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The Carburetors im Fast-Forward-Rock’n’Roll-Interview: „Wir leben für die Nacht, die Straße und die Bühne.“

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Interview: Beppo mit The Carburetors

The Carburetors reiten durch die Nacht – und der Rock’n’Roll lebt!

Seit 2001 bringen The Carburetors ihren selbst ernannten Fast Forward Rock’n’Roll auf die Bühnen. Auch nach 25 Jahren denken die fünf Norweger nicht daran, den Motor abzustellen. Ganz im Gegenteil: Mit ihrem neuen Album „We Ride At Night“ liefern sie eine kompakte Vollgasfahrt zwischen klassischem Rock’n’Roll, Punk-Attitüde, Hard Rock und Heavy Metal ab.

Neun Songs und ein filmreifes Intro reichen der Band, um ihre Botschaft unmissverständlich zu vermitteln: Rock’n’Roll muss laut, unmittelbar und lebendig sein. Dabei geht es The Carburetors nicht allein um schnelle Riffs, eingängige Refrains und schweißtreibende Konzerte. Die Musiker warnen zugleich vor einer Musikindustrie, die sich zu sehr auf Wiederveröffentlichungen alter Klassiker verlässt und jungen Bands dadurch dringend benötigte Unterstützung vorenthält.

Im Gespräch mit Beppo erzählen Eddie Guz, Chris Marchand, King O’ Men, Chris Nitro und Phillie Obuskovic von der Entstehung des Albums, ihrem Leben als ewige Außenseiter, der Bedeutung von Lautstärke und Zusammenhalt sowie ihrer besonderen Mischung aus Chuck Berry, Motörhead, Judas Priest, Punk und hemmungsloser Spielfreude.

Rock’n’Roll Never Dies – Official Video

Hallo Eddie, Chris Marchand, King O’ Men, Chris Nitro und Phillie, herzlich willkommen! Wie geht es euch, und welche Stimmung herrscht innerhalb von The Carburetors, nachdem „We Ride At Night“ endlich veröffentlicht wurde?
THE CARBURETORS: Vielen Dank, dass wir dabei sein dürfen! Wir schweben gerade auf einer absoluten Euphoriewelle. Die Reaktionen, die wir seit der Veröffentlichung erhalten haben, sind unglaublich. Ein besonderer Dank geht dabei an Beppo für die Wertung von vier von fünf Punkten. Das bedeutet uns wirklich viel.
Die Veröffentlichung ist noch so frisch, dass wir die physische Ausgabe selbst erstmals bei unserer Signierstunde auf dem Tons of Rock in den Händen gehalten haben!
Die Band läuft bereits seit 2001 mit ihrem ganz eigenen „Fast Forward Rock’n’Roll“. Was hält den Motor nach 25 gemeinsamen Jahren noch immer am Laufen?
THE CARBURETORS: Es ist unsere Liebe dazu, auf der Bühne zu stehen und Rocker sowie Metalheads zu unterhalten. Wir lieben es, gemeinsam echten, hart zuschlagenden Fast Forward Rock’n’Roll zu spielen, und davon werden wir einfach niemals müde.
Selbst nach 25 Jahren fühlt es sich beim Betreten einer Bühne noch immer so an, als wäre das der einzige Ort, an den wir wirklich gehören.
„We Ride At Night“ ist ein kompaktes Album, das kaum länger als eine halbe Stunde dauert. War es von Anfang an euer Plan, eine Platte ohne Umwege aufzunehmen, oder hat sich diese Direktheit während des Songwritings ganz natürlich entwickelt?
THE CARBURETORS: Das war von Anfang an eine bewusste Entscheidung. Wir sind eine Liveband, und genau das sollte sich auf dieser Platte widerspiegeln. Keine Lückenfüller, sondern direkt auf den Punkt.
Jedes Bandmitglied brachte eigene Songs mit, die wir anschließend gemeinsam zu dem geformt haben, was heute auf dem Album zu hören ist. Warum sollte man etwas unnötig in die Länge ziehen, wenn jeder Song bereits ab der ersten Sekunde hart treffen kann?
Neun Stücke und ein Intro, das die passende Kulisse schafft. Keine Umwege, und das fertige Master wurde einen Tag vor Ablauf der Deadline abgeliefert. Genau so wollten wir in die Nacht reiten.
Wofür steht der Titel „We Ride At Night“ für euch? Für Freiheit, Gefahr, das Leben auf Tour oder einfach für jene Welt, in der sich The Carburetors am wohlsten fühlen?
THE CARBURETORS: Er steht für all diese Dinge gleichzeitig, und genau deshalb funktioniert er so gut als Albumtitel. Für uns beschreibt er etwas sehr Reales und bringt zum Ausdruck, wer wir sind.
Wir sind keine Nine-to-five-Band. Wir leben für die Nacht, die Straße und die Bühne. Gleichzeitig stecken Loyalität und Brüderlichkeit in diesem Titel. Es geht darum, immer aufzutauchen und seinen Mann zu stehen, ganz gleich, was geschieht.
Außerdem besitzt der Titel eine gewisse Außenseiterkomponente. Die Leute schreiben dich ab, rechnen nicht mehr mit dir – und dann tauchst du mitten in der Nacht auf und bläst sie einfach weg. Natürlich rein musikalisch betrachtet. Manchmal ist das eben die beste Rache.
Das atmosphärische Intro arbeitet mit Sirenen, Hubschraubern und einer beinahe filmreifen Verfolgungsstimmung, bevor „Down In Flames“ hereinbricht. Gab es hinter dieser Eröffnungssequenz eine übergeordnete Geschichte oder ein größeres Konzept?
THE CARBURETORS: Der Satz „We Ride At Night“ symbolisiert für uns einen Kampf aus dem Untergrund. Deshalb basiert das gesamte Intro auf der Atmosphäre eines postapokalyptischen Widerstands.
Wir sind große Fans von Action- und Horrorfilmen der Achtzigerjahre. Daher erschien uns ein Intro passend, das klingt, als würden die Stimmungen von „RoboCop“ und „A Nightmare on Elm Street“ aufeinandertreffen.

We Ride At Night – Full Album Stream

„Down In Flames“ könnte von einem spektakulären Scheitern, Selbstzerstörung oder der Weigerung handeln, selbst dann aufzugeben, wenn bereits alles zusammenbricht. Worum geht es in dem Song aus eurer Sicht wirklich?
THE CARBURETORS: Eine entscheidende Textzeile lautet: „Wenn wir untergehen, werdet ihr unsere Namen kennen.“
Wir waren schon immer Außenseiter und sind es in vielerlei Hinsicht noch heute. Aber wir haben uns jeden Zentimeter unseres bisherigen Weges erkämpft – gegen Hass, Zweifel und alles, was uns sonst noch entgegengeschleudert wurde.
Und trotzdem kennt ihr unseren Namen. Genau darum geht es in diesem Song.
„Let You Down“ ist vergleichsweise melodisch und besitzt einen der unmittelbarsten Refrains des Albums. Ist der Titel als Versprechen gemeint, jemanden nicht zu enttäuschen, als Eingeständnis des eigenen Scheiterns oder doch eher als konfrontative Aussage?
THE CARBURETORS: „Let You Down“ handelt davon, den Punkt zu erreichen, an dem es kein Zurück mehr gibt, und etwas endgültig hinter sich zu lassen.
Der Song erzählt die Geschichte einer gequälten Seele, die niemals wirklich zufrieden ist und deshalb ständig weiterziehen muss – selbst wenn sie dadurch andere Menschen enttäuscht oder im Stich lässt.
Gleichzeitig kann man den Text als Geschichte über Schuldgefühle, Selbstzerstörung und innere Dämonen verstehen. Letztlich beschreibt er den Augenblick, in dem alles auseinanderbricht und kein Weg mehr zurückführt.
Mehrere Stücke feiern den Rock’n’Roll sehr offen, insbesondere „I Wanna Rock’n’Roll“ und „Rock’n’Roll Never Dies“. Nachdem das Genre über Jahrzehnte hinweg immer wieder für tot erklärt wurde: Sind diese Songs für euch reine Unterhaltung, ein Manifest oder eine Antwort auf die moderne Musikindustrie?
THE CARBURETORS: Wir müssen wohl die Nachricht verpasst haben, dass Rock’n’Roll tot sein soll. Von dort, wo wir gerade stehen, klingt er jedenfalls noch ziemlich lebendig.
Aber ernsthaft: Die Songs sind zunächst einmal eine Feier all dessen, was wir lieben. Gleichzeitig glauben wir, dass das Genre momentan eine Generationskrise durchlebt. Ein großer Teil dieses Problems wird von der Musikindustrie selbst verursacht.
Es erscheinen endlos viele Neuauflagen klassischer Alben. Das ist natürlich grundsätzlich eine coole Sache, versteht uns nicht falsch. Wenn diese Veröffentlichungen jedoch dazu führen, dass jüngere Künstler nicht mehr die Unterstützung erhalten, die sie verdienen, bewegen wir uns langsam auf einen Zustand zu, den keiner von uns erleben möchte.
Die Songs sind somit eine Feier, aber auch eine Erinnerung: Geht raus und schaut euch junge Bands an. Kauft ihr Merchandise und besucht ihre Konzerte. Genau dadurch wird der Rock’n’Roll niemals sterben.
Eure Musik wird häufig als jener Punkt beschrieben, an dem Chuck Berry mit Motörhead kollidiert. Hat sich das Verhältnis zwischen frühem Rock’n’Roll, Punk, Hard Rock und Heavy Metal verändert, während die Band älter geworden ist?
THE CARBURETORS: Das Fundament hat sich niemals verändert. Chuck Berry und Motörhead stecken ohne jeden Zweifel in unserer DNA.
Die Punk-Attitüde bringen wir vor allem in unsere Liveshows ein. Dort entsteht diese rohe und ungefilterte Energie. Gleichzeitig haben wir Heavy Metal schon immer geliebt, wobei Judas Priest natürlich eines der offensichtlichsten Beispiele sind.
Wirft man all diese Einflüsse gemeinsam in einen Raum, kommt am anderen Ende ganz automatisch Fast Forward Rock’n’Roll heraus. An diesem Rezept wird sich nichts ändern.
Das Einzige, was sich mit zunehmendem Alter verändert hat: Auf Tour bevorzugt mittlerweile jeder von uns sein eigenes Hotelzimmer.
„Shot At Dawn“ bringt eine dunklere und beinahe militärische Atmosphäre auf das Album. Bezieht sich der Titel auf seine historische Bedeutung, oder steht das Erschießungskommando sinnbildlich für Verurteilung, Verrat und die Verdammung durch andere Menschen?
THE CARBURETORS: Chris Marchand spielte vor seinem Einstieg bei The Carburetors in einer Melodic-Death-Metal- und Metalcore-Band namens Shot At Dawn. Wir fanden diesen Namen schon immer ziemlich cool.
Zeitweise hatten wir sogar überlegt, das gesamte Album so zu nennen. Als Chris schließlich mit diesem Stück ankam, hatten wir allerdings das Gefühl, dass der Name wesentlich besser zu diesem Song passt.
„You Need It Loud“ klingt zunächst wie eine sehr direkte Forderung. Bedeutet Lautstärke für The Carburetors jedoch noch etwas Tiefergehendes – möglicherweise eine Ablehnung von Zurückhaltung, Konformität und übermäßig glattgebügelten modernen Rockproduktionen?
THE CARBURETORS: Wir leben nach dem Grundsatz: „Wenn es zu laut ist, bist du zu alt.“ Das fasst auch unsere gesamte Herangehensweise an die Produktion ziemlich treffend zusammen.
Wir versuchen nicht, diesem polierten und vollkommen risikofreien modernen Rocksound hinterherzulaufen. Uns ist es lieber, wenn die Musik hart trifft und sich echt anfühlt, anstatt vollkommen perfekt zu klingen.
Wir sind außerdem große Anhänger der Einstellung: „Dieser Verstärker geht bis elf.“ Wir lieben Spinal Tap. Warum sollte man bei zehn aufhören, wenn man noch weitergehen kann? Diese Denkweise steckt nicht allein hinter dem Song, sondern hinter dem gesamten Album.
„Electric Shock“ gehört zu den kürzesten und aggressivsten Stücken des Albums. Lebt die Aufnahme hauptsächlich von der Energie der ersten Takes, oder erforderte ein derart kompakter Song eine sorgfältigere Konstruktion, als es beim Hören zunächst den Anschein hat?
THE CARBURETORS: Auch wenn es vielleicht so klingt, als hätten wir den Song innerhalb von zwei Minuten und 30 Sekunden geschrieben, ist die Sache natürlich etwas komplizierter.
Die grundlegende Idee und das Gitarrenriff existierten bereits seit einer gewissen Zeit. Der Text handelt davon, einer Frau beim Tanzen zuzusehen: „Baby, du wurdest geboren, um dich zu bewegen.“ Die Struktur erinnert ein wenig an ein Blues-Schema, wird aber in einem groovenden Motörhead-Stil gespielt.
Im Studio war es vermutlich tatsächlich der erste oder zweite Take. In solchen Fällen muss man die Energie einfach bewahren.
„Sharpen The Blades“ arbeitet mit ausgesprochen kämpferischen Bildern. Für wen oder was werden die Klingen geschärft, und wird der Song stärker von Rache, Überlebenswillen oder der Vorbereitung auf einen weiteren Kampf angetrieben?
THE CARBURETORS: „Sharpen The Blades“ wurde von der Schlacht von Stiklestad im Jahr 1030 inspiriert.
Der Song beschreibt die letzten Stunden, bevor sich die Krieger ihrem Feind in einer der entscheidendsten Schlachten Norwegens stellen. Es war jene Schlacht, in der König Olaf II. fiel.
Über den historischen Hintergrund hinaus geht es allerdings auch um die Vorbereitung auf die persönlichen Kämpfe des Lebens. Der Song behandelt die mentale Entschlossenheit, den Mut und die Bereitschaft, die notwendig sind, um sich überwältigenden Herausforderungen zu stellen – unabhängig davon, ob der Feind vor einem steht oder sich im eigenen Inneren befindet.
Das Album endet mit „Who Likes To Boogie?“, wodurch eure Rockabilly- und frühen Rock’n’Roll-Einflüsse besonders deutlich in den Vordergrund treten. Warum war ausgerechnet dieser Song der passende Abschluss für die Platte?
THE CARBURETORS: Nun ja, wir glauben tatsächlich, dass er perfekt ans Ende passt. Der Song wurde als Hommage an Rick Parfitt geschrieben, und grundsätzlich sollten deutlich mehr Menschen Status Quo hören.
Das Stück stellt sämtliche wichtigen Fragen des Lebens: „Mag irgendjemand Rock? Mag irgendjemand Roll? Mag irgendjemand Boogie?“
Darauf gibt es selbstverständlich nur eine richtige Antwort: „Jeder!“ Außerdem zaubert der Song den Menschen jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht, wenn wir ihn live spielen.

Who Likes To Boogie? – Official Video

Eddies Stimme hat The Carburetors schon immer eine unverwechselbare Identität verliehen. Hat sich eure Art, Melodien und Gesangslinien zu schreiben, im Laufe der Jahre verändert, um sowohl die raue als auch die melodische Seite seiner Stimme stärker auszunutzen?
THE CARBURETORS: Wir möchten musikalisch kein vollständiges One-Trick-Pony sein. Deshalb experimentiert Eddie an den passenden Stellen durchaus mit melodischeren Passagen.
Wir lieben gute Refrains zum Mitsingen. Dafür braucht man eingängige Melodien, die das Ganze tragen. Wir suchen deshalb immer nach dem idealen Schnittpunkt zwischen rauem Rock und einer Melodie, die uns die Leute bei einem Konzert entgegenschreien können, ohne dass wir dabei unsere Identität verlieren.
Allerdings wollen wir die Sache auch nicht überdenken. Es muss Rock sein, es muss schnell sein, man muss dazu Bier trinken wollen, und es muss eingängig bleiben. Es muss einfach Fast Forward Rock’n’Roll sein!
Chris Marchand und Phillie Obuskovic machen aus euren Songs nur selten einen Gitarrenwettbewerb. Stattdessen bauen sie ihre Riffs und kurzen Leads aufeinander auf. Wie teilt ihr beide die Aufgaben auf, wenn ein neues Stück arrangiert wird?
THE CARBURETORS: Das hängt vom jeweiligen Song ab. Bei The Carburetors gab es schon immer eine klare Aufteilung: eine Rhythmusgitarre und eine Leadgitarre.
Mit Phillie an Bord besitzen wir jedoch die Möglichkeit, dieses Konzept gelegentlich etwas zu erweitern. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir jetzt vollständig auf Iron Maiden machen und jeden Song mit endlosen Soli zerlegen werden.
Wir können durchaus shredden, wissen aber auch, wann wir damit aufhören müssen. Wir sind noch immer The Carburetors und bleiben unserem Kern treu. Wenn es an der richtigen Stelle funktioniert, können wir uns jedoch ein zusätzliches Lead, eine Harmonie oder ähnliche Feinheiten erlauben.
King O’ Men und Chris Nitro erzeugen den Vortrieb, durch den die Gitarren so direkt bleiben können. Wie häufig beginnt das Songwriting bei euch mit der Rhythmusgruppe und nicht mit einem bereits vollständig ausgearbeiteten Gitarrenriff?
THE CARBURETORS: Wenn jemand einen neuen Song mitbringt, nimmt er zunächst meistens alle Instrumente selbst auf, um den anderen die grundlegende Idee vermitteln zu können.
Was die Rhythmusgruppe betrifft, sind diese Demos allerdings noch ziemlich rudimentär. Jeder in dieser Band weiß jedoch, was einen Song von The Carburetors ausmacht. Deshalb kennt auch jeder seinen Platz innerhalb des Arrangements.
Seine endgültige Gestalt erhält der Song erst, wenn wir gemeinsam proben, Chris Nitro seine Magie am Schlagzeug entfaltet und King O’ Men den Bass darunterlegt. In diesem Moment beginnt das Stück wirklich zu leben.
Mit „Don’t Touch The Flame“ habt ihr 2012 das Finale des norwegischen Melodi Grand Prix erreicht. Hat euch diese Erfahrung im Rückblick nützliche Türen geöffnet, oder befandet ihr euch dort in einem Umfeld, das nie vollständig zu The Carburetors gepasst hat?
THE CARBURETORS: Wenn man Rock’n’Roll spielt und die Möglichkeit erhält, vor 1,2 Millionen Menschen aufzutreten, sagt man nicht Nein.
Eine derartige Aufmerksamkeit könnte sich eine Rockband aus eigener Kraft niemals leisten. Rock’n’Roll muss die Menschen erreichen. Deshalb sollte man jede Gelegenheit nutzen, ihn einem neuen Publikum zu präsentieren – ganz gleich, was dafür notwendig ist oder wo dieser Auftritt stattfindet.
Und um deine Frage direkt zu beantworten: Wir glauben nicht, dass es irgendein Umfeld gibt, in das wir nicht passen. Im Zweifelsfall machen wir es einfach passend.
Ihr habt an Tribute-Veröffentlichungen für Künstler wie Kiss und die Ramones mitgewirkt. Was haben euch diese Bands darüber beigebracht, einfache Songs zu schreiben, die kraftvoll bleiben, anstatt lediglich vorhersehbar zu wirken?
THE CARBURETORS: Kiss haben uns gezeigt, wie man eine Liveshow groß, übertrieben und überlebensgroß inszeniert – mit Pyrotechnik, Spektakel und allem, was dazugehört.
Die Ramones haben uns dagegen beigebracht, auf die Regeln zu pfeifen und die Sache einfach durchzuziehen.
Wenn man diese beiden Philosophien miteinander verbindet, erhält man eine ziemlich besondere Vorstellung davon, wie eine echte Rock’n’Roll-Show aussehen sollte. Genau das versuchen wir jeden Abend auf die Bühne zu bringen.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten, zahlreichen Alben und unzähligen Konzerten: Was kann euch fünf noch immer ehrlich begeistern, wenn ihr einen Proberaum betretet oder auf eine Bühne geht?
THE CARBURETORS: Unsere Liebe zum gemeinsamen Spielen wird einfach niemals alt. Wenn wir gerade kein Konzert geben, ist der Proberaum der nächstbeste Ort.
Anstatt zu Hause allein irgendwelche Songs durchzuspielen, treffen wir uns und spielen sie gemeinsam live. Diese Energie, die entsteht, wenn man zusammen in einem Raum steht und sich gegenseitig antreibt, hält uns am Laufen.
Auch nach 25 Jahren fühlt es sich beim Betreten einer Bühne noch immer so an, als wäre das der einzige Ort, an den wir wirklich gehören.
Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Gespräch genommen habt. Was liegt nach „We Ride At Night“ vor The Carburetors, und welche abschließende Botschaft möchtet ihr unseren Lesern und euren Hörern mit auf den Weg geben?
THE CARBURETORS: Vielen Dank, dass wir dabei sein durften. Das war wirklich ein großartiges Interview!
Was als Nächstes kommt, ist einfach: Wir reiten weiter. So viele Konzerte wie möglich, so laut wie möglich und so lange wie möglich.
Irgendwann wird dann auch ein weiteres Album auftauchen – wahrscheinlich erneut einen Tag vor Ablauf der Deadline.
Unsere abschließende Botschaft lautet: Geht raus und schaut euch Livemusik an. Unterstützt junge Bands, kauft ihr Merchandise und besucht ihre Konzerte. Genau dadurch wird der Rock’n’Roll niemals sterben!

The Carburetors – Interview

ART|EST – Evil Embodiment

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Band: ART|EST 🇩🇪
Titel: Evil Embodiment
Label: Independent
VÖ: 06.06.2026
Format: Digital
Genre: Technical Death Metal / Modern Death Metal / Deathcore

Tracklist

01. Demonic Insurrection
02. Evil Embodiment
03. In The Sky of Dead Ghost
04. Despaired in Revelation
05. Vale of Shadows
06. Into The Afterlife
07. Godless Infestation feat. Flexxer
08. Rites of Revocation feat. Luca Vi
09. The Monster Within Myself

Besetzung

Markus Scheibe – Gesang, Studio-Schlagzeug
Carlo Stolze – Leadgitarre
Erik Schulz – Rhythmusgitarre
Dominic Walter – Bass

Gastmusiker:
Flexxer – Gastgesang bei »Godless Infestation«
Luca Vi – Gastgesang bei »Rites of Revocation«

Produktion:
Produktion, Mixing und Mastering – Stefan Friedrich, Blackbox Recording
Artwork – Mohammed Horiul
Fotografie – Judith Lukovacs

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Technical Death Metal kann zur sportlichen Leistungsschau verkommen: mehr Anschläge, mehr Taktwechsel, mehr Geschwindigkeit und am Ende weniger Song. ART|EST kennen diese Gefahr. Auf ihrem selbst veröffentlichten Debütalbum »Evil Embodiment« demonstrieren die Leipziger zwar reichlich instrumentale Präzision, lassen ihre neun Stücke aber nicht unter einem Berg aus Griffbrettakrobatik ersticken. Technischer Death Metal, moderne Härte, Deathcore-Grooves und atmosphärische Passagen bilden ein Album, das den direkten Schlag in die Magengrube ebenso beherrscht wie den kontrollierten Aufbau von Spannung. Inhaltlich geht es um Besessenheit, dämonische Kräfte, das Jenseits und den schmalen Riss zwischen der Welt der Lebenden und einer finsteren Gegenebene. Das klingt zunächst nach bekanntem Genrebestand, erhält durch den konsequenten Albumaufbau und einige kluge Kontraste jedoch mehr Substanz als die übliche Sammlung schwarzer Messen und aufgerissener Höllentore.

Full Album Stream: Evil Embodiment

DER AUFSTAND BEGINNT OHNE VORWARNUNG

»Demonic Insurrection« dient als gut einminütiger Auftakt. Das Intro öffnet keine ausufernde Klanglandschaft, sondern spannt die Nerven an und führt direkt in den Titelsong. Solche Vorspiele geraten im Extreme Metal häufig zur austauschbaren Geräuschkulisse. Hier bleibt die Einleitung kurz genug, um ihre Funktion zu erfüllen, ohne den eigentlichen Angriff unnötig hinauszuzögern.

»Evil Embodiment« legt anschließend die Karten auf den Tisch. Die Gitarren von Carlo Stolze und Erik Schulz arbeiten mit schnellen Läufen, präzisen Stakkatofiguren und eng gesetzten rhythmischen Wechseln. Trotz der technischen Ausrichtung besitzt der Song einen klar erkennbaren Kern. Die Band lässt immer wieder schwerere Grooves zwischen die schnellen Passagen fallen und verhindert damit, dass sich das Stück in einer einzigen Hochgeschwindigkeitsfläche auflöst.

Markus Scheibe setzt auf tiefen, druckvollen Gesang, der weniger mit individueller Theatralik als mit körperlicher Präsenz arbeitet. Growls und schärfere Ausbrüche greifen die Rhythmik der Gitarren auf und geben dem Stück zusätzlichen Druck. Der Text entwirft ein Szenario aus Besessenheit, schwarzer Magie und einer dämonischen Kraft, die den Körper ihres Opfers übernimmt. Überraschend ist das thematisch nicht. Die konzentrierte musikalische Umsetzung sorgt dennoch dafür, dass der Titelsong als programmatisches Zentrum funktioniert.

Die technische Präzision ist unüberhörbar, bleibt aber Mittel zum Zweck. ART|EST wollen nicht beweisen, wie viele Noten in vier Minuten passen. Das Riffing arbeitet auf konkrete Höhepunkte hin, während die tieferen Groove-Passagen genügend Raum erhalten, um ihre Wirkung zu entfalten.

TOTE GEISTER ÜBER EINEM BRECHENDEN HIMMEL

»In The Sky of Dead Ghost« setzt das Tempo hoch an, erweitert die Formel aber um stärker hervortretende melodische Linien. Inhaltlich greift die Band mit Surtr eine Gestalt der nordischen Mythologie auf. Der Feuerriese wird zum Zerstörer einer ohnehin bereits verdunkelten Welt, über der sich tote Geister und brennende Himmel sammeln.

Die Gitarren bewegen sich zwischen technischer Präzision und dunkler Melodieführung. Besonders die Leadarbeit gibt dem Stück eine erkennbare Identität. Statt jedes Motiv sofort durch das nächste zu ersetzen, lässt Stolze einzelne Linien wiederkehren. Dadurch bleibt der Song trotz hoher Informationsdichte im Gedächtnis.

Dominic Walter hält am Bass das Fundament zusammen. Sein Instrument wird nicht in jeder Passage deutlich vom Gitarrenklang getrennt, sorgt aber für den notwendigen Druck unter den hektischen Bewegungen. Gerade in den langsameren Abschnitten wird spürbar, wie wichtig die tiefen Frequenzen für die körperliche Wirkung der Platte sind.

»Despaired in Revelation« fällt anschließend kompakter und direkter aus. Die Band setzt stärker auf rhythmische Schläge und verzichtet zeitweise auf die komplizierteren Gitarrenverschachtelungen. Das Stück wirkt dadurch nicht weniger anspruchsvoll, sondern fokussierter. Die härteren Groove-Passagen sitzen, weil sie nicht wie nachträglich eingesetzte Konzertanimationen klingen. Sie entstehen nachvollziehbar aus den vorherigen Riffs.

Eine Schwäche zeigt sich dennoch: Manche technischen Figuren ähneln sich in Tonlage und Klanggestaltung. Vor allem in der ersten Albumhälfte könnten sich einzelne Passagen stärker voneinander abheben. ART|EST gleichen das durch Tempoänderungen und ausreichend markante Hauptmotive weitgehend aus, erreichen aber noch nicht in jedem Song die vollständige Eigenständigkeit.

IM TAL DER SCHATTEN WIRD ES PLÖTZLICH STILL

»Vale of Shadows« bildet den stärksten Wendepunkt der Platte. Zunächst regieren Blastbeats, kantige Riffs und ein Gesang, der sich mit wachsender Vehemenz durch die Instrumente arbeitet. Die Band verdichtet ihren Sound bis an die Belastungsgrenze, bevor die gesamte Konstruktion plötzlich zurückgenommen wird.

An die Stelle der massiven Gitarren tritt ein kurzes, beinahe spanisch anmutendes Gitarrenzwischenspiel. Dieser Moment dauert nicht lange, verändert aber die Wahrnehmung des gesamten Songs. Nach der technischen und rhythmischen Dauerbelastung wirkt die reduzierte Melodie wie ein kurzer Blick aus einer geöffneten Tür. Wenige Sekunden später schlägt diese Tür wieder zu und die Band kehrt mit zusätzlicher Härte zurück.

Der Kontrast funktioniert, weil er nicht inflationär verwendet wird. ART|EST verstehen, dass ein ruhiger Abschnitt nicht automatisch Atmosphäre erzeugt. Er muss an der richtigen Stelle sitzen und eine Funktion im Spannungsbogen erfüllen. Bei »Vale of Shadows« macht die kurze melodische Unterbrechung den anschließenden Angriff tatsächlich schwerer.

Der Song zeigt außerdem, welches Potenzial in der Band steckt, wenn technische Fähigkeiten, Atmosphäre und Dramaturgie vollständig ineinandergreifen. Während einige Stücke primär durch starke Riffs überzeugen, entwickelt »Vale of Shadows« eine eigene Erzählbewegung. Die Komposition klingt nicht bloß wie ein musikalisches Gerüst für einen Text über die Unterwelt, sondern erzeugt selbst den Eindruck eines Abstiegs.

DER TOD IST NUR DER NÄCHSTE RAUM

»Into The Afterlife« schlägt eine melodischere Richtung ein. Der Text bewegt sich in einem Zwischenreich, in dem Vergangenheit und Zukunft, Licht und Schatten sowie Traum und Wachzustand nicht mehr klar voneinander getrennt sind. Die Band reagiert darauf mit offeneren Gitarrenlinien und einem weniger komprimierten Aufbau.

Das Stück ist nicht weich, aber luftiger. Nach der Intensität von »Vale of Shadows« ist diese Veränderung sinnvoll. ART|EST verhindern dadurch, dass die zweite Hälfte lediglich das Tempo und die Härte der ersten wiederholt. Die melodischen Bewegungen wirken nicht aufgesetzt, sondern erweitern das technische Fundament.

Bei »Godless Infestation« zieht die Band die Schrauben wieder an. Die Nummer ist mit gut dreieinhalb Minuten der kürzeste vollständige Song und arbeitet entsprechend konzentriert. Der Gastbeitrag von Flexxer erhöht die vokale Reibung, während das Riffing stärker in Richtung moderner Deathcore-Härte drängt.

Das Thema der Besessenheit kehrt zurück, diesmal als psychischer Kontrollverlust. Stimmen dringen in den Kopf ein, eine fremde Macht heftet sich an den Körper und der betroffene Mensch verliert zunehmend die Fähigkeit, zwischen eigenem Willen und äußerer Manipulation zu unterscheiden. ART|EST bleiben bei einer drastischen Horrorsprache, lassen aber genügend Raum für eine Lesart als Darstellung innerer Zerrissenheit.

Musikalisch gehört »Godless Infestation« zu den unmittelbarsten Titeln. Der Song will nicht mit jedem Takt überraschen, sondern arbeitet auf wenige, dafür wirkungsvolle Schläge hin. Gerade diese Beschränkung tut dem Album gut.

WIDERRUFEN WIRD HIER GAR NICHTS

»Rites of Revocation« verbindet technische Gitarrenarbeit mit einer ausgesprochen finsteren Grundstimmung. Luca Vi ergänzt den Gesang und verleiht dem Stück zusätzliche vokale Tiefe. Die Nummer spielt mit Vorstellungen von Begräbnis, Unterwelt und einer rituellen Rücknahme des Lebens, ohne sich in langen erzählerischen Umwegen zu verlieren.

Die Gitarren wechseln zwischen schnellen, präzise gesetzten Figuren und schweren rhythmischen Blöcken. Das erinnert stellenweise an die Schnittstelle zwischen Technical Death Metal und modernem Deathcore, bleibt aber deutlich riffbetonter als viele Produktionen, die sich fast ausschließlich auf den nächsten Subdrop verlassen.

Der programmierte beziehungsweise im Studio konstruierte Schlagzeugklang unterstützt die Präzision, besitzt aber auch Grenzen. Die schnellen Passagen sind messerscharf und sauber voneinander getrennt. In einzelnen Groove-Abschnitten fehlt dagegen etwas von der natürlichen Dynamik, die ein menschliches Schlagzeug dem Material geben könnte. Das Ergebnis klingt kraftvoll, gelegentlich jedoch kontrollierter, als es der dämonische Inhalt eigentlich verlangt.

Diese kontrollierte Härte prägt die gesamte Produktion. Stefan Friedrich trennt Gitarren, Gesang und Rhythmusfundament klar voneinander. Kein Riff versinkt vollständig im Frequenznebel, und auch bei hoher Geschwindigkeit bleiben die einzelnen Bewegungen nachvollziehbar. Gleichzeitig könnte der Sound an einigen Stellen etwas mehr Schmutz und Unberechenbarkeit vertragen. Technical Death Metal muss nicht automatisch steril klingen – ART|EST vermeiden diese Falle meistens, streifen sie aber gelegentlich.

DAS MONSTER BLEIBT NICHT LÄNGER IM KELLER

Mit fast sechs Minuten ist »The Monster Within Myself« der längste Titel und ein schlüssiger Abschluss. Inhaltlich geht es um eine vampirische Kreatur, die bei Nacht erwacht, nach Blut verlangt und den Menschen schließlich vollständig überwältigt. Das innere Monster ist dabei nicht bloß ein fremdes Wesen. Es gehört zur eigenen Identität und kann nur zeitweise in Ketten gehalten werden.

Die Komposition greift mehrere Eigenschaften der vorherigen Stücke erneut auf. Schnelle Gitarrenläufe stehen neben schweren Grooves, melodische Linien werden von dissonanteren Figuren unterbrochen und der Gesang bewegt sich zwischen kontrollierter Tiefe und aggressiver Eskalation.

Anders als manche überlange Schlussnummer versucht der Song nicht, künstlich Größe zu erzeugen. Die Laufzeit ergibt sich aus mehreren klar unterscheidbaren Phasen, die aufeinander aufbauen. Besonders die Verbindung aus dunkler Melodik und rhythmischer Härte sorgt dafür, dass das Finale nicht als bloße Zusammenfassung des Albums wirkt.

Allerdings hätte der Schluss noch entschlossener ausfallen können. Nach dem sorgfältigen Aufbau wäre eine letzte, klar gesetzte Zuspitzung wirkungsvoller gewesen als das kontrollierte Auslaufen. Trotzdem erfüllt »The Monster Within Myself« seine Aufgabe: Das Album endet nicht mit einem zufälligen Reststück, sondern mit einer Komposition, die den thematischen Kreis von Besessenheit, Kontrollverlust und innerer Finsternis schließt.

PRÄZISION MIT ZÄHNEN

Die größte Stärke von ART|EST liegt im Gitarrenspiel. Carlo Stolze und Erik Schulz verbinden technische Läufe mit nachvollziehbaren Riffs und widerstehen weitgehend der Versuchung, jeden freien Takt mit zusätzlicher Virtuosität zu füllen. Besonders »In The Sky of Dead Ghost«, »Vale of Shadows« und »Rites of Revocation« zeigen, dass die Band nicht nur schnell spielen, sondern auch Spannungsbögen entwickeln kann.

Markus Scheibes Gesang passt zur modernen Ausrichtung. Seine Growls besitzen Druck und rhythmische Präzision, könnten in Zukunft aber noch stärker variiert werden. Über die gesamte Albumlänge ähneln sich einige vokale Betonungen. Die Gastbeiträge sorgen deshalb für wichtige Kontraste.

Dominic Walter hält die tiefen Frequenzen zusammen, erhält im Mix aber nicht immer genügend Raum für eine deutlich eigenständige Bassstimme. Gerade bei technisch ausgerichtetem Death Metal könnte eine beweglichere und präsenter herausgearbeitete Bassarbeit zusätzliche Tiefe schaffen.

Mit knapp 38 Minuten ist das Album sinnvoll bemessen. ART|EST überladen ihr Debüt nicht mit Bonusmaterial, instrumentalen Reststücken oder einer zweiten Hälfte, die nur noch Varianten bereits bekannter Ideen liefert. Einige Riffs folgen vertrauten Tech-Death- und Deathcore-Mustern, doch die konsequente Atmosphäre und die durchdachte Reihenfolge halten die Platte zusammen.

FAZIT:

»Evil Embodiment« ist ein starkes Debüt zwischen Technical Death Metal, moderner Death-Metal-Härte und Deathcore-Groove. ART|EST setzen auf Präzision, vergessen dabei aber nicht, dass ein Song mehr braucht als beeindruckende Fingerbewegungen. Besonders »In The Sky of Dead Ghost«, »Vale of Shadows«, »Godless Infestation« und »The Monster Within Myself« verbinden Technik, Atmosphäre und körperliche Wucht überzeugend. Der Schlagzeugklang fällt stellenweise etwas mechanisch aus, manche Gesangspassagen könnten variabler sein und nicht jedes Riff besitzt bereits eine unverwechselbare Handschrift. Trotzdem steht hier keine sterile Leistungsschau, sondern ein konzentriertes, finsteres Album mit klar erkennbarem Entwicklungspotenzial. Das Böse hat Gestalt angenommen – und es beherrscht seine Instrumente.

Official Music Video: Evil Embodiment

Official Lyric Video: Rites of Revocation feat. Luca Vi

Internet

ART|EST - Evil Embodiment - Album Review

Ljuset – Ljuset

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Band: Ljuset 🇸🇪
Titel: Ljuset
Label: Silent Future Recordings
VÖ: 12.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Blackened Post-Punk / Post-Black Metal / Psychedelic Rock / Indie Rock

Tracklist

01. Horisonten
02. Draken
03. Elden
04. Vännen
05. Hämnden
06. Solkatten
07. Nyckeln
08. Hjälten

Besetzung

Simon Johansson – Gitarren, Bass, Songwriting, Geräusche, Field Recordings
Emanuel Tägil – Gesang, Texte

Gastmusiker:
Dennis Skoglund – Schlagzeug, Percussion

Produktion:
Mixing – Simon Johansson
Mastering – Tore Stjerna

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Was ist denn das geiles? Eine Genreverschmelzung aus Black Metal und Post-Punk, funktioniert das überhaupt? Ähm ja! Und zwar wie! Ljuset lassen auf ihrem selbstbetitelten Debüt die klirrende Schärfe skandinavischen Black Metals mit repetitiven Post-Punk-Basslinien, psychedelischen Verwerfungen und der melodischen Offenheit schwedischen Indie Rocks kollidieren. Herausgebracht wurde »Ljuset« am 12. Juni 2026 über Silent Future Recordings. Hinter der Band stehen Simon Johansson, bekannt durch Bhleg, und Sänger Emanuel Tägil. Beide gründeten Ljuset bereits 2010, verloren sich nach den ersten Veröffentlichungen jedoch für mehr als ein Jahrzehnt aus den Augen. Die Wiederbelebung im Jahr 2025 klingt deshalb nicht wie eine hastig aufgekochte Jugendsünde. Vielmehr haben die Schweden aus alten Ideen eine eigenwillige Platte gebaut, die ihre Gegensätze nicht kaschiert, sondern genüsslich gegeneinanderreibt. Wenn man dabei auch noch das Artwork anschaut das eher wie Indie Rock wirkt und ein Testbild für Psychiater sein könnte, angesichts dessen was man da rein interpretiert *Grins*

Art Track: Horisonten

DIE HORIZONTLINIE WIRD SCHWARZ

»Horisonten« eröffnet das Album zunächst dort, wo man eine Band mit Johanssons Vergangenheit vermuten würde: im Black Metal. Tremolierende Gitarren, ein unruhiges Schlagzeug und Tägils heiserer Gesang erzeugen eine frostige Schärfe, die wenig mit der gefälligen Seite moderner Post-Black-Metal-Produktionen zu tun hat. Die Melodik bleibt roh, repetitiv und auf eine fast tranceartige Wirkung ausgerichtet.

Doch bereits innerhalb des Openers beginnen die Konturen zu verschwimmen. Der Bass bewegt sich auffällig eigenständig unter den Gitarren und lässt die Komposition weniger wie einen geradlinigen Black-Metal-Angriff wirken. Johansson behandelt das Instrument nicht als bloße Verstärkung der tiefen Frequenzen. Seine Linien treiben, kreisen und bauen jene nervöse Bewegung auf, die später zum wichtigsten Bindeglied zwischen den Genres wird.

Mit »Draken« öffnen Ljuset die Tür zum Post-Punk endgültig. Der Bass trägt die Komposition, während die Gitarre mit verhallten Akkorden und wenigen, gezielt gesetzten Figuren arbeitet. Darüber bleibt Tägils Stimme zunächst rau und angeschlagen. Genau diese Kombination funktioniert erstaunlich gut: Die Instrumente könnten stellenweise aus einem melancholischen Underground-Club der frühen Achtzigerjahre stammen, während der Gesang weiterhin über gefrorene schwedische Ebenen zu schneiden scheint.

Ljuset zwingen die Stile nicht mit Gewalt zusammen. Post-Punk-Rhythmik und Black-Metal-Minimalismus besitzen ohnehin eine gemeinsame Vorliebe für Wiederholung, Reduktion und emotionale Kälte. Das Duo legt diese Verwandtschaft frei, anstatt einen Genrewechsel als spektakulären Effekt vorzuführen.

FEUER, FREUNDSCHAFT UND KONTROLLVERLUST

»Elden« erhöht den Druck. Die Gitarren wirken schwerer, das Schlagzeug von Dennis Skoglund drängt stärker nach vorn und die zuvor vergleichsweise luftige Rhythmik erhält eine metallischere Härte. Skoglund spielt nicht permanent auf maximale Geschwindigkeit. Seine Stärke liegt in der Fähigkeit, zwischen trockenen Post-Punk-Beats, rockigem Vorwärtsdrang und aggressiveren Ausbrüchen zu wechseln, ohne dass die Stücke ihre innere Bewegung verlieren.

Die Musik steigert sich schrittweise. Gitarren und Bass kreisen umeinander, während Tägil zwischen gequältem Schreien und kontrollierteren Gesangslinien wechselt. Seine Stimme ist nicht technisch schön, aber ausgesprochen charakteristisch. Selbst die klareren Passagen tragen eine innere Unruhe, als könne die vermeintliche Ruhe jederzeit wieder aufbrechen.

»Vännen« zieht die Spannung zunächst zurück. Der Song beginnt hypnotisch, beinahe beiläufig, und lässt der Basslinie viel Raum. Über dieser minimalistischen Grundlage entstehen melodische Gitarrenfiguren, die gleichermaßen nach Post-Punk, schwedischem Indie Rock und der melancholischen Seite atmosphärischen Black Metals klingen.

Die schärferen Momente brechen nicht als Fremdkörper in das Stück ein. Ljuset arbeiten mit Übergängen, die mehr über Gefühl als über klassische Songlogik funktionieren. Der Gesang kippt in Verzweiflung, das Schlagzeug zieht an und die zunächst zurückhaltende Gitarre wird plötzlich zum offenen Angriff. Danach fällt die Komposition wieder in ihre kreisende Grundbewegung zurück.

Gerade »Vännen« zeigt, dass die Band nicht einfach abwechselnd einen Post-Punk- und einen Black-Metal-Abschnitt aneinanderreiht. Beide Ausdrucksformen durchdringen sich. Selbst in den ruhigen Momenten bleibt eine metallische Bedrohung spürbar, während die aggressiven Passagen weiterhin von melodischer Schwermut getragen werden.

DIE RACHE TANZT IM KALTEN LICHT

»Hämnden« ist der bissigste Titel der Platte. Der Song beginnt unruhig, treibend und deutlich aggressiver. Die Gitarren schlagen härter zu, das Schlagzeug erhöht die Intensität und Tägils Gesang klingt, als würde er sich an den Worten selbst verletzen. Trotzdem bleibt die Rhythmik beweglich. Statt in eine geschlossene Black-Metal-Wand zu kippen, lässt der Bass die Musik weiterhin tänzeln.

Das ist keine Tanzbarkeit im freundlichen Sinne. Ljuset schreiben keine Clubmusik mit etwas Verzerrung und Corpsepaint. Die Bewegung besitzt etwas Zwanghaftes. Die Basslinie läuft weiter, während der Gesang darüber eskaliert und die Gitarren ihre melodischen Figuren zunehmend beschädigen. Dadurch entsteht eine Spannung zwischen Körper und Psyche: Unten arbeitet der Rhythmus, oben bricht alles auseinander.

»Solkatten« treibt diese Verbindung noch weiter. Der Titel wirkt zugleich heller und entrückter, ohne seine dunkle Grundlage zu verlieren. Ruhigere Passagen gehen in rockigere Bewegungen über, bevor plötzlich wieder schwarzmetallische Schärfe einsetzt. Das Stück gehört zu den psychedelischsten Momenten des Albums, weil sich die Motive nicht streng linear entwickeln. Sie tauchen auf, verschwinden und kehren in veränderter Form zurück.

Johanssons Gitarrenarbeit lebt dabei nicht von technischen Soli oder besonders komplizierten Riffs. Seine Stärke liegt in der Klangfarbe. Einzelne Akkorde stehen lange im Raum, kleine melodische Figuren werden wiederholt und durch Verzerrung, Nachhall oder veränderte Betonung langsam umgeformt. Diese Sparsamkeit gibt der Musik ihre hypnotische Wirkung.

DER SCHLÜSSEL PASST NICHT IN JEDES SCHLOSS

»Nyckeln« gehört zu den zugänglichsten Stücken, ohne sich vollständig dem klassischen Songformat zu unterwerfen. Klare Gesangspassagen und eine melancholische Gitarrenbewegung rücken die Post-Punk- und Indie-Rock-Seite zunächst deutlich in den Vordergrund. Der Bass hält sich nicht zurück, sondern führt durch den Song und gibt ihm einen markanten Wiedererkennungswert.

Im weiteren Verlauf brechen die aggressiveren Bestandteile erneut durch. Tägils Stimme wird rauer, Skoglund erhöht den Druck und die Gitarre verwandelt ihre zuvor offene Melodie in eine schneidende Fläche. Der Gegensatz funktioniert hier besonders gut, weil beide Seiten ausreichend Raum erhalten. Der ruhige Beginn ist keine bloße Vorbereitung auf den lauten Teil, und der metallische Ausbruch dient nicht nur als obligatorische Eskalation.

Trotzdem fehlt »Nyckeln« ein letzter kompositorischer Widerhaken, der aus dem starken Stück einen echten Genreklassiker machen könnte. Die Melodie bleibt hängen, doch die Auflösung wirkt etwas zurückhaltender, als es der überzeugende Aufbau erwarten lässt. Das ist symptomatisch für das Album: Ljuset besitzen bereits eine ausgesprochen eigene Sprache, schreiben aber noch nicht durchgehend jene zwingenden Höhepunkte, die ihre ungewöhnliche Ästhetik vollständig ausschöpfen.

DER HELD BEKOMMT KEINEN TRIUMPHMARSCH

Das über siebenminütige »Hjälten« bildet den Abschluss und zugleich den deutlichsten Beweis dafür, dass Ljuset ihre Musik nicht auf einen kuriosen Genreaufkleber reduzieren lassen. Der Song entwickelt sich geduldig aus klareren Stimmen, wiederholten Gitarrenmotiven und einer Rhythmik, die zunächst beinahe zurückhaltend wirkt.

Mit jeder Wiederholung verändert sich die Stimmung. Tägils Gesang wird dringlicher, die Gitarren gewinnen an Schärfe und das Schlagzeug verdichtet den Puls. Statt einen abrupten Black-Metal-Ausbruch zu setzen, steigert die Band die Intensität allmählich. Dadurch besitzt das Finale eine emotionale Wirkung, die nicht aus Geschwindigkeit, sondern aus Beharrlichkeit entsteht.

Die wiederkehrenden schwedischen Gesangszeilen verankern sich tief im Stück. Tägil klingt dabei weder heroisch noch siegessicher. Der im Titel genannte Held erhält keinen Triumphmarsch, sondern eine musikalische Umgebung voller Zweifel, Erschöpfung und brüchiger Entschlossenheit. Genau darin liegt die Stärke des Albums: Selbst seine helleren oder melodischeren Passagen versprechen keine einfache Erlösung.

BASS VOR BLASTBEAT

Das auffälligste Instrument auf »Ljuset« ist häufig nicht die Gitarre, sondern der Bass. Johansson schreibt Linien, die Melodie und Rhythmus gleichzeitig tragen. Sie schieben die Songs vorwärts, bilden Gegenbewegungen zu den Gitarren und verhindern, dass die minimalistischen Arrangements in bloßer Statik enden.

Die Gitarre übernimmt dafür die Rolle des atmosphärischen Störers. Mal klingt sie schneidend und frostig, mal offen und beinahe warm, dann wieder psychedelisch entrückt. Johansson verzichtet weitgehend auf metallische Selbstdarstellung. Seine Riffs sind oft einfach, erhalten aber durch Wiederholung und kleine Veränderungen eine größere Wirkung.

Skoglunds Schlagzeug passt sich dieser Arbeitsweise an. Er liefert weder permanenten Post-Punk-Minimalismus noch durchgehende Black-Metal-Raserei. Seine Rhythmen reagieren auf die Entwicklung der Stücke, wechseln zwischen trockener Direktheit und körperlichem Druck und bilden gemeinsam mit dem Bass den stabilsten Teil des Albums.

Tägil ist dagegen für die Unberechenbarkeit zuständig. Sein Wechsel zwischen rauen Schreien, verzweifeltem Klargesang und beinahe abstrakter Artikulation kann zunächst irritieren. Nach mehreren Durchläufen wird jedoch deutlich, dass gerade diese Unruhe der Musik ihre Identität gibt. Eine konventionell schöne Stimme würde den Stücken einen erheblichen Teil ihrer Spannung nehmen.

PRODUKTION OHNE SCHÖNHEITSFILTER

Johansson hat das Album selbst gemischt, das Mastering übernahm Tore Stjerna. Die Produktion bleibt bewusst schlank. Der Bass steht weit vorn, das Schlagzeug klingt körperlich und die Gitarren werden nicht zu einer undurchdringlichen Wand aufgeblasen. Dadurch behalten selbst die aggressiveren Abschnitte Luft.

Der Klang ist professionell, aber nicht klinisch. Kleine Geräusche, raue Übergänge und Field Recordings bleiben Teil der Gesamtästhetik. Das Album wirkt nicht wie eine sauber geplante Fusion aus exakt bemessenen Genreanteilen, sondern wie eine Aufnahme, die ihrer eigenen inneren Logik folgt.

Gelegentlich fällt die Produktion etwas zu spröde aus. Einzelne Gitarrenpassagen könnten mehr Gewicht vertragen, und Tägils klare Stimme sitzt nicht in jeder Passage gleichermaßen sicher im Gesamtbild. Diese Unebenheiten nehmen der Platte jedoch kaum Wirkung. Im Gegenteil: Ein vollkommen polierter Sound würde den eigentümlichen Gegensatz aus Intimität und Aggression vermutlich beschädigen.

KEIN GIMMICK, SONDERN EINE EIGENE SPRACHE

Natürlich lassen sich bekannte Bezugspunkte nennen. Die frostige Reduktion erinnert stellenweise an frühen skandinavischen Black Metal, die Bassarbeit und die offenen Gitarren an Post-Punk, während die melancholischen Steigerungen Parallelen zu Sólstafir oder der rockorientierten Seite von Alcest erkennen lassen. Hinzu kommen die Folk- und Naturmystik, die Johansson aus seiner Arbeit mit Bhleg mitbringt.

Trotzdem klingt »Ljuset« nicht wie eine bloße Addition seiner Einflüsse. Die Band entwickelt aus der schwedischen Sprache, den eigenständigen Basslinien, Tägils ungewöhnlichem Gesang und der minimalistischen Instrumentierung ein geschlossenes Profil. Die Genreverschmelzung ist kein Gimmick für den Pressetext, sondern bestimmt tatsächlich jede Ebene der Platte.

Dass nicht jeder Song denselben Nachdruck besitzt, verhindert die Höchstwertung. Einzelne Entwicklungen bleiben etwas zu sehr in ihrer hypnotischen Wiederholung stecken, und ein wirklich großer Refrain oder ein unvergessliches Zentralriff fehlt noch. Dafür wirkt das Album geschlossen, mutig und erstaunlich natürlich. Hier treffen nicht zwei Genres aufeinander, um sich gegenseitig zu beeindrucken. Sie stellen fest, dass sie schon immer mehr gemeinsam hatten, als ihre jeweiligen Szenewächter wahrhaben wollten.

FAZIT:

»Ljuset« ist ein eigenständiges Debüt zwischen Black Metal, Post-Punk, psychedelischem Rock und schwedischer Melancholie. Die starke Bassarbeit, Emanuel Tägils verstörend wandelbarer Gesang und die konsequente Reduktion machen aus der vermeintlich widersprüchlichen Mischung ein erstaunlich geschlossenes Album. »Draken«, »Vännen«, »Nyckeln« und das großartige Finale »Hjälten« zeigen besonders deutlich, wie viel Potenzial in dieser Verbindung steckt. Der ganz große Hit fehlt noch, aber das Licht brennt – flackernd, kalt und verdammt faszinierend.

Art Track: Hjälten

Internet

Ljuset - Ljuset - CD Review

Stonecast – Expand Crimson Chaos

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Band: Stonecast 🇫🇷
Titel: Expand Crimson Chaos
Label: Pitch Black Records
VÖ: 26.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Heavy Metal

Tracklist

01. Death
02. Walking Dead
03. Blood Red
04. A Ce Lieu
05. Against the Tide
06. King of Hell
07. Kneel or Die
08. 00.00.01
09. Expand Crimson Chaos
10. Gundown the Flag
11. Nuclear Winter
12. A Ce Lieu – Demo (CD-Bonustrack)

Besetzung

Franck Ghirardi – Gesang
Seb Casula – Rhythmus- und Leadgitarre
Lionel Antonorsi – Bass
Gastmusiker:
Brent E. Smedley – Schlagzeug
Thomas Tiberi – Gitarrensoli
Produktion:
Mixing und Mastering – Christophe Boin, Recording Studio Marseille
Artwork – WolforDeer

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Frankreich ist bekannt für guten Wein, feine Küche und den Eiffelturm – und dank Bands wie Stonecast und ihrem neuen Album »Expand Crimson Chaos« auch für Heavy Metal, der sich nicht mit dem bloßen Wiederholen alter Standards zufriedengibt. Mehr als sieben Jahre nach »I Earther« kehren die Musiker aus Marseille mit ihrem vierten Langspieler zurück. Darauf verbinden sie traditionellen Heavy Metal mit Power-Metal-Energie, progressiven Übergängen, düsteren Passagen und vereinzelten Thrash-Einschüben. Inhaltlich geht es um Tod, Widerstand, menschliche Abgründe, Erlösung und den Willen, selbst unter widrigen Bedingungen weiterzukämpfen.

Albumstream: Expand Crimson Chaos

DER TOD STEHT AM ANFANG

»Death« beginnt nicht mit einem schnellen Riff oder einem kalkulierten Mitsingrefrain, sondern mit zurückhaltenden Synthesizern und einer schweren, beinahe doomigen Grundstimmung. Erst danach treten die Gitarren deutlicher hervor. Franck Ghirardi nutzt den verfügbaren Raum für eine intensive Gesangsleistung, die zwischen kontrollierter Erzählung, kraftvollen Ausbrüchen und hohen Heavy-Metal-Tönen wechselt. Der Opener verlangt Aufmerksamkeit, setzt damit aber bewusst einen anderen Akzent als viele klassisch aufgebaute Genreplatten.
Mit »Walking Dead« zieht das Tempo an. Präzise gespielte Gitarren, ein entschlossener Rhythmus und ein eingängiger Refrain führen deutlich näher an traditionellen Heavy und Power Metal heran. Seb Casula arbeitet nicht nur mit geradlinigen Akkordfolgen, sondern lässt immer wieder kleinere harmonische Verschiebungen und melodische Details einfließen. Dadurch bleibt der Song auch nach mehreren Durchläufen interessant. Inhaltlich begleiten wir Untote, die gemeinsam mit gesetzlosen Gestalten durch eine Westernkulisse ziehen. Die Geschichte ist bewusst überzeichnet, wird von der Band aber mit voller Überzeugung präsentiert.
»Blood Red« schlägt anschließend eine finsterere Richtung ein. Ein fanatischer Prediger versucht, höllische Kräfte heraufzubeschwören, während die Musik mit schärferen Riffs und einer aggressiveren Gesangsdarbietung arbeitet. Der Song zeigt früh, dass Stonecast auf diesem Album kein eng begrenztes Klangbild verfolgen. Die stilistischen Wechsel entstehen nicht durch wahllos aneinandergereihte Ideen, sondern werden überwiegend aus den jeweiligen Geschichten entwickelt.

WIDERSTAND ZWISCHEN MELODIE UND HÄRTE

Das vollständig auf Französisch gesungene »A Ce Lieu« gehört zu den emotionalsten Momenten des Albums. Der kompakte Rhythmus besitzt spürbaren Groove, während die Gitarrenmelodien den Gesang stützen, ohne ihn zu überladen. Das Stück behandelt die Entscheidung, alles aufzugeben, um einen geliebten Menschen zu retten. Ghirardi trägt dieses Thema glaubwürdig und verzichtet dabei auf übertriebene Theatralik.
Mit einer Spielzeit von fast sechs Minuten bildet »Against the Tide« einen der kompositorischen Höhepunkte. Galoppierende Rhythmen, akustische Abschnitte, progressive Übergänge und große Refrains greifen überraschend selbstverständlich ineinander. Das Stück versteht sich als Aufruf, Hindernissen nicht auszuweichen, sondern ihnen mit Entschlossenheit entgegenzutreten. Besonders Brent E. Smedley trägt mit seinem differenzierten Schlagzeugspiel dazu bei, dass die zahlreichen Wechsel nicht konstruiert wirken. Er setzt kraftvolle Akzente, hält sich in den ruhigeren Teilen jedoch angemessen zurück.
»King of Hell« fällt deutlich direkter aus. Schnellere Gitarrenbewegungen und eine leicht thrashige Schärfe sorgen für einen bewussten Bruch. Der Song funktioniert für sich betrachtet gut, wirkt im Albumfluss jedoch etwas weniger organisch als die vorangegangenen Stücke. Inhaltlich dient er als Vorgeschichte zu »Precipice to Hell« vom Vorgängeralbum und beschäftigt sich mit Personenkult, Verführung und der manipulativen Wirkung vermeintlich charismatischer Herrscher.
Mit »Kneel or Die« bekennen sich Stonecast schließlich ohne Vorbehalte zu den klassischen Heavy-Metal-Konventionen. Der Titel, die martialischen Riffs und der druckvolle Refrain könnten direkter kaum ausfallen. Allerdings setzt die Band diese Elemente nicht mit ironischer Distanz ein. Das Stück will ein kompromissloser Heavy-Metal-Song sein und erfüllt diese Aufgabe mit Nachdruck. Gerade live dürfte der Refrain seine volle Wirkung entfalten.

DREI WORTE, DREI HAMMERSCHLÄGE

Das kurze Instrumental »00.00.01« leitet den letzten Albumabschnitt ein. Bedrohliche Klänge und ein angedeuteter Countdown erzeugen das Bild eines Menschen, der in einem Schutzraum sitzt und erkennt, dass die verbleibende Zeit bereits abgelaufen ist. Als eigenständige Komposition besitzt das Stück wenig Substanz, als Verbindung zum Titelsong erfüllt es jedoch seinen Zweck.
»Expand Crimson Chaos« bündelt anschließend viele Stärken der Platte. Der Bass von Lionel Antonorsi tritt deutlich hervor, die Gitarren verbinden Härte mit melodischer Führung und Ghirardi liefert einen Refrain, der den ungewöhnlichen Titel tatsächlich einprägsam macht. Die drei Wörter werden wie drei aufeinanderfolgende Schläge eingesetzt. Der Song wirkt weder künstlich auf Größe getrimmt noch unnötig kompliziert und zählt deshalb zu den geschlossensten Kompositionen des Albums.
Deutlich verspielter präsentiert sich »Gundown the Flag«. Stonecast verbinden klassische Metal-Riffs mit beinahe zirkusartigen Passagen, gesprochenen Einwürfen und bewusst chaotischen Übergängen. Dieser Abschnitt ist erkennbar Teil des Konzepts, dürfte jedoch die Hörerschaft spalten. Einige werden die unberechenbare Gestaltung begrüßen, während andere darin einen unnötigen Bruch mit der zuvor aufgebauten Atmosphäre sehen.
»Nuclear Winter« beendet das Album konsequent mit einer apokalyptischen Szenerie. Das Stück greift Motive aus früheren Phasen der Band auf, verdichtet sie zu einem schweren Finale und räumt auch dem Bass noch einmal ausreichend Platz ein. Einzelne raue Gesangspassagen wirken im Verhältnis zum sonstigen Klangbild etwas unvermittelt. Das abschließende Instrumentalstück führt die Platte dennoch überzeugend zu Ende und lässt offen, ob nach der vollständigen Zerstörung tatsächlich ein Neubeginn möglich ist.

STARKE GÄSTE UND KLARE PRODUKTION

Für das Schlagzeug konnten Stonecast Brent E. Smedley gewinnen, der insbesondere durch seine Arbeit mit Iced Earth bekannt ist. Seine Leistung gehört zu den wichtigsten Bestandteilen des Albums. Er spielt technisch präzise, lässt die Musik aber atmen und richtet seine Akzente nach den jeweiligen Kompositionen aus. Die Gitarrensoli stammen vollständig von Thomas Tiberi von Sunbeam Overdrive. Statt bloßer Geschwindigkeitsdemonstrationen liefert er melodisch nachvollziehbare Soli, die den Songs zusätzliche Farben geben.
Christophe Boin hat »Expand Crimson Chaos« im Recording Studio Marseille gemischt und gemastert. Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang sind klar voneinander getrennt, ohne dass das Ergebnis steril erscheint. Besonders der Bass erhält erfreulich viel Präsenz. Lediglich einige besonders dicht arrangierte Stellen hätten von etwas mehr Zurückhaltung profitieren können.
Die größte Stärke des Albums ist gleichzeitig sein kleiner Schwachpunkt. Stonecast bewegen sich zwischen traditionellem Heavy Metal, Power Metal, Doom, Thrash und progressiveren Strukturen. Dadurch bleibt die Platte abwechslungsreich, besitzt aber nicht durchgehend einen vollkommen geschlossenen Fluss. Einige Übergänge wirken eher wie der Wechsel zu einer neuen Geschichte als wie die Fortsetzung eines zusammenhängenden Albums.

FAZIT:

»Expand Crimson Chaos« ist eine ambitionierte und handwerklich überzeugende Rückkehr. Stonecast verbinden klassischen Heavy Metal mit erzählerischem Anspruch, abwechslungsreichen Arrangements und starken individuellen Leistungen. Nicht jede stilistische Abzweigung fügt sich nahtlos in das Gesamtbild ein, doch Stücke wie »Death«, »Walking Dead«, »Against the Tide« und der Titelsong zeigen eine Band, die auch nach mehr als zwei Jahrzehnten nicht auf eingefahrene Lösungen angewiesen ist.

Stonecast – Walking Dead (Official Lyric Video)

Internet

Stonecast - Expand Crimson Chaos - CD Review

MOONSPELL – Far From God

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MOONSPELL – Far From God - Cover Artwork
MOONSPELL – Far From God - Cover Artwork

Band: MOONSPELL 🇵🇹
Titel: Far From God
Label: Napalm Records
VÖ: 03/07/26
Genre: Gothic Metal

Tracklist

01. Cross Your Heart
02. Far From God
03. Biblical
04. The Great Wolf in the Sky (ft. Alicia Nuhro on strings)
05. Your Promise of Light
06. For the Love of Mortals
07. Our Freedom to Fall
08. Reconquista

 

Besetzung

Fernando Ribeiro – Vocals
Ricardo Amorim – Guitars
Pedro Paixão – Keys
Aires Pereira – Bass
Hugo Ribeiro – Drums

 

Bewertung:

4/5

Wenn es eine Sache gibt, die wenige Bands so gut beherrschen wie MOONSPELL, dann ist es die Kunst, sich neu zu erfinden und trotzdem einzigartig zu klingen. Nach ihrem musikalisch progressivsten Werk, „Hermitage“ (2021), entführen uns die Portugiesen nun in eine gänzlich andere Welt, die mehr an ihre Wurzeln erinnert: „Far From God“ offenbart erneut MOONSPELLS Liebesbeziehung mit dem Gothic Metal der 90er Jahre. Ihr mittlerweile vierzehntes Studioalbum wird im Pressetext sogar als „Irreligious des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet – eine moderne Begegnung mit dem ikonischen zweiten Album der Formation.

Rückkehr zu den 90ern

Der Vergleich mit dem 1996 erschienenen „Irreligious“, das seinerzeit genau den Nerv der Zeit traf und MOONSPELL zu Vorreitern des Gothic Metal machte, lässt vor allem loyale Fans der Band aufhorchen. Nach Veröffentlichung der ersten Single, „Far From God“, war die Euphorie immens, denn aus jeder einzelnen Note dieses Songs bluten die 90er und erwecken auf romantischste Weise Tote. Der basslastige, Synthesizer-geschwängerte Sound mit dieser unglaublich schönen, bestechlichen Melodie, der tiefe Gesang von Fernando in den Strophen und das gemütliche Schlagzeug sind Nostalgie pur! In der zweiten Strophe wird gegen Ende noch ein sanfter Disco-Beat eingebaut, der das Lied noch mitreißender macht – ja, dieser Release hat die Fangemeinschaft kalt erwischt.

Guter Album-Einstieg

Die zweite Single, „Cross Your Heart“, klingt ebenso nach einer lockeren, tanzbaren Nummer mit düsterer Stimmung, allerdings mit stärkeren Rock- als Gothic-Elementen. „Biblical“ bringt dem Hörer eine weitere Stilrichtung, mit der MOONSPELL gut vertraut sind, näher: Doom. Das langsame, rhythmische Zusammenspiel von Aires Pereira am Bass und Hugo Ribeiro am Schlagzeug hat etwas Lauerndes. Diese Stimmung wird zusätzlich verstärkt durch die sanften Gitarrentöne und atmosphärischen Soundeffekte. Im letzten Drittel entlädt sich endlich die Energie – Fernando Ribeiro präsentiert uns seine rauen Schreie, die im starken Kontrast zu seinem Flüster-Gesang stehen. „Biblical“ überzeugt dank dieses Stimmungsaufbaus auf voller Linie. In „The Great Wolf in the Sky“ dominieren abermals fesselnde Gitarrenmelodien, die eine gewisse Melancholie übertragen. Das Tempo bleibt gemäßigt, die atmosphärischen Elemente gut akzentuiert und großzügig. Der Gothic Sound ist hier aber nicht ganz offensichtlich.

Ernüchternder Mittelteil

Während beide Singles ein gutes Tempo vorlegen, wird die BPM-Zahl in „Biblical“ und „The Great Wolf in the Sky“ gedrosselt. Letzteres hat flottere Stellen, aber in Summe ist es gemütlich. Da es auf „Far From God“ nur acht Lieder gibt, denkt man, dass die fünfte Nummer wieder eine ähnliche Energie wie der gleichnamige Song haben könnte – leider nein. Sowohl „Your Promise of Light“ als auch „For the Love of Mortals“ lehnen sich deutlicher in Richtung Doom. Kernelemente wie ominöse Soundeffekte, prägnante Bass- und Gitarrenpassagen stehen hier zwar ebenso im Fokus, aber insgesamt fehlt es den beiden Nummern an Durchschlagskraft. „Your Promise of Light“ überzeugt am ehesten noch durch seine mysteriöse Aura, erinnert aber statt an „Irreligious“ mehr an die Vorgangsweise auf „Antidote“ (2003). „For the Love of Mortals“ stellt letztlich den Tiefpunkt des Albums dar. Die Tatsache, dass es nach „Far From God“ das vierte Lied in Folge mit gemütlicher Stimmung und gemäßigtem Tempo ist, lässt es umso farbloser erscheinen. Aber auch für sich überzeugt der Titel nur schwer. Er ist sehr verträumt, was wieder besser in das Gothic-Schema passt. Die dominanten Tom-Beats geben dem Lied etwas Angenehmes, Heimeliges – ebenso wie der sanfte Gesang von Fernando. Allerdings haben MOONSPELL da schon bessere Stücke komponiert, z. B. auf „Omega White“ (2012).

Positive Überraschung gegen Ende

Nach diesem ernüchternden Mittelteil des Albums wirkt „Our Freedom to Fall“ zunächst wie eine weitere Wiederholung der bereits mäßig spannenden Vorgänger. Der Titel entpuppt sich jedoch als kreativster und experimentellster der Scheibe. Bereits das tiefe, monotone Riff in den Strophen zieht einen in den Bann, da es unweigerlich an TYPE O NEGATIVE erinnert und somit wieder nostalgische Gefühle weckt. Der sanfte Gesang steht im starken Kontrast zu diesem heftigen Doom-Part. Eine erste energetische Steigerung bringt der Wechsel zu rauen Schreien im Refrain. Womit man aber nicht gerechnet hätte, ist der heftige Black-Metal-Abstieg nach ca. 2,5 Minuten. In weiterer Folge schwankt das Lied zwischen Gothic, Doom und Black Metal hin und her, was absolut genial klingt. Die Stimmung von diesem Lied wird dank dieser Kontraste unglaublich intensiv.

Abschluss

Den Abschluss bildet „Reconquista“, das mich persönlich sehr an den gleichnamigen Titel von „Hermitage“ erinnert. Das Tempo ist wieder gemächlich, das Riff sehr rockig, die Stimmung düster. Fernando nutzt hauptsächlich seinen rauen Gesang. Mit über sechs Minuten ist es der längste Song auf „Far From God“. Dass er etwas länger ausfällt, stört nicht, aber als großes Finale wäre der vorherige Titel besser gewesen.

Stärken und Schwächen

Nach der ersten Single waren die Erwartungen an „Far From God“ groß. Man rechnete mit einem modernen Gothic-Epos wie „Extinct“ (2015) – nicht zuletzt wegen der Promo zum Album, die es als  „Irreligious des 21. Jahrhunderts“ ankündigte. Tatsache ist, dass MOONSPELLS neues Album die hohe Qualität liefert, die man von den Portugiesen erwartet, aber der Blick über den Tellerrand weniger drastisch ausfällt. Titel wie „Our Freedom to Fall“, „Biblical“ und die gleichnamige Single zählen definitiv zu den stärksten Momenten, denn hier demonstrieren uns MOONSPELL auf intimste Weise ihre Einzigartigkeit. In Summe hat „Far From God“ aber einige Schwächen, die sogar nach mehrmaligem Hören stören. Das Album hätte mehr Pepp vertragen können – schnellere Rhythmen, frechere Stimmungswechsel und insgesamt mehr Energie. Obwohl es mit etwas mehr als 42 Minuten aufgeteilt auf acht Titel eine angemessene Spieldauer hat, wären 1-2 Lieder mehr auch schön gewesen. 

Fazit: „Far From God“ liefert die gewohnt hohe Qualität von MOONSPELL, wirkt aber in Summe etwas verhalten und hätte sowohl mehr Energie als auch Experimentierfreude gebraucht.  

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MOONSPELL – Far From God

11 Theory – All In Our Minds

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Band: 11 Theory 🌍
Titel: All In Our Minds
Label: WLA Productions
VÖ: 19.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Melodic Hard Rock / Blues Rock / Modern Hard Rock

Tracklist

01. The Other Side
02. Believing It Too
03. Evil Inside
04. All In Our Minds
05. Give Us A Fight
06. The Way
07. Shovels And Pitchforks
08. Midnight Prayer
09. Can’t Wait Another Minute
10. How It Ends
11. You Are (Bonus Track)

Besetzung

Cris Hodges – Gesang
Serguei Fedotov – Gitarre
Ilia „Lu“ Smirnov – Gitarre
Sergey „Glam Dickens“ Dik – Bass
Sergey Rubtsov – Schlagzeug

Produktion:
Jack Eugene – Produktion

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Zur Abwechslung einmal Melodischer Hard Rock, bluesgetränkte Gitarren und eine zeitgemäß druckvolle Produktion bilden das Fundament von »All In Our Minds«, dem Debütalbum der international besetzten Formation 11 Theory. Herausgebracht wurde die Platte am 19. Juni 2026 über WLA Productions. Mit elf Titeln und einer Spielzeit von gut 42 Minuten tritt die Band weder als nostalgische Achtzigerjahre-Kopie noch als aalglattes Radioprojekt an. Stattdessen treffen klassische US-Hard-Rock-Melodien, schwerere Blues-Riffs, moderne Grooves und eine gelegentlich rotzige Alternative-Rock-Attitüde aufeinander. Das klingt an vielen Stellen vertraut, wird aber mit ausreichend Spielfreude, starken Gesangslinien und einem guten Gespür für Tempo und Reihenfolge umgesetzt.

YouTube Art Playlist: All In Our Minds

DIE ANDERE SEITE DES MODERNEN HARD ROCK

»The Other Side« verschwendet keine Zeit mit atmosphärischem Vorgeplänkel. Ein treibendes Riff, eine präsente Rhythmusgruppe und ein Refrain, der bereits beim zweiten Durchlauf sitzt, eröffnen das Album mit breiter Brust. Der Song verbindet klassischen amerikanischen Hard Rock mit einer modernen Produktion und besitzt genau die selbstbewusste Lässigkeit, die ein Opener dieser Art benötigt.

Im Mittelpunkt steht sofort Cris Hodges. Seine Stimme besitzt genügend Rauheit, um nicht im Melodic-Rock-Hochglanz zu versinken, bleibt aber kontrolliert und beweglich. Hodges kann kraftvoll drücken, melodische Bögen sauber ausarbeiten und einzelne Zeilen mit einem leicht arroganten Unterton versehen. Diese Mischung passt zu einer Band, die ihre Musik ernst nimmt, sich dabei aber nicht wichtiger inszeniert als die Songs.

»Believing It Too« nimmt anschließend etwas Geschwindigkeit heraus und erhöht dafür das Gewicht. Die Gitarren von Serguei Fedotov und Ilia „Lu“ Smirnov setzen auf einen wuchtigen, bluesbasierten Grundrhythmus, über dem Hodges eine deutlich dunklere Gesangslinie entwickelt. Erinnerungen an Tesla und die melodischere Seite von Lynch Mob liegen nahe, ohne dass 11 Theory deren Klangbild vollständig kopieren.

Der Einstieg funktioniert gerade deshalb so gut, weil beide Stücke unterschiedliche Seiten der Band zeigen. Der Opener sucht die offene Straße, während »Believing It Too« schwerer auf den Boden drückt. Die Produktion von Jack Eugene hält Gitarren, Bass und Schlagzeug kompakt zusammen, ohne den Refrains ihre Luft zu nehmen.

ZWISCHEN VOLLGAS UND POWERBALLADE

»Evil Inside« zieht das Tempo wieder an. Sergey Rubtsovs Schlagzeug treibt den Song geradlinig nach vorn, während der Bass von Sergey „Glam Dickens“ Dik dem Refrain zusätzlichen Schub verleiht. Die Gitarren setzen keine technischen Ausrufezeichen um ihrer selbst willen, sondern konzentrieren sich auf prägnante Rhythmusarbeit und kurze melodische Ergänzungen.

Der Titelsong »All In Our Minds« wechselt anschließend in das Balladenfach. Glücklicherweise bleibt der erwartbare Zuckerguss aus. Akustischere Klangfarben und eine bluesige Grundstimmung führen zu einem Refrain, in dem Hodges seine Stimme öffnen kann, ohne in übertriebene Theatralik zu verfallen. Der Song ist emotional, aber nicht weinerlich, groß angelegt, aber nicht aufgeblasen.

»Give Us A Fight« suggeriert dem Titel nach eine aggressive Kampfansage, fällt musikalisch jedoch entspannter aus. Der Song verbindet modernen Hard Rock mit einem lockeren Groove und leichten Southern-Rock-Anklängen. Stellenweise erinnert die Haltung an die rockigere Seite von Kid Rock: weniger wegen einer direkten klanglichen Kopie als aufgrund der Verbindung aus Blues, modernem Beat und breit angelegtem Refrain.

Nicht jede Wendung überrascht. Die Band arbeitet mit vertrauten Strukturen und setzt Refrains meist genau dort, wo man sie erwartet. Dafür sitzen diese Refrains. 11 Theory verstehen, dass klassischer Hard Rock nicht durch möglichst komplizierte Arrangements gewinnt, sondern durch Dynamik, Wiedererkennungswert und eine Rhythmusgruppe, die den Song trägt.

DUNKLERE FARBEN UND ERHOBENE MITTELFINGER

Mit »The Way« erhält das Album eine rauere Färbung. Die Gitarren klingen härter, der Groove wirkt bedrohlicher und Hodges legt mehr Druck in seine Stimme. Der Titel gehört zu den kantigeren Momenten der Platte und zeigt, dass die Band nicht ausschließlich auf sonnige Straßenhymnen und offene Fenster zielt.

»Shovels And Pitchforks« lockert die Stimmung wieder auf. Inhaltlich nimmt die Nummer vorschnelle Urteile, digitale Empörung und jene Menschen ins Visier, die mit erhobenen Mistgabeln auf alles losgehen, was gerade zur öffentlichen Zielscheibe erklärt wurde. Die Band verarbeitet das Thema nicht als schwere Gesellschaftsanalyse, sondern als bissige Hard-Rock-Nummer mit Humor und bewusst überzeichneter Haltung.

Der Refrain ist einfach gebaut, die Gitarren bleiben direkt und der Rhythmus besitzt eine deutlich liveorientierte Energie. Gerade hier zeigt sich eine Stärke des Albums: 11 Theory schreiben Stücke, die nicht erst nach zehn Durchläufen oder dem Studium eines Textblatts funktionieren müssen. Die Songs wollen gespielt, mitgesungen und auf einer Bühne körperlich umgesetzt werden.

Musikalisch bleibt »Shovels And Pitchforks« allerdings etwas konventioneller als die stärksten Nummern der Platte. Die humorvolle Ausrichtung und Hodges’ lebhafter Vortrag gleichen das weitgehend aus, doch das Stück lebt stärker von seiner Haltung als von außergewöhnlichen kompositorischen Einfällen.

EIN NACHTGEBET MIT ZÄHNEN

»Midnight Prayer« beginnt zurückgenommen und vermittelt zunächst den Eindruck einer weiteren Ballade. Die Band belässt es jedoch nicht bei leisen Gitarren und bedeutungsschwerem Gesang. Der Song wächst schrittweise zu einem kräftigen Midtempo-Rocker, dessen eingängige Melodie in einem wirkungsvollen Gegensatz zur dunkleren Grundstimmung steht.

Hodges liefert hier eine seiner besten Leistungen. Er hält die Strophen kontrolliert, steigert die Intensität in den Übergängen und öffnet den Refrain, ohne die Komposition vollständig zu dominieren. Fedotov und Smirnov begleiten ihn mit Gitarren, die melodische Akzente setzen, aber den Gesang nicht überfrachten.

»Can’t Wait Another Minute« tritt danach wieder aufs Gaspedal. Der Song besitzt die unbekümmerte Direktheit von Buckcherry, kombiniert mit einem simplen Refrain und einem Call-and-Response-Moment, der erkennbar für die Bühne geschrieben wurde. Das ist kein musikalisches Feingewebe, sondern eine geradlinige Rocknummer, die genau weiß, was sie erreichen will.

Hier offenbart sich zugleich die Grenze des Albums. 11 Theory beherrschen ihre Einflüsse, entwickeln aber noch nicht in jedem Stück eine vollständig eigene Sprache. Einige Gitarrenfiguren, Refrainaufbauten und Grooves könnten ebenso auf Veröffentlichungen etablierter amerikanischer Hard-Rock-Bands stehen. Die starke Ausführung verhindert jedoch, dass diese Vertrautheit in Beliebigkeit umschlägt.

WIE ES ENDET – UND WAS DANACH KOMMT

»How It Ends« setzt vor dem Bonusstück einen passenden Schlusspunkt. Der Song ist schmutziger, bluesiger und lässiger als viele seiner Vorgänger. Der Bass erhält mehr Raum, die Gitarren arbeiten mit einem trockenen Groove und Hodges klingt, als würde er den Text nicht vortragen, sondern durch zusammengebissene Zähne ausspucken.

Das Ende fällt allerdings sehr abrupt aus. Kaum hat sich der Groove festgesetzt, zieht die Band den Stecker. Das kann als bewusster Kontrast zum Titel verstanden werden, wirkt aber dennoch so, als hätte der Song noch einen letzten Durchlauf oder eine kurze instrumentale Zuspitzung vertragen.

Der Bonus-Track »You Are« zeigt die ruhige Seite der Band. Akustische Gitarren und reduzierte Percussion rücken Hodges vollständig ins Zentrum. Seine Stimme trägt das Stück souverän und wechselt zwischen leisen, verletzlichen Momenten und kräftigeren Passagen. Gleichzeitig ist die Nummer deutlich sanfter als der Rest des Albums und dürfte nicht jeden Hard-Rock-Hörer gleichermaßen abholen.

Als Bonus funktioniert »You Are« besser denn als regulärer Abschluss. Der eigentliche Kern der Platte endet mit »How It Ends«, während die Akustiknummer wie eine Zugabe nach dem letzten Vorhang wirkt.

FÜNF MUSIKER STATT STUDIOKONSTRUKT

Die beiden Gitarristen arbeiten songdienlich und verzichten auf überladene Soloparaden. Fedotov und Smirnov setzen auf druckvolle Akkorde, kurze Leadlinien und bluesige Verzierungen. Ihre Rollen bleiben nicht immer eindeutig voneinander getrennt, doch das Zusammenspiel besitzt ausreichend Breite und Dynamik.

Sergey Dik liefert einen stabilen Bass, der vor allem bei »Believing It Too«, »The Way« und »How It Ends« deutlich zur Wirkung der Grooves beiträgt. Sergey Rubtsov spielt kontrolliert und geradlinig. Er versucht nicht, einfache Hard-Rock-Strukturen mit unnötigen technischen Figuren aufzuwerten, sondern hält die Stücke in Bewegung.

Cris Hodges ist dennoch das auffälligste Mitglied. Seine Stimme gibt dem Material Charakter und verhindert, dass die vertrauten Genrebausteine zu neutral wirken. Besonders überzeugend sind die Momente, in denen er melodische Kontrolle mit einer raueren, beinahe provozierenden Artikulation verbindet.

Jack Eugenes Produktion stellt diesen Gesang deutlich heraus, lässt aber auch den Gitarren genügend Gewicht. Das Album klingt modern, ohne die Instrumente mit digitaler Perfektion zu ersticken. Lediglich das Schlagzeug könnte stellenweise etwas organischer und räumlicher ausfallen.

FAZIT:

»All In Our Minds« ist ein starkes Hard-Rock-Debüt, das nicht versucht, das Genre neu zu erfinden. 11 Theory konzentrieren sich stattdessen auf griffige Refrains, bluesbasierte Gitarren, abwechslungsreiche Tempi und einen Frontmann, der selbst vertrauten Strukturen Persönlichkeit verleiht. »The Other Side«, »Believing It Too«, »The Way« und »How It Ends« bilden die Höhepunkte. Der Bonus-Track fällt etwas zu weich aus und manche Referenzen sind deutlich hörbar, doch schwaches Füllmaterial sucht man weitgehend vergeblich. Ein Debüt mit Kraft, Melodie und genügend Selbstbewusstsein, um auf der Bühne noch deutlich größer zu werden.

Official Video: Shovels And Pitchforks

Internet

11 Theory - All In Our Minds - CD Review

The Dead Krazukies – Cipher

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Band: The Dead Krazukies 🇫🇷
Titel: Cipher
Label: SBÄM Records / Kicking Records
VÖ: 26.06.2026 Format: CD / Vinyl / Kassette / Digital
Genre: Melodic Punk Rock / Skatepunk / Hardcore Punk / Metal Punk

Tracklist

01. Before the Storm – 03:20
02. 1997 – 03:16
03. Red Letter – 03:09
04. Far and Beyond – 02:39
05. Neuralyzer – 03:54
06. Blackwall – 03:27
07. The Unseen One – 04:03
08. All the Noise – 01:21
09. Silverlines – 02:46
10. Elysium – 03:46

Versteckter Bonustrack der physischen Ausgabe: Playa Nevada

Besetzung

Maider Gallais – Gesang
Fafo – Leadgitarre, Hintergrundgesang
Le Papa Seb – Gitarre, Hintergrundgesang
Julien Krazuki – Bass, Hintergrundgesang
Phil Krazuki – Schlagzeug, Hintergrundgesang

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Skatepunk, Hardcore und Metalriffs aus dem französischen Südwesten – The Dead Krazukies zeigen auf ihrem vierten Studioalbum »Cipher«, dass melodischer Punkrock weder weichgespült noch vorhersehbar klingen muss. Die Formation aus Hossegor verbindet die Geschwindigkeit des Neunziger-Skatepunks mit kräftigen Gitarren, Hardcore-Energie, mehrstimmigen Refrains und einer hörbaren Vorliebe für klassischen Heavy Metal. Gegenüber »From the Underworld« fällt das neue Material dunkler, persönlicher und stellenweise deutlich schwerer aus. Angst, Nostalgie, Verlust, Entfremdung und das Bedürfnis, aus gesellschaftlichen wie inneren Zwängen auszubrechen, ziehen sich durch die zehn regulären Stücke. Der Titel »Cipher« passt dazu ausgezeichnet: Die Songs wirken wie einzelne Bestandteile eines Codes, mit dem Maider Gallais, Fafo, Le Papa Seb, Julien Krazuki und Phil Krazuki versuchen, Vergangenheit, Gegenwart und die eigenen Abgründe zu entschlüsseln. Trotz des ernsteren Unterbaus verliert die Band weder ihre Eingängigkeit noch jene unmittelbare Energie, die jeden Refrain bereits beim zweiten Durchlauf in Richtung Konzertpublikum schleudert.

Official Music Video: 1997

DIE RUHE VOR DEM STURM DAUERT NICHT LANGE

»Before the Storm« trägt seinen Titel nicht ohne Grund. Eine kurze, kontrollierte Gitarrenbewegung bereitet den Einstieg vor, bevor Schlagzeug, Bass und verzerrte Akkorde das Album in Bewegung setzen. The Dead Krazukies verschwenden keine Zeit mit einem atmosphärischen Intro, sondern präsentieren sofort ihre Verbindung aus Skatepunk-Geschwindigkeit und metallischer Präzision.

Das Gitarrenduo aus Fafo und Le Papa Seb setzt auf schnelle Akkordfolgen, melodische Gegenbewegungen und ein Solo, das stärker im klassischen Heavy Metal als im gewöhnlichen Punkrock verwurzelt ist. Trotzdem wirkt der Song nicht wie ein Metalstück mit aufgesetztem Punkrhythmus. Beide Seiten greifen organisch ineinander.

Über dem Instrumental steht Maider Gallais mit einer Stimme, die Melodie und Rauheit überzeugend verbindet. Ihr Gesang besitzt ausreichend Klarheit für die großen Refrains, bleibt aber kantig genug, um nicht im austauschbaren Pop-Punk zu landen. Mehrstimmige Hintergrundgesänge erweitern die Hooklines, ohne sie künstlich aufzublasen.

»1997« richtet anschließend den Blick zurück. Der Song erinnert an Jugendjahre mit Skateboard, weiten Hosen, aufgeschlagenen Knien, Punkrock und der Überzeugung, unverwundbar zu sein. Die Nostalgie wird jedoch nicht als gemütliche Flucht in eine vermeintlich perfekte Vergangenheit inszeniert.

Im Zentrum steht vielmehr die Erkenntnis, wie schnell Jahrzehnte verstreichen. Aus dem fünfzehnjährigen Punk wird plötzlich ein Erwachsener, der begreift, dass die unscheinbaren Tage von damals später zu den wichtigsten Erinnerungen gehören. Der eingängige Refrain trägt diese Mischung aus Freude und Wehmut ausgezeichnet.

Musikalisch gehören die melodischen Gitarren und der kräftige Bass zu den auffälligsten Bestandteilen. Julien Krazuki liefert kein bloßes Fundament, sondern bewegt sich hörbar zwischen den Akkorden und verleiht dem Stück zusätzliche Tiefe.

ROTE BRIEFE UND WEITE ENTFERNUNGEN

»Red Letter« beginnt mit einer Gitarrenfigur, die beinahe aus der britischen Heavy-Metal-Schule stammen könnte. Kurz darauf zieht sich die Gitarre zurück und gibt dem Bass sowie Maider Gallais mehr Raum. Diese Wechsel zwischen Härte und Zurückhaltung bestimmen den gesamten Song.

Die Band arbeitet hier weniger mit dauerhaftem Tempo als mit dynamischen Abstufungen. Ein schwererer Abschnitt steht neben melodischen Passagen, während der Gesang zwischen Verletzlichkeit und Entschlossenheit wechselt. Gerade dadurch entwickelt die Nummer eine emotionale Wirkung, die über einen einfachen Skatepunk-Refrain hinausgeht.

Das kurze »Far and Beyond« erhöht anschließend wieder die Geschwindigkeit. Trotz der kompakten Spielzeit wirkt der Song nicht wie ein hastig eingeschobener Lückenfüller. Tempowechsel, mehrstimmige Gesänge und eine markante Gitarrenmelodie sorgen dafür, dass die knapp drei Minuten erstaunlich vollständig erscheinen.

Phil Krazuki treibt die Nummer mit einem energischen Schlagzeugspiel voran. Schnelle Punkrhythmen wechseln mit kräftig gesetzten Übergängen und kurzen Reduktionen. Die Musik behält dadurch ihre Beweglichkeit und läuft nicht einfach im selben Takt bis zum Schluss durch.

Hier zeigt sich eine der wichtigsten Stärken von »Cipher«: Die Songs sind eingängig, aber selten völlig berechenbar. Die Band kennt die Regeln des melodischen Punkrocks, verwendet sie jedoch nicht als starre Schablone.

DER NEURALYZER LÖSCHT DEN SCHMERZ NICHT

»Neuralyzer« verwendet das aus »Men in Black« bekannte Gerät zur Gedächtnislöschung als Bild für einen verzweifelten Versuch, einen Menschen und die damit verbundenen Schmerzen zu vergessen. Schamanen, Gebete, Zauber, Medikamente und schließlich die imaginierte technische Lösung bleiben erfolglos.

Die Erinnerung lässt sich nicht entfernen. Je stärker die erzählende Person dagegen ankämpft, desto deutlicher wird ihre Macht. Der Text verbindet echte emotionale Verzweiflung mit schwarzem Humor und vermeidet dadurch übertriebene Sentimentalität.

Musikalisch beginnt der Song kontrollierter. Gitarren und Rhythmusgruppe bauen den Druck schrittweise auf, während der Refrain immer größer wird. Die einzelnen Musiker drängen sich nicht in den Vordergrund. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Stimmen arbeiten als geschlossene Einheit.

Der Song besitzt eine beinahe alternative Färbung, ohne den Punkrock zu verlassen. Besonders die langsamere Entwicklung unterscheidet »Neuralyzer« von den schnellen Nummern und verhindert, dass das Album in eine permanente Vollgasfahrt abgleitet.

HINTER DER BLACKWALL BEGINNT DAS UNBEKANNTE

»Blackwall« führt in eine von Neonreklame, Konsum, Kontrolle und digitalen Götzen bestimmte Welt. Die titelgebende Wand trennt die bekannte Ordnung von einem unbekannten Gebiet. Der Ausbruch könnte im Absturz enden, erscheint aber immer noch erträglicher als ein fremdbestimmtes Leben.

Die Cyberpunk-Bilder passen hervorragend zur Musik. Ein hartes Gitarrenriff trifft auf wechselnde Tempi, druckvolle Chöre und einen Refrain, der sich sofort festsetzt. Maider Gallais klingt hier besonders angriffslustig und trägt die Entscheidung, das kontrollierte System endgültig zu verlassen, mit hörbarer Entschlossenheit.

Die Gitarren fallen schwerer aus als bei »1997«. Hardcore, Metal und melodischer Punk werden so eng miteinander verzahnt, dass eine eindeutige Genrezuordnung kaum sinnvoll erscheint. Gerade diese Offenheit verleiht dem Stück seinen Charakter.

Das Zusammenspiel aus melodischem Refrain und hartem Rhythmus erinnert stellenweise an Ignite, während die metallischen Gitarren und Breaks auch Hörer modernerer Punk-Metal-Crossover-Formationen erreichen dürften.

»Blackwall« gehört zu den stärksten Songs des Albums, weil Inhalt und Musik dieselbe Bewegung beschreiben: weg aus einer erstickenden Ordnung und hinein in eine unsichere Freiheit.

DAS UNSICHTBARE TRITT AUS DEM SCHATTEN

»The Unseen One« führt die härtere Ausrichtung fort. Die Gitarren besitzen mehr Gewicht, der Rhythmus fällt aggressiver aus und die Hintergrundgesänge wirken weniger freundlich als bei den stärker nostalgischen Stücken.

Die Nummer verbindet älteren Hardcore Punk mit der melodischen Präzision des Skatepunks. Der Refrain bleibt zugänglich, wird jedoch von einem deutlich raueren Fundament getragen. Gerade diese Reibung verhindert, dass die zweite Albumhälfte an Intensität verliert.

Mit »All the Noise« folgt ein 81 Sekunden langer Ausbruch. Andere Bands würden aus den vorhandenen Ideen einen dreiminütigen Song bauen. The Dead Krazukies pressen Tempowechsel, schnelle Gitarren, einen kurzen melodischen Abschnitt und mehrere rhythmische Wendungen in kaum mehr als eine Minute.

Das Ergebnis klingt trotzdem nicht unfertig. Die Nummer besitzt einen klaren Beginn, eine Entwicklung und einen konsequenten Schluss. Ihre Kürze verstärkt die Wirkung und bringt die unmittelbare Hardcore-Seite der Band auf den Punkt.

»All the Noise« dürfte live zu jenen Momenten gehören, in denen der Moshpit kaum Zeit erhält, sich zu sortieren. Sobald der Song vollständig erfasst wurde, ist er bereits vorbei.

SILBERSTREIFEN AUF RAUEM ASPHALT

»Silverlines« setzt stärker auf den Bass und einen rollenden Rhythmus. Julien Krazuki führt die Bewegung des Songs an, während die Gitarren melodische Akzente und kurze härtere Schläge hinzufügen.

Die Nummer klingt klassischer und besitzt eine zeitlose Punkrock-Grundlage. Gleichzeitig sorgen die wechselnde Gesangsintensität und die metallischen Gitarren dafür, dass der Song nicht wie eine bloße Rückkehr in die Neunziger wirkt.

Maider Gallais zeigt erneut, wie wichtig kleine Veränderungen im Vortrag sein können. Einzelne Zeilen werden zurückhaltender gesungen, andere mit deutlich mehr Druck herausgeschleudert. Dadurch erhält der Refrain zusätzliche Dynamik, ohne dass ständig neue Instrumente oder Effekte benötigt werden.

Die Band setzt auf echte Bewegung statt auf permanente Lautstärke. Das Schlagzeug schiebt, der Bass bleibt präsent und die Gitarren wechseln zwischen Begleitung und Führung. Diese klare Rollenverteilung lässt die Musik kompakt, aber nicht überfüllt klingen.

ELYSIUM UND EIN VERSTECKTER AUSFLUG

»Elysium« beendet die reguläre digitale Fassung mit einem vergleichsweise offenen und positiven Klang. Der aus der Mythologie stammende Begriff bezeichnet einen Ort vollkommenen Friedens und Glücks. Nach den Ängsten, Verlusten und Fluchtbewegungen der vorherigen Stücke wirkt der Titel wie die Suche nach einem erreichbaren Gegenentwurf.

Die Komposition bleibt direkt. Ein griffiges Riff, ein starker Refrain und die geschlossene Rhythmusgruppe genügen, um ein überzeugendes Finale zu schaffen. The Dead Krazukies verzichten auf einen übertriebenen epischen Abschluss und bleiben ihrer kompakten Arbeitsweise treu.

Auf den physischen Ausgaben wartet mit »Playa Nevada« noch eine Überraschung. Der versteckte Bonustrack verlässt den gewohnten Punkrock-Rahmen und greift Mariachi-Klänge sowie die kulturelle Umgebung der südwestfranzösischen Heimat der Band auf.

Dieser stilistische Seitenweg wirkt nicht wie ein schlechter Scherz. Er erinnert daran, dass The Dead Krazukies aus einer Region stammen, in der französische, baskische, spanische und atlantische Einflüsse aufeinandertreffen. Nach einem emotional schweren Album setzt die Band damit einen eigensinnigen und charmanten Schlusspunkt.

MELODISCHER PUNK MIT METALLISCHER MUSKULATUR

Die Einordnung als Skatepunk-Band ist grundsätzlich richtig, beschreibt The Dead Krazukies aber nur teilweise. Das schnelle Schlagzeug, die melodischen Refrains und die mehrstimmigen Chöre stehen klar in dieser Tradition. Gleichzeitig reicht die Gitarrenarbeit deutlich weiter.

Fafo und Le Papa Seb verwenden Twin-Guitar-Melodien, klassische Metal-Leads, schwere Breaks und Riffs, die ebenso gut auf einer melodischen Heavy-Metal-Platte funktionieren könnten. Diese Einflüsse werden jedoch nie zum Selbstzweck.

Der Kern der Songs bleibt Punkrock: kompakt, emotional und unmittelbar. Die metallischen Elemente verstärken die Wirkung, ohne die Kompositionen mit technischen Übungen zu überladen.

Maider Gallais bildet das erkennbare Zentrum. Ihre Stimme ist melodisch, aber nicht makellos poliert. Sie klingt menschlich, wütend, erschöpft und gelegentlich verletzlich. Gerade auf einem Album über innere Kämpfe ist diese Mischung entscheidend.

Auch die Hintergrundgesänge verdienen Aufmerksamkeit. Nahezu alle Instrumentalisten beteiligen sich daran, wodurch die Refrains nach einer tatsächlichen Band und nicht nach mehrfach kopierten Studiospuren klingen.

DER BLASTING-ROOM-STEMPEL

Aufgenommen wurde »Cipher« von Serge Bianne im Aturri Studio sowie von Phil Krazuki im Alien Studio. Den Mix übernahm Christian Carvin, während Jason Livermore im renommierten Blasting Room für das Mastering verantwortlich war.

Entsprechend druckvoll fällt das Ergebnis aus. Gitarren und Schlagzeug besitzen moderne Wucht, der Bass bleibt dennoch hörbar und die Stimme wird nicht unter den Instrumenten begraben. Besonders die Chöre profitieren von der klaren Staffelung.

Die Produktion ist sauber, aber nicht steril. Anschläge, Becken und kleine Unebenheiten bleiben erhalten. Dadurch wirkt das Album lebendig und näher an einer tatsächlichen Bandperformance als an einem vollständig am Bildschirm zusammengesetzten Punkrock-Produkt.

Gelegentlich könnte die Oberfläche etwas rauer sein. Manche Refrains sind sehr breit und kontrolliert produziert, wodurch ein Teil der unmittelbaren Clubenergie verloren geht. Dieser Einwand fällt angesichts der starken Transparenz und des kräftigen Gesamtklangs jedoch gering aus.

EIN CODE AUS ERINNERUNG UND WIDERSTAND

»Cipher« ist dunkler und persönlicher als seine Vorgänger. Die Band schreibt nicht nur über äußere Gegner, sondern richtet den Blick auf innere Unruhe, Verlust und die Frage, wie viel von einem Menschen übrig bleibt, wenn vertraute Beziehungen, Lebensentwürfe oder gesellschaftliche Sicherheiten zerbrechen.

Trotzdem ist das Album keine depressive Selbstbetrachtung. Die Musik bleibt schnell, melodisch und häufig erhebend. Der Widerspruch zwischen schweren Themen und großen Refrains gehört zu den wichtigsten Stärken.

Nicht jeder Song erreicht die Klasse von »1997«, »Neuralyzer« oder »Blackwall«. Einige Strukturen folgen vertrauten melodischen Punkmustern, und einzelne Chöre könnten auch von anderen Bands des Genres stammen.

Doch selbst in diesen Momenten sorgen das Gitarrenspiel, die markante Stimme und die Rhythmusgruppe für ausreichend Eigenständigkeit. Die Band kopiert weder Pennywise noch Rise Against, sondern hat ihre Einflüsse längst in eine eigene, deutlich metallischere Sprache übersetzt.

FAZIT:

»Cipher« ist ein emotionales, druckvolles und musikalisch vielseitiges Punkrock-Album, auf dem The Dead Krazukies Skatepunk, Hardcore und Heavy-Metal-Gitarren äußerst überzeugend verbinden. Besonders »1997«, »Neuralyzer«, »Blackwall«, »All the Noise« und »Silverlines« zeigen eine Band, die große Melodien ebenso beherrscht wie harte Riffs und persönliche Texte. Der Code ist damit nicht vollständig entschlüsselt – aber verdammt hörenswert.

Official Music Video: Blackwall

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The Dead Krazukies - Cipher - CD Review

Crying Steel – Agent Steel

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Band: Crying Steel 🇮🇹
Titel: Agent Steel
Label: Pride & Joy Music
VÖ: 26.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Heavy Metal / Power Metal / Hard Rock

Tracklist

01. The Arrival
02. You Got The Look
03. Under Cover
04. Just Played On
05. To Remember
06. Coming Home
07. My Heart Steel Rocks
08. Queen Of Grinder
09. You Steal My Soul
10. No One’s Crying – 2026 Version feat. Ralf Scheepers

Besetzung

Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli – Gesang
Franco Nipoti – Gitarre
Paolo Nocchi – Gitarre
Marco „Ziro“ Zirondelli – Bass
Luca Ferri – Schlagzeug

Gastmusiker:
Ralf Scheepers – Gesang auf „No One’s Crying“

Produktion:
Produktion – Crying Steel
Engineering – Roberto Priori
Studio – PriStudio

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Nein, die amerikanischen Speed-Metaller Agent Steel haben sich nicht in Crying Steel umbenannt. Hinter dem Titel »Agent Steel« steckt vielmehr eine ausgesprochen charmante Science-Fiction-Geschichte: Auf dem Planeten Grinder leiden die Bewohnerinnen unter tiefer emotionaler Niedergeschlagenheit, weshalb ihre Königin die titelgebende Agentin ins Universum schickt. Auf der Erde entdeckt sie Crying Steel, entführt die Band kurzerhand und bringt sie nach Grinder, wo eine ordentliche Dosis Heavy Metal die Bevölkerung wieder aufrichten soll. Das klingt nach einer Mischung aus Achtzigerjahre-Comic, Weltraumoper und augenzwinkernder Metal-Selbstverehrung – und passt damit ausgezeichnet zum fünften Studioalbum der seit 1982 aktiven Italiener. Acht Jahre nach »Stay Steel« liefern die Veteranen aus Bologna klassischen Heavy Metal zwischen Saxon, Accept, Judas Priest, melodischem Hard Rock und einer Prise Power Metal. Neu am Mikrofon steht Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli, dessen kräftige, hoch angesetzte Stimme dem traditionsbewussten Material zusätzliche Energie verleiht. Produziert wurde »Agent Steel« von der Band selbst, während Roberto Priori von Danger Zone für die technische Umsetzung verantwortlich zeichnet.

Official Video: My Heart Steel Rocks

DIE AGENTIN IST GELANDET

»The Arrival« eröffnet das Album mit einem breiten Gitarrenriff, das sofort deutlich macht, dass Crying Steel nicht an einer modernen Neuinterpretation ihres Stils interessiert sind. Die Akkorde besitzen klassischen Heavy-Metal-Druck, das Schlagzeug marschiert kontrolliert voran und Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli setzt sich mit einer kraftvollen Stimme über das Instrumental.

Sein Gesang erinnert stellenweise an Biff Byford, besitzt in den höheren Passagen aber auch Anklänge an Tim „Ripper“ Owens. Entscheidend ist, dass Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli nicht versucht, jeden Takt durch übertriebene Höhenflüge zu dominieren. Er lässt den Gitarren ausreichend Raum und setzt seine kräftigsten Töne gezielt ein.

Franco Nipoti und Paolo Nocchi bilden eine klassische Doppelgitarrenfront. Das Hauptriff bleibt geradlinig, wird jedoch durch melodische Leads und kleine harmonische Veränderungen erweitert. Luca Ferri steigert das Tempo zum Ende hin und sorgt dafür, dass der Opener nicht vollständig im gemächlichen Midtempo verharrt.

Mit »You Got The Look« geht die Band deutlich offensiver vor. Die Gitarren erhalten mehr Biss, der Rhythmus wird beweglicher und der Refrain ist unverkennbar auf unmittelbare Eingängigkeit ausgelegt. Das Stück besitzt eine leicht überdrehte Achtzigerjahre-Attitüde, die irgendwo zwischen traditionellem Heavy Metal und melodischem Hard Rock liegt.

Der Song nimmt sich selbst nicht übermäßig ernst. Gerade das steht ihm gut. Crying Steel liefern keine akademische Abhandlung über die Zukunft des Genres, sondern einen griffigen Metal-Song, dessen Refrain bereits nach dem ersten Durchlauf sitzt.

UNDER COVER GIBT DER DOUBLEBASS FREIGANG

»Under Cover« erhöht den Druck und gehört zu den kompaktesten Nummern der Platte. Der Song beginnt mit einem scharf geführten Riff, bevor Luca Ferri im Refrain die Doublebass freigibt. Die Verbindung aus klassischem Heavy Metal und melodischem Power Metal funktioniert hier besonders geschlossen.

Der Refrain besitzt eine klare Kontur und wird durch mehrstimmige Hintergrundgesänge verbreitert. Das Gitarrenduo arbeitet eng zusammen, ohne die beiden Instrumente vollständig miteinander verschmelzen zu lassen. Während eine Gitarre den Rhythmus hält, setzt die zweite kurze melodische Gegenbewegungen.

Das Stück endet vergleichsweise abrupt. Dadurch entsteht der Eindruck, als hätte die Band einen letzten Refrain oder eine kurze instrumentale Wiederaufnahme bewusst gestrichen. Die konzentrierte Form sorgt allerdings auch dafür, dass »Under Cover« keinerlei Leerlauf entwickelt.

»Just Played On« setzt den melodischen Kurs fort. Das Tempo fällt etwas kontrollierter aus, während der Refrain stärker auf klassische Hard-Rock-Eingängigkeit setzt. Die Gitarren liefern erneut das eigentliche Fundament, wobei insbesondere der Solopart positiv auffällt.

Das Stück erreicht nicht ganz die Durchschlagskraft der ersten drei Nummern. Der Refrain ist sauber gearbeitet, besitzt aber weniger Widerhaken als »You Got The Look« oder »Under Cover«. Als Verbindung zwischen dem energischen Einstieg und der melodischeren Albumhälfte erfüllt der Song dennoch zuverlässig seine Aufgabe.

ERINNERUNG UND HEIMKEHR

»To Remember« gibt den Gitarren wieder mehr Schub. Das Riffing bewegt sich deutlich in Richtung klassischer britischer Heavy-Metal-Schule, während Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli den Song mit kraftvoller Artikulation nach vorn treibt.

Unter der harten Oberfläche liegt eine melodische Grundhaltung, die beinahe an den härteren Glam und Arena Rock der Achtziger erinnert. Crying Steel verbinden diese Einflüsse allerdings mit genügend metallischem Gewicht, um nicht in bloße Nostalgie für Haarspray und Sportwagenvideos abzugleiten.

Der Song gehört zu den stärksten Stücken, weil Riff, Refrain und Solo unmittelbar ineinandergreifen. Kein Bestandteil wirkt nachträglich ergänzt. Die Band schreibt hier nicht kompliziert, sondern effizient.

»Coming Home« schließt thematisch und musikalisch an. Die Gitarren fallen schwerer aus, während der Refrain eine größere, beinahe hymnische Wirkung entwickelt. Das Motiv der Heimkehr passt zugleich zur Geschichte einer Band, die nach mehreren Umbesetzungen und einer längeren Studiopause wieder mit einem vollständigen Album antritt.

Marco „Ziro“ Zirondelli sorgt im tieferen Bereich für ein kräftiges Fundament. Der Bass drängt sich nicht in den Vordergrund, bleibt unter den Gitarren aber deutlich genug wahrnehmbar, um dem Song zusätzliche Bewegung zu geben.

Besonders die Verbindung aus schwerem Strophenriff und offenem Refrain überzeugt. »Coming Home« dürfte live schnell funktionieren, weil der Song ausreichend Härte für die erste Reihe und genügend Melodie für den restlichen Saal besitzt.

MEIN HERZ ROCKT AUS STAHL

Der Titel »My Heart Steel Rocks« ist sprachlich ungefähr so subtil wie eine verchromte Streitaxt auf dem Frühstückstisch. Genau deshalb passt er zu Crying Steel. Die Nummer ist eine offen ausgesprochene Liebeserklärung an Heavy Metal, große Refrains und jene unerschütterliche Überzeugung, dass Stahl als emotionaler Aggregatzustand vollkommen ausreichend ist.

Musikalisch bewegt sich der Song stärker im melodischen Hard Rock. Das Riffing ist einfacher, der Refrain bewusst groß angelegt und die Hintergrundgesänge unterstreichen den Arena-Charakter. Wer ausschließlich kompromisslosen Stahl erwartet, könnte die Nummer als etwas zu glatt empfinden.

Der Ohrwurm funktioniert dennoch. Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli singt den Refrain mit voller Überzeugung, und das Gitarrenduo liefert genügend Druck, um den Song vor einem vollständigen Abrutschen in süßlichen AOR zu bewahren.

Gerade diese Unbekümmertheit gehört zur Stärke der Band. Crying Steel müssen niemandem mehr beweisen, dass sie seit den frühen Achtzigern zur italienischen Metalgeschichte gehören. Sie können sich erlauben, eine bewusst eingängige Hymne zu schreiben, ohne ihre Identität zu verlieren.

DIE KÖNIGIN VON PLANET GRINDER

»Queen Of Grinder« führt direkt zum Science-Fiction-Konzept des Albums zurück. Die Königin des Planeten Grinder ist jene Herrscherin, die Agent Steel losschickt, um ein Heilmittel gegen die kollektive Niedergeschlagenheit ihrer Bevölkerung zu finden.

Die Geschichte ist offensichtlich mit einem Augenzwinkern geschrieben. Musikalisch nehmen Crying Steel die Aufgabe jedoch ernst. Das Stück kehrt zu schwereren Riffs zurück und erinnert in seiner stampfenden Grundbewegung an den Beginn des Albums.

Die Gitarren besitzen mehr Kanten als bei »My Heart Steel Rocks«. Kurze Leads und ein klassischer Heavy-Metal-Galopp sorgen für Bewegung, während der Refrain die fantastische Figur der Königin in den Mittelpunkt stellt.

Das Konzept wird nicht durch aufwendige Hörspielpassagen, Dialoge oder übertriebene Synthesizer erklärt. Die Band belässt es bei einem erzählerischen Rahmen, der dem Artwork und einzelnen Songs zusätzlichen Zusammenhang gibt. Dadurch bleibt »Agent Steel« in erster Linie ein Heavy-Metal-Album und wird nicht zur überladenen Rockoper.

DIE SEELE WIRD GESTOHLEN

»You Steal My Soul« bringt vor dem Bonusstück noch einmal deutlich mehr Tempo. Das Riffing fällt kantiger aus und besitzt eine leicht thrashige Schärfe, ohne den traditionellen Heavy-Metal-Rahmen zu verlassen.

Luca Ferri treibt die Nummer energisch voran. Seine Schlagzeugarbeit bleibt geradlinig, setzt aber genügend kleine Wechsel, um den Song lebendig zu halten. Insbesondere die Übergänge zwischen Strophe und Refrain erhalten durch seine Fills zusätzlichen Schwung.

Der Refrain ist eingängig, wirkt aber weniger glatt als jener von »My Heart Steel Rocks«. Die Gitarren setzen aggressivere Akzente und verleihen dem Stück eine Dringlichkeit, die der zweiten Albumhälfte guttut.

Auch Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli überzeugt. Er arbeitet stärker mit rauen Mittellagen und reserviert die hohen Töne für gezielte Höhepunkte. Diese kontrollierte Einteilung verhindert, dass seine kraftvolle Stimme über 41 Minuten ermüdet.

RALF SCHEEPERS LÄSST NIEMANDEN WEINEN

Als Bonusstück haben Crying Steel den Klassiker »No One’s Crying« neu aufgenommen. Die ursprüngliche Fassung stammt aus der frühen Bandphase und zählt zu den bekanntesten Songs der Italiener.

Für die 2026er-Version übernimmt Ralf Scheepers von Primal Fear den Gesang. Seine Stimme passt erwartungsgemäß hervorragend zum schnellen, klassischen Heavy Metal. Die hohen Töne besitzen Kraft und Präzision, während die raueren Passagen dem Stück zusätzliche Härte verleihen.

Die Neuaufnahme klingt druckvoller und breiter als das historische Original, ohne dessen schnellen Charakter vollständig umzubauen. Die Gitarren bleiben im Mittelpunkt, der Rhythmus treibt und Ralf Scheepers setzt seinen unverkennbaren Stempel auf die Nummer.

Etwas schade ist, dass daraus kein echtes Duett mit Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli geworden ist. Ein Wechsel beider Sänger hätte die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart noch deutlicher herausgestellt. Als eigenständige Neuaufnahme funktioniert »No One’s Crying« dennoch ausgezeichnet und beendet die Platte mit einem energischen Höhepunkt.

NEUES BLUT IM ALTEN STAHLWERK

Crying Steel wurden 1982 in Bologna gegründet und gehören damit zu den frühen italienischen Heavy-Metal-Formationen. Die Band erarbeitete sich mit der selbstbetitelten EP und dem Album »On The Prowl« einen festen Platz im europäischen Underground.

Von der heutigen Besetzung gehören Franco Nipoti und Luca Ferri zu den langjährigen Konstanten. Marco „Ziro“ Zirondelli, Paolo Nocchi und insbesondere Sänger Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli bringen neue Energie in die bewährte Grundformel.

Das Gitarrenduo ist klar auf klassische Rollenverteilung ausgerichtet. Rhythmusriffs, Twin-Guitar-Harmonien und kurze Soli wechseln einander ab. Die Musiker versuchen nicht, ihre Songs mit unnötiger technischer Komplexität aufzuwerten.

Marco „Ziro“ Zirondelli und Luca Ferri halten das Fundament stabil. Besonders Luca Ferri versteht es, die überwiegend mittleren Tempi durch kurze Beschleunigungen und Doublebass-Einsätze abwechslungsreich zu gestalten.

Der größte Gewinn ist Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli. Seine Stimme besitzt genügend klassische Metalhöhe, bleibt aber kräftig und körperlich. Er klingt weder wie eine Kopie früherer Sänger noch wie ein Fremdkörper in einer seit Jahrzehnten bestehenden Band.

KLASSISCHER METAL MIT MODERNEM DRUCK

»Agent Steel« wurde von Crying Steel produziert und von Roberto Priori technisch betreut. Die langjährige Verbindung zwischen Crying Steel und dessen Band Danger Zone macht sich in einem Mix bemerkbar, der den traditionellen Klang versteht.

Die Gitarren besitzen ausreichend Mitten und wirken nicht wie eine moderne, tiefgestimmte Metallwand. Das Schlagzeug klingt kräftig, ohne vollständig überproduziert zu sein. Der Bass bleibt hörbar und der Gesang sitzt deutlich im Vordergrund.

Gelegentlich fällt die Produktion etwas glatt aus. Besonders bei »My Heart Steel Rocks« und den melodischsten Refrains hätte eine rauere Oberfläche zusätzlichen Charakter erzeugt. Insgesamt passt der klare Klang jedoch zur Mischung aus Heavy Metal, Power Metal und Hard Rock.

Mit rund 41 Minuten besitzt das Album eine vernünftige Länge. Die Band verliert sich nicht in überlangen Kompositionen und verzichtet auf instrumentale Zwischenspiele, die lediglich das Science-Fiction-Konzept erklären müssten.

Nicht jeder Song erreicht dieselbe Prägnanz. »Just Played On« fällt gegenüber den stärksten Nummern leicht ab, während einzelne Refrains sehr bewusst nach vertrauten Achtzigerjahre-Mustern gebaut sind. Die hohe Trefferquote und das geschlossene Zusammenspiel gleichen diese Schwächen jedoch aus.

FAZIT:

»Agent Steel« ist ein überzeugendes Comeback-Album, auf dem Crying Steel klassischen Heavy Metal, melodischen Hard Rock und eine Prise Power Metal zu eingängigen, druckvollen Songs verbinden. Besonders »The Arrival«, »You Got The Look«, »Under Cover«, »To Remember«, »Coming Home« und die Neuaufnahme von »No One’s Crying« überzeugen. Die Agentin hat ihre Mission damit erfüllt: Planet Grinder dürfte vorerst gerettet sein – und der italienische Stahl bleibt weiterhin belastbar.

Official Video: You Got The Look

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Crying Steel - Agent Steel - CD Review

Mortal Terror – Filthy Old Thrash

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Band: Mortal Terror 🇩🇪
Titel: Filthy Old Thrash
Label: Eigenveröffentlichung
VÖ: 26.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Old School Thrash Metal / Speed Metal / Heavy Metal

Tracklist

01. Ghosts From The Past – 00:59
02. 1986-6-6 – 06:02
03. Filthy Old Thrash – 05:27
04. I Come For Everyone – 04:12
05. Cold, Ugly And Rotten – 04:45
06. Under Attack – 05:03
07. Deadly Class – 05:35
08. Here Is Some Speed – 05:43
09. We Own This Night – 05:07

Besetzung

Jann „Der Praktikant“ Hoffmann – Gesang
Dirk Wieland – Gitarre, Gesang
Andreas Klein – Gitarre
Gerret „Roxx“ Geilich – Bass
Jürgen Grauer – Schlagzeug

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Dreckiger alter Thrash Metal – der Albumtitel »Filthy Old Thrash« lässt wenig Raum für Missverständnisse. Die nordhessischen Szeneveteranen Mortal Terror feiern ihr vierzigjähriges Bestehen nicht mit einem weichgespülten Rückblick, einer halbgaren Best-of-Sammlung oder nostalgischer Selbstbeweihräucherung. Stattdessen veröffentlicht die 1986 gegründete Formation ihr siebtes Studioalbum und zeigt, dass röhrende Gitarrenverstärker, punkige Angriffslust, Speed-Metal-Galopp und klassischer Teutonen-Thrash auch nach vier Jahrzehnten keine Altersfreigabe benötigen. »Filthy Old Thrash« setzt dort an, wo »Creating Destruction« und »Bite Of The Underdog« aufgehört haben, wirkt jedoch fokussierter, schneller und spielerisch ausgefeilter. Zum ersten Mal ist das seit 2021 bestehende Line-up mit Jann „Der Praktikant“ Hoffmann und Andreas Klein auf einem vollständigen Album zu hören. Gemeinsam mit Dirk Wieland, Gerret „Roxx“ Geilich und Jürgen Grauer entsteht ein rauer, aber keineswegs primitiver Bastard aus Thrash Metal, Speed, NWOBHM, Punk und wenigen Death-Metal-Sprengseln.

Official Video: Filthy Old Thrash

DIE GEISTER VON 1986

Das einminütige »Ghosts From The Past« öffnet das Album mit einer düsteren Atmosphäre. Stimmen und Geräusche führen zurück in die Anfangstage einer Zeit, in der Thrash Metal noch nicht als historisches Genre verwaltet wurde, sondern in Proberäumen, Jugendzentren und verrauchten Clubs Gestalt annahm.

Direkt anschließend schlägt »1986-6-6« die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Zahlenfolge verweist auf das Gründungsjahr und wird zugleich mit der obligatorischen Sechs-Sechs-Sechs-Symbolik verbunden. Musikalisch beginnt der Song langsam und bedrohlich, ehe das gesamte Quintett Fahrt aufnimmt.

Die Gitarren von Dirk Wieland und Andreas Klein arbeiten mit schweren Akkorden, galoppierenden Rhythmen und kurzen melodischen Gegenbewegungen. Einflüsse der NWOBHM stehen gleichberechtigt neben klassischem deutschem Thrash. Statt dauerhaft mit Höchstgeschwindigkeit durchzulaufen, entwickelt sich die sechsminütige Nummer über mehrere Abschnitte.

Jann „Der Praktikant“ Hoffmann setzt eine raue, variable Stimme über das Instrumental. Er schreit, keift, brüllt und bewegt sich gelegentlich in tiefere Regionen. Die verschiedenen Lagen wirken nicht wie eine technische Demonstration, sondern verstärken die wechselnden Stimmungen.

Der Song fasst die Geschichte von Mortal Terror nicht sentimental zusammen. Er klingt eher wie eine erneute Kampfansage: Die Vergangenheit wird anerkannt, aber nicht als bequemer Ruheplatz genutzt.

DER TITEL IST PROGRAMM

»Filthy Old Thrash« beginnt mit einem Riff, das sofort nach verschwitztem Club, klebrigem Boden und kreisendem Moshpit klingt. Punkige Akkorde treffen auf galoppierende Gitarren und eine Rhythmusgruppe, die den Song mit erheblichem Druck vorantreibt.

Jürgen Grauer schlägt nicht nur den Takt, sondern verändert den Charakter der einzelnen Passagen. Straffe Thrash-Rhythmen werden von schwerem Midtempo, kurzen Beschleunigungen und kraftvollen Fills unterbrochen. Das Schlagzeug klingt körperlich und nicht wie eine klinisch bearbeitete Sammlung identischer Einzelschläge.

Die NWOBHM-Einflüsse treten in den melodischen Gitarren besonders deutlich hervor. Mortal Terror verstehen Old School nicht als Beschränkung auf möglichst rohe drei Akkorde. Hinter der ruppigen Oberfläche stehen sorgfältig arrangierte Übergänge und ein Gitarrenduo, das zwischen Aggression und klassischem Heavy-Metal-Gespür wechseln kann.

Der Refrain ist für die Bühne geschrieben. Große intellektuelle Rätsel werden hier nicht verteilt. Der Titel wird herausgeschrien, die Gitarren marschieren nach vorn und der Song erfüllt genau jene Aufgabe, die sein Name verspricht.

KEINER BLEIBT VERSCHONT

»I Come For Everyone« setzt stärker auf Geschwindigkeit und einen eingängigen Refrain. Die Backing Vocals verbreitern den Gesang, ohne dem Stück seine raue Oberfläche zu nehmen. Das Ergebnis bewegt sich zwischen klassischem Speed Metal, frühem Thrash und punkigem Rock ’n’ Roll.

Besonders die Gitarrenarbeit fällt auf. Die Rhythmusspuren treiben geradeaus, während kurze Leads und melodische Einwürfe verhindern, dass die Nummer nach einer einzigen Minute vollständig auserzählt ist. Der Refrain bleibt dennoch das klare Zentrum.

»Cold, Ugly And Rotten« trägt seine Haltung bereits im Titel. Der Song klingt schmutziger, schwerer und besitzt eine deutlich erkennbare Motörhead-Schlagseite. Bass, Gitarre und Schlagzeug drücken gemeinsam nach vorn, während der Gesang mit rotziger Aggression über dem Arrangement liegt.

Das Stück wechselt mehrfach zwischen schnellem Angriff und schweren Midtempo-Passagen. Gerade diese Tempowechsel verleihen dem Song mehr Wirkung als ein dauerhafter Vollgaslauf. Wenn die Band erneut beschleunigt, wirkt der Übergang wie ein körperlicher Schlag.

Gerret „Roxx“ Geilich ist im tiefen Fundament deutlich wahrnehmbar. Sein Bass besitzt genügend Eigenklang, um nicht vollständig unter den Gitarren zu verschwinden, und verleiht den langsameren Abschnitten zusätzliche Schwere.

UNTER ANGRIFF

»Under Attack« tritt das Gaspedal weit durch und gehört zu den direktesten Nummern des Albums. Das Riffing erinnert an die frühen Phasen von Metallica, D.R.I., Overkill und deutschem Achtziger-Thrash, wird jedoch nicht als nostalgische Stilkopie präsentiert.

Der Song besitzt einen kompakten Aufbau und mehrere klar gesetzte Groovepassagen. Mortal Terror wissen, wann ein Riff wiederholt werden muss und wann ein Wechsel notwendig ist. Diese Erfahrung verhindert, dass das Album trotz seiner tiefen Verwurzelung in den Achtzigern altbacken klingt.

Auch Andreas Klein macht sich deutlich bemerkbar. Seine Rhythmusgitarre verstärkt die ohnehin massive Grundlage, während Dirk Wieland stärker zwischen Akkordarbeit, Leads und Gesang wechselt. Die beiden Instrumente bilden keine undefinierte Wand, sondern übernehmen erkennbare Rollen.

Die Produktion lässt ausreichend Raum zwischen Gitarren und Rhythmusgruppe. Das Material klingt rau, aber nicht verwaschen. Gerade für Old-School-Thrash ist diese Balance entscheidend: Zu viel Glätte nimmt der Musik ihre Gefährlichkeit, zu wenig Trennschärfe verschluckt die spielerischen Feinheiten.

DIE TÖDLICHE KLASSE

»Deadly Class« fällt komplexer aus. Die Gitarren bewegen sich verspielter, während die Rhythmen häufiger wechseln. Erinnerungen an Megadeth, frühen Progressive Thrash und die sperrigeren Seiten von Voivod drängen sich auf, ohne den eigentlichen Stil zu verdrängen.

Die Nummer beginnt kontrolliert, baut ihre Spannung jedoch schrittweise aus. Jann „Der Praktikant“ Hoffmann wechselt zwischen aggressivem Shouting und tieferen Lauten, während die Gitarren immer wieder kleinere melodische Motive einstreuen.

Der Song zeigt, dass Mortal Terror nicht nur aufgrund ihres Alters oder ihrer langen Bandgeschichte Respekt verdienen. Die Musiker beherrschen ihr Handwerk und können kompliziertere Arrangements schreiben, ohne dabei den direkten Zugang zu verlieren.

Einige Übergänge benötigen mehrere Durchläufe, bevor sie vollständig im Gedächtnis bleiben. Genau darin liegt jedoch der Reiz. »Deadly Class« ist kein unmittelbarer Abrisshammer wie der Titeltrack, sondern eine Nummer, die ihre Stärken nach und nach offenlegt.

HIER IST ETWAS GESCHWINDIGKEIT

Bei einem Song namens »Here Is Some Speed« wäre ein gemütlicher Doom-Einschub eine gewisse Überraschung. Mortal Terror erfüllen stattdessen die Erwartung und liefern eine der schnellsten Nummern des Albums.

Das Stück beginnt treibend, lässt aber auch melodische Passagen und kurze Temporeduktionen zu. Die Band vermeidet damit den Fehler, Geschwindigkeit mit einer dauerhaft identischen Bewegung zu verwechseln. Gerade die kurzen Unterbrechungen verleihen den folgenden Angriffen zusätzliche Wucht.

Die Gitarren besitzen klassischen Speed-Metal-Biss. Gleichzeitig tauchen erneut tiefere Schreie und eine dunklere Färbung auf, die an Celtic Frost und die frühen Schnittstellen zwischen Thrash und Death Metal erinnern.

Jürgen Grauer hält die Nummer zusammen. Sein Spiel bleibt auch bei hohem Tempo kontrolliert und verliert nicht die natürliche Dynamik. Becken und Snare setzen unterschiedliche Akzente, statt lediglich ein mechanisches Raster zu erzeugen.

DIE NACHT GEHÖRT DEM UNDERGROUND

»We Own This Night« beendet das Album mit galoppierenden Gitarren, melodischen Leads und einer punkigen Haltung. Der Titel könnte leicht in eine übertrieben heroische Festivalhymne münden, doch Mortal Terror halten die Nummer ausreichend dreckig.

Der Refrain eignet sich zum Mitgrölen, während die Gitarren zwischen schwerem Rhythmus und beschleunigten Passagen wechseln. Der Song wirkt nicht wie ein angehängter Restbestand, sondern wie ein bewusst gesetztes Finale.

Inhaltlich lässt sich die Nacht als jener Raum verstehen, in dem Underground-Kultur seit Jahrzehnten stattfindet: Clubs, Proberäume, kleine Bühnen und Konzerte, bei denen Band und Publikum nicht durch große Distanzen voneinander getrennt sind.

Diese Verbundenheit ist dem Album anzuhören. »Filthy Old Thrash« wurde nicht mit Blick auf kurzfristige Trends geschrieben. Die Songs richten sich an Menschen, die genau diese Mischung aus Thrash, Speed, Heavy Metal und Punk hören wollen.

VIERZIG JAHRE OHNE RUHESTAND

Mortal Terror wurden 1986 im Raum Hann. Münden zwischen Kassel und Göttingen gegründet. Nach mehreren Demos erschienen in den Neunzigern die Alben »The Evolving Self« und »Posthuman«, auf denen Death Metal und experimentellere Einflüsse stärker hervortraten.

Später kehrte die Band zu einer geradlinigeren Verbindung aus Thrash, Speed, NWOBHM und Rock ’n’ Roll zurück. »Creating Destruction« und »Bite Of The Underdog« festigten diese Ausrichtung.

Das heutige Line-up wirkt geschlossen. Jann „Der Praktikant“ Hoffmann bringt eine variable, energische Stimme ein, während Andreas Klein die Gitarrenfront verbreitert. Die langjährigen Mitglieder sorgen dafür, dass der typische Charakter der Band erhalten bleibt.

Besonders überzeugend ist, dass Mortal Terror ihr Jubiläum nicht übermäßig inszenieren. Die Vergangenheit wird im Intro und in »1986-6-6« aufgegriffen, anschließend zählt jedoch hauptsächlich das neue Material.

RAU, ABER NICHT RÜCKSTÄNDIG

Die Produktion bewahrt die notwendige Rauheit. Gitarren klingen nach Verstärkern, das Schlagzeug nach einem tatsächlich gespielten Instrument und der Bass besitzt ausreichend Präsenz. Gleichzeitig bleibt die Aufnahme klar genug, um Leads, Tempowechsel und Backing Vocals nachvollziehen zu können.

Das Album ist damit weder eine künstlich verschlechterte Retro-Produktion noch ein vollständig glattgezogener moderner Thrash-Block. Die Band findet einen überzeugenden Mittelweg.

Einige Stücke überschreiten die Fünf-Minuten-Marke. Nicht jede Passage wäre zwingend notwendig gewesen, doch echte Längen entstehen selten. Die längeren Arrangements geben den Gitarren ausreichend Raum und unterscheiden die Platte von vielen Retro-Thrash-Veröffentlichungen, die ausschließlich auf kurze Vollgasnummern setzen.

Die Vinyl-Ausgabe verzögert sich aufgrund von Problemen beim ursprünglich vorgesehenen Presswerk. Digital und auf CD ist das Album bereits erhältlich. Die physische CD enthält ein achtseitiges Booklet mit Texten und einer umfangreichen Fotocollage.

FAZIT:

»Filthy Old Thrash« ist eine leidenschaftliche, handwerklich starke und angenehm ungeschliffene Verbeugung vor vier Jahrzehnten Underground-Metal. Mortal Terror überzeugen besonders mit »1986-6-6«, »Filthy Old Thrash«, »Cold, Ugly And Rotten«, »Deadly Class« und »Here Is Some Speed«, während lediglich einige leicht ausgedehnte Passagen kleinere Abzüge verursachen. Alt und dreckig ist dieser Thrash tatsächlich – müde oder eingerostet klingt er jedoch keine Sekunde.

Internet

Mortal Terror - Filthy Old Thrash - CD Review