Brutalität. Das Ergebnis ist ein Album, das starke Momente besitzt, sich aber nicht immer von bekannten Genrestandards lösen kann.

Atmosphärischer Einstieg mit viel Pathos

Schon das kurze Intro »Raise All Thy Horns« öffnet die Tore zu einer frostigen Fantasywelt. Hörner, orchestrale Elemente und hymnische Melodien erzeugen sofort Bilder von endlosen Schneelandschaften und nordischen Schlachtfeldern. Danach entfaltet »Mystic Tavern« seine ganze Stärke. Der Song kombiniert eingängige Gitarrenmelodien mit kraftvollen Growls und einem beinahe folkloristischen Unterton. Besonders die symphonischen Arrangements wirken hier organisch und verleihen dem Stück einen cineastischen Charakter.

ATAVISTIA verstehen es generell gut, Atmosphäre aufzubauen. Die Gitarrenarbeit bewegt sich zwischen melodischem Death-Metal skandinavischer Prägung und modernem Symphonic-Metal. Immer wieder tauchen Keyboardflächen auf, die den Songs zusätzliche Tiefe geben, ohne das Klangbild komplett zu überladen. Gerade in ruhigeren Passagen zeigt die Band ein Gespür für Dynamik.

Zwischen Melodie und Routine

»Seeker of Time« und »To a New World« führen die musikalische Reise konsequent fort. Beide Stücke besitzen starke Refrains und solide Riffarbeit, hinterlassen jedoch nicht denselben nachhaltigen Eindruck wie die stärkeren Momente des Albums. Hier zeigt sich eines der zentralen Probleme von »Old Gods Awaken«. Viele Ideen klingen vertraut. Fans von Bands wie WINTERSUN oder ENSIFERUM werden zahlreiche stilistische Parallelen entdecken.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Songs schwach wären. Vielmehr fehlt gelegentlich der entscheidende Funke Eigenständigkeit. Die Produktion ist druckvoll und sauber, manchmal aber fast zu geschniegelt. Gerade die orchestralen Elemente hätten stellenweise etwas roher und mutiger ausfallen dürfen.

Mit »I skogens djup« gelingt der Band anschließend ein atmosphärischer Höhepunkt. Der Titel setzt stärker auf melancholische Stimmungen und nordische Folk-Einflüsse. Die Melodien wirken hier deutlich emotionaler, während die Gitarren harmonisch mit den symphonischen Elementen verschmelzen. Das Stück transportiert genau jene eisige Magie, die man sich von diesem Stil erhofft.

Große Emotionen und epischer Anspruch

»Goddess of My Dreams« bringt erneut mehr Härte ins Spiel. Blastbeats treffen auf hymnische Leads und dichte Keyboardarrangements. Besonders Max Sepulveda liefert hier eine starke Performance ab. Sein Drumming hält die oft ausufernden Kompositionen zusammen und sorgt dafür, dass die Songs trotz aller orchestralen Ausschmückungen nicht auseinanderfallen.

Auch »Ride the White Storm« überzeugt mit kräftigem Tempo und einer gelungenen Mischung aus Aggression und Melodie. Der Song gehört zu den energischsten Momenten des Albums und zeigt, dass ATAVISTIA dann am stärksten wirken, wenn sie ihre epische Seite mit direkter Härte kombinieren.

Der abschließende Titeltrack »Old Gods Awaken« bildet mit über elf Minuten das Herzstück der Platte. Die Band versucht hier, sämtliche Facetten ihres Sounds zusammenzuführen, akustische Passagen, orchestrale Ausbrüche, melodische Gitarrenläufe und aggressive Death-Metal-Attacken. Das funktioniert über weite Strecken gut, auch wenn sich manche Abschnitte etwas ziehen. Dennoch besitzt das Finale genügend starke Momente, um einen würdigen Abschluss zu liefern.

Zwischen Blizzard und Bekanntem

»Old Gods Awaken« ist ein solides bis starkes Symphonic-Death-Metal-Album mit eindrucksvoller Atmosphäre und viel Liebe zu epischen Klanglandschaften. ATAVISTIA beherrschen ihr Handwerk und erschaffen immer wieder intensive Momente voller nordischer Mystik und frostiger Melancholie. Vor allem Fans melodischer Extreme-Metal-Spielarten dürften hier einiges entdecken, das begeistert.

Gleichzeitig fehlt dem Album stellenweise die eigene Identität, um sich klar von den großen Genrevertretern abzuheben. Einige Songs wirken vertraut, manche Arrangements zu kalkuliert.

Trotzdem bleibt genügend Qualität vorhanden, um »Old Gods Awaken« zu einem hörenswerten Werk zu machen. Wer auf melodischen Death-Metal mit symphonischer Wucht, Folk-Anklängen und winterlicher Atmosphäre steht, sollte dieser Veröffentlichung definitiv eine Chance geben.

Fazit: »Old Gods Awaken« ist ein gelungenes Kapitel in der Diskografie von ATAVISTIA.

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ATAVISTIA - Old Gods Awaken - CD Review

The Casualties – Detonate

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The Casualties - Detonate - cover artwork
The Casualties - Detonate - cover artwork

Band: The Casualties 🇺🇸
Titel: Detonate
Label: Hellcat Records
VÖ: 27.03.2026 digital / 17.07.2026 CD & Vinyl
Genre: Street Punk / Hardcore Punk / Crossover Punk

Tracklist

01. Intro (Too Little, Too Late)
02. Detonate
03. People Over Power
04. Empire Falls
05. Ashes Of War
06. Allies And Assassins
07. Brick By Brick
08. Few The True
09. Now And Tomorrow
10. Eye For An Eye
11. Pigs On Fire
12. Streets Of Hatred
13. Wake Up, Kill, Repeat

Besetzung

David Rodriguez – Gesang
Jake Kolatis – Gitarre
Doug Wellmon – Bass
Marc »Meggers« Eggers – Schlagzeug

Gastbeiträge:
1876 – Gastgesang & Percussion auf »Ashes Of War«
Vinnie Stigma – Spoken Word Intro auf »Brick By Brick«
Tim Armstrong – Leadgitarre auf »Now And Tomorrow«

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Mit »Detonate« melden sich The Casualties nicht einfach nur zurück, sie treten die Tür ein, werfen eine brennende Fackel in den Raum und fragen dann nicht mehr, ob das jetzt gerade jemandem passt. Acht Jahre nach »Written In Blood« erscheint ein Album, das den klassischen Street-Punk-Kern der New Yorker nicht verwässert, sondern noch einmal mit Hardcore-Druck, D-Beat-Wucht und einer deutlichen Crossover-Kante nachschärft. Wer hier eine Neuerfindung der Band erwartet, sucht vermutlich auch vegane Entspannungsklänge auf einem Schlachtfeld. The Casualties bleiben The Casualties: laut, ruppig, wütend, politisch, direkt und mit einer Energie ausgestattet, die weniger nach Studioarbeit als nach aufgerissenem Asphalt klingt.

(Hört hier »Detonate« von The Casualties)

Schon das kurze »Intro (Too Little, Too Late)« macht klar, dass hier keine langen dramaturgischen Umwege genommen werden. Die Platte wird nicht behutsam aufgebaut, sie wird gezündet. Es ist eher ein kurzer Griff an die Zündschnur als ein klassischer Opener, und genau das passt zum folgenden Titelsong. »Detonate« reißt in knapp anderthalb Minuten alles auf, was sich an Frust über gesellschaftliche Kälte, Überforderung, Entfremdung und systemischen Betrug aufgestaut hat. Lyrisch geht es nicht um wortwörtliche Zerstörung als Selbstzweck, sondern um den inneren Punkt, an dem ein Mensch nicht mehr mitspielt, nicht mehr funktionieren kann und nur noch aus diesem Druckkessel heraus will. Musikalisch wird das ohne jeden Firlefanz umgesetzt: kurze Zündschnur, hektischer Puls, bellende Vocals, Gitarren wie rostige Sägeblätter und ein Refrain, der sich sofort im Kopf festfrisst.

PUNK ALS OFFENE BRANDWUNDE

Mit »People Over Power« zeigen The Casualties dann sehr deutlich, worum es auf diesem Album im Kern geht. Hier wird nicht aus der Distanz kommentiert, hier wird der Stiefel auf dem Nacken beschrieben. Der Song richtet sich gegen Machtapparate, gegen politische Bevormundung, gegen Unterdrückung und gegen ein System, das Menschen klein hält, während oben weiter kassiert wird. Musikalisch ist das klassischer Street Punk mit Hardcore-Biss: schnell, eingängig, aggressiv und mit diesem simplen, aber effektiven Mitgröhlfaktor, den die Band seit Jahrzehnten beherrscht. Der Refrain funktioniert wie eine Parole auf einer Demo, aber ohne peinliche Flugblatt-Romantik. Es ist eine Kampfansage, die nicht lange erklärt, sondern direkt schubst.

»Empire Falls« geht noch finsterer zur Sache. Hier treffen religiöse Heilsversprechen, Krieg, Tod und der Verfall imperialer Macht aufeinander. Inhaltlich wirkt der Song wie ein Blick auf eine Zivilisation, die sich selbst für unsterblich hält, während sie längst auf Knochen, Blut und Ausbeutung gebaut ist. Besonders stark ist dabei, dass The Casualties nicht versuchen, große Poesie in Watte zu packen. Das hier ist kein intellektueller Salon-Punk, sondern ein dreckiger Abgesang auf Systeme, die sich mit Fahnen, Glauben und Gewalt legitimieren. Die Gitarren sägen kompromisslos nach vorne, das Schlagzeug marschiert, und David Rodriguez klingt, als würde er die letzten Bretter aus einem brennenden Haus reißen.

Auch »Ashes Of War« bleibt im Themenfeld Krieg, verschiebt die Perspektive aber stärker auf Überleben, Trauma und Trotz. Der Text beschreibt eine Welt, in der Blut, verbrannte Erde und Gier nach Eroberung Spuren hinterlassen, aber zugleich ein Funken Hoffnung durch die Narben bricht. Genau darin liegt die Stärke dieses Songs: Er ist nicht einfach nur gegen Krieg, sondern zeigt, was nach dem Einschlag bleibt. Menschen, Heimat, Verlust, Widerstand. Mit dem Gastbeitrag von 1876 bekommt die Nummer zusätzlich Farbe, ohne aus dem Casualties-Kosmos herauszufallen. Das Stück ist eines der emotional stärkeren Momente der Platte, weil es nicht nur prügelt, sondern auch eine gewisse Würde in der Verwüstung findet.

ZWISCHEN STRASSENKAMPF UND VERRAT

»Allies And Assassins« ist anschließend einer dieser Songs, bei denen The Casualties ihre Stärken fast schon archetypisch ausspielen. Die Nummer fragt danach, wer im Kampf tatsächlich an deiner Seite steht und wer am Ende doch nur wartet, bis er dir das Messer in den Rücken rammen kann. Ballot oder Bullet, Aktivismus oder Feindschaft, Zusammenhalt oder Verrat: Der Song lebt von harten Gegensätzen und einem fast paranoiden Grundgefühl. Musikalisch brettert das Ganze nach vorne, aber nicht kopflos. Der Refrain ist hymnisch genug, um live direkt zu funktionieren, während die Strophen diese alte, ruppige Punk-Wut transportieren, für die man diese Band entweder liebt oder grundsätzlich meidet.

Mit »Brick By Brick« folgt einer der stärksten Tracks des Albums. Die Spoken-Word-Einleitung von Vinnie Stigma verleiht dem Song eine zusätzliche Hardcore-Legitimation, bevor die Band das Thema Mauern, Überwachung, Polizeigewalt und schleichenden Freiheitsverlust aufreißt. Inhaltlich geht es um eine Gesellschaft, die vorgibt, Sicherheit zu schaffen, aber am Ende nur Käfige baut. Stein für Stein wird hier nicht nur eine Mauer errichtet, sondern auch eine Freiheit abgetragen. Besonders gelungen ist, dass der Song bei aller Direktheit nicht stumpf wirkt. Der Groove hat Druck, die Gitarren sind griffig, der Refrain sitzt, und das Ganze entwickelt eine wütende Tanzbarkeit. Punk muss nicht kompliziert sein, um gut zu treffen. Manchmal reicht ein sauber platzierter Ziegelstein.

»Few The True« bringt danach etwas mehr Melodie ins Spiel und wirkt wie der solidarische Arm um die Schultern nach mehreren Faustschlägen. Lyrisch geht es um Erinnerung, Zusammenhalt und darum, dass Widerstand keine Einzelleistung ist, sondern eine Kette aus Menschen, die vor einem gekämpft haben und nach einem weiterkämpfen werden. Das ist einer der Momente, in denen The Casualties nicht nur Zorn, sondern auch Gemeinschaft transportieren. Die Nummer hat einen fast schon Skate-Punk-artigen Einschlag, ohne die Street-Punk-Basis zu verlassen. Der Refrain ist groß, direkt und funktioniert als Gegengewicht zur sonst sehr dunklen Grundstimmung der Platte. Wer hier nicht zumindest innerlich die Faust hebt, hat vermutlich den Punkrock nur zur Dekoration im Regal stehen.

KEINE HOFFNUNG OHNE WIDERSTAND

»Now And Tomorrow« zieht das Tempo wieder an und stellt die Stimme derjenigen in den Mittelpunkt, die sonst überhört oder niedergehalten werden. Lyrisch geht es um Sprache als Waffe, um Solidarität und um eine Gegenwart, die wie ein Albtraum wirkt, aus dem man nicht einfach aufwachen kann. Die Wut richtet sich hier sehr klar gegen Gier, Konzernmacht und gesellschaftliche Erstarrung. Besonders interessant ist der Leadgitarren-Beitrag von Tim Armstrong, der nicht als aufdringliches Namedropping wirkt, sondern dem Song eine zusätzliche Punk-Historie einschreibt. Das Stück ist kurz, bissig und genau auf den Punkt gebracht. Kein Gramm Fett, kein unnötiger Umweg.

Bei »Eye For An Eye« wird es wieder deutlich düsterer. Der Song greift das alte Prinzip der Vergeltung auf und zeigt, wohin es führt: in Blindheit, Abstumpfung und eine Spirale aus Gewalt, nationaler Verblendung und politischer Maskerade. Musikalisch gehört die Nummer zu den härteren Momenten auf »Detonate«. Die Band spielt nicht nur schnell, sondern mit einem hämmernden Nachdruck, der hervorragend zum Thema passt. Hier wird nicht einfach der erhobene Mittelfinger gezeigt, hier wird das Bild einer Gesellschaft gezeichnet, die sich selbst die Augen auskratzt und anschließend behauptet, sie könne endlich klarsehen. Das ist nicht subtil, aber verdammt effektiv.

»Pigs On Fire« ist wahrscheinlich der wuchtigste internationale Straßenkampf-Moment der Platte. Mit englischen, spanischen und portugiesischen Passagen wird der Song zu einer mehrsprachigen Anti-Faschismus- und Anti-Rassismus-Parole, die bewusst global gedacht ist. Inhaltlich geht es um Widerstand gegen autoritäre Gewalt, gegen staatlichen Terror und gegen jede Form von Unterdrückung, die sich hinter Uniformen, Macht und Befehlsketten versteckt. Der Song ist roh, laut, aggressiv und dürfte live massiv zünden. Man muss diese Direktheit mögen, denn Zwischentöne sucht man hier vergeblich. Aber genau diese Kompromisslosigkeit macht die Nummer aus. Das ist kein Diskussionsangebot, das ist ein Brandsatz im Chorusformat.

DIE STRASSE FRISST IHRE KINDER

Mit »Streets Of Hatred« ziehen The Casualties die Stimmung noch einmal in Richtung urbaner Alptraum. Der Text zeichnet eine Welt aus Hass, Einsamkeit, Verzweiflung, vergifteter Nahrung, vergifteten Gedanken und einer kapitalistischen Krankheit, die ihre eigene Heilung gleich mitverkauft. Das ist inhaltlich vielleicht einer der stärksten Songs des Albums, weil er nicht nur gegen eine konkrete Institution tritt, sondern ein ganzes Lebensgefühl einfängt. Diese Frage, wohin man eigentlich noch gehen soll, wenn überall nur noch Hass, Kontrolle und Verfall warten, hängt schwer über dem Song. Musikalisch wird das mit genug Tempo serviert, aber auch mit einer gewissen beklemmenden Kante. Hier klingt die Straße nicht romantisch, sondern krank.

Der Abschluss »Wake Up, Kill, Repeat« ist dann kein versöhnliches Ende, sondern ein letzter Blick in den Kreislauf aus Gewalt, Sucht, Schatten, Manipulation und innerem Verfall. Inhaltlich wirkt der Song wie eine düstere Parabel auf Menschen oder Systeme, die jeden Tag neu in dieselbe Brutalität zurückfallen. Aufwachen, töten, wiederholen. Das kann man politisch lesen, psychologisch, gesellschaftlich oder als Ausdruck einer Welt, die ihre eigenen Henker produziert. Musikalisch beendet die Band das Album ohne großen Bombast, aber mit konsequenter Härte. Nach gut 30 Minuten ist man nicht erschöpft, weil das Album zu lang wäre, sondern weil es permanent auf Spannung fährt. Genau so muss eine Platte dieser Art funktionieren.

KLANG, PRODUKTION UND WIRKUNG

Produktionstechnisch klingt »Detonate« druckvoll, direkt und bewusst ungeschönt. Der Mix ist nicht klinisch sauber, aber auch nicht matschig. Die Gitarren stehen breit, das Schlagzeug prügelt mit ordentlich Punch, der Bass hält das Fundament zusammen, und David Rodriguez sitzt mit seiner heiseren, angriffslustigen Stimme genau dort, wo er hingehört: vorne im Gesicht. Wer hier audiophile Feingeistigkeit erwartet, hat die falsche Tür geöffnet. Diese Platte will nicht streicheln, sie will schubsen. Gleichzeitig ist das Ganze handwerklich sauber genug, um nicht im bloßen Lärm unterzugehen.

Was »Detonate« besonders stark macht, ist die Geschlossenheit. Die Songs sind kurz, konzentriert und weitgehend frei von Leerlauf. Natürlich ist nicht jeder Refrain eine Offenbarung und natürlich erfinden The Casualties den Street Punk nicht neu. Aber das müssen sie auch nicht. In einer Zeit, in der viele Bands versuchen, durch stilistische Verrenkungen modern zu wirken, ist diese Platte fast schon wohltuend stur. The Casualties wissen, wer sie sind. Und sie wissen auch, für wen sie diese Musik machen.

Man könnte dem Album vorwerfen, dass es kaum Überraschungen bereithält. Das stimmt sogar. Aber manchmal ist Vorhersehbarkeit kein Makel, sondern ein Versprechen. Wer The Casualties einschaltet, will keine dreizehnminütige Ambient-Passage über die Vergänglichkeit eines Joghurtdeckels hören. Man will Druck, Parolen, Riffs, Wut, Dreck, Gangshouts und Songs, die live nach Schweiß, Bier, Lederjacke und blauen Flecken riechen. Genau das liefert »Detonate«.

FAZIT:

»Detonate« ist kein Album, das sich anbiedert, entschuldigt oder nach neuen Zielgruppen schielt. The Casualties liefern ein wütendes, kompaktes und erstaunlich geschlossenes Street-Punk-/Hardcore-Brett ab, das seine Stärken aus Klarheit, Energie und Haltung zieht. Die Band klingt nicht wie ein nostalgischer Schatten ihrer selbst, sondern wie eine Formation, die ihre bekannten Werkzeuge noch einmal frisch geschärft hat.

Lyrisch kreist die Platte um Machtmissbrauch, Krieg, Überwachung, Polizeigewalt, soziale Kälte, Verrat, Widerstand und den Punkt, an dem aus Frust Explosion wird. Dabei bleiben The Casualties direkt und manchmal fast plakativ, aber nie zahnlos. Die Songs sind kurz, die Botschaften klar, die Riffs sitzen, und die Produktion hat genug Dreck unter den Fingernägeln, um glaubwürdig zu bleiben.

Die stärksten Songs sind »People Over Power«, »Empire Falls«, »Ashes Of War«, »Brick By Brick«, »Few The True«, »Eye For An Eye« und »Streets Of Hatred«. Wer Street Punk mit politischer Kante, Hardcore-Schlagseite und einer gesunden Portion D-Beat-Wahnsinn sucht, bekommt hier ein Album, das nicht lange fragt, sondern direkt loslegt. »Detonate« macht seinem Titel alle Ehre: kurz gezündet, laut explodiert, nichts für empfindliche Tapeten.

Detonate Album Stream:

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The Casualties - Detonate - CD Review

Alice Cooper – The Revenge Of Alice Cooper

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Alice Cooper - The Revenge Of Alice Cooper - cover artwork
Alice Cooper - The Revenge Of Alice Cooper - cover artwork

Band: Alice Cooper Group 🇺🇸
Titel: The Revenge Of Alice Cooper
Label: earMUSIC
Vertrieb: Kontor New Media / Edel
VÖ: 25.07.2025
Genre: Hard Rock / Shock Rock / Blues Rock / Rock ’n’ Roll / Glam Rock
Produktion: Bob Ezrin

Tracklist

01. Black Mamba
02. Wild Ones
03. Up All Night
04. Kill The Flies
05. One Night Stand
06. Blood On The Sun
07. Crap That Gets In The Way Of Your Dreams
08. Famous Face
09. Money Screams
10. What A Syd
11. Inter Galactic Vagabond Blues
12. What Happened To You
13. I Ain’t Done Wrong
14. See You On The Other Side

Besetzung

Alice Cooper – Gesang / Mundharmonika
Michael Bruce – Gitarre / Gesang
Dennis Dunaway – Bass
Neal Smith – Schlagzeug
Gyasi Heus – Lead-Gitarre
Rick Tedesco – Lead-Gitarre
Robby Krieger – Gastgitarre auf Black Mamba
Glen Buxton – posthume Gitarrenaufnahme auf What Happened To You
Bob Ezrin – Produktion

Bewertung:

5 von 5 Punkten

Was passiert, wenn man den Sargdeckel nicht einfach öffnet, sondern ihn mit einem dreckigen Grinsen, einem bluesigen Gitarrenriff und einer ordentlichen Portion Theaterqualm aus den Angeln tritt? Die Antwort liefern Alice Cooper und seine originale Band auf »The Revenge Of Alice Cooper«. Und ja, hier geht es nicht bloß um irgendein weiteres Spätwerk einer Rocklegende, die noch einmal beweisen will, dass der Zylinder immer noch sitzt. Hier steht tatsächlich wieder ein großer Teil jener Formation im Raum, die Anfang der Siebziger den Shock Rock aus der Garage auf die großen Bühnen gezerrt hat.

Alice Cooper, Michael Bruce, Dennis Dunaway und Neal Smith haben sich zusammen mit Produzenten-Legende Bob Ezrin noch einmal zusammengefunden. Nur Glen Buxton, der 1997 verstorbene Gitarrist der Originalbesetzung, kann naturgemäß nicht mehr vollständig dabei sein. Und doch schwebt sein Geist über diesem Album. Mehr noch: Auf »What Happened To You« ist er über eine archivierte Gitarrenaufnahme posthum präsent. Das ist kein billiger Nostalgietrick, sondern ein emotionaler Brückenschlag zwischen damals und heute.

Natürlich könnte man nun leicht zynisch werden. Braucht die Welt 2025 wirklich noch ein neues Album der originalen Alice Cooper Group? Muss man nach über fünf Jahrzehnten unbedingt noch einmal an eine Geschichte anknüpfen, die mit Alben wie »Love It To Death«, »Killer«, »School’s Out«, »Billion Dollar Babies« und »Muscle Of Love« längst im Kanon steht? Die Antwort lautet: Ja, wenn es so klingt wie hier. Denn »The Revenge Of Alice Cooper« ist keine müde Museumsvorführung, sondern ein Album, das tatsächlich knarzt, groovt, beißt und an vielen Stellen verdammt lebendig wirkt.

Das Werk klingt so, als hätte man eine alte Spukvilla nicht renoviert, sondern nur den Staub von den Verstärkern geblasen. Alles wirkt organisch, handgemacht und bewusst nicht zu glattgebügelt. Keine sterile Plastikproduktion, keine klinisch korrigierte Rock-Illusion, kein verzweifelter Versuch, modern zu klingen. Stattdessen gibt es Garage Rock, Blues Rock, Hard Rock, Schocktheater, schwarzen Humor und diesen ganz speziellen Alice-Cooper-Vibe, der schon immer irgendwo zwischen Horrorfilm, Vaudeville, Straßendreck und Rock ’n’ Roll-Zirkus lag.

(Schaut hier die Clips und Hört die Songs zu »The Revenge Of Alice Cooper«)

DER SARGDECKEL KNARRT, ABER ER FÄLLT NICHT AUSEINANDER

Mit »Black Mamba« startet das Album nicht mit einem plumpen Knall, sondern mit einem bedrohlichen Schleichen. Der Song kriecht tatsächlich aus den Boxen, als würde sich etwas Giftiges unter der Bettdecke bewegen. Musikalisch ist das ein düsterer, bluesig schiebender Hard-Rock-Opener, der nicht auf Geschwindigkeit setzt, sondern auf Atmosphäre, Gift und Charisma. Der Gastbeitrag von Robby Krieger von The Doors passt dabei hervorragend, weil sein Spiel dem Stück eine psychedelische, leicht fiebrige Note gibt.

Inhaltlich lässt sich »Black Mamba« als klassisches Cooper-Spiel mit Versuchung, Gefahr und animalischer Verführung lesen. Die Schlange ist hier nicht nur Tier, sondern Symbol für Begehren, Manipulation und den Moment, in dem man genau weiß, dass etwas schlecht für einen ist, aber trotzdem näher heranrückt. Genau darin liegt die Stärke dieses Songs: Er erklärt nicht zu viel, sondern zieht seine Hörer in ein kleines Gruselkabinett aus Sex, Gift und schwarzem Humor. Instrumental zeigt die Band direkt, dass sie den alten Groove nicht verloren hat. Der Song ist kein Hochgeschwindigkeitsmonster, aber ein starkes, giftiges Statement.

»Wild Ones« zieht das Tempo anschließend spürbar an. Hier wird nicht mehr geschlichen, hier wird mit durchgetretenem Gaspedal durch die Nacht gefahren. Der Song wirkt wie eine Biker-Gang-Hymne für Außenseiter, die sich nicht einsperren lassen wollen und ihre Existenz aus Trotz, Lärm und Benzingeruch zusammenbauen. Lyrisch geht es um Rebellion, Gruppengefühl und dieses typische Rock-’n’-Roll-Versprechen, dass man lieber brennt, als brav im Schatten zu stehen.

Musikalisch ist das eine der unmittelbarsten Nummern des Albums. Die Gitarren riffen schön schmutzig, das Schlagzeug treibt ohne unnötige Schnörkel, und Alice Cooper klingt erfreulich bissig. Der Refrain ist nicht kompliziert, aber genau das ist hier der Punkt. »Wild Ones« will keine progressive Abhandlung sein, sondern ein Faust-in-die-Luft-Song. Das funktioniert. Nicht jede Sekunde ist subtil, doch Rock ’n’ Roll war ja noch nie dafür bekannt, mit Samthandschuhen an die Tür zu klopfen.

Mit »Up All Night« wird es dann noch etwas schmieriger, frecher und augenzwinkernder. Der Song arbeitet mit dem alten Thema der durchgemachten Nacht, aber bei Alice Cooper ist natürlich nichts einfach nur Party. Zwischen großmäuliger Selbstinszenierung, nächtlicher Gier, moralischer Flexibilität und leicht grotesker Komik wird hier ein Charakter gezeichnet, der gleichzeitig lächerlich und gefährlich wirkt. Genau diese Mischung beherrscht Cooper seit Jahrzehnten.

Instrumental besitzt »Up All Night« einen kräftigen Riff-Motor und eine schöne Hard-Rock-Kante. Besonders stark ist, wie trocken die Band spielt. Da wird nichts unnötig aufgepumpt. Der Song rollt, stampft und grinst dabei dreckig. Die Gitarre gibt dem Stück genug Biss, während die Rhythmusfraktion zuverlässig dafür sorgt, dass der Track nicht in bloße Pose kippt. Inhaltlich ist das nicht die tiefsinnigste Nummer der Platte, aber als Rock-’n’-Roll-Karikatur funktioniert sie bestens.

FLIEGEN, SPUK UND DER WAHNSINN IM KOPF

»Kill The Flies« ist einer jener Songs, bei denen man sofort merkt, warum Alice Cooper in diesem Genre eine eigene Klasse ist. Hier wird der Horror nicht über billige Schockeffekte erzeugt, sondern über ein kleines, verstörendes Innenleben. Der Text lässt sich als Blick in einen institutionalisierten, vielleicht medikamentös gedämpften Geist verstehen, der zwischen scheinbarer Fürsorge, Einsamkeit und wachsender Paranoia schwankt. Die Fliegen werden dabei zum Sinnbild für störende Gedanken, Todesnähe oder den permanenten Lärm im Kopf.

Musikalisch ist das ein echtes Highlight. Die Nummer verbindet Theatralik mit einem robusten Gitarrenfundament und lässt genügend Raum für diese typische Cooper-Stimmung, die irgendwo zwischen Nervenheilanstalt, Gruseloper und Garagenrock liegt. Der Refrain ist simpel, aber effektiv, weil er sich wie ein Zwangsgedanke wiederholt. De facto ist »Kill The Flies« einer der stärksten Momente des Albums, weil hier Inhalt und musikalische Umsetzung nahezu perfekt ineinandergreifen.

»One Night Stand« bewegt sich danach wieder stärker im Bereich schmutziger Rock-’n’-Roll-Unterhaltung. Der Song trägt den Schalk im Nacken und wirkt wie eine kleine Bühnenszene über flüchtige Begierde, Selbstbetrug und die kurze Illusion von Nähe. Man kann das natürlich oberflächlich als Nummer über eine schnelle Nacht lesen. Spannender wird es aber, wenn man darunter die Einsamkeit erkennt, die bei Cooper oft hinter dem Make-up wartet.

Musikalisch ist das Stück solide, lässig und angenehm direkt. Die Band spielt hier nicht mit maximaler Härte, sondern mit einem swingenden Rock-Gefühl, das an verrauchte Clubs, klebrige Tresen und verschwitzte Backstageräume erinnert. Ganz oben auf der Highlight-Liste landet der Song für mich nicht, aber er erfüllt seine Funktion im Albumkontext sehr gut. Er nimmt etwas Druck heraus, ohne langweilig zu werden, und zeigt die humorvolle Seite der Platte.

Mit »Blood On The Sun« folgt dann der große, epischere Brocken des Albums. Über sechs Minuten Spielzeit sind für diese Platte schon eine Ansage, und tatsächlich wirkt der Song größer, breiter und dramatischer als viele andere Stücke. Die Atmosphäre ist dunkler, beinahe apokalyptisch. Inhaltlich kann man den Song als Collage aus Untergangsbildern, Schuld, Gewalt und filmischer Symbolik verstehen. Die Sonne ist hier kein Hoffnungssymbol, sondern ein blutiger Projektionsraum.

Instrumental zeigt die Band hier, dass sie mehr kann als nur dreckig losrocken. Der Song baut sich sorgfältiger auf, lässt Raum für Gitarrenarbeit und lebt von einem dramatischen Spannungsbogen. Besonders die Solopassagen geben dem Stück Gewicht. Ganz ohne Einschränkung kommt »Blood On The Sun« aber nicht davon: Im letzten Drittel hätte man die Nummer etwas straffer halten können. Trotzdem bleibt sie einer der ambitionierteren und musikalisch stärkeren Beiträge der Platte, gerade weil sie nicht auf den schnellen Effekt setzt.

TRAUMMÜLL, FERNSEHFRATZEN UND GELDGESCHREI

Schon der Titel »Crap That Gets In The Way Of Your Dreams« ist so herrlich Cooper, dass man fast automatisch grinsen muss. Der Song beschäftigt sich mit all dem Ballast, der sich zwischen einen Menschen und seine Träume stellt. Alltag, Geld, Erwartungen, Frust, geistiger Müll, äußere Widerstände und innere Ausreden. Das Ganze wird aber nicht als wehleidige Selbsthilfenummer präsentiert, sondern als bissiger Garage-Rock-Song mit Punk-Kante.

Musikalisch gehört diese Nummer zu den kompaktesten und direktesten Momenten des Albums. Das Riff sitzt, der Groove macht Spaß, und der Song kommt ohne große Umwege auf den Punkt. Hier zeigt sich, dass die Alice Cooper Group dann am stärksten ist, wenn sie den Schmutz nicht wegpoliert. Gerade die leicht ruppige Art tut dem Album gut, weil sie verhindert, dass die Nostalgie zu gemütlich wird. »Crap That Gets In The Way Of Your Dreams« ist nicht nur ein starker Titel, sondern auch ein starker Song.

»Famous Face« nimmt sich anschließend die Welt der hohlen Bekanntheit vor. Hier geht es um Gesichter, die überall auftauchen, aber kaum Substanz mitbringen. Fernsehen, Öffentlichkeit, leere Selbstdarstellung, Prominenz als Selbstzweck: Das ist natürlich ein dankbares Thema für Alice Cooper, der seit jeher verstanden hat, dass Ruhm immer auch Theater, Maske und Groteske ist.

Musikalisch kommt der Song mit einem schönen Vintage-Twist aus den Boxen. Die Nummer groovt, besitzt bissige Gitarren und wirkt etwas kantiger als ein bloßer Mitsing-Rocker. Dass hier ein anderer Stimmcharakter ins Spiel kommt, tut dem Album gut, weil es die Bandseite stärker betont. Man hört, dass hier keine anonyme Begleittruppe hinter einem Frontmann steht, sondern eine historisch gewachsene Einheit. »Famous Face« ist zynisch, griffig und eines der Stücke, die mit jedem Durchlauf etwas mehr hängen bleiben.

»Money Screams« macht dann ziemlich unmissverständlich klar, worum es geht. Geld schreit, Geld lockt, Geld bestimmt, Geld frisst sich in Beziehungen, Wünsche und Moralvorstellungen. Inhaltlich kann man den Song als satirischen Blick auf Konsum, Gier und die grelle Lautstärke kapitalistischer Versprechen verstehen. Cooper wäre aber nicht Cooper, wenn daraus eine trockene Predigt würde. Das Ganze bleibt schräg, bissig und rockig.

Musikalisch stampft der Song ordentlich und besitzt eine eingängige, fast schon leicht rotzige Schlagseite. Nicht jeder Moment wirkt so zwingend wie bei den stärksten Nummern der Platte, aber der Groove trägt das Stück gut. Die Gitarrenarbeit ist solide, der Rhythmus schiebt, und der Song fügt dem Album eine weitere Facette hinzu. Vielleicht fehlt hier der letzte große Haken, der sich sofort im Gehirn festbeißt, aber als bissiger Kommentar funktioniert »Money Screams« durchaus.

CABARET AUS DER HÖLLE UND BLUES AUS DEM ALL

Mit »What A Syd« wird es dann herrlich schräg. Das Stück wirkt wie ein Abstecher in eine verrauchte Nachtbar irgendwo zwischen Vaudeville, Kabarett, Jazz-Club und Höllenvorzimmer. Wer hier einen geradlinigen Hard-Rock-Song erwartet, wird vermutlich kurz irritiert auf seine Anlage schauen. Doch genau solche Ausflüge gehören zur DNA von Alice Cooper. Dieser Mann war nie nur Riff und Lederjacke, sondern immer auch Zylinder, Schminke, Showtreppe und schwarzer Humor.

Inhaltlich lässt sich »What A Syd« als schrullige Charakterstudie über Exzess, Eigenart und vielleicht auch über jene Menschen verstehen, die am Rand des Normalen stehen und gerade deshalb faszinieren. Musikalisch ist die Nummer vielleicht nicht der härteste Moment des Albums, aber einer der charaktervollsten. Die swingende Grundierung, das leicht überdrehte Bühnengefühl und die bewusst theatralische Präsentation machen den Song zu einem charmanten Sonderling. Kein klassischer Hit, aber absolut Cooper.

»Inter Galactic Vagabond Blues« trägt seinen Unsinn bereits stolz im Titel. Und ja, dieser Song klingt tatsächlich so, als hätte jemand einen Blues-Rocker in ein altes Science-Fiction-B-Movie geworfen und ihm noch eine Mundharmonika in die Hand gedrückt. Das Ergebnis ist absurd, aber erfreulich unterhaltsam. Inhaltlich wirkt die Nummer wie eine kosmische Landstreicherfantasie, in der Weltraum, Blues und Spelunkenhumor miteinander kollidieren.

Musikalisch groovt das Ganze deutlich stärker, als man bei diesem Titel vielleicht erwarten würde. Die Mundharmonika bringt Dreck und Erdung, während die Gitarren den Song angenehm nach vorne treiben. Der Song ist sicher nicht die emotionalste Nummer der Platte, aber er macht Spaß und lockert das Album im richtigen Moment auf. Man muss solche Albernheiten mögen. Wer Alice Cooper aber nur bierernst hören will, hat vermutlich ohnehin nie ganz verstanden, worum es bei diesem Gesamtkunstwerk geht.

Dann folgt mit »What Happened To You« einer der historisch wichtigsten Songs der Platte. Schon allein durch den posthumen Beitrag von Glen Buxton trägt dieses Stück ein besonderes Gewicht. Das Lied wirkt wie eine Zeitkapsel, aber nicht wie eine staubige Reliquie. Eher so, als hätte man eine alte Tür geöffnet und dahinter noch einmal den Geruch von Verstärkern, Zigaretten, verschwitzten Clubs und jugendlichem Größenwahn gefunden.

Musikalisch ist »What Happened To You« ein flotter, klassischer Rock-’n’-Roller mit schönem Piano-Flair und einem authentischen Retro-Puls. Inhaltlich kann man den Song als Blick auf Veränderung, verlorene Nähe und die Frage lesen, was aus jemandem geworden ist, der früher einmal eine andere Energie ausgestrahlt hat. Gerade durch den Buxton-Bezug bekommt diese Frage eine zusätzliche emotionale Ebene. Das ist nicht der makelloseste Song des Albums, aber einer der berührendsten.

ALTE WURZELN UND EIN BLICK AUF DIE ANDERE SEITE

»I Ain’t Done Wrong« ist eine Verneigung vor den Yardbirds und damit auch vor einer musikalischen DNA, ohne die die frühe Alice Cooper Group kaum denkbar wäre. Hier kommt der Blues noch einmal deutlich stärker zum Tragen. Die Nummer klingt rau, direkt und bewusst nicht überproduziert. Man spürt, dass dieser Song nicht einfach nur als Füllmaterial auf die Platte gesetzt wurde, sondern als Erinnerung an jene Wurzeln, aus denen diese ganze Rock-Monstrosität irgendwann herausgewachsen ist.

Instrumental funktioniert das sehr gut, weil die Band den Blues nicht museal behandelt. Die Mundharmonika sitzt, die Gitarren haben genügend Biss, und der Groove trägt die Nummer mit einer gewissen Lässigkeit. Lyrisch geht es klassisch um Schuld, Unschuld, Rechtfertigung und diesen alten Blues-Gestus, bei dem sich ein Erzähler gegen Vorwürfe stemmt. Nicht neu, aber wirkungsvoll. Im Albumfluss ist »I Ain’t Done Wrong« ein erdiger Rückgriff auf die Basis.

Den Abschluss bildet »See You On The Other Side«, und hier wird es unerwartet emotional. Nach all dem Gift, dem Spuk, dem Dreck, dem Witz und dem Rock-’n’-Roll-Wahnsinn öffnet sich die Platte plötzlich zu einer Ballade, die nicht kitschig, sondern erstaunlich würdevoll wirkt. Inhaltlich geht es um Abschied, Erinnerung und das Versprechen, dass man sich auf irgendeine Weise wiedersehen wird. Natürlich kann man den Song im Kontext von Glen Buxton hören, und genau dann trifft er besonders stark.

Musikalisch ist das ein getragenes Finale, das nicht versucht, mit Gewalt noch einmal alles zu überbieten. Die Band nimmt sich zurück, lässt die Melodie atmen und gibt Alice Cooper Raum für eine Stimme, die hier nicht den Schockrocker, sondern den alten Weggefährten zeigt. Gerade deshalb funktioniert der Song so gut. »See You On The Other Side« ist kein billiger Feuerwerksabschluss, sondern ein letzter Blick zurück und zugleich ein Händedruck in Richtung Jenseits. Stark.

FAZIT:

»The Revenge Of Alice Cooper« ist kein Album, das krampfhaft beweisen muss, dass alte Männer noch rocken können. Es tut es einfach. Und genau das ist der entscheidende Punkt. Alice Cooper, Michael Bruce, Dennis Dunaway und Neal Smith klingen nicht wie eine nostalgische Karikatur ihrer selbst, sondern wie Musiker, die ihre gemeinsame Sprache noch immer verstehen. Natürlich hört man diesem Album seine Herkunft an. Es atmet Siebziger, Garage, Blues, Shock Rock und Vaudeville. Aber es wirkt nicht wie ein künstlich konserviertes Museumsstück.

Bob Ezrin hat dem Album einen Sound gegeben, der warm, organisch und angenehm unklinisch daherkommt. Die Platte knarzt an den richtigen Stellen, besitzt Charakter und verweigert sich erfreulicherweise jener modernen Rock-Glätte, die viele aktuelle Produktionen austauschbar macht. Nicht jeder Song ist ein Volltreffer. »Money Screams« und »One Night Stand« sind solide, aber nicht ganz auf dem Niveau der stärksten Nummern. Auch »Blood On The Sun« hätte trotz seiner starken Momente etwas kompakter ausfallen dürfen.

Doch das sind kleinere Einwände in einem Gesamtbild, das erstaunlich geschlossen funktioniert. Die stärksten Songs sind »Black Mamba«, »Wild Ones«, »Kill The Flies«, »Crap That Gets In The Way Of Your Dreams«, »What Happened To You« und »See You On The Other Side«. Besonders beeindruckend ist, dass dieses Album nicht nur von seiner historischen Bedeutung lebt, sondern tatsächlich musikalisch Spaß macht.

»The Revenge Of Alice Cooper« ist somit mehr Wiederauferstehung als Rache. Ein spätes Kapitel, das nicht peinlich nach Jugend giert, sondern seine Vergangenheit mit Würde, Witz und ordentlich Dreck unter den Fingernägeln weiterführt. Wer klassischen Hard Rock, Shock Rock, Blues-Rock-Groove und die theatrale Seite von Alice Cooper liebt, bekommt hier ein Album, das sehr viel besser ist, als man nach über fünf Jahrzehnten Pause realistischerweise erwarten durfte. Der Sarg ist offen, die Schlange zischt, und irgendwo grinst Glen Buxton wahrscheinlich mit. Rock ’n’ Roll.

Wild Ones Clip:

Internet

Alice Cooper - The Revenge Of Alice Cooper - CD Review

DEUS SABAOTH – Distortion of Lies

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cover artwork DEUS SABAOTH Distortion of Lies
cover artwork DEUS SABAOTH Distortion of Lies

Band: DEUS SABAOTH 🇺🇦
Titel: Distortion of Lies
Label: Paragon Records
VÖ: 25/05/26
Genre: Melodic Black Metal

Tracklist

01. Worship
02. Distortion of Lies
03. Last Gleam
04. Imperishable Script
05. Tree of Knowledge
06. For There Will Be Dawn
07. Wooden Box

Besetzung

N-Exul – Vocals
Ercld – Drums
Alyona Neith – Bass, Piano

Anton Vorozhtsov – Guitars
Sofia Konstantynova – Violin
Dmytro Kim – Drum Recording

Bewertung:

2,5/5

Die ukrainische Band DEUS SABAOTH, eine junge und sehr aktive Band, präsentiert ihr Sophomore-Album „Distortion of Lies„, ein Jahr nach dem Debüt. Sehr persönlich ist die Weise, wie die Band selbst das Album beschreibt: „„Distortion of Lies“ treibt durch die fragilen Architekturen, die wir errichten, um uns vor der Realität zu schützen. Es verfolgt die stille Verführung des Glaubens – ob in sakraler Sprache gehüllt oder aus verzweifelter Hoffnung zusammengenäht – und entlarvt, wie leicht Trost zu Täuschung wird.

Dissonanter Opener mit fragiler Melodielinie

Die ersten Akkorde des Albums sind sehr direkt, bereits erdrückend, geladen mit Emotion in dramatischer Klanglandschaft. „Worship“ hat dichten Klang, volle Instrumentierung, theatralische Vocals und ist insgesamt voll von Dissonanz. Die Leadgitarre versucht zwar permanent, mit fragiler melodischer Linie aufzutauchen, der Song schafft es primär, Atmosphäre und traurige, verzweifelte Stimmung zu erzeugen. Meist Black Metal, ohne dass „melodic“ eine notwendige Ergänzung wäre, um die Musik zu beschreiben.

DEUS SABAOTH ist ein ukrainisches Melodic Black Metal Projekt, 2023 gegründet. Das Trio setzt sich zusammen aus N-Exul an Vocals, Ercld an Drums und Alyona Neith an Bass, Piano, auch verantwortlich für Musikkomposition und Texte. Auch das Album hatte Session-Musiker auf dem Album: Anton Vorozhtsov an Gitarren, Sofia Konstantynova an Violine und Dmytro Kim für Drum-Aufnahme und teilweise Komposition.

Symphonische Instrumente mit traditionellem Folk-Melodie-Einfluss eröffnen „Distortion of Lies„, der aggressive Klang kehrt kurz nach der kurzen Eröffnungspassage zurück. Die Folk-beeinflussten Akkorde repräsentieren den melodischen Teil des Klangs, ansonsten ziemlich disharmonisch und keine wirklich inspirierte Komposition. Abrasiv, mit trostloser und kalter Atmosphäre, die gesprochenen Vocals, geschrien, versuchen wieder, mehr Dramatik zu setzen, und alles endet mit melancholischer Melodie gespielt von Violine. Eklektischer Klang, ein Song, der zu viele Einflüsse bringt, um kohärent zu bleiben.

Schlammige Produktion verfehlt melodische Seite

Die Produktion glänzt nicht wirklich, der Klang ist manchmal schlammig und unentschieden, Gitarren kamen nie wirklich nach vorn auf entschiedene Weise. Zu sehr fokussiert auf Vocals, und diese sind nicht immer überzeugend, auch eine leichte Abweichung vom melodischen Stil, den sie vorgeben zu spielen. Oder zumindest versagt die Produktion darin, die atmosphärische und melodische Seite des Albums einzufangen.

Und dieselbe Violine trägt den Klang weiter in „Last Gleam„, und jetzt wird ein voller Sinn von Verzweiflung und Trostlosigkeit klar. Die Vocals fühlen sich an, als würden sie kämpfen, während Leadgitarre in typischer Black Metal Technik den Klang näher an den musikalischen Stil bringt, den sie zu spielen behaupten. Keine unvergessliche melodische Linie allerdings, der ganze Klang fühlt sich erzwungen und nicht komplett durchdacht an.

Eröffnet mit Piano-Passage bringt „Imperishable Script“ den Klang in melodisches Territorium, mehr wie Melodic Death Metal, beweist wieder unklare Richtung, der die Band folgt. Wieder nicht wirklich überzeugende Vocals, wieder uninspirierte Komposition, die Kombination aus Violine und Leadgitarre scheint wie eine gute Idee, wird nicht klar verfolgt. Einige gute und vielversprechende Passagen im Song, am Ende überdeckt in übermäßig lauter Klanglandschaft, dennoch mit schönen Piano-Beiträgen.

Das Album setzt sich fort im selben trüben musikalischen Stil. „Tree of Knowledge“ ist wieder überdramatisiert, ohne zu viel musikalische Substanz, eine Kombination aus übertrieben melodischen Passagen über roher und erdrückender Fundamentschicht. „For There Will Be Dawn“ bringt wieder Folk-Musik-Einflüsse, variiertes Tempo, mit Violine, die sich diesmal vom Rest des Songs abgekoppelt fühlt.

Der finale Song „Wooden Box“ bringt klare trauernde Atmosphäre, geladen mit Emotionen und sehr langsamem Tempo. Die Instrumente bleiben hinter den Vocals und sind nicht mehr als nur eine laute Schicht hinter der verzweifelten Stimme. Die Tempowechsel unterstreichen das chaotische Gefühl und die unentschiedene Atmosphäre. Die Vocals fühlen sich überzeugender an als in anderen Songs, eine Spur Leidenschaft wird übertragen. Einer der besten Songs auf dem Album.

Unfertige Kompositionen ohne klare Vision

Keine sehr inspirierte Arbeit, mit Kompositionen, die sich unfertig und übereilt anfühlen, voll von Füllpassagen und die meiste Zeit nicht ganz wirklich melodisch oder atmosphärenerzeugend. Die Piano- oder Violine-Passagen, die, die Atmosphäre bringen sollen, sind nicht wirklich mit dem Rest der Songs verbunden, nur Passagen, die irrelevant in der ganzen Klanglandschaft des Albums werden.

Ein mittelmäßiges Album, Black Metal von der Stange, nichts wirklich Unvergessliches oder wirklich Beeindruckendes. Laut, ohne Dynamik, mit Produktion, die nicht hilft, die Musik besser auszudrücken. Total dominiert von Vocals, alles andere ist diesen untergeordnet, und mit Ausnahme des letzten Songs sind die Vocals nicht wirklich überzeugend. Keine klare Vision der Band, ein unentwickeltes, unfertiges Werk.

Fazit: DEUS SABAOTH liefern mit „Distortion of Lies“ mittelmäßigen Black Metal, schlammige Produktion und unfertige Kompositionen ohne klare Vision.

Internet

DEUS SABAOTH - Distortion of Lies

RESTLESS SPIRIT – Restless Spirit

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RESTLESS SPIRIT - Restless Spirit - cover artwork
RESTLESS SPIRIT - Restless Spirit - cover artwork

Band: RESTLESS SPIRIT 🇺🇸
Titel: Restless Spirit
Label: Magnetic Eye Records
VÖ: 08/05/26
Genre: Stoner/Doom Metal

Tracklist

01. The Burning Need
02. Hallowed
03. Red in Tooth and Claw
04. Desire Lines
05. Desolation’s Wake
06. Ember
07. Time and Distance
08. Phantom Pain

 

Besetzung

Paul Aloisio – guitar, vocals
Jon Gusman – drums
Marc Morello – bass

 

Bewertung:

4,5/5

Freundschaft, Frust und tonnenschwere Riffs

Manche Bands entstehen aus Casting-Ideen oder Szene-Kontakten. RESTLESS SPIRIT dagegen wuchsen aus einer jahrzehntelangen Freundschaft. Sänger und Gitarrist Paul Aloisio kennt Bassist Marc Morello seit der Zeit vor dem Kindergarten. Gemeinsam entdeckten sie Musik, verschlangen die großen Namen des Heavy-Metal und entwickelten irgendwann ihre eigene Klangsprache. Mit Schlagzeuger Jon Gusman formte sich daraus schließlich eine Band, die seit ihrem Debüt »Lord of the New Depression« konstant ihren Stil erweitert. Nach dem bereits deutlich vielseitigeren »Blood of the Old Gods« geht das Trio mit »Restless Spirit« nun den nächsten Schritt.

Die Zutaten bleiben vertraut, schwerer Doom, kantiger Stoner-Rock, ein Hauch Sludge und melodische Momente, die klar zeigen, dass BLACK SABBATH, TYPE O NEGATIVE oder THE SWORD tiefe Spuren hinterlassen haben. Doch statt bloßer Genre-Nostalgie setzt die Band auf Dynamik, starke Hooks und überraschend emotionale Tiefe.

Schwere Riffs mit viel Bewegung

Schon der Opener »The Burning Need« macht deutlich, wohin die Reise geht. RESTLESS SPIRIT arbeiten nicht mit endlosen Wiederholungen oder trägen Songstrukturen. Stattdessen entwickeln sich die Stücke permanent weiter. Fette Gitarrenwände treffen auf melodische Leads, während Aloisios Stimme rau und dennoch kontrolliert durch die Songs führt.

»Hallowed« gehört früh zu den stärksten Momenten des Albums. Der Song verbindet klassische Doom-Schwere mit fast hymnischen Refrains. Gerade hier zeigt sich, wie stark die Band inzwischen im Songwriting geworden ist. Die Stücke bleiben hängen, ohne ihre Härte zu verlieren.

Noch aggressiver wird es bei »Red in Tooth and Claw«. Das Trio zieht das Tempo leicht an und erinnert stellenweise an moderne Sludge-Acts, verliert aber nie den Sinn für Groove. Gusmans Drumming hält die Songs dabei ständig in Bewegung. Er spielt nicht einfach nur schwere Beats, sondern setzt Akzente, die den Tracks zusätzliche Spannung verleihen.

Atmosphärisch statt eindimensional

Besonders gelungen ist die Balance zwischen Wucht und Atmosphäre. »Desire Lines« nimmt sich mehr Raum für Melodien und wirkt fast hypnotisch. RESTLESS SPIRIT vermeiden die typische Falle vieler Doom-Bands, die Monotonie mit Atmosphäre verwechseln. Hier passiert ständig etwas. Kleine Gitarrenfiguren, Bassläufe und rhythmische Wechsel sorgen dafür, dass die Songs lebendig bleiben.

»Desolation’s Wake« drückt die Stimmung noch tiefer nach unten. Der Song lebt von seiner düsteren Grundspannung und erinnert phasenweise an die melancholische Seite von TYPE O NEGATIVE. Trotzdem klingt die Band nie wie eine Kopie ihrer Vorbilder. Dafür ist der eigene Charakter inzwischen viel zu stark ausgeprägt.

Mit »Ember« folgt ein fast schon nachdenklicher Moment. Das Stück funktioniert wie eine kurze Verschnaufpause, bevor »Time and Distance« erneut schwer auffährt. Gerade dieser Song zeigt eindrucksvoll, wie gut RESTLESS SPIRIT inzwischen mit Dynamik arbeiten. Zwischen schleppenden Doom-Passagen und druckvollen Ausbrüchen entsteht eine intensive Spannung, die den Hörer permanent festhält.

Ein Finale mit Nachwirkung!

»Phantom Pain« bildet einen starken Abschluss. Der Song bündelt viele Elemente des Albums noch einmal, massive Riffs, melancholische Atmosphäre und ein Gespür für große Melodien. Gerade im letzten Drittel entwickelt der Track eine emotionale Wucht, die lange nachhallt.

Produktionstechnisch bewegt sich das Album ebenfalls auf hohem Niveau. Aufgenommen und gemischt wurde im The Animal Farm Studio von John Forrestal, das Mastering übernahm Jon Markson. Der Sound wirkt druckvoll und organisch zugleich. Die Gitarren besitzen ordentlich Gewicht, ohne den Bass zu verschlucken, während das Schlagzeug angenehm natürlich klingt. Gerade im Doom- und Stoner-Bereich ist diese Balance nicht selbstverständlich.

Entwicklung statt Stillstand

Was »Restless Spirit« besonders stark macht, ist die klare Weiterentwicklung der Band. Viele Gruppen finden im Doom-Metal früh eine funktionierende Formel und bleiben dann jahrelang darin stecken. RESTLESS SPIRIT dagegen bauen ihren Sound konsequent aus. Die Songs sind abwechslungsreicher, melodischer und emotional stärker aufgeladen als auf den Vorgängern, ohne die rohe Energie der Anfangstage zu verlieren.

Dabei hilft vor allem das Gespür für Timing. Kein Song wirkt unnötig in die Länge gezogen. Selbst die langsamsten Momente behalten Spannung. Genau das unterscheidet starke Doom-Alben von bloß schweren Riff-Sammlungen.

RESTLESS SPIRIT liefern mit ihrem selbstbetitelten Album eines der stärksten Stoner/Doom-Releases der letzten Zeit ab. Die Band verbindet tonnenschwere Riffs mit echter Atmosphäre, starken Melodien und durchdachtem Songwriting. Statt sich auf Genre-Klischees auszuruhen, entwickeln die drei Musiker ihren Stil hörbar weiter. Genau deshalb funktioniert »Restless Spirit« nicht nur für eingefleischte Doom-Fans, sondern auch für Hörer, die in schweren Sounds mehr suchen als bloße Langsamkeit.

Fazit: »Restless Spirit« zeigt eine Band, die ihre musikalische Identität aus Freundschaft, Einfluss und Weiterentwicklung schöpft.

Internet

RESTLESS SPIRIT - Restless Spirit - CD Review

TEMPLE OF DREAD – Neues Album „Dreadspawn Dominion“ erscheint im August

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Temple of Dread - bandphoto
Photo Credit: Toni B. Gunner

TEMPLE OF DREAD – Neues Album „Dreadspawn Dominion“ erscheint im August 2026 via Testimony Records – Video-Single feiert Premiere

Testimony Records kündigen stolz das neue Full-Length-Album der deutschen Death-Metal-Meister TEMPLE OF DREAD mit dem Titel „Dreadspawn Dominion“ an, das am 7. August 2026 erscheinen wird.

Ein Videoclip zum Titeltrack feierte hier Premiere:

Gitarrist Markus Bünnemeyer erklärt:

„In der Unterwelt herrscht weiterhin Chaos – der Gott der Gottlosen schlägt zurück! Der Titeltrack unseres kommenden Albums ‚Dreadspawn Dominion‘ greift die Geschichte von Hades und Charon erneut auf und führt ihren Kampf um die Vorherrschaft über das schreckliche Reich des Terrors fort. Musikalisch ist es ein sehr thrashiger Song, stark inspiriert vom Songwriting der Achtzigerjahre! Volle Fahrt voraus!“

Wie eine mächtige Kriegstrireme verlassen TEMPLE OF DREAD ihren Hafen auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog, um mit dem gewaltigen Rammbug „Dreadspawn Dominion“ brutalen Death Metal auf all jene loszulassen, die es wagen, ihren Kurs zu blockieren.

Musikalisch bleiben TEMPLE OF DREAD ihren Old-School-Death-Metal-Wurzeln treu, erweitern jedoch gleichzeitig ihr Klangspektrum, indem sie ihre cineastischen Elemente weiter ausbauen. Noch dunklere und schwerere Atmosphären, die bereits auf den Vorgängeralben „Beyond Acheron“ (2023) und „God of the Godless“ (2024) stärker in den Fokus rückten, spielen erneut eine zentrale Rolle. Die erfahrenen Musiker nutzen ihr enormes Können und ihre hörbare Selbstsicherheit, um einem oft technisch dominierten Genre echte Emotionen einzuhauchen.

Erneut greifen die widerstandsfähigen Inselbewohner klassische Themen der Antike auf. Die Texte stammen wieder von ihrem Freund und langjährigen Wegbegleiter, dem Psychologen Frank „Doc“ Albers. Fans von TEMPLE OF DREAD werden bekannte Erzählstränge entdecken, insbesondere die Fortsetzung des Konflikts zwischen Charon, dem Fährmann der Seelen über den Fluss Styx, und Hades, der personifizierten Gottheit der Unterwelt.

Das beeindruckende Cover-Artwork von „Dreadspawn Dominion“ wurde erneut vom gefeierten italienischen Künstler Paolo Girardi gestaltet. Für die scharfkantige Produktion zeichnete wieder Jörg Uken verantwortlich, dessen renommiertes Soundlodge Tonstudio bereits Bands wie DEW-SCENTED, GOD DETHRONED, OBSCENITY und SUICIDAL ANGELS genutzt haben.

Die offensichtlichste Veränderung bei TEMPLE OF DREAD zwischen den Aufnahmen zu „God of the Godless“ und „Dreadspawn Dominion“ ist der Einstieg des zweiten Gitarristen Daniel Maurer sowie des Bassisten Andi Bauer, die der friesischen Band sowohl live als auch im Studio noch mehr Durchschlagskraft verleihen.

TEMPLE OF DREAD wurden 2017 auf Spiekeroog von Markus Bünnemeyer gegründet, mit dem klaren Ziel, kompromisslosen Old-School-Death-Metal zu spielen. Kurz darauf stießen Sänger Jens Finger und Schlagzeuger Jörg Uken dazu, die bis heute Teil des Line-ups sind. Bereits das Debütalbum „Blood Craving Mantras“ (2019) schlug in der Szene mächtig ein. Der hervorragende Ruf der Band wuchs mit den schnell darauf folgenden Alben „World Sacrifice“ (2020) und „Hades Unleashed“ (2021) weiter an.

Mit „Dreadspawn Dominion“ liefern TEMPLE OF DREAD nicht nur genau das, was sich Fans von Old-School-Death-Metal wünschen, sondern laden auch Hörer aus anderen dunklen und extremen Bereichen des Metal dazu ein, genauer hinzuhören. Lauscht und erkennt: Eine uralte Dunkelheit erhebt sich, um eure Seelen zu beanspruchen!

Tracklist

01. Wings of Immortality (Intro)
02. Dreadspawn Dominion
03. Born To Rot
04. Hybrid Horde Eternal
05. Death March
06. Blood Pyre
07. Scorched by Cosmic Fire
08. Rites of Blasphemy
09. Artisan of Oblivion
10. Infernal Eternity

 

Quellenangabe: SURE SHOT WORX Photo Credit: Toni B. Gunner

Ashen Horde – The Harvest

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Ashen Horde - The Harvest - cover artwork
Ashen Horde - The Harvest - cover artwork

Band: Ashen Horde 🇺🇸
Titel: The Harvest
Label: Independent
VÖ: 01.05.2026
Genre: Progressive Black Metal / Blackened Death Metal / Progressive Extreme Metal

Tracklist

01. Autumnal
02. Entropy and Ecstasy
03. Backward Momentum
04. Voids in the Ash
05. Remnant
06. A Place in the Rot
07. Apparition
08. The Harvest

Besetzung

<strong>Trevor Portz</strong> – Gitarre / Bass / Clean Vocals / Songwriting / Lyrics
<strong>Karl Chamberlain</strong> – Lead Vocals / Lyrics
<strong>Robin Stone</strong> – Schlagzeug

<strong>Ricardo Borges</strong> – Mixing
<strong>Tony Lindgren</strong> – Mastering
<strong>Venus Kohana</strong> – Artwork

Bewertung:

4,5/5

Wenn eine Band wie Ashen Horde ein Album »The Harvest« nennt, dann erwartet man natürlich keine gemütliche Landpartie mit goldenem Kornfeld und fröhlichem Sonnenuntergang. Nein, hier wird keine Ernte eingefahren, bei der Oma Marmelade kocht und Opa den Traktor poliert. Hier wird eher das eingesammelt, was nach Chaos, Verfall, Irrglauben, Naturgewalt und menschlicher Selbstzerstörung übrig bleibt. Und genau darin liegt die eigentliche Kraft dieses Albums.

Ashen Horde stammen aus den USA und haben sich längst einen Namen als Formation gemacht, die sich nicht brav in eine Genre-Schublade sperren lässt. Progressive Black Metal? Ja. Blackened Death Metal? Auch. Melodischer Extreme Metal? Ebenfalls. Doch wer hier nur mit Etiketten arbeitet, kommt schnell an seine Grenzen. Diese Band klingt nicht nach Baukasten, sondern nach einer Gruppe, die sehr genau weiß, wie man Härte, Melodie, technische Finesse und sperrige Ideen unter einen Hut bringt, ohne dabei den eigentlichen Song aus den Augen zu verlieren.

Mit »The Harvest« legen Ashen Horde ihr fünftes Studioalbum vor und brechen dabei mit einer alten Gewohnheit. Im Gegensatz zu früheren Veröffentlichungen handelt es sich diesmal nicht um ein klassisches Konzeptalbum mit einer durchgehenden Erzählung. Trotzdem zieht sich ein roter Faden durch das Werk: Enden. Persönliche Enden, gesellschaftliche Enden, historische Enden, kosmische Enden und letztlich auch das Ende der Illusion, dass der Mensch aus seinen Fehlern wirklich etwas lernt. Das klingt schwer, ist es auch, aber musikalisch wird daraus kein bleierner Klotz, sondern ein extrem vielschichtiges Album, das immer wieder neue Türen öffnet.

(Hört hier »The Harvest« in voller Länge an)

AUTUMNAL UND DER LANGSAME AUFSTIEG INS FEUER

Der Opener »Autumnal« beginnt nicht mit stumpfem Vollgas, sondern baut sich langsam auf. Das passt perfekt zum Thema. Herbst ist hier nicht romantische Melancholie mit bunten Blättern, sondern das Ende eines Zyklus. Alte Rituale, Erntezeit, Vergehen, Kälte und dieses Gefühl, dass etwas unwiderruflich kippt. Musikalisch wird genau diese Stimmung sauber eingefangen. Zunächst tastet sich der Song fast atmosphärisch nach vorne, bevor die Black-Metal-Eruptionen aufbrechen und das Stück in eine ganz andere Richtung zerren.

Gerade diese Dynamik ist eine der großen Stärken von Ashen Horde. Die Band versteht es, progressive Strukturen nicht als Selbstzweck zu nutzen. Hier wird nicht wild verschachtelt, nur damit jemand am Ende sagen kann, wie kompliziert alles ist. Stattdessen bekommt jeder Bruch, jede Tempowende und jede melodische Verschiebung eine Funktion. »Autumnal« ist also kein reiner Einstieg, sondern eher das Öffnen eines Tores. Dahinter liegt kein gewöhnliches Feld, sondern eine Landschaft aus Asche, Nebel und unruhigen Gedanken.

Mit »Entropy and Ecstasy« wird es dann deutlich wilder. Der Song trägt seinen Gegensatz schon im Titel. Entropie und Ekstase, Zusammenbruch und Lust, Chaos und Rausch. Inhaltlich geht es um zwei Menschen, die nicht am Untergang verzweifeln, sondern aus ihm sogar eine perverse Form von Energie ziehen. Das ist ein starkes Bild, weil es erschreckend gut in unsere Zeit passt. Während die Welt brennt, tanzen manche noch auf den Trümmern und nennen es Freiheit.

Musikalisch ist das Stück ein herrlich kantiger Brocken. Da sind diese verschrobenen, fast Voivod-artigen Gitarrenlinien, dazu Blastbeats, abrupte Wechsel und ein Gesang, der zwischen harscher Attacke und erstaunlich starken Clean-Vocals pendelt. Karl Chamberlain zeigt hier direkt, warum seine Stimme diesem Album eine neue Farbe gibt. Er kann schreien, growlen, beißen, aber auch melodisch führen. Und gerade diese melodischen Anteile sorgen dafür, dass »The Harvest« trotz aller Sperrigkeit nicht im reinen Extrem-Metal-Labyrinth verloren geht.

ZWISCHEN RÜCKSCHRITT UND MODERNER IRRATIONALITÄT

»Backward Momentum« ist schon vom Titel her ein wunderbar bitteres Bild. Rückwärts gerichtete Bewegung, ein Fortschritt in die falsche Richtung, eine Menschheit, die sich technisch weiterentwickelt, geistig aber wieder in Höhlenmalerei, Aberglauben und Verschwörungsdenken zurückfällt. Der Song nimmt genau diese gesellschaftliche Regression aufs Korn. Nicht plakativ, nicht mit dem Holzhammer, sondern mit einem zornigen Unterton, der sich musikalisch in verschachtelten Riffs, melodischen Gesangsschichten und überraschend rockigen Breaks entlädt.

Hier hört man besonders deutlich, wie stark Ashen Horde mit progressiven Mitteln arbeiten. Manche Parts erinnern in ihrer Wechselwirkung aus Härte und sauber gesetzten Gesangslinien durchaus an ältere Opeth-Momente, ohne dass die Band einfach kopiert. Dazu kommt ein 90er-Rock-Einschlag, der dem Song einen besonderen Charakter gibt. Das wirkt zunächst fast fremd im extremen Kontext, fügt sich aber erstaunlich gut ein. Genau an dieser Stelle merkt man: »The Harvest« will nicht nur hart sein, sondern auch eigenständig.

Und damit holen wir also die Ernte aus Black Metal mit progressiven Einflüssen ein. Denn genau hier liegt der Kern dieses Albums. Ashen Horde nehmen Black Metal nicht als starres Regelwerk, sondern als dunklen Grundboden. Darauf wachsen Death-Metal-Wucht, progressive Umwege, melodische Clean-Vocals, alternative Harmonien und eine ordentliche Portion musikalischer Wahnsinn. Das Ergebnis ist nicht immer leicht verdaulich, aber es bleibt spannend. Und lieber habe ich ein Album, an dem man sich reiben muss, als eines, das beim ersten Durchlauf schon alles gesagt hat.

»Voids in the Ash« führt anschließend nach Pompeji. Inhaltlich wird hier der Untergang der Stadt nicht nur als historische Katastrophe betrachtet, sondern auch als Blick aus verschiedenen Perspektiven: die Menschen, die dem Ascheregen ausgeliefert sind, und die göttlichen Mächte, die wie gnadenlose Richter über allem stehen. Das ist großes Stoff, aber Ashen Horde bekommen ihn musikalisch erstaunlich gut getragen. Der Song ist düsterer, langsamer, stellenweise fast grungig in den Harmonien, bevor plötzlich wieder Black-Metal-Ausbrüche wie glühende Lavabrocken durch die Struktur schießen.

POMPEJI, ASCHE UND DER MENSCH ALS RESTBESTAND

Gerade »Voids in the Ash« zeigt, wie gut Ashen Horde Atmosphäre aufbauen können. Der Song klingt nicht einfach nach historischem Thema, sondern nach Staub in der Lunge. Nach einer Stadt, die glaubt, noch Zeit zu haben, während der Himmel längst entschieden hat. Die melodischen Gesangslinien wirken hier fast geisterhaft, während die härteren Passagen das Unausweichliche verkörpern. Das ist keine stumpfe Katastrophenmalerei, sondern ein musikalisches Bild von Kontrollverlust.

Mit »Remnant« wird es dann persönlicher und beinahe erzählerischer. Hier geht es um einen Jäger, der in der Wildnis von einem Sturm überrascht wird, sich verirrt, scheinbar Rettung findet und am Ende doch von der Natur verschlungen wird. Keine Heldengeschichte, keine Erlösung, kein kitschiger Lichtstrahl am Horizont. Stattdessen zeigt der Song, dass der Mensch am Ende eben doch nur Gast in einer Welt ist, die ihn nicht braucht. Musikalisch ist das Stück etwas direkter, aber keineswegs simpel. Es hat Energie, Druck und einen starken Fluss, ohne sich in technischen Spielereien zu verlieren.

»A Place in the Rot« schlägt anschließend eine noch erdigere Richtung ein. Inspiriert von Swamp Thing kreist der Song um Verfall, Sterblichkeit und die Rückkehr in den Boden. Das klingt erst einmal nach typischem Metal-Stoff, ist hier aber deutlich philosophischer gemeint. Alles, was lebt, wird irgendwann Teil des Rots, Teil des Kreislaufs, Teil der Erde. Musikalisch nehmen Ashen Horde dafür etwas Tempo heraus und setzen stärker auf Melodie und Atmosphäre. Gerade der Anfang hat etwas Suchendes, fast Nachdenkliches, bevor die Härte wieder anzieht.

GEISTER, SCHULD UND DAS GROSSE ENDE

»Apparition« ist dann wohl einer der heftigsten Momente der Platte. Der Song wird aus der Perspektive eines Geistes erzählt, der menschliche Grausamkeit beobachten muss, aber nicht eingreifen kann. Diese Ohnmacht ist das eigentliche Grauen. Nicht der Tod selbst, sondern das ewige Zusehen. Das ist ein starkes lyrisches Motiv, weil es Schuld, Erinnerung und Strafe miteinander verbindet. Der Geist wird zum Gefangenen seiner eigenen Existenz, ohne zu wissen, ob er diese Strafe verdient hat oder nicht.

Musikalisch drücken Ashen Horde hier härter aufs Pedal. Früher Death Metal, Black-Metal-Schärfe, progressive Schlenker und diese typisch unruhige Rhythmik greifen ineinander. Trotzdem bleibt der Song nicht bloß eine technische Machtdemonstration. Er hat Atmosphäre, er hat Haken, und er hat genau diese ungemütliche Kante, die man sich von einem solchen Thema wünscht. Hier klingt nichts bequem. Und das ist gut so.

Der abschließende Titeltrack »The Harvest« bündelt schließlich vieles, was diese Platte ausmacht. Inhaltlich steht hier eine beobachtende, fast übermenschliche Instanz im Mittelpunkt, die die Menschheit aus dem Schatten heraus betrachtet und irgendwann entscheidet, dass genug ist. Das ist natürlich apokalyptisch, aber nicht billig. Vielmehr wirkt der Song wie eine Metapher auf die menschliche Neigung, sich selbst und den eigenen Planeten mit offenen Augen gegen die Wand zu fahren.

Musikalisch hat der Titeltrack eine gewisse Weite. Man spürt die Inspiration durch karge Landschaften, durch schwarze Strände, Eis, Wind und eine fast außerweltliche Natur. Gleichzeitig bleibt der Song fest im extremen Metal verankert. Die Riffs tragen, die Drums treiben, der Gesang setzt sich stark in Szene, und am Ende fühlt es sich tatsächlich so an, als würde diese Ernte nicht nur eingebracht, sondern über die Menschheit verhängt.

EIN ALBUM MIT IDEEN, DRUCK UND STARKER STIMME

Produktionstechnisch steht »The Harvest« sehr stark da. Das Album klingt druckvoll, modern und klar, ohne die Ecken glattzuschleifen. Gerade bei einer Band, die so viele verschiedene Elemente zusammenbringt, ist das enorm wichtig. Die Gitarren müssen schneiden, der Bass muss Fundament geben, die Drums müssen sowohl Blastbeat als auch Groove tragen, und die Vocals dürfen nicht im Mix untergehen. Genau diese Balance gelingt hier weitgehend hervorragend.

Natürlich ist »The Harvest« kein Album für Nebenbei-Hörer. Wer seine Songs gerne sofort nach Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Solo und Schluss sortiert, wird hier stellenweise ins Stolpern geraten. Manche Übergänge wirken bewusst kantig, manche Ideen prallen fast brutal aufeinander, und gerade der Wechsel zwischen Clean-Vocals, Screams und Growls kann im ersten Moment etwas viel sein. Aber genau dieses Risiko macht das Album interessant.

Was Ashen Horde hier gelingt, ist die Verbindung aus Anspruch und Songwriting. Die Band verliert sich nicht in akademischer Prog-Metal-Kopflastigkeit, sondern bleibt trotz aller Wendungen körperlich. Man kann zu diesem Album denken, aber man kann auch dazu die Nackenmuskulatur ruinieren. Und das ist in diesem Genre eine Qualität, die man nicht unterschätzen sollte.

FAZIT:

»The Harvest« ist ein starkes, vielschichtiges und mutiges Album geworden. Ashen Horde ernten hier nicht einfach die Früchte ihrer bisherigen Arbeit, sondern säen zugleich eine neue Phase ihrer Bandgeschichte aus. Mit Karl Chamberlain am Mikro hat die Formation eine Stimme gefunden, die sowohl die brutalen als auch die melodischen Seiten deutlich erweitert. Seine Clean-Vocals geben der Platte eine neue Dimension, ohne dass die extreme Schlagseite verloren geht.

Die Songs kreisen um Enden, Verfall, Katastrophen, Aberglauben, Naturgewalt, Schuld und menschliche Selbstzerstörung. Das klingt düster, ist es auch, aber »The Harvest« wirkt dabei nie eindimensional. Die Platte ist hart, melodisch, progressiv, manchmal sperrig, manchmal erstaunlich eingängig und immer wieder überraschend. Gerade »Entropy and Ecstasy«, »Backward Momentum«, »Voids in the Ash«, »Apparition« und »The Harvest« zeigen, wie stark diese Band geworden ist.

Ein paar Momente hätten vielleicht noch etwas geschmeidiger ineinanderfließen können, und nicht jede Wendung sitzt sofort beim ersten Hören. Doch genau das macht den Reiz aus. »The Harvest« ist kein Fast-Food-Album, sondern eine Platte, die man mehrfach hören muss, um ihre ganzen Verästelungen zu begreifen. Wer progressiven Black Metal mit Death-Metal-Wucht, starken Vocals, mutigen Songstrukturen und einer düsteren lyrischen Klammer sucht, bekommt hier eine verdammt starke Ernte eingefahren.

Entropy and Ecstasy Video:

<strong>Internet</strong>

Ashen Horde - The Harvest - CD Review

FOURNIER – Fournier

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cover artwork FOURNIER Fournier
cover artwork FOURNIER Fournier

Band: FOURNIER 🇳🇿
Titel: Fournier
Label: Caligari Records
VÖ: 22/05/26
Genre: Death Metal

Tracklist

01. Cast Adrift
02. Constructing the Ark
03. Supreme Ornaments
04. An Angel with a Bullet

Besetzung

Joe Wright – Guitars, Vocals
Daz Murray – Guitars
Jef Lepper – Bass, Drums

Quintin Ellery – Sound Design & Support

Bewertung:

4/5

Die neue Band aus Neuseeland FOURNIER präsentiert ihr erstes Werk „Fournier„, ursprünglich ein Demo-Tape, das jetzt als Album veröffentlicht wird, das Release kann auch einfach als „Demo“ gefunden werden. Sie beschreiben sich selbst: „Songs about the end of humanity, written at the end of the world„, ein Satz, der viel über ihre Vision und auch über ihren musikalischen Ansatz aussagt.

Technische Fähigkeiten schnell unter Beweis gestellt

Mit gruseligen und schaurigen Geräuschen, Schreien und Klängen der Verzweiflung startet das Album, eine zu lange Intro-Passage in den ersten Song „Cast Adrift„, gefolgt von massiven Riffs und solidem Rhythmus in finsterer Atmosphäre. Sie beweisen schnell ihre Musikalität und technischen Fähigkeiten. Ein erdrückender Klang, tiefgestimmte Gitarren und eine unermüdliche Leadgitarre, alles ergänzt durch tiefe Growls, verdoppelt durch plötzliche Schreie. Guter Death Metal, ein sehr guter Opener, ein vielversprechender Start.

FOURNIER kommen aus Wellington, sind immer noch eine sehr junge Band, 2023 gegründet. Erwartungsgemäß spielen alle Gründungsmitglieder noch in der Band: Joe Wright an Gitarren und Vocals, Daz Murray an Gitarren und Jef Lepper verantwortlich für Bass und Drums. Auch als Bandmitglied gelistet ist Quintin Ellery, spielt allerdings kein spezifisches Instrument, erwähnt als „sound design & immoral support„.

Das Album setzt sich fort in langsamerem Tempo in „Constructing the Ark„, dramatischere Akkorde, mit derselben Entschlossenheit und Leidenschaft. Noch komplexere Leadgitarre, und das Tempo zieht langsam an, der ganze Klang wird raffinierter, während der Song fortschreitet. Mit fast geflüsterten Vocals und ein wenig im Hintergrund, der Klang kompensiert mit heruntergestimmter Rhythmusgitarre, kommt mit erdrückenden, massiven Akkorden. Zum Song-Ende setzt gnadenlose Rhythmussektion viel Dynamik ins Stück, ein weiterer überzeugender Track.

Sehr gute Produktion für Demo-Tape

Die Produktion ist sehr gut, besonders in Anbetracht, dass das angeblich ein Demo-Tape sein soll. Ausbalanciert zwischen allen Instrumenten, mit vollem Klang, eine wirklich gute Errungenschaft. Sicher hilft auch das präzise Spiel der Band, das zu erreichen. Die Tatsache, dass Vocals manchmal sehr niedrig gemixt sind, ist höchstwahrscheinlich eine künstlerische Vision und behindert nicht das Gesamthörerlebnis.

Viel langsamer, mit der ersten Passage fast in Doom-Territorium, kommt „Supreme Ornaments“ mit langer Eröffnungssequenz, bevor sie den Angriff starten, und das wahnsinnig schnelle Tempo macht ein gutes Gegengewicht zu den langsamen Eröffnungsakkorden. Frenetisches Schlagzeugspiel, quietschende und dissonante Leadgitarre, funktionieren sehr gut im großartigen Kontext. Weniger direkt, experimenteller, aber nichts, das die Gesamtatmosphäre und Stimmung des Albums vermindert. Mit sehr guten Passagen, eine interessante Komposition.

Der Abschlusstrack „An Angel with a Bullet“ kehrt zu fokussierterer Komposition und dichterer Klanglandschaft zurück. Vocals kommen dominanter, die Riffs sind schnell und solid. Wieder weichen einige Tempowechsel den ganzen Song auf, insgesamt dennoch ein guter und respektiert den Ansatz der Band. Endet mit gruseligen Geräuschen, wie es startete, mehr wie ein Klischee als eine interessante Passage oder mit musikalischer Relevanz, jeder macht das allerdings, also wurde es fast zum Muss.

Vielversprechendes Debüt mit Potenzial

Eine gute kurze Arbeit, ein vielversprechendes Debüt, ein guter Weg, sich einem breiteren Publikum zu präsentieren. Die Tatsache, dass ein Demo unter einem Label erscheint, ist auch ein Zeichen der Anerkennung ihrer Arbeit. Und das ist total verdient, weil „Fournier“ ein Werk ist, kondensiert in sehr kurzen Raum, und sie schafften es, guten Gebrauch dieser 18 Minuten mit wirklich guten Songs zu machen.

Dunkler und komplexer Klang, klar verwurzelt in Old-School Death Metal, auch mit gewissem modernem Ansatz. FOURNIERs Debüt gibt Hoffnung für ein Full-Album, wo sie Kreativität und Power voll entfesseln können. Sie sind technisch, sie sind talentiert und klar sind sie voll von Leidenschaft. Und diese Qualitäten sollten genug sein, um ihnen eine gute Zukunft zu bringen.

Fazit: FOURNIER liefern mit „Fournier“ vielversprechendes Death-Metal-Debüt, technisch versiert, leidenschaftlich, kurz aber überzeugend.

Internet

FOURNIER - Fournier

VITRIFIER im Interview: Brutales Deathgrind-Chaos mit tödlichem Humor

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Interview: Beppo Fegesack mit Vitrifier

Erst jüngst haben wir bei Metal Underground das neue Album „IOCULATOR MORTIS“ von VITRIFIER rezensiert — ein wahnwitziges Deathgrind-Geschoss zwischen brutaler Präzision, groteskem Humor, völlig überdrehten Songtiteln und kontrolliertem Chaos. Die Band verbindet extreme Härte mit absurden Bildern, Death Metal, Grindcore, Deathcore, Horror-Ästhetik und einer fast schon cartoonhaft eskalierenden Komik, ohne dabei an musikalischer Schlagkraft zu verlieren. Statt bloß auf stumpfen Krach oder reine Provokation zu setzen, zeigen VITRIFIER, dass auch Wahnsinn Struktur haben kann — und dass ein guter extremer Song gleichzeitig brutal, clever und vollkommen bescheuert sein darf. Wir haben uns mit der Band getroffen und über „IOCULATOR MORTIS“, Humor im Deathgrind, Songwriting, visuelle Konzepte und die Kunst des musikalischen Kontrollverlusts gesprochen — gehen wir direkt rein ins Interview.

Hallo Vitrifier, danke, dass ihr euch zeit für Metal Underground nehmt! Wie würdet ihr die Grundidee hinter „IOCULATOR MORTIS“ beschreiben?

Was reiner Absurdismus im Metal leisten kann. Ein Haufen zufälliger Ideen, die wenig bis gar keinen Zusammenhang miteinander haben — und trotzdem irgendwie funktionieren. Das Beste und das Schlimmste passieren gleichzeitig. Der Titel der Platte bedeutet übersetzt „Narr des Todes“, und das fasst zusammen, was unsere Musik ist: ein sterbender Witz.

Euer Sound verbindet brutalen Deathgrind mit absurdem Humor. Wie wichtig ist diese Mischung aus Härte und Comedy für VITRIFIER?

Ziemlich wichtig! Bei dieser Art von Metal muss man eine feine Balance halten. Wir hätten problemlos extrem schlampigen Noisegrind machen können, mit möglichst kantigen Titeln und geschmacklosen Texten, und es dabei belassen können — aber das wäre faul gewesen. Sich die Mühe zu machen, gut geschriebene Instrumentals und starke Performances abzuliefern, macht die Texte umso lustiger: Humor, der ernst genommen wird!

Trotz all des Chaos wirkt das Album sehr kontrolliert und sorgfältig komponiert. Wie entsteht ein typischer VITRIFIER-Song?

In einen Song fließt eine Menge hinein, auch wenn der Prozess ziemlich geradlinig und linear ist. Bevor ich das Instrumental schreibe, habe ich ein Ritual: Ich trinke etwa drei bis vier Tassen schwarzen Kaffee, während ich meine Sammlung verschiedener Extreme-Metal-Platten durchsehe und anhöre. Meine Einflüsse können von ultraschnellem Grindcore wie Dead in the Dirt und The Afternoon Gentlemen bis hin zu langsamem, stumpf walzendem Doom Metal wie Iron Monkey und Drug Honkey reichen.
Dann beginne ich damit, das Instrumental zu schreiben, ohne zunächst irgendwelche Titel daran zu knüpfen. Drums und Bass zu programmieren sowie Rhythmus- und Leadgitarren aufzunehmen, dauert etwa vier bis sechs Stunden, je nachdem, wie ich den Song strukturiere. In letzter Zeit habe ich damit experimentiert, Post-Production-Elemente wie Sub-Drops, Riser und Impacts einzubauen. Natürlich brauchen nicht alle unsere Songs Post Production, aber manche Songs profitieren wirklich davon, diese Elemente zu haben.
Sobald das Instrumental fertig ist, bitte ich unseren Sänger Eric, mit mir in eine Discord-Session zu kommen, um Texte zu schreiben. Normalerweise bringen wir unsere eigenen Songtitel mit, bevor wir die Lyrics schreiben, und ordnen die Titel dann einem Instrumental zu. Wir besprechen, worum es in der Geschichte auf Basis des Titels gehen sollte, und improvisieren einfach. Nachdem wir die Texte geschrieben, sortiert und gekürzt haben, nimmt Eric die Vocals bei sich zu Hause auf und schickt sie mir. Danach mische und mastere ich alles selbst, teste die Mixe auf verschiedenen Geräten — und das war’s! Für diese Platte hatten wir insgesamt etwa 42 Demos, die wir auf 20 vollständige Songs reduziert haben, also etwa zehn Demos mehr als beim letzten Album.

Viele Songtitel sind extrem bildhaft und völlig überdreht. Was kommt normalerweise zuerst: der Titel, der Text oder die musikalische Idee?

Der Titel! Das ist das Wichtigste bei der Entwicklung eines Songs. Er kann einem die visuelle Inspiration geben, um Texte zu schreiben. Wenn wir Titel entwickeln, versuchen wir, uns gegenseitig zu übertreffen, indem wir uns die absurdesten, verrücktesten, unmöglichsten und dümmsten Titel ausdenken, die uns einfallen. Was uns am härtesten zum Lachen bringt, behalten wir und packen es aufs Album!

„IOCULATOR MORTIS“ wirkt noch brutaler, präziser und vielseitiger als euer bisheriges Material. War es ein bewusstes Ziel, euch mit diesem Album weiter zu pushen?

Absolut! Ich wusste, dass wir beide unsere Fähigkeit verbessern können, bessere Deathgrind-Songs zu schreiben. Auch die Produktion ließ sich definitiv verbessern. Natürlich ist man hinterher immer schlauer, und damals dachten wir, unser letztes Album sei das Beste seit geschnittenem Brot. Aber wenn man sein altes Material mit frischer Perspektive und mehr Erfahrung hört, fallen einem Fehler auf, die man leicht hätte beheben können. Also wollten wir diese Fehler mit dieser Platte gewissermaßen korrigieren, vor allem bei Produktion und Mixing. Meine Idee ist, dass es mit jedem neuen Album eine kleine, aber spürbare Verbesserung gibt, basierend auf dem, was zuvor gefehlt hat.

Wie schwierig ist es, Humor in ein extremes Genre wie Deathgrind einzubringen, ohne Intensität oder Wirkung zu verlieren?

Ich würde nicht sagen, dass es allzu schwierig ist — andererseits wirkt die Gegenüberstellung dieser beiden Dinge nicht unbedingt so, als würde sie funktionieren. Was es für uns meiner Meinung nach einfacher macht, ist, dass wir unsere Musik ernst nehmen, so wie es jede andere Deathgrind-Band auch tun würde. Wir haben uns angesehen, was Primus beim Songwriting machen: Man kann im Grunde über alles schreiben, wenn man talentiert ist und die Musik gut ist!

Welche Rolle spielen Einflüsse aus Death Metal, Grindcore und Deathcore in eurem aktuellen Sound?

Bei diesem Album haben Einflüsse eine wichtigere Rolle gespielt als zuvor. Ich denke, sie haben uns zu besseren Musikern gemacht. Uns selbst dazu anzutreiben, mehr wie unsere Lieblingsbands zu werden, hat uns bessere Songs schreiben lassen. Viele meiner Einflüsse auf diesem Album sind Misery Index, Pig Destroyer und Whitechapel. Davor, als ich Teenager war, habe ich viel Powerviolence gehört, zum Beispiel Nails. „You Will Never Be One Of Us“ war mein Einstieg in Extreme Metal. Eric ist von viel modernem Deathcore und Melodic Death Metal beeinflusst, etwa Lorna Shore, Slaughter to Prevail und In Flames. Das Album ist definitiv sehr inspiriert.

Das Album enthält viele kurze Songs, die trotzdem eine Menge Ideen in sich tragen. Wie entscheidet ihr, wann ein Song fertig ist?

Er ist fertig, kurz bevor er beginnt, seine Begrüßung zu überziehen. Die besten Arten von Witzen gehen nicht ewig weiter. Sie haben eine Struktur!

Die Texte wirken oft wie groteske Kurzgeschichten zwischen Popkultur, Horror, Alltagssatire und völliger Eskalation. Woher kommen diese Ideen meistens?

Diese Ideen kommen vom Spielen von D&D– und Warhammer-Kampagnen, vom Anschauen von MeatCanyon-Videos und davon, online zufällige Memes zu finden. Wir machen keine direkten Referenzen auf diese Dinge, aber es ist subtil genug.

Wie wichtig ist die visuelle Seite von VITRIFIER, also Artwork, Logo, Videos und die gesamte Präsentation des Albums?

Definitiv wichtig. Wir waren beim Artwork schon immer experimentell. Das Artwork dieses Albums wurde vom Poster zu Saw 3D, von „Rise to Ruin“ von Gorefest und von vielen Oldschool-Deathcore-Covern inspiriert, die Photoshop nutzen. Wir wollten, dass es aussieht, als käme es aus einem Horrorfilm: massiv und bedrohlich, genau wie unsere Musik. Sogar unser Logo bekam ein metallisches Upgrade, damit es einheitlicher zur Szene passt. Die Musikvideos, die wir auf YouTube haben, sind schnell geschnitten und epileptisch. Die Ästhetik, die wir aufgebaut haben, ist wahnsinnige komödiantische Schizophrenie!

Was war die größte Herausforderung während der Entstehung von „IOCULATOR MORTIS“?

Unsere Zeitpläne zu organisieren. Das Album hat etwa elf Monate gedauert, weil wir keine Zeit zum Schreiben oder Aufnehmen hatten. In unserem Leben war viel los. Beerdigungen besuchen, eine Hochzeit planen, in Produktion und Events arbeiten — solche Dinge. Aber wir haben es durchgezogen, und wir sind froh, dass wir es geschafft haben!

Was sollten Hörer nach dem ersten kompletten Durchlauf von „IOCULATOR MORTIS“ idealerweise fühlen: Schock, Lachen, Erschöpfung — oder alles auf einmal?

Jeder kann fühlen, was er will! Es gibt keine richtige oder falsche Art, das Album zu hören! Aber wenn wir uns entscheiden müssten: alles auf einmal und noch mehr — mit einer Tüte Skittles!

VITRIFIER – Interview