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Rising Insane – Deathrace

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Band: RISING INSANE 🇩🇪
Titel: DEATHRACE
Label: Long Branch Records
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Modern Metalcore / Post-Hardcore

Tracklist

01. INTRO
02. DEATHRACE
03. COUNTDOWN
04. OUTRAGE
05. TRAUMATIZED
06. DARK (feat. ACCVSED)
07. NARCISSIST
08. DIRT
09. GREY (feat. DAVID SCHNEIDER)
10. ERROR (feat. STEVEN JONES)
11. GOOD ENOUGH (feat. CASKETS)

Besetzung

Aaron Steineker – Gesang
Sven Polizuk – Gitarre
Florian Köchy – Gitarre
Ulf Hedenkamp – Bass
Robert Kühling – Schlagzeug

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Der September hat begonnen, und RISING INSANE schicken ihr neues Metalcore-Album »DEATHRACE« ins Rennen! Der Titel passt, denn das fünfte Studiowerk der Norddeutschen benötigt nur wenige Sekunden, um den Motor hochzujagen und anschließend für rund 34 Minuten auf der linken Spur zu bleiben. Das Quintett verspricht seine bislang härteste und unmittelbarste Platte – doch zwischen mächtigen Breakdowns, offenen Gefühlen und stadiongroßen Refrains stellt sich die Frage, ob RISING INSANE tatsächlich ein neues Fahrzeug gebaut oder lediglich den bekannten Metalcore-Motor stärker aufgeladen haben.

Albumstream:

VOM PORZELLAN ZUR TODESFAHRT

Seit ihrer Gründung im Jahr 2012 haben sich RISING INSANE schrittweise aus der norddeutschen Metalcore-Szene herausgearbeitet. Das Debüt »Nation« zeigte eine junge Band mit reichlich Energie, während »Porcelain« Härte, Melodie und persönliche Texte wesentlich überzeugender miteinander verband. Spätestens die Metalcore-Version von The Weeknds »Blinding Lights« öffnete anschließend Türen weit über die angestammte Hörerschaft hinaus.

Auf »Afterglow« und »Wildfires« rückten moderne Klangflächen und große Melodien stärker in den Mittelpunkt. Diese Entwicklung brachte der Band Reichweite, ließ jedoch gelegentlich jene unmittelbare Aggression vermissen, die ihre frühen Veröffentlichungen ausgezeichnet hatte. »DEATHRACE« soll nun bewusst in die entgegengesetzte Richtung fahren: mehr Riffs, mehr Breakdowns und weniger dekorative Elektronik.

Vollständig entsagt das Quintett seiner melodischen Seite glücklicherweise nicht. Aaron Steinekers Wechsel zwischen wütenden Shouts, hohen Screams und klarem Gesang bleibt ein wichtiger Bestandteil des Bandsounds. Neu ist vielmehr die Gewichtung. Die Gitarren von Sven Polizuk und Florian Köchy stehen deutlicher im Vordergrund, Robert Kühling bekommt am Schlagzeug erheblich mehr Raum, und die elektronischen Elemente dienen überwiegend als Hintergrundbeleuchtung.

SECHS SEKUNDEN BIS ZUM AUFPRALL

Das schlicht »INTRO« getaufte Eröffnungsstück dauert gerade einmal sechs Sekunden. Schritte, ein Husten, ein kurzer Moment vor dem Bühnenauftritt – dann rast der Titeltrack los. Als eigenständige Komposition ist das natürlich nicht der Rede wert, als Zündschlüssel für die Platte funktioniert es jedoch ausgezeichnet.

»DEATHRACE« beginnt mit einem nervösen Rhythmus und Gitarren, die weniger auf melodische Verzierungen als auf körperliche Wirkung abzielen. Kühling treibt das Stück mit kurzen Stopps und harten Akzenten voran, während Steineker sofort die Stimmbänder belastet. Der Refrain öffnet den Song, ohne ihn völlig in Richtung Pop-Metalcore zu ziehen. Statt süßer Erlösung gibt es eine große, aber weiterhin angespannte Melodie.

Im letzten Abschnitt wartet erwartungsgemäß der Breakdown. Überraschend ist daran wenig, wirkungslos bleibt er trotzdem nicht. Die Gitarren werden tiefer gestimmt, das Tempo sackt ab und der Song verwandelt sich für einige Takte in eine massive Betonpresse. Der Titeltrack zeigt damit früh die große Stärke und zugleich eine Grenze des Albums: RISING INSANE beherrschen das moderne Metalcore-Handwerk ausgesprochen sicher, folgen dessen Bauplan aber häufig sehr gewissenhaft.

DER COUNTDOWN LÄUFT, DIE MENGE ANTWORTET

»COUNTDOWN« besitzt einen jener Refrains, bei denen man die ausgestreckten Arme eines Festivalpublikums praktisch vor sich sieht. Die Strophen bleiben kompakt und aggressiv, ehe sich die Musik für den melodischen Teil weit öffnet. Steineker trägt die klare Gesangslinie überzeugend, ohne dass der Wechsel zwischen Geschrei und Melodie künstlich wirkt.

Dass viele Stücke unmittelbar für die Bühne geschrieben wurden, lässt sich kaum überhören. Wiederholte Textzeilen, kurze Pausen für Publikumsreaktionen und rhythmisch leicht erfassbare Gitarrenfiguren erfüllen einen klaren Zweck. Im Club dürfte dieses Material noch heftiger einschlagen als über Kopfhörer.

Mit »OUTRAGE« folgt einer der besten Songs der Platte. Ein ruppiger Punk-Impuls beschleunigt die Strophen, während der Refrain die Aggression in eine eingängige Melodie umleitet. Der von Steven Jones von Bleed From Within mitproduzierte Track klingt konzentriert und verzichtet auf unnötige Umwege. Besonders Steinekers gesangliche Bandbreite fällt auf: Seine Stimme wechselt zwischen kontrollierter Wut und beinahe verzweifelter Offenheit.

Inhaltlich beschreibt »OUTRAGE« den Versuch, aus wiederkehrenden Gedanken und alten Erfahrungen auszubrechen. Die Musik bildet dieses Gefühl präzise ab. Jeder Anlauf in Richtung Befreiung endet zunächst in einer neuen rhythmischen Blockade, bevor der Refrain wenigstens für kurze Zeit Luft verschafft.

VERLETZLICHKEIT STATT DAUERFEUER

»TRAUMATIZED« schlägt zunächst einen anderen Weg ein. Der Einstieg erinnert mit seinem federnden Rhythmus leicht an den Nu Metal der frühen Zweitausender. Später tauchen Punk-Einflüsse und ein melodischer Refrain auf, ohne dass der Song wie eine willkürliche Stilcollage wirkt.

Steineker trägt das Stück mit einer glaubwürdigen Mischung aus Erschöpfung und Aggression. Gerade weil RISING INSANE hier nicht permanent auf maximale Härte setzen, treffen die wuchtigen Passagen umso besser. Der Song klingt nicht nach aufgesetzter Selbsthilfeparole, sondern nach dem Versuch, psychische Belastungen überhaupt erst in Worte zu fassen.

Diese direkte Emotionalität zieht sich durch das gesamte Album. Zweifel, innere Unruhe, beschädigte Beziehungen und das Gefühl, in einer immer schneller werdenden Welt nicht mehr mithalten zu können, bilden den inhaltlichen Kern. Die Texte verwenden dafür keine komplizierten Bilder. Manche Zeile fällt beinahe plakativ aus, doch Steinekers Vortrag verhindert meistens, dass die Botschaften zu bloßen Kalendersprüchen werden.

IM DUNKELN WIRD GEMEINSAM ZUGESCHLAGEN

Bei »DARK« erhält die Band Unterstützung von ACCVSED. Die Kooperation gehört zu den härtesten Momenten des Albums. Abrasive Screams treffen auf einen tiefen, bedrohlich stampfenden Rhythmus, während der melodische Anteil stärker zurückgenommen wird. Der Gastbeitrag wirkt nicht wie eine nachträglich angeklebte Marketingmaßnahme, sondern verschärft den ohnehin konfrontativen Charakter des Songs.

Anschließend beginnt »NARCISSIST« vergleichsweise langsam. Klare Gesangslinien und eine beinahe lethargische Grundstimmung täuschen zunächst Ruhe vor, ehe schneidende Screams die Oberfläche durchbrechen. Der Spannungsaufbau zählt zu den interessanteren Arrangements der Platte, weil der unvermeidliche Ausbruch nicht sofort erfolgt.

Allerdings wird in der Albummitte auch die Formel hinter »DEATHRACE« deutlicher. Harte Strophe, melodische Öffnung, kurzer elektronischer Übergang und abschließender Breakdown: Mehrere Songs verwenden ähnliche Bewegungen. Die Qualität bleibt hoch, doch wer regelmäßig moderne Metalcore-Veröffentlichungen hört, dürfte einige Abbiegungen bereits vor dem Erreichen des nächsten Taktes erkennen.

DIRT UND GREY VERLASSEN DIE IDEALLINIE

»DIRT« trägt seinen Frust offen vor sich her. Die Gitarren arbeiten mit kurzen, tiefen Schlägen, Bass und Schlagzeug halten das Fundament in Bewegung, und Steineker liefert eine seiner vielseitigsten Leistungen ab. Besonders gelungen ist der Kontrast zwischen dem scharf angeschnittenen Beginn und dem schweren letzten Drittel.

Noch stärker gerät »GREY«. Mit David Schneider von The Butcher Sisters erweitert die Band ihren Klang um eine Gitarrenstimme, die tatsächlich auffällt. Der Song nimmt sich mehr Zeit, baut eine breite Wand aus Post-Hardcore-Rhythmen und atmosphärischen Flächen auf und lässt seine Ideen länger atmen als die meisten übrigen Stücke.

Schneiders Solo ist kein technisches Schaulaufen. Es zieht eine melodische Linie durch die schwere Instrumentierung und gibt dem Stück einen eigenen Charakter. Genau solche Momente hätte »DEATHRACE« häufiger vertragen können. Wenn RISING INSANE den üblichen Wechsel aus Strophe, Refrain und Breakdown lockern, klingt die Band nicht weniger zugänglich, sondern deutlich eigenständiger.

ERROR IM SYSTEM

»ERROR« entstand mit Steven Jones von Bleed From Within, der nicht nur als Gast vertreten ist, sondern auch an der Produktion des Albums beteiligt war. Sein Einfluss zeigt sich in der metallischeren Gitarrenarbeit und in der massiven rhythmischen Präzision. Das Stück klingt dunkler und schwerer als der überwiegende Teil der Platte.

Thematisch geht es erneut um Zweifel, Selbstentwertung und den Eindruck, im eigenen Kopf festzusitzen. Die Instrumentierung setzt dieses Gefühl mit wiederkehrenden, zunehmend enger wirkenden Figuren um. Erst im späteren Verlauf bricht der Song aus dieser Schleife aus und findet in einem mächtigen Schlussabschnitt seine Katharsis.

Die vielen Gäste könnten auf dem Papier den Eindruck erwecken, RISING INSANE würden sich hinter prominenter Unterstützung verstecken. Auf dem Album geschieht das nicht. ACCVSED, David Schneider, Steven Jones und Matt Flood bringen unterschiedliche Farben ein, ohne der Stammband die Kontrolle zu nehmen. Gleichzeitig fällt auf, dass ausgerechnet die Kollaborationen die abwechslungsreichsten Stücke liefern. Für das nächste Album darf das Quintett diesen Mut zur klanglichen Erweiterung gerne auch ohne fremde Hilfe stärker ausleben.

GUT GENUG IST MAN OFFENBAR NIE

Den Abschluss bildet »GOOD ENOUGH« mit CASKETS-Sänger Matt Flood. Der Song hatte bereits vor der Albumveröffentlichung die Marke von einer Million Streams überschritten und ist der offensichtlichste Kandidat für ein größeres Publikum. Floods hoher Klargesang ergänzt Steinekers rauere Stimme hervorragend und verleiht dem Refrain zusätzliche Weite.

Trotz seiner Zugänglichkeit ist »GOOD ENOUGH« kein versöhnliches Ende. Der Text kreist um das Gefühl, nie den eigenen oder fremden Erwartungen zu genügen. Die wiederholte Suche nach Bestätigung wird als zermürbender Kreislauf dargestellt. Während der Refrain sofort hängen bleibt, arbeitet die Instrumentierung weiterhin mit hektischen Rhythmen und harten Ausbrüchen.

Als Schlussstück erfüllt der Song seine Aufgabe, wenngleich die Dramaturgie etwas konventionell bleibt. Ein längeres instrumentales Finale oder eine Rückkehr zum nervösen Motiv des Titeltracks hätte dem Album einen geschlosseneren Rahmen geben können. Stattdessen endet »DEATHRACE« mit seinem größten Refrain – publikumswirksam, emotional und sehr bewusst auf Wiedererkennung ausgerichtet.

ROH ANGEKÜNDIGT, SAUBER PRODUZIERT

Die Ankündigung einer roheren Platte sollte nicht mit einem tatsächlich ungeschliffenen Klang verwechselt werden. »DEATHRACE« ist modern, transparent und ausgesprochen druckvoll produziert. Jeder Schlag sitzt exakt, die Gitarren besitzen klar umrissene Konturen und selbst in den dichtesten Passagen bleibt Steinekers Stimme gut verständlich.

Der Unterschied zu früheren Veröffentlichungen liegt weniger in technischer Rohheit als in der Auswahl der Mittel. Synthesizer und atmosphärische Flächen werden sparsamer eingesetzt, während Gitarren, Bass und Schlagzeug mehr körperliche Präsenz erhalten. Robert Kühling profitiert besonders davon. Seine präzise Arbeit treibt die Platte an und sorgt mit unterschiedlichen Akzenten dafür, dass das hohe Grundtempo nicht vollständig gleichförmig wird.

Gelegentlich wirkt die Produktion allerdings so kontrolliert, dass das behauptete Chaos kaum eine Chance bekommt. Die Breakdowns sind gewaltig, aber exakt vermessen; die Screams klingen aggressiv, sitzen jedoch perfekt im Mix. Ein paar unberechenbarere Übergänge oder rauere Aufnahmen hätten die Todesfahrt gefährlicher erscheinen lassen.

BEKANNTES FAHRZEUG, STÄRKERER MOTOR

Eine Revolution des Metalcore findet auf »DEATHRACE« nicht statt. Einflüsse von Architects, While She Sleeps, Fit For A King, Polaris, Currents und Bleed From Within lassen sich problemlos heraushören. Tiefe Riffs, Wechselgesang, elektronische Akzente, große Refrains und Breakdowns gehören längst zum Standardinventar des Genres.

Entscheidend ist daher die Ausführung, und dort leisten sich RISING INSANE kaum gravierende Schwächen. Die Platte ist kompakt, besitzt ein hohes Tempo und verschwendet in ihren rund 34 Minuten wenig Zeit. »OUTRAGE«, »TRAUMATIZED«, »GREY« und »ERROR« zeigen unterschiedliche Seiten der Band, während »GOOD ENOUGH« das vorhandene Gespür für große Melodien bestätigt.

Die Kehrseite dieser Konsequenz ist eine gewisse Vorhersehbarkeit. Mehrere Songs verwenden vergleichbare rhythmische Muster und bereiten ihre Refrains oder Breakdowns nach ähnlichen Prinzipien vor. Dank der kurzen Laufzeit wird daraus kein ernstes Ermüdungsproblem. Ein wenig stärkeres Risiko hätte aus einer sehr guten Metalcore-Platte jedoch eine herausragende machen können.

FAZIT:

»DEATHRACE« verbindet die melodischen Stärken von RISING INSANE mit härteren Riffs, mächtigen Breakdowns und einer überzeugenden Live-Energie. Der bekannte Metalcore-Bauplan begrenzt gelegentlich die Überraschungen, doch starke Songs wie »OUTRAGE«, »GREY« und »ERROR« halten die Fahrt zuverlässig auf Kurs. Keine vollständige Neuerfindung, aber das bislang fokussierteste und druckvollste Rennen der Norddeutschen.

RISING INSANE feat. CASKETS – Good Enough

Internet

RISING INSANE - DEATHRACE - Album Review

KINGCROWN – Moonfall

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Band: KINGCROWN 🇫🇷
Titel: Moonfall
Label: Rockshots Records
VÖ: 04/09/26
Genre: Heavy/Power Metal

Tracklist

01. Moonfall
02. Nothing
03. We Are Kingcrown
04. A Thousand Years
05. Rise Of Machines
06. All United
07. Lost Horizon
08. Oblivion/Resilience
09. Back To The 80’s
10. Beyond The Stars

 

Besetzung

Joe Amore – Vocals
Ced Legger – Guitars
Bob Saliba – Guitars
Seb Chabot – Bass, Guitars
David Amore – Drums

 

Bewertung:

4,5/5

Wenn zwei Brüder nach Jahren im Metalgeschäft eine neue Band gründen, darf man durchaus erwarten, dass sie wissen, was sie wollen. Bei KINGCROWN sind es Jo Amore und sein Bruder David Amore, die 2018 nach ihrer Zeit bei NIGHTMARE den Grundstein für die französische Formation legten. Zusammen mit den Gitarristen Ced Legger und Bob Saliba sowie Bassist Sébastien Chabot hat sich daraus eine Band entwickelt, die klassischen Heavy Metal mit der melodischen Seite des Power Metal verbindet. Mit „Moonfall“ liegt nun ein Album vor, das ziemlich genau weiß, wo seine Stärken liegen. Mächtige Gitarren, ausgedehnte Melodien, ein markanter Sänger und Geschichten über eine Zukunft, in der Mensch und Maschine immer näher zusammenrücken.

Produziert haben KINGCROWN das Album selbst. Mix und Mastering übernahm Simone Mularoni im Domination Studio. Schon die ersten Stücke machen klar, dass hier keine Band versucht, auf Teufel komm raus irgendwelche Trends mitzunehmen. „Moonfall“ klingt nach Metal, und zwar ziemlich bewusst.

Gitarren, Melodien und eine dunkle Zukunft

Der Einstieg mit „Moonfall“ funktioniert genau so, wie man es von einem melodischen Heavy-Metal-Album erwartet. Die Gitarren stehen im Vordergrund, die Melodien bleiben hängen und Joe Amore liefert dazu eine Stimme, die genügend Charakter besitzt, um den Songs ein eigenes Gesicht zu geben. Dabei wird nicht permanent auf maximale Härte gesetzt. KINGCROWN wissen, wann ein Song Druck braucht und wann eine Melodie besser wirken darf.

„Nothing“ schlägt zunächst eine etwas nachdenklichere Richtung ein, bevor „We Are Kingcrown“ das Selbstbewusstsein der Band ziemlich deutlich auf den Tisch legt. Der Titel könnte kaum passender gewählt sein. Hier geht es nicht um vorsichtige Ansagen, sondern um eine Band, die ihre eigene Identität gefunden hat und dazu steht.

Thematisch wird es auf „Moonfall“ interessant. Die Platte beschäftigt sich mit technologischer Entwicklung, dystopischen Szenarien und der Frage, was vom Menschen übrigbleibt, wenn Maschinen immer mehr Bereiche des Lebens übernehmen. Das ist natürlich kein komplett neues Thema. Metal hat sich schon oft mit künstlicher Intelligenz, Maschinen und düsteren Zukunftsvisionen beschäftigt. KINGCROWN schaffen es aber, daraus keinen überladenen Konzeptzirkus zu machen.

Besonders „Rise Of Machines“ bringt diese Seite des Albums auf den Punkt. Der Song wirkt wie ein Blick auf eine Zukunft, die vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt ist. „A Thousand Years“ und „Oblivion/Resilience“ schlagen anschließend etwas größere Bögen. Vergänglichkeit und Widerstandskraft treffen aufeinander. Dunkel, aber nicht hoffnungslos.

Klassischer Metal ohne Staubschicht

Was „Moonfall“ besonders angenehm macht, ist die Tatsache, dass KINGCROWN ihren klassischen Ansatz nicht künstlich modernisieren. Die beiden Gitarristen Ced Legger und Bob Saliba bekommen ausreichend Raum, ohne dass sich das Album in endlosen Solopassagen verliert. Die Songs bleiben nachvollziehbar und haben klare Strukturen.

„All United“ funktioniert dabei fast schon wie eine klassische Metal-Hymne. Ein Song, der nicht lange erklären muss, worum es geht. „Lost Horizon“ setzt dagegen stärker auf Atmosphäre und dieses Gefühl, irgendwo zwischen Aufbruch und Orientierungslosigkeit zu stehen.

Dann kommt mit „Back To The 80’s“ ein Titel, der schon im Namen verrät, woher ein Teil der Inspiration stammt. Die Achtziger sind im Heavy Metal schließlich nicht irgendeine Randnotiz, sondern für viele Bands bis heute ein musikalischer Fixpunkt. KINGCROWN verstecken diese Einflüsse nicht. Warum auch? Wenn man mit großen Gitarrenmelodien und traditionellem Metal arbeitet, darf man ruhig zeigen, wo die eigenen Wurzeln liegen.

Kein Nostalgietrip

Trotz aller klassischen Zutaten ist „Moonfall“ kein reiner Nostalgietrip. Dafür sorgt schon das Konzept hinter den Songs. KINGCROWN verbinden die vertraute Heavy-Metal-Sprache mit Themen, die deutlich in Richtung Zukunft weisen. Genau dieser Gegensatz funktioniert überraschend gut.

„Beyond The Stars“ beendet das Album mit einem Titel, der den Blick noch einmal über die bisherige Geschichte hinaus richtet. Nach Maschinen, Verfall, Widerstand und der Suche nach neuen Horizonten bleibt ein gewisser Raum für Interpretation.

Was am Ende hängen bleibt, ist vor allem die Konsequenz, mit der KINGCROWN ihren Stil verfolgen. „Moonfall“ ist kein Album, das sich über komplizierte Experimente definiert. Die Franzosen setzen auf Melodie, Gitarren und Songs, die auch nach mehreren Durchläufen noch funktionieren. Dazu kommt ein Sänger, der den Stücken Persönlichkeit gibt.

Wer mit klassischem Heavy und Power Metal etwas anfangen kann, dürfte hier ziemlich schnell fündig werden. KINGCROWN liefern keine musikalische Revolution, brauchen sie aber auch nicht. „Moonfall“ zeigt eine Band, die ihre Hausaufgaben gemacht hat, ihre Wurzeln kennt und trotzdem nach vorne schaut. Genau diese Mischung macht die Platte so sympathisch.

Fazit: Insgesamt ist „Moonfall“ von KINGCROWN ein überzeugendes Werk, das die Band auf ihrem Weg zu einer festen Größe im Heavy/Power-Metal-Bereich weiter vorantreibt.

Internet

KINGCROWN - Moonfall - CD Review

Hydra – DeHydration

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Band: HYDRA 🇸🇪
Titel: DeHydration
Label: Pride & Joy Music
VÖ: 18.09.2026
Format: CD / Digital
Genre: Melodic Rock / AOR / Westcoast Rock

Tracklist

01. This Time
02. Fooled By Love Again
03. Labyrinth Of Love
04. Hiding In Plain Sight
05. A Million Miles
06. Halfway To Nowhere
07. Bringing On The Thunder
08. Somebody To Love
09. Depending On A Miracle
10. Don’t Tell Me It’s Too Late
11. The Winner

Besetzung

Henrik Hedström – Keyboards, Akustikgitarre, Clean-Gitarre, Hintergrundgesang
Andi Kravljaca – Gesang, Lead- und Rhythmusgitarre
Jonny Trobro – Bass
Daniel Flores – Schlagzeug, Keyboards, Hintergrundgesang

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Oberflächlich betrachtet muss man beim Lesen des Bandnamens und des Titels zwangsläufig die Stirn runzeln. HYDRA und »DeHydration« – hat das vielköpfige Ungeheuer etwa zu wenig getrunken? Tatsächlich setzen die Schweden damit ihr bisheriges Wortspiel fort: Auf »Point Break« folgte »ReHydration«, nun ist das Meer auf dem Cover ausgetrocknet und das Schiff sitzt auf dem ehemaligen Meeresgrund fest. Musikalisch besteht allerdings keine Gefahr des Austrocknens. Das dritte Album ist bis zum Rand mit melodischem Rock, breit aufgestellten Keyboards, großen Refrains, geschmackvollen Gitarrensoli und jener Mischung aus skandinavischem AOR und amerikanischem Westcoast Rock gefüllt, die bei Sonnenschein vermutlich sogar automatisch das Verdeck eines Autos öffnet.

Hörprobe:

VOM POP-SONGSCHREIBER ZUM AOR-KAPITÄN

HYDRA sind das Projekt des Stockholmer Musikers und Songwriters Henrik Hedström. Dieser spielte bereits in jungen Jahren Klavier, sang in verschiedenen Formationen und arbeitete später mit dem schwedischen Produzenten Anders Bagge. Eine Verpflichtung bei Warner/Chappell führte ihn zeitweise in Richtung Popmusik, doch dort lag offenbar nicht das musikalische Ziel.

2007 lernte Hedström den Schlagzeuger und Produzenten Daniel Flores kennen. Die beiden nahmen zunächst gemeinsame Demos auf, verloren den Kontakt zur Rockmusik jedoch nie vollständig. Jahre später bat Flores seinen Kollegen um ältere und neuere Songs. Daraus entstand schließlich HYDRA.

Mit Sänger und Gitarrist Andi Kravljaca sowie Bassist Jonny Trobro besitzt das Projekt seit dem Debüt »Point Break« eine feste Besetzung. »DeHydration« führt den Weg von »ReHydration« fort, legt an einigen Stellen aber mehr Gewicht auf Gitarren und klassischen Hard Rock.

DIE KEYBOARDS ÖFFNEN DIE SCHLEUSEN

»This Time« eröffnet das Album mit einer breiten Keyboardfigur und einem überraschend energischen Rhythmus. Flores setzt sofort einen kräftigen Puls, während Trobro mit dem Bass ein solides Fundament unter die zahlreichen Melodielinien legt. Kravljacas Stimme sitzt sicher über dem Arrangement und besitzt genügend Kraft, ohne zum Hard-Rock-Schreihals zu werden.

Der Refrain ist groß angelegt, bleibt aber verständlich und trägt seine Mehrstimmigkeit nicht wie ein überladenes Karnevalskostüm vor sich her. In den progressiveren Keyboardmomenten erinnert das Stück stellenweise an die melodische Seite von Saga, während die Gitarren näher am klassischen skandinavischen AOR bleiben.

Als Einstieg funktioniert »This Time« ausgezeichnet. Der Song stellt alle wichtigen Bestandteile des Albums vor und bietet genügend Energie, damit die Platte nicht mit einer Ballade aus dem Hafen dümpelt. Besonders das Zusammenspiel zwischen Hedströms Keyboards und Kravljacas Gitarre verleiht der Nummer Bewegung.

NOCH EINMAL VON DER LIEBE GETÄUSCHT

»Fooled By Love Again« gehört zu jenen AOR-Songs, deren Titel bereits verrät, dass die betreffende Beziehung vermutlich nicht mit einem gemeinsamen Bausparvertrag endet. Musikalisch klingt der Liebeskummer dafür ausgesprochen beschwingt. Keyboards, Rhythmusgitarre und ein sauber gesetzter Schlagzeugbeat führen in einen eingängigen Refrain.

Kravljaca überzeugt hier gleichermaßen als Sänger und Gitarrist. Seine Stimme besitzt eine leicht angeraute Oberfläche, die den glatten Harmonien Charakter verleiht. Das Solo bleibt melodisch und songdienlich, zeigt aber ausreichend technische Klasse, um nicht wie eine pflichtbewusst absolvierte Zwischenprüfung zu wirken.

Die Nähe zu Toto, Journey und verschiedenen skandinavischen AOR-Vertretern ist unüberhörbar. HYDRA erfinden an dieser Stelle nichts neu, treffen den Ton des Genres aber mit bemerkenswerter Sicherheit.

IM LABYRINTH DER BALLADEN

Mit »Labyrinth Of Love« wird das Tempo erstmals deutlich reduziert. Akustische und cleane Gitarren, warme Keyboards und Kravljacas kontrollierter Gesang führen in eine klassische Westcoast-Ballade. Das Stück ist geschmackvoll arrangiert und vermeidet übertriebene Gefühlsausbrüche.

Besonders das Gitarrensolo setzt einen starken Akzent. Es übernimmt die Melodie des Gesangs nicht einfach, sondern führt sie weiter und gibt dem Song kurz vor dem Ende zusätzliche Spannung. Wer AOR ausschließlich mit süßlichen Keyboards verbindet, bekommt hier eine eindrucksvolle Erinnerung daran, wie wichtig eine gut geführte Leadgitarre sein kann.

Die erste Ballade sitzt somit an der richtigen Stelle. Allerdings wird »DeHydration« im weiteren Verlauf noch mehrfach in ähnlich gefühlvolle Gewässer zurückkehren. Dadurch verliert das Album besonders in seiner Mitte etwas an Geschwindigkeit.

VERSTECKT UND TROTZDEM NICHT ZU ÜBERHÖREN

»Hiding In Plain Sight« fängt diesen kleinen Tempoverlust umgehend auf. Der Song beginnt mit einem drängenden Rhythmus, breiten Keyboards und deutlich härteren Gitarren. Flores und Trobro arbeiten eng zusammen und verleihen dem Stück einen kräftigen Unterbau.

Der Refrain besitzt die typische skandinavische Klarheit, ohne zu zahm auszufallen. An manchen Stellen lassen sich Survivor und Pride Of Lions heraushören, während das Gitarrensolo eine aggressivere Note hinzufügt. Der Song gehört zu den besten Rocknummern des Albums und zeigt, dass HYDRA nicht ausschließlich von Balladen und sehnsüchtigen Blicken auf den Horizont leben.

Auch die Produktion überzeugt. Die Keyboards bleiben präsent, nehmen der Gitarre aber nicht den gesamten Raum. In einer Stilrichtung, in der einzelne Instrumente gerne unter dutzenden Gesangsspuren verschwinden, ist diese Balance keineswegs selbstverständlich.

EINE MILLION MEILEN ZURÜCK

»A Million Miles« besitzt eine besondere Vorgeschichte. Hedström schrieb den Song bereits früher; 2019 wurde er von First Signal aufgenommen und veröffentlicht. Nun kehrt die Komposition gewissermaßen zu ihrem Urheber zurück und erhält durch HYDRA eine neue Auslegung.

Der Einstieg bewegt sich noch im Balladenbereich. Klavier, ruhige Gitarren und Kravljacas Stimme bauen langsam Spannung auf, bevor Schlagzeug und elektrische Gitarren den Song in Richtung großer Arena führen. Mit über sechs Minuten ist »A Million Miles« die längste Nummer der Platte, nutzt diese Zeit aber für eine nachvollziehbare Steigerung.

Die Melodie besitzt jene leicht nostalgische Wärme, die sofort an die großen AOR-Produktionen der Achtziger erinnert. Gleichzeitig klingt das Arrangement nicht veraltet. Flores hält den Mix breit und druckvoll, während die Keyboards eher Tiefe erzeugen, als jeden Zwischenraum mit einem grellen Klangteppich zu füllen.

AUF HALBEM WEG INS NIRGENDWO

»Halfway To Nowhere« bleibt auf der gefühlvollen Seite. Ein symphonisch angehauchter Anfang und zurückhaltende Gitarren lassen Kravljacas Stimme zunächst beinahe allein wirken. Später wächst das Stück zu einer klassischen Powerballade mit bluesigen AOR-Gitarren und pompösen Keyboards.

Handwerklich gibt es wenig auszusetzen. Der Gesang ist stark, das Solo sitzt und die Rhythmusgruppe begleitet mit der nötigen Zurückhaltung. Im Albumzusammenhang liegt hier allerdings eine der Schwächen von »DeHydration«. Nach »Labyrinth Of Love« und dem balladesken Einstieg von »A Million Miles« folgt erneut ein langsamer Spannungsaufbau.

Etwas mehr Härte oder ein kompakterer Song hätten der Dramaturgie an dieser Stelle gutgetan. »Halfway To Nowhere« bleibt eine gelungene Ballade, bremst die erste Albumhälfte aber länger aus, als es notwendig gewesen wäre.

DER DONNER BRINGT DEN ROCK ZURÜCK

Mit »Bringing On The Thunder« kehren die kräftigeren Gitarren zurück. Das von Randy Goodrum und Michael Bolton geschriebene Stück besitzt einen deutlich härteren AOR-Charakter und erinnert an Foreigner, Loverboy und die melodische Seite von Giant.

Flores schlägt energischer zu, Trobro drückt den Bass weiter nach vorne und Kravljaca zeigt, dass seine Stimme auch in einem härteren Umfeld problemlos besteht. Die Keyboards ergänzen den Song, ohne seine Gitarrenbasis aufzuweichen.

»Somebody To Love« führt diesen Kurs fort. Der Titel klingt zwar erneut nach romantischem Baustellenbereich, musikalisch handelt es sich jedoch um einen breit aufgestellten Rocksong. Besonders der Refrain und das kräftige Solo sorgen dafür, dass die zweite Albumhälfte neuen Schwung erhält.

DAS WUNDER BRAUCHT ETWAS GEDULD

»Depending On A Miracle« setzt wieder auf Gefühle. Kravljaca singt die ruhigen Strophen mit hörbarer Überzeugung und steigert sich gemeinsam mit dem Arrangement in einen großen Refrain. Die Nummer erinnert an jene Zeiten, in denen eine Powerballade noch selbstverständlich zwischen zwei härteren Singles auf einem Album stand.

Für sich betrachtet funktioniert der Song sehr gut. Innerhalb der knapp 58 Minuten langen Platte macht sich jedoch erneut bemerkbar, dass HYDRA ihre langsameren Kompositionen nicht ausreichend voneinander abgrenzen. Ähnliche Keyboardflächen, vergleichbare Steigerungen und verwandte Gesangsmelodien führen zu einem gewissen Wiedererkennungseffekt – allerdings nicht immer im positiven Sinne.

Eine Streichung oder stärkere Kürzung hätte dem Albumfluss geholfen. Die Qualität der einzelnen Musiker bleibt davon unberührt. Gerade Kravljaca rettet viele vertraute Passagen durch seine ausdrucksstarke Stimme und ein hervorragendes Gespür für melodische Gitarrenlinien.

ES IST NOCH NICHT ZU SPÄT

»Don’t Tell Me It’s Too Late« gehört zu den stärksten Nummern der hinteren Albumhälfte. Gitarren und Keyboards teilen sich die Führung, während der Refrain mit einer Mischung aus Harem Scarem, Giant und klassischem skandinavischem Melodic Rock überzeugt.

Der Song ist kompakter als viele seiner Vorgänger und kommt schneller zum entscheidenden Punkt. Diese Zielstrebigkeit steht HYDRA gut. Die Band benötigt nicht grundsätzlich fünf oder sechs Minuten, um eine starke Melodie zu entwickeln.

Mit »The Winner« folgt ein kämpferischer Abschluss. Inhaltlich geht es darum, Zweiflern und selbst ernannten Experten zu beweisen, dass ihre Urteile nicht das letzte Wort besitzen. Der Refrain ist entsprechend hymnisch, ohne in einen klebrigen Motivationsspruch für den Büroflur abzurutschen.

POLIERT, ABER NICHT AUSGETROCKNET

Daniel Flores liefert eine ausgesprochen klare und druckvolle Produktion. Das Schlagzeug besitzt genügend Gewicht, der Bass bleibt hörbar und die Keyboards verteilen sich breit über die Klangbühne. Kravljacas Gitarren dürfen trotzdem zupacken und verschwinden nicht hinter den Gesangsharmonien.

Die größte Stärke ist Andi Kravljaca. Seine Stimme klingt kontrolliert und technisch sicher, transportiert aber zugleich ausreichend Gefühl. Als Gitarrist verbindet er kurze rockige Attacken mit melodischen Soli, die den jeweiligen Song weiterführen, statt lediglich die freie Stelle zwischen zweitem Refrain und Schlussdurchgang zu besetzen.

Henrik Hedström hält die unterschiedlichen Bestandteile mit seinem Songwriting zusammen. Seine Kompositionen bedienen viele bekannte AOR-Muster, besitzen aber fast immer einen starken Refrain oder eine kleine melodische Wendung. Lediglich die große Anzahl an Balladen und balladesken Anfängen lässt die knapp einstündige Platte länger erscheinen, als sie sein müsste.

KLASSISCHER AOR MIT VOLLEM WASSERTANK

»DeHydration« versucht nicht, den Melodic Rock des Jahres 2026 neu zu definieren. Wer Journey, Toto, Survivor, Giant oder Harem Scarem kennt, wird zahlreiche vertraute Farben entdecken. Die Schweden gehen mit diesem Erbe jedoch respektvoll und handwerklich ausgesprochen kompetent um.

Die Refrains sitzen, die Produktion besitzt internationale Klasse und die vier Musiker liefern durchgehend starke Leistungen. Besonders »This Time«, »Fooled By Love Again«, »Hiding In Plain Sight« und »Don’t Tell Me It’s Too Late« dürften sich schnell in einschlägigen AOR-Playlists festsetzen.

Ein etwas kürzeres Album mit weniger Balladen hätte noch geschlossener gewirkt. Trotzdem ist »DeHydration« alles andere als eine trockene Angelegenheit. Im Gegenteil: Der musikalische Vorrat reicht problemlos für eine längere Fahrt über den ausgetrockneten Meeresgrund.

FAZIT:

»DeHydration« ist ein stark produziertes AOR-Album mit ausgezeichnetem Gesang, geschmackvollen Gitarrensoli und zahlreichen eingängigen Refrains. Die hohe Balladendichte und eine Spielzeit von beinahe einer Stunde bremsen den Fluss stellenweise, können den insgesamt überzeugenden Eindruck aber nicht ernsthaft beschädigen. Oberflächlich mag der Titel nach akutem Wassermangel klingen – musikalisch sitzen HYDRA weiterhin an einer ergiebigen Quelle.

HYDRA – Fooled By Love Again

Internet

HYDRA - DeHydration - Album Review

Tsirhic – To Satan I Reply

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Band: TSIRHIC 🇺🇸
Titel: To Satan I Reply…
Label: Iron Bonehead Productions
VÖ: 21.08.2026
Format: MCD / 12″ Vinyl / Digital
Genre: Raw Black Metal / Old School Black Metal / USBM

Tracklist

01. Blessed Be
02. H.I.P.C.
03. God Dethroned
04. The Prophecy of Gog
05. Mockery of Solitude

Besetzung

Anonymer Einzelmusiker – sämtliche Instrumente, Gesang

Bewertung:

3.5 von 5 Punkten

Ene Mene Tekel, Eine Mene Tekel, Satana Satana – Auf die Frage, was man Satan antwortet, liefert TSIRHIC keine höflich ausformulierte Stellungnahme, sondern knapp 25 Minuten Black Metal. Der Gehörnte dürfte die Botschaft auch ohne Einschreiben verstehen. Hinter dem neuen amerikanischen Einmannprojekt steht ein bislang anonym auftretender Musiker, der auf seinem Debüt-Mini-Album »To Satan I Reply…« tief in die unterirdischen Gewölbe der mittleren und späten Neunziger hinabsteigt. Dort warten kalte Tremologitarren, verhallte Schreie, Blastbeats und eine Produktion, die rau klingen will, ohne den Hörer unter einer undurchdringlichen Schicht aus Rauschen zu begraben.

Albumstream:

EIN DEBÜT AUS DEM KELLER DER NEUNZIGER

Über die Person hinter TSIRHIC ist bislang kaum etwas bekannt. Sicher ist lediglich, dass das Projekt aus den Vereinigten Staaten stammt und vollständig von einem einzelnen Musiker betrieben wird. Das passt zur gewählten Ästhetik. Black Metal der Neunziger lebte schließlich auch von Geheimhaltung, spärlichen Informationen und Veröffentlichungen, die eher wie beschlagnahmte Beweismittel als sauber vermarktete Produkte wirkten.

Musikalisch orientiert sich »To Satan I Reply…« hörbar an Moonblood, Judas Iscariot, Osculum Infame, frühe Gorgoroth und Mütiilation. Diese Namen sind nicht bloß grobe Vergleichspunkte. Die gesamte Konstruktion der EP folgt jener Epoche: wiederkehrende Tremolomotive, kurze Tempowechsel, trockene Blastbeats und ein Gesang, der nicht über der Musik thront, sondern tief in ihr vergraben liegt.

Eigenständig klingt das zunächst nur bedingt. Der anonyme Musiker beherrscht dieses Vokabular allerdings bemerkenswert sicher. Die Stücke wirken nicht wie moderne Songs, die nachträglich mit Rauschen und Hall auf alt getrimmt wurden. Riffaufbau, Wiederholungen und Übergänge folgen tatsächlich der Logik alter Underground-Aufnahmen.

GESEGNET SEI DER FROST

»Blessed Be« beginnt mit einem tiefen, verhallten Gesang, der durch einen steinernen Gang zu dringen scheint. Das kurze Ritual erzeugt die nötige Erwartung, bevor Gitarren und Schlagzeug den Raum aufbrechen. Das Tremoloriff ist einfach gebaut, besitzt unter seiner rauen Oberfläche aber eine klare Melodie.

Die Produktion liefert dabei genau das richtige Maß an Verschmutzung. Die Gitarre kratzt, das Schlagzeug klingt trocken und die Stimme schneidet mit ausgeprägten Höhen durch das Klangbild. Trotzdem lassen sich die einzelnen Instrumente voneinander unterscheiden. Raw Black Metal bedeutet hier nicht, dass ein Mikrofon versehentlich in einer Waschmaschine vergessen wurde.

Der Song wechselt zwischen schnellen Ausbrüchen und schwereren, kontrollierteren Passagen. Große Überraschungen bleiben aus, doch das zentrale Riff trägt die knapp fünf Minuten zuverlässig. Besonders die melodische Bewegung unterhalb des Geschreis sorgt dafür, dass »Blessed Be« nicht als bloße Ansammlung bekannter Stilmittel endet.

H.I.P.C. HÄLT DEN DRUCK AUFRECHT

»H.I.P.C.« setzt ohne ausgedehntes Vorspiel ein und erhöht das Tempo. Die Tremologitarren laufen in engen Bahnen, während das Schlagzeug den Song mit kurzen Blastbeat-Schüben antreibt. Ein langsamerer Abschnitt hebt anschließend das Gewicht des Hauptriffs hervor.

Der Titel bleibt rätselhaft, die musikalische Aussage ist dagegen eindeutig. TSIRHIC wollen keine Brücke zum modernen Post-Black Metal bauen und suchen ebenso wenig nach progressiver Anerkennung. Die Nummer konzentriert sich auf Bewegung, Kälte und wiederholte Motive.

Diese Beschränkung funktioniert, weil das Riff genügend melodischen Zug besitzt. Gerade im Mittelteil entwickelt sich ein kleiner Widerhaken, der nach dem Ende des Songs im Gedächtnis bleibt. »H.I.P.C.« gehört dadurch zu den unmittelbarsten Stücken der EP und zeigt, dass einfache Strukturen nicht zwangsläufig gedankenlos ausfallen müssen.

SECHS MINUTEN UND SECHS SEKUNDEN FÜR DEN ENTTROHNTEN GOTT

Dass »God Dethroned« ausgerechnet 6:06 Minuten dauert, dürfte kaum ein Unfall sein. Subtil geht anders, aber subtile Zurückhaltung steht ohnehin nicht im Pflichtenheft dieses Projekts. Musikalisch bildet der längste Titel den Höhepunkt der Veröffentlichung.

Erstmals treten deutliche Synthesizerflächen hinzu. Sie liegen nicht einfach als dekorativer Nebel über den Gitarren, sondern füllen die Zwischenräume des Arrangements. Dadurch öffnet sich die zuvor enge Klangkammer und erhält eine fast zeremonielle Größe.

Der Song arbeitet weiterhin mit vertrauten Tremolobewegungen und rauem Gesang, wirkt aber räumlicher und ambitionierter. Einzelne Gitarrenlinien laufen gegeneinander, während die Synthesizer das harmonische Fundament verbreitern. Der Black Metal bleibt roh, bekommt jedoch eine zusätzliche atmosphärische Ebene.

Gerade deshalb fällt auf, dass TSIRHIC diese Entwicklung auf den folgenden Stücken nicht konsequent fortsetzen. »God Dethroned« deutet an, wie das Projekt seinen historischen Rahmen künftig erweitern könnte. Auf dieser EP bleibt der Ausflug noch ein einzelner, wenn auch ausgesprochen starker Moment.

DIE PROPHEZEIUNG BLEIBT BEKANNT

»The Prophecy of Gog« kehrt zum engeren Black-Metal-Grundgerüst zurück. Ein kaltes, schnell wiederholtes Gitarrenmotiv bestimmt den Anfang, bevor die Rhythmik in einen langsameren Puls fällt. Das Stück besitzt eine leicht triumphale Note, als würde sich das vorherige Ritual seinem erwarteten Höhepunkt nähern.

Die Gitarrenarbeit bleibt die größte Stärke. Unter der rauen Oberfläche laufen kleine melodische Veränderungen, die verhindern, dass die Wiederholungen vollständig auf der Stelle treten. Der Gesang erfüllt seine Funktion, entwickelt jedoch weniger Charakter als die Riffs. Die hohen Schreie passen hervorragend zum Klangbild, lassen sich aber deutlich leichter einem Vorbild als einer eigenen Identität zuordnen.

In der zweiten Hälfte machen sich zudem erste Abnutzungserscheinungen bemerkbar. Viele Übergänge folgen einem bereits bekannten Prinzip: schnelles Tremolo, kurzer rhythmischer Rückzug und erneuter Angriff. Das funktioniert weiterhin, verliert nach dem abwechslungsreicheren »God Dethroned« aber etwas an Wirkung.

EINSAMKEIT ALS LETZTES RITUAL

»Mockery of Solitude« bildet den Abschluss und gehört gemeinsam mit »H.I.P.C.« zu den griffigsten direkten Stücken. Das Schlagzeug legt mit hoher Geschwindigkeit los, während die Gitarre ein gleichzeitig aggressives und melancholisches Motiv darüberzieht.

Die Nummer besitzt einen stärkeren emotionalen Unterton als ihr Titel zunächst vermuten lässt. Hinter dem frostigen Angriff liegt eine müde, beinahe depressive Melodie. Sie verleiht dem Song genügend Tiefe, damit die EP nicht ausschließlich als stilistische Übung endet.

Zum Schluss wird das Tempo erneut reduziert. Der letzte Abschnitt wirkt schwerer und feierlicher, bevor die Musik ohne großes Nachspiel abbricht. Ein langer Ambient-Ausklang wäre möglicherweise erwartbar gewesen, hätte die Wirkung aber unnötig verwässert. TSIRHIC setzen lieber einen klaren Schlusspunkt und verschwinden wieder in ihrem Keller.

ROH BEDEUTET NICHT UNHÖRBAR

Die Produktion ist ein wesentlicher Teil dieser Veröffentlichung. Gitarren und Stimme besitzen die gewünschte Körnung, während die Drums bewusst trocken und unmittelbar wirken. Kleine Unsauberkeiten bleiben erhalten und vermitteln den Eindruck menschlicher Arbeit.

Gleichzeitig ist der Klang deutlich kontrollierter, als es die gewählte Demo-Ästhetik zunächst vermuten lässt. Riffs bleiben erkennbar, Tempowechsel nachvollziehbar und die Synthesizer in »God Dethroned« erhalten ausreichend Platz. Das Projekt verwechselt Authentizität nicht mit möglichst schlechter Tonqualität.

Etwas problematischer fällt die geringe Dynamik zwischen den meisten Stücken aus. Der Grundklang verändert sich kaum, und auch die Stimme verbleibt fast durchgehend in derselben Position. Bei 25 Minuten Spielzeit ist das noch zu verschmerzen. Über ein vollständiges Album hinweg müsste TSIRHIC jedoch zusätzliche Kontraste entwickeln.

ALTARBEKANNTE SPRACHE, ÜBERZEUGEND GESPROCHEN

Wer Innovation erwartet, wird von »To Satan I Reply…« nicht bedient. Das Mini-Album will den Black Metal der mittleren und späten Neunziger weder modernisieren noch mit fremden Stilrichtungen kreuzen. Die Nähe zu Moonblood, Judas Iscariot und Mütiilation ist so deutlich, dass sich die Inspirationsquellen kaum überhören lassen.

Entscheidend ist, wie sorgfältig diese alte Sprache gesprochen wird. TSIRHIC verfügen über ein gutes Gespür für kalte Melodien, sinnvolle Wiederholungen und jene schmale Grenze zwischen rauer Produktion und vollständigem Klangbrei. Die EP wirkt konzentriert und verschwendet keine Zeit mit überflüssigen Zwischenspielen.

Noch fehlt dem Projekt allerdings ein zweifelsfrei eigener Fingerabdruck. Besonders der Gesang und einige Übergänge orientieren sich eng an historischen Mustern. »God Dethroned« zeigt mit seinen Synthesizern, dass innerhalb dieses Rahmens durchaus Platz für Weiterentwicklung vorhanden wäre.

FAZIT:

»To Satan I Reply…« ist ein starkes Debüt für Freunde des rohen Black Metal der Neunziger und überzeugt mit frostigen Riffs, einer glaubwürdigen Produktion sowie erfreulich kompakter Spielzeit. Die EP bleibt ihren Vorbildern stellenweise noch zu eng verbunden, während »God Dethroned« bereits ein spannenderes zukünftiges Klangbild andeutet. Satan hat seine Antwort bekommen – ob TSIRHIC beim nächsten Mal eine unverwechselbarere Formulierung findet, bleibt abzuwarten. – Jedenfalls: Satan ruft dich an, du rufst nicht an! Satan ruft dich an!

TSIRHIC – To Satan I Reply... (Full EP Premiere)

Internet

TSIRHIC - To Satan I Reply... - EP Review

FEN – Elemental Part One: Mourning Earth

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Band: FEN 🇬🇧
Titel: Elemental Part One: Mourning Earth
Label: Prophecy Productions
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Vinyl / Digital / Artbook 2-CD
Genre: Atmospheric Black Metal / Post-Black Metal / Progressive Black Metal

Tracklist

01. Glacier
02. Tectonic
03. Massif
04. Abyssal Plain
05. Barrow
06. Moor

Besetzung

The Watcher – Gitarre, Gesang
Grungyn – Bass, Gesang
JG – Schlagzeug

Bewertung:

4.5 von 5 Punkten

Wer morgens die Vorhänge öffnet und draußen ausschließlich Nebel, nasses Gras und einen bleigrauen Himmel vorfindet, besitzt bereits die passende Beleuchtung für »Elemental Part One: Mourning Earth«. Auf ihrem achten Studioalbum kehren die ostenglischen FEN zu den landschaftlichen und musikalischen Wurzeln ihres Schaffens zurück. Nach der hohen Geschwindigkeit und beinahe erdrückenden Dichte von »Monuments to Absence« lässt das Trio seinen Kompositionen wieder mehr Raum zum Atmen. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass der Sturm vorüber wäre. Er zieht diesmal lediglich langsamer auf und hat dabei umso mehr Zeit, den Boden unter den Füßen aufzuweichen.

Albumstream:

ZWANZIG JAHRE ZWISCHEN NEBEL UND VERZWEIFLUNG

FEN wurden 2006 gegründet und benannten sich nach jener flachen, von Mooren, Wasserläufen und weitem Himmel geprägten Landschaft im Osten Englands. Schon das Debüt »The Malediction Fields« verband die Kälte des Black Metal mit melancholischen Post-Rock-Flächen, progressiven Strukturen und einer intensiven Beschäftigung mit Natur, Verlust und existenzieller Leere.

Zwanzig Jahre später greift »Mourning Earth« viele dieser frühen Merkmale erneut auf. Es handelt sich jedoch nicht um den Versuch, das Debüt mit moderner Produktion nachzustellen. The Watcher, Grungyn und JG führen vielmehr zusammen, was sie auf acht Alben erarbeitet haben: rasenden Black Metal, progressive Rhythmik, fragile Klargesänge, Post-Rock-Dynamik und jene langen instrumentalen Entwicklungen, für die man entweder Geduld mitbringt oder besser gleich am Rand des Moores umkehrt.

Große Teile des Albums wurden live eingespielt. Das ist hörbar, denn die Musik bewegt sich organischer als auf dem bewusst kompakten und aggressiven Vorgänger. Kleine Tempoverschiebungen und das Zusammenspiel zwischen Bass und Schlagzeug erzeugen einen natürlichen Fluss. Die Stücke wirken nicht zusammengesetzt, sondern scheinen sich aus einem gemeinsamen Kern heraus zu entwickeln.

DER GLETSCHER BEGINNT ZU BRECHEN

»Glacier« lässt sich fast acht Minuten Zeit, um die verschiedenen Seiten des Albums vorzustellen. Sanfte Gitarren, zurückhaltendes Schlagzeug und mehrstimmiger Klargesang eröffnen das Stück. Die Atmosphäre wirkt zunächst weit und beinahe friedlich, doch unter der Oberfläche kündigt sich bereits Bewegung an.

Als The Watchers heiseres Kreischen einsetzt, kippt die Ruhe in einen galoppierenden Black-Metal-Ausbruch. Das Schlagzeug beschleunigt, während die Gitarren ihre melodischen Linien nicht aufgeben. Dadurch entsteht kein harter Schnitt, sondern eine kontrollierte Verwandlung. Die Schönheit wird nicht verdrängt, sondern vom Lärm mitgerissen.

Besonders überzeugend ist der falsche Schluss im letzten Drittel. Für einen Moment scheint das Stück im Nebel zu verschwinden, bevor die Band mit neuer Energie zurückkehrt. Klargesang, harsche Stimmen und progressive Gitarrenfiguren greifen ineinander und geben dem Opener eine beinahe hymnische Größe. Dabei klingen FEN nicht triumphierend. Selbst der weiteste musikalische Ausblick bleibt von Trauer überschattet.

TEKTONISCHE BEWEGUNG UNTER DER HAUT

»Tectonic« verzichtet auf eine lange Einführung. Ein stürmisches Riff und JGs drängendes Schlagzeug werfen den Song unmittelbar nach vorne. Inhaltlich zieht die Band eine Verbindung zwischen den Bewegungen unterhalb der Erdkruste und jenen kaum kontrollierbaren Kräften, die unter einer ruhigen menschlichen Oberfläche arbeiten.

Das klingt zunächst abstrakt, wird musikalisch aber ausgesprochen körperlich umgesetzt. Grungyns Bass verleiht dem Stück einen auffälligen Groove, während die Gitarren zwischen scharfen Black-Metal-Läufen und schwereren, fast progressiv-metallischen Riffs wechseln. Die Struktur bleibt trotz zahlreicher Einzelheiten nachvollziehbar.

In den dichtesten Passagen stößt die Produktion allerdings an ihre Grenzen. Gitarren, Schlagzeug, Bass und mehrere Gesangsebenen drängen gleichzeitig nach vorne, wodurch einige Feinheiten verloren gehen. Etwas mehr Luft im Mix hätte den Instrumenten gutgetan. Die geballte Wirkung des Songs bleibt davon unberührt – »Tectonic« ist der direkteste und wütendste Angriff des Albums.

EIN MASSIV AUS LICHT UND SCHATTEN

»Massif« richtet den Blick anschließend nach oben. Schimmernde Gitarren und ruhiger Klargesang lassen das Stück zunächst beinahe schwerelos wirken. Die Musik erinnert an die atmosphärischen Seiten von Alcest oder Agalloch, besitzt durch den auffälligen Bass aber einen eigenen Schwerpunkt.

Nach und nach ziehen dunklere Wolken auf. Geflüsterte Stimmen tauchen am Rand des Klangbildes auf, die Gitarren werden schwerer und The Watchers Kreischen schneidet durch die zuvor aufgebaute Ruhe. Die Band steigert das Stück allerdings nicht einfach von leise zu laut. Bereits eingeführte Melodien kehren in veränderter Form zurück und gewinnen durch den härteren Rahmen an Bedeutung.

Gerade in der zweiten Hälfte zeigt sich die progressive Seite von FEN. Ein zunächst zurückhaltendes Motiv wird rhythmisch verschoben und entwickelt plötzlich erheblichen Druck. Trotzdem bleibt »Massif« emotional verständlich. Die technische Arbeit dient dem Spannungsaufbau und wird nicht zum Selbstzweck.

DIE TIEFEBENE VERSCHLUCKT DAS LICHT

Mit »Abyssal Plain« folgt das ruhigste und introvertierteste Stück. Langsame Akkorde, viel Hall und ein zunächst beinahe entfernter Gesang zeichnen das Bild einer endlosen, kaum beleuchteten Ebene. Der Titel bezeichnet eigentlich den flachen Grund der Tiefsee, doch musikalisch könnte ebenso gut eine verregnete Landschaft gemeint sein, in der Horizont und Boden ineinander übergehen.

Der Song arbeitet stärker mit Stimmung als mit auffälligen Riffs. Erst spät brechen harsche Stimmen und schwerere Gitarren durch die Oberfläche. Dieser Aufbau ist konsequent, wirkt im Vergleich zu »Glacier« und »Massif« aber weniger zwingend. Einige Passagen verweilen etwas zu lange in derselben gedämpften Atmosphäre.

Als Ruhepunkt in der Albumdramaturgie erfüllt »Abyssal Plain« dennoch seinen Zweck. Nach der tektonischen Unruhe der ersten Stücke benötigt die Platte diesen Moment des Stillstands. Für sich betrachtet bleibt die Nummer jedoch der unscheinbarste Teil des Albums.

UNTER DEM GRABHÜGEL BEWEGT SICH ETWAS

»Barrow« reißt die Musik wieder aus ihrer Versenkung. Der Titel verweist auf einen Grabhügel, und das eröffnende Riff klingt tatsächlich, als würde unter einer jahrhundertealten Erdschicht etwas gegen seine Begrenzung drücken. Die Gitarren arbeiten mit einer ungewöhnlich direkten melodischen Figur, während Bass und Schlagzeug das Tempo stetig erhöhen.

Im weiteren Verlauf greift das Stück Motive aus »Tectonic« auf. Diese Verbindung ist nicht sofort offensichtlich, gibt dem Album aber zusätzlichen Zusammenhalt. Die sechs Stücke erzählen keine klassische Geschichte, sind musikalisch jedoch enger miteinander verbunden, als es der erste Durchlauf vermuten lässt.

Auch »Barrow« ist im Mix stellenweise beinahe überfüllt. Mehrere Melodien, harscher Gesang und das unruhige Schlagzeug verlangen gleichzeitig Aufmerksamkeit. Trotzdem bleibt der Song aufgrund seines starken zentralen Motivs im Gedächtnis. Nach einem kurzen Rückzug bäumt sich die Band ein weiteres Mal auf, bevor der Grabhügel endgültig hinter ihr verschwindet.

DREIZEHN MINUTEN IM MOOR

Das abschließende »Moor« nimmt mit knapp 13 Minuten beinahe ein Drittel der Albumseite ein. Sanfte, gläserne Gitarren und weit entfernt klingende Stimmen führen langsam in die Landschaft hinein. Statt sofort Spannung zu erzeugen, lässt die Band zunächst den Raum wirken.

Nach einigen Minuten taucht eine markante Melodie auf, die den Song durch seine verschiedenen Entwicklungsstufen begleitet. Der ruhige Anfang geht in schwere Riffs, harschen Gesang und immer größere Schlagzeugfiguren über. Zwischendurch zieht sich die Musik wieder zurück, als würde der Boden jeden Schritt verschlucken.

Die Länge ist hier gerechtfertigt. »Moor« besitzt genügend Veränderungen, um seine Spannung zu halten, und führt zahlreiche Klangfarben des Albums zusammen. Atmosphärischer Black Metal, Post-Rock und progressive Strukturen werden nicht nacheinander abgearbeitet, sondern ineinander verschoben.

Im letzten Abschnitt erreichen FEN eine seltene Verbindung aus Größe und Verzweiflung. Die Musik wächst, ohne Erlösung zu versprechen. Als Abschluss des ersten Teils funktioniert das erstaunlich gut. Zwar bleibt offen, wohin der zweite Abschnitt von »Elemental« führen wird, doch »Mourning Earth« endet nicht wie ein halbes Album.

DIE ERDE TRAUERT, ABER SIE ATMET

Produzent Chris Fielding hat die organische Spielweise der Band überzeugend eingefangen. Das Schlagzeug wirkt natürlich und besitzt ausreichend Wucht, während Grungyns Bass nicht hinter den Gitarren verschwindet. Gerade in ruhigeren Passagen bildet er das tragende Fundament, auf dem The Watcher seine melodischen Linien ausbreiten kann.

Die Stimmen decken ein breites Spektrum ab. Hohes Kreischen, tiefere Rufe, geflüsterte Passagen und melancholischer Klargesang stehen nebeneinander, ohne willkürlich zu wirken. Die sauberen Stimmen sind nicht makellos, tragen aber gerade durch ihre leichte Brüchigkeit zur Atmosphäre bei.

Problematisch wird die Produktion lediglich dann, wenn sämtliche Ebenen gleichzeitig aktiv sind. Besonders »Tectonic« und »Barrow« hätten von stärkerer räumlicher Trennung profitiert. Diese Verdichtung passt zwar zur aufgewühlten Musik, verdeckt jedoch einzelne Gitarrenfiguren, die erst mit Kopfhörern und mehreren Durchläufen vollständig hervortreten.

RÜCKKEHR ZU DEN WURZELN OHNE RÜCKSCHRITT

Mit »Elemental Part One: Mourning Earth« verbinden FEN die Weite ihrer frühen Alben mit der spielerischen Erfahrung der späteren Werke. Die Platte ist weniger erbarmungslos als »Monuments to Absence«, aber keineswegs schwächer. Ihre Aggression erscheint gezielter und gewinnt gerade durch die ruhigen Gegenpole an Wirkung.

Die vergleichsweise kompakten 47 Minuten erweisen sich als Vorteil. Frühere Alben der Band konnten ihre Ideen gelegentlich so lange ausbreiten, bis der rote Faden im Nebel verschwand. Hier besitzt jeder Song eine erkennbare Aufgabe, selbst wenn »Abyssal Plain« nicht ganz an die Höhepunkte heranreicht.

Dass es sich lediglich um den ersten Teil eines größeren Werkes handelt, erzeugt natürlich Erwartungen. »Mourning Earth« ist jedoch kein ausgedehnter Prolog. Das Album besitzt einen eigenständigen Spannungsbogen, einen überzeugenden Abschluss und genügend musikalische Substanz, um auch ohne den noch ausstehenden zweiten Teil zu bestehen.

FAZIT:

»Elemental Part One: Mourning Earth« ist eine nahezu ideale Verbindung aus atmosphärischem Black Metal, progressiver Detailarbeit und organisch wachsender Melancholie. Lediglich der stellenweise überfüllte Mix und das etwas blassere »Abyssal Plain« verhindern die Höchstwertung. Wenn der zweite Teil dieses Niveau hält, könnte »Elemental« zu einem der bedeutendsten Werke in der Laufbahn von FEN heranwachsen.

FEN – Tectonic

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FEN - Elemental Part One: Mourning Earth - Album Review

GRIMNER – Stormvingar

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GRIMNER - Stormvingar - album artwork

Band: GRIMNER 🇸🇪
Titel: Stormvingar
Label: Despotz Records
VÖ: 04/09/26
Genre: Folk/Viking Metal

Tracklist

01. Stormvingar
02. Träldomens far
03. De kom från norr
04. Där mjöd och högmod flödar
05. Ombergs brud
06. Irrbloss
07. Runstenen
08. Nattriderskan
09. Völvans spådom
10. Hon gav dem undergång

 

Besetzung

Ted Sjulmark – Vocals, guitars
Marcus Asplund Brattberg – Vocals, guitars
Axel Elowson – Bass
Johan Rydberg – Flutes and whistles
Kristoffer Kullberg – Keyboards
Anton Elowson – Drums

 

Bewertung:

3,5/5

Ein neuer Wind aus Midgård

Fast vier Jahre waren GRIMNER von der Bildfläche verschwunden. Für eine Band, die sich musikalisch so intensiv mit alten Sagen, schwedischer Folklore und nordischer Mythologie beschäftigt, ist das eine verdammt lange Zeit. Nun melden sich die Schweden mit „Stormvingar“ zurück und zeigen ziemlich schnell, dass die Pause nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen ist. Gleichzeitig gibt es mit der Rückkehr von Marcus Asplund Brattberg eine personelle Veränderung, die für viele Fans durchaus interessant sein dürfte. Gemeinsam mit Ted Sjulmark übernimmt er Vocals und Gitarren. Axel Elowson kümmert sich um den Bass, Johan Rydberg steuert Flöten und Whistles bei, Kristoffer Kullberg sitzt an den Keyboards und Anton Elowson sorgt hinter dem Schlagzeug für den nötigen Nachdruck.

GRIMNER bleiben ihrem musikalischen Fundament treu. „Stormvingar“ ist Folk Metal mit deutlicher Viking-Metal-Schlagseite, wobei die Schweden ihre Geschichten nicht einfach mit möglichst viel Pathos zukleistern. Zwischen den wuchtigen Gitarren finden sich immer wieder folkloristische Melodien, die dem Album seinen eigenen Charakter geben.

Zwischen Äxten, Runen und alten Geschichten

Schon der Titeltrack „Stormvingar“ macht klar, wohin die Reise geht. Die Gitarren marschieren ordentlich nach vorne, während Flöten und Keyboards immer wieder für Farbtupfer sorgen. Der Song hat diesen typischen GRIMNER-Charakter: rau genug für Metal-Fans, melodisch genug, um nicht in einer einzigen Wand aus Gitarren unterzugehen.

„Träldomens far“ setzt anschließend stärker auf Härte. Hier darf das Schlagzeug ordentlich Druck machen, während die Gitarren für die nötige Schwere sorgen. Der Song wirkt weniger verspielt und konzentriert sich stärker auf den metallischen Kern der Band. Danach bringt „De kom från norr“ wieder etwas mehr Melodie ins Spiel. Gerade die Folk-Elemente verhindern, dass sich die Stücke zu ähnlich anfühlen.

Ein persönlicher Favorit ist „Där mjöd och högmod flödar“. Der Titel passt hervorragend zum musikalischen Charakter. Man hat beinahe das Gefühl, irgendwo in einer alten Halle zu sitzen, während draußen der Wind über die Landschaft pfeift und drinnen der Met in Strömen fließt. Ganz so ausgelassen wird es musikalisch zwar nicht, aber der Song besitzt eine angenehme Dynamik und gehört zu den zugänglicheren Nummern des Albums.

Wenn die Stimmung dunkler wird

Mit „Ombergs brud“ schlagen GRIMNER eine etwas geheimnisvollere Richtung ein. Hier kommen die folkloristischen Instrumente besonders schön zur Geltung. Johan Rydbergs Flöten und Whistles sind ohnehin ein wichtiger Bestandteil des Bandsounds und sorgen dafür, dass „Stormvingar“ nicht wie gewöhnlicher Melodic Metal mit Wikingertexten klingt.

„Irrbloss“ zieht die Stimmung anschließend deutlich ins Dunklere. Der Song wirkt geheimnisvoller und etwas unheilvoller. Genau solche Momente tun dem Album gut, weil sie für Abwechslung sorgen. GRIMNER können eben nicht nur das große Schlachtengemälde. Sie verstehen es auch, kleinere Geschichten und mystische Stimmungen musikalisch umzusetzen.

„Runstenen“ führt zurück zu den alten Zeichen und Legenden. Der Titel könnte kaum besser zum Konzept passen. Musikalisch bleibt die Nummer fest im bekannten GRIMNER-Kosmos, setzt aber auf eingängige Melodien und einen angenehm treibenden Rhythmus.

Danach wird es mit „Nattriderskan“ wieder etwas düsterer. Besonders die Atmosphäre bleibt hängen. Der Song wirkt weniger wie ein klassischer Tavernensong und mehr wie eine Geschichte, die man sich besser nicht nachts allein im Wald anhört. Genau diese kleinen Stimmungswechsel machen „Stormvingar“ interessant.

Nicht perfekt, aber glaubwürdig

„Völvans spådom“ nimmt sich anschließend der nordischen Seherinnen- und Prophezeiungsthematik an. Der Song lebt stärker von seiner Atmosphäre als von purem Tempo und passt dadurch gut in die zweite Hälfte des Albums. Mit „Hon gav dem undergång“ endet die Reise schließlich dort, wo man es bei GRIMNER erwarten darf. Mit einer ordentlichen Portion Dramatik, kräftigen Gitarren und den charakteristischen Folk-Elementen.

Was „Stormvingar“ besonders sympathisch macht, ist die Tatsache, dass GRIMNER gar nicht versuchen, ihren Stil neu zu erfinden. Das Album weiß ziemlich genau, was es sein möchte. Natürlich gibt es Momente, in denen man sich etwas mehr Überraschungen wünschen würde. Einige Strukturen sind vertraut und gerade im Folk Metal bewegt sich vieles zwangsläufig auf bekannten Wegen. Dafür stimmt die Mischung aus Härte, Melodie und Folklore über weite Strecken.

Auch die Rückkehr von Marcus Asplund Brattberg passt gut ins Gesamtbild. Seine Stimme bringt eine zusätzliche Facette in den Gesang und fügt sich problemlos neben Ted Sjulmark ein. Zusammen mit den Flöten, Whistles und Keyboards entsteht ein Sound, der seine Herkunft nicht verstecken will.

„Stormvingar“ ist deshalb kein Album, das nach dem ersten Durchlauf sämtliche Türen eintritt. Es wächst eher mit jedem weiteren Hören. Wer GRIMNER bereits kennt, wird vieles wiedererkennen. Wer schwedischen Folk Metal mit nordischen Geschichten, traditionellen Instrumenten und einer guten Portion Pathos mag, bekommt hier eine solide Platte geboten.

Nach fast vier Jahren Pause hätte der Neustart vielleicht etwas spektakulärer ausfallen dürfen. Trotzdem fühlt sich „Stormvingar“ nicht wie ein halbherziges Lebenszeichen an. GRIMNER sind zurück, sie haben ihre Geschichten noch lange nicht auserzählt und haben mit diesem Album eine durchaus hörenswerte neue Seite ihrer Saga aufgeschlagen.

Fazit: „Stormvingar“ markiert den Beginn eines neuen Kapitels für GRIMNER.

Internet

GRIMNER - Stormvingar - CD Review

Daily Thompson – Glue

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Band: DAILY THOMPSON 🇩🇪
Titel: Glue
Label: Noisolution
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Alternative Rock / Grunge / Fuzz Rock / Stoner Rock

Tracklist

01. Heart Of Bones
02. Workout
03. Fake A Smile
04. Chains
05. BTK
06. Here I Stand
07. SIAM
08. Lovebugs

Besetzung

Danny Zaremba – Gesang, Gitarre
Mercedes Lalakakis-Bee – Bass, Gesang
Thorsten „Babblz“ Stratmann – Schlagzeug

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Ein Album mit dem Titel »Glue« sollte im Idealfall ordentlich kleben bleiben. Das Dortmunder Trio DAILY THOMPSON nimmt diesen Auftrag durchaus ernst und verbindet auf seinem siebten Studioalbum sonnige Alternative-Rock-Melodien mit melancholischem Grunge, massiven Fuzzgitarren und den verbliebenen Resten seiner Stoner-Rock-Vergangenheit. Aufgenommen wurde die Platte erneut mit Tony Reed in Port Orchard im US-Bundesstaat Washington. Die Nähe zu Seattle ist nicht bloß eine hübsche Geschichte für den Pressetext: »Glue« trägt den Alternative Rock der frühen Neunziger tief im Klangbild, entwickelt daraus aber ein erstaunlich persönliches und geschlossenes Album.

Albumplaylist:

ZWISCHEN DORTMUND UND WASHINGTON

DAILY THOMPSON entstanden 2012 und veröffentlichten zwei Jahre später ihr selbstbetiteltes Debüt. Seither arbeitete sich das Trio mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit durch Stoner Rock, Psychedelic, Grunge und Alternative Rock. Das 2024 erschienene »Chuparosa« wurde bereits mit Tony Reed in der Nähe von Seattle aufgenommen und rückte die Band hörbar näher an den amerikanischen Alternative Rock heran.

Für »Glue« kehrten Danny Zaremba, Mercedes Lalakakis-Bee und Thorsten „Babblz“ Stratmann zu Reed und ins APL Recording Studio zurück. Diesmal wirkt das Ergebnis allerdings weniger wie ein Ausflug zu den eigenen Einflüssen. Die Band hat die dortigen Klangfarben tief in ihre eigene Sprache eingebaut.

Die Klangbühne im Hörraum fällt breit und angenehm ungeschliffen aus. Zarembas Gitarre darf rauschen, fiepen und übersteuern, während der Bass darunter ein solides Fundament legt. Stratmann spielt weder steif noch unnötig kompliziert, sondern setzt genau jene Akzente, die diese oftmals langen und langsam wachsenden Songs benötigen.

EIN HERZ AUS KNOCHEN UND FUZZ

»Heart Of Bones« eröffnet das Album mit einem Riff, das gleichzeitig spröde und erstaunlich freundlich klingt. Die Gitarre erinnert an Dinosaur Jr., während sich der Refrain mit jener scheinbaren Leichtigkeit bewegt, die auch The Lemonheads in ihren besten Momenten beherrschten. Unter der sonnigen Oberfläche liegt allerdings eine spürbare Melancholie.

Genau dieser Widerspruch wird zu einem der wichtigsten Merkmale der Platte. Die Musik lädt zum Fahren mit offenem Fenster ein, während die Texte von Einsamkeit, Selbstzweifeln und brüchigen Beziehungen erzählen. DAILY THOMPSON tragen diese Gefühle nicht mit großer dramatischer Geste vor. Die Melancholie sitzt eher beiläufig zwischen zwei Akkorden und trifft dadurch umso genauer.

»Workout« biegt danach in eine schrägere Richtung ab. Eine nervös kreisende Gitarre und der stoische Rhythmus greifen das Gefühl täglicher Wiederholung auf. Arbeit, Verpflichtungen, kurze Pausen und anschließend wieder von vorne – der Song bewegt sich absichtlich in Schleifen, bis die aufgestaute Energie aus dem Arrangement herausbricht.

DAS LÄCHELN HÄLT NICHT EWIG

»Fake A Smile« beginnt mit einer zurückgenommenen Gitarre und einer verletzlichen Gesangslinie. Zaremba klingt, als müsse er jedes Wort zunächst gegen einen inneren Widerstand nach außen drücken. Nach und nach wächst die Nummer zu einer dichten Wand aus Fuzz, Bass und Schlagzeug.

Inhaltlich geht es um das vorgespielte Lächeln, mit dem Unsicherheit und innere Einsamkeit vor anderen verborgen werden. Das Thema könnte leicht in pathetische Allgemeinplätze kippen. DAILY THOMPSON bleiben jedoch glaubwürdig, weil das Arrangement die Emotion nicht sofort mit voller Lautstärke erklärt. Erst wenn der Song ausreichend Spannung gesammelt hat, darf die Band den Verstärkern endgültig freien Lauf lassen.

Mit rund 43 Minuten Spielzeit ist »Glue« für acht Songs keineswegs kurz. Die Band lässt ihren Kompositionen bewusst Platz, damit sich Riffs und Stimmungen entwickeln können. Das verlangt etwas Geduld. Wer lediglich auf schnelle Refrains wartet, dürfte manche Strecke als zu ausführlich empfinden. Für den Charakter der Platte ist dieses gemächliche Wachstum jedoch entscheidend.

DIE KETTEN WERDEN IMMER SCHWERER

Das zeigt sich besonders bei »Chains«. Die beinahe achtminütige Nummer beginnt verhältnismäßig kontrolliert, steigert ihre Intensität aber mit jedem Durchlauf. Zarembas Stimme wird rauer, die Gitarre löst sich zunehmend von der ursprünglichen Struktur und die Rhythmusgruppe hält das Stück zusammen, während darüber langsam alles ins Wanken gerät.

Im letzten Drittel verwandelt sich »Chains« in eine ausgedehnte Jam-Passage. Tony Reeds Einfluss lässt sich hier ebenso heraushören wie die jahrelange Bühnenerfahrung der Band. Der Song klingt nicht nach einer Studiokonstruktion, sondern nach drei Musikern, die ein Motiv so lange bearbeiten, bis es seinen größtmöglichen emotionalen Druck erreicht.

Ein wenig kürzer hätte dieser Weg durchaus ausfallen dürfen. Manche Wiederholung trägt nicht mehr wesentlich zur Entwicklung bei. Trotzdem gehört »Chains« zu den stärksten Stücken, weil die Band hier Atmosphäre, Melodie und instrumentale Wucht besonders wirkungsvoll zusammenführt.

BTK UND EINE NEUE STIMME

Auch »BTK« überschreitet die Sieben-Minuten-Marke. Erstmals übernimmt Bassistin Mercedes Lalakakis-Bee bei einem vollständigen Song den Leadgesang. Ihre zurückhaltende, leicht distanzierte Stimme verändert die Wirkung der Musik unmittelbar und erinnert stellenweise an Kim Gordon oder die ruhigeren Seiten der Breeders.

Der Titel bezieht sich auf den als BTK bekannten Serienmörder, betrachtet das Thema jedoch aus der Perspektive eines Opfers. Statt Gewalt sensationell auszuschlachten, konzentriert sich die Band auf Angst, Kontrollverlust, Widerstand und weibliche Selbstbehauptung. Die ruhigen Passagen erzeugen dabei eine unangenehme Spannung, bevor der Refrain mit funkigem Rhythmus und schweren Gitarren aufbricht.

Der Song hätte leicht wie ein Fremdkörper wirken können. Lalakakis-Bees Gesang und das ungewöhnlich aufgebaute Arrangement erweitern das Album jedoch an der richtigen Stelle. Gerade nach dem langen, emotional aufgeladenen »Chains« verhindert »BTK«, dass die Platte in ein gleichförmiges Muster gerät.

HIER STEHE ICH – UND JETZT WIRD ES LAUT

»Here I Stand« verzichtet anschließend auf lange Anläufe. Das Riff klingt roh, sumpfig und deutlich näher an Nirvanas »Bleach« als am melodischen Indie Rock des Openers. Stratmann treibt die Nummer mit schweren Schlägen vorwärts, während der Bass die tiefen Frequenzen ordentlich in Bewegung hält.

Der Refrain öffnet das Stück, ohne die vorher aufgebaute Schwere zu verlieren. Dadurch entsteht einer der unmittelbarsten Songs der Platte. Wo »Chains« und »BTK« ihre Wirkung langsam entfalten, packt »Here I Stand« bereits in den ersten Sekunden zu.

Noch massiver folgt »SIAM«. Hier kommt die Stoner-Rock-Vergangenheit wieder deutlich zum Vorschein. Das tiefe Gitarrenriff besitzt einen leicht südlichen Schwung, während die übereinandergelegten Gesangsstimmen an Alice In Chains erinnern. Der Song gehört zu den härtesten Momenten des Albums und dürfte live besonders gut funktionieren.

DIE LIEBESKÄFER ÜBERNEHMEN

Nach den beiden schweren Nummern beendet »Lovebugs« das Album überraschend leicht. Die Gitarre bleibt verzerrt, doch der Refrain besitzt eine beinahe unschuldige Eingängigkeit. Ein wenig Sonic Youth, etwas Fuzz Pop und eine sommerliche Melodie reichen aus, um die vorherige Dunkelheit langsam aufzulösen.

Dieser Abschluss funktioniert deshalb so gut, weil er die Grundidee von »Glue« noch einmal zusammenfasst. Freude und Melancholie stehen nicht getrennt nebeneinander. Sie existieren gleichzeitig und geben selbst den zugänglichsten Melodien einen leicht bitteren Nachgeschmack.

Die Band spielt den Song nicht unnötig in die Länge und setzt damit einen angenehm klaren Schlusspunkt. Nach den ausgedehnten Mittelteilen wäre ein weiteres siebenminütiges Finale vermutlich zu viel gewesen. »Lovebugs« beendet die Platte dagegen kompakt, warm und mit einem Refrain, der tatsächlich haften bleibt.

KLEBSTOFF AUS FREUNDSCHAFT UND VERSTÄRKERRAUSCHEN

Der Albumtitel bezieht sich auch auf jene Verbindung, die das Trio nach vielen gemeinsamen Jahren zusammenhält. Das ist auf »Glue« hörbar. Bass, Gitarre und Schlagzeug kämpfen nicht um Aufmerksamkeit, sondern greifen ineinander. Selbst in den freien Jam-Passagen bleibt klar, dass hier eine eingespielte Band arbeitet.

Tony Reeds Produktion bewahrt die notwendige Rauheit. Das Schlagzeug klingt natürlich, der Bass drückt kräftig und die Gitarren dürfen ihre gesamte körnige Oberfläche zeigen. Gleichzeitig werden die Melodien nicht unter einer undurchdringlichen Schicht aus Verzerrung begraben.

Vollständig ohne Längen kommt das Album nicht aus. »Chains« und »BTK« hätten durch geringfügige Straffungen noch präziser gewirkt, während einige klangliche Verweise auf die Neunziger sehr offen zutage treten. Doch DAILY THOMPSON tragen ihre Einflüsse mit einer derart persönlichen Handschrift vor, dass daraus keine bloße Grunge-Nachstellung entsteht.

FAZIT:

»Glue« verbindet melancholischen Grunge, Alternative Rock und schweren Fuzz zu einem der geschlossensten Alben in der bisherigen Laufbahn von DAILY THOMPSON. Einige ausgedehnte Passagen verlangen Geduld, werden aber durch starkes Songwriting, ehrliche Emotionen und eine ausgezeichnete Banddynamik aufgewogen. Dieser Klebstoff hält – und zwar nicht bloß bis zum nächsten Waschgang.

DAILY THOMPSON – Heart Of Bones

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DAILY THOMPSON - Glue - Album Review

Cemetery Echo – Civitas Lacrimarum

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Band: CEMETERY ECHO 🇺🇸
Titel: Civitas Lacrimarum
Label: Seeing Red Records
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Gothic Metal / Deathrock / Post-Punk / Occult Rock

Tracklist

01. Hell Night
02. Cannibalistic Underground Nihilist Teens
03. Snakeland’s Pull
04. Knight Rider
05. Dungeon of Love
06. Echolocation
07. Sanctuary
08. Trouble With Demons
09. Babylon

Besetzung

Rob Palumbo – Gesang
Erik Wagonblott – Gitarre
Jay Zgoda – Gitarre
Jason Roman – Bass
Mike Paquette – Schlagzeug

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Eine Stadt der Tränen, Vampire unter flackerndem Neonlicht und irgendwo dazwischen ein Basslauf, zu dem selbst der Totengräber seine Hüften kreisen lässt: Willkommen in »Civitas Lacrimarum«. Auf ihrem ersten vollständigen Album errichten die aus Buffalo, New York, stammenden CEMETERY ECHO eine düstere Parallelwelt aus Deathrock, Gothic Metal, Post-Punk, Occult Rock und metallischer Angriffslust. Die Band bezeichnet das Ergebnis selbst als „Haunt ’n’ Roll“. Nach 42 Minuten und neun ausgesprochen wandelbaren Songs erscheint diese Beschreibung tatsächlich treffender als jede fein säuberlich gezogene Genregrenze.

Albumstream:

DIE STADT DER TRÄNEN ÖFFNET IHRE TORE

Gegründet wurden CEMETERY ECHO 2019. Mit den EPs »Come Share My Shroud« und »Carnivorous Lunar Activities« legten die Amerikaner anschließend das Fundament für ihre morbide Welt. Veröffentlichungen über Hammerheart Records und Sunshine Ward sowie gemeinsame Auftritte mit UNTO OTHERS, NOX NOVACULA und PANOPTICON halfen dabei, die Band über Buffalo hinaus bekannt zu machen.

Das lateinische »Civitas Lacrimarum« bedeutet sinngemäß „Stadt der Tränen“. Gemeint ist keine romantisch verfallene Ruine, in der hübsch geschminkte Vampire bei Kerzenschein Gedichte vortragen. Die Stadt dieses Albums ist laut, schmutzig und gefährlich. Neonreklamen flackern über nassen Straßen, in den Seitengassen lauern Dämonen und zwischen Friedhofstor und heruntergekommener Kneipe scheint jederzeit eine Schlägerei ausbrechen zu können.

Die Einflüsse aus den Achtzigern sind deutlich. THE SISTERS OF MERCY, THE CURE, THE MISSION, BAUHAUS und THE DAMNED stehen an verschiedenen Ecken des Stadtplans. CEMETERY ECHO bleiben dort jedoch nicht stehen. Black-Metal-Ausbrüche, Thrash-Riffs, Deathrock und rauer Heavy Metal verhindern, dass das Debüt zu einer bloßen Besichtigung alter Gothic-Sehenswürdigkeiten wird.

HELL NIGHT IM NEONBELEUCHTETEN ABGRUND

»Hell Night« öffnet die Tore mit einer klaren, verhallten Gitarre. Rob Palumbo setzt zunächst auf melodischen Gothic-Gesang, während Bass und Schlagzeug das Stück mit einem gleichmäßigen Puls durch die Nacht treiben. Schon der erste Refrain zeigt, dass diese Band keine Angst vor eingängigen Melodien besitzt.

Die Nummer steigert sich allmählich. Raspelige Schreie mischen sich unter die klaren Passagen, Keyboards legen einen kalten Schimmer über die Gitarren und die Solospuren von Erik Wagonblott und Jay Zgoda werden zunehmend offensiver. Gegen Ende verliert das Stück seine anfängliche Zurückhaltung und schlägt metallisch zu.

Konzeptionell orientiert sich »Hell Night« an dystopischen Filmwelten wie »The Crow« und »Escape from New York«. Das lässt sich auch ohne Kenntnis dieses Hintergrunds hören. Der Song besitzt die Atmosphäre eines nächtlichen Großstadtfilms, in dem hinter jeder defekten Straßenlaterne eine neue Gefahr wartet. Gleichzeitig bleibt sein Refrain griffig genug, um nicht vollständig in der Kulisse zu verschwinden.

KANNIBALENKINDER UND SNAKELANDS DUNKLER RUF

Der zweite Titel dürfte bereits aufgrund seines Namens Aufmerksamkeit erhalten: »Cannibalistic Underground Nihilist Teens« klingt wie eine längst vergessene Horrorkomödie aus einer schmuddeligen Videothek. Musikalisch wird die Laufzeit von knapp drei Minuten für einen schnellen Deathrock-Ausbruch genutzt.

Der Bass läuft weit vorne, Palumbo wechselt zwischen gesprochenen Zeilen und einem hypnotischen Refrain, während die Gitarren den Punk-Anteil des Albums betonen. Trotz seiner Geschwindigkeit verliert der Song die Gothic-Atmosphäre nicht. Vielmehr wirkt er wie eine Gruppe schwarz gekleideter Jugendlicher, die beschlossen hat, das örtliche Einkaufszentrum nicht bloß zu verwüsten, sondern anschließend auch noch zu verspeisen.

Mit »Snakeland’s Pull« schlägt die Stimmung um. Death-Metal-artiges Grollen trifft auf Gitarren, die in ihren klareren Passagen an THE CURE erinnern. Diese Kombination müsste auf dem Papier eigentlich auseinanderbrechen. Im fertigen Song greifen die Gegensätze jedoch erstaunlich gut ineinander.

Sobald das Tempo anzieht, wird aus dem schleichenden Deathrock eine wesentlich aggressivere Angelegenheit. Die harschen Stimmen wirken nicht wie ein zusätzlich angeklebter Metal-Effekt, sondern gehören zur Dramaturgie des Stücks. Genau hier zeigt sich erstmals vollständig, weshalb „Haunt ’n’ Roll“ für CEMETERY ECHO tatsächlich Sinn ergibt.

KNIGHT RIDER OHNE SPRECHENDES AUTO

Wer bei »Knight Rider« auf ein schwarzes Auto mit rotem Lauflicht wartet, wird enttäuscht. Stattdessen fährt die Band einen schwereren, beinahe tribalartigen Rhythmus auf. Mike Paquettes Schlagzeug setzt wuchtige Akzente, während Jason Romans Bass unter den Gitarren eine bedrohliche Bewegung erzeugt.

Die Gothic-Wurzeln bleiben hörbar, werden aber um Garage Rock, Deathrock und metallische Härte erweitert. Neben THE SISTERS OF MERCY lässt sich an manchen Stellen auch die unruhigere Energie von THE GUN CLUB erkennen. Palumbo steigert sich vom dunklen Gesang in schroffe Ausbrüche, ohne den Song aus seinem Rhythmus zu reißen.

Das anschließende »Dungeon of Love« stellt einen der großen Höhepunkte dar. Der Titel verspricht ein Verlies der Liebe und liefert tatsächlich eine schwüle Gothic-Rock-Nummer, die weder in Kitsch noch in übertriebene Theatralik abrutscht. Handclaps, klare Gesangslinien und eine geschickt platzierte Gitarrenmelodie verwandeln das Stück in einen ungewöhnlich tanzbaren Gruft-Hit.

Hier gelingt der Band der Balanceakt besonders gut. »Dungeon of Love« ist finster, aber nicht leblos; romantisch, aber nicht klebrig; eingängig, aber nicht belanglos. In einer gerechteren Musikwelt müsste dieser Song regelmäßig in dunklen Clubs und Rocksendungen laufen.

ECHLOCATION HORCHT TIEF IN DIE FINSTERNIS

»Echolocation« könnte sogar noch stärker sein. Verhangene Gitarren, dunkle Keyboards und Palumbos zunehmend rauer Gesang bauen eine dichte Klangbühne auf. Die Band nimmt sich über fünfeinhalb Minuten Zeit, verschiedene Stimmungen ineinanderfließen zu lassen.

Zunächst dominiert Post-Punk, dann steigen die Gitarren aus dem Nebel und erhöhen den Druck. Das Solo klagt, statt technische Kunststücke vorzuführen, während der Rhythmus im Hintergrund unmerklich an Geschwindigkeit gewinnt. Dadurch entwickelt das Stück einen Sog, der sich bei oberflächlichem Hören kaum vollständig erschließt.

Ohnehin eignet sich »Civitas Lacrimarum« nur bedingt als Hintergrundmusik. Zahlreiche Details sitzen zwischen den offensichtlichen Refrains: kleine Gitarrenfiguren, sich verändernde Basslinien, zusätzliche Gesangsschichten und Übergänge, die beim ersten Durchlauf wie bloße Atmosphäre wirken. Wer dem Album seine volle Aufmerksamkeit schenkt, entdeckt unter der schwarzen Oberfläche ein erstaunlich sorgfältig arrangiertes Werk.

SANCTUARY GÖNNT SICH ETWAS ZU VIEL ZEIT

Das über sechsminütige »Sanctuary« beginnt unheimlich und wird von Palumbos tiefem Gesang getragen. Die Gitarren legen einen hellen Schimmer über den dunklen Untergrund, bevor Growls und härtere Riffs den vermeintlich sicheren Ort erschüttern. Handwerklich bleibt das Stück auf hohem Niveau.

Im Vergleich zu »Dungeon of Love« und »Echolocation« fehlt allerdings der letzte zwingende Moment. Einige Motive werden länger gehalten, als es für ihre Wirkung notwendig gewesen wäre. Der Refrain ist gut, besitzt aber nicht dieselbe unmittelbare Anziehungskraft wie die stärksten Melodien des Albums.

Das macht »Sanctuary« keineswegs zu einem Ausfall. Innerhalb der ansonsten ständig wachsenden Dramaturgie entsteht hier lediglich ein kleiner Stillstand. Eine geringfügige Straffung hätte dem Song und damit auch dem Verlauf der zweiten Albumhälfte gutgetan.

DÄMONENJAGD UND DER WEG NACH BABYLON

»Trouble With Demons« behebt diesen Durchhänger umgehend. Verhallte Gitarren ziehen Nebel durch den Hörraum, während der Gesang beinahe beschwörend einsetzt. Der wiederkehrende Refrain wirkt wie ein Mantra, mit dem die eigenen inneren Dämonen nicht vertrieben, sondern direkt herausgefordert werden.

Besonders eindrucksvoll ist die Entwicklung im letzten Abschnitt. Das Stück verlässt seinen kontrollierten Gothic-Rock-Rahmen und endet in einem metallischen Angriff. Gitarren und Schlagzeug werden schneller, Palumbos Stimme rauer und die zuvor sorgfältig aufgebaute Spannung entlädt sich vollständig. Damit fasst der Song den Bauplan des Albums im Kleinen zusammen.

»Babylon« zieht das Tempo anschließend wieder zurück. Der Abschluss ist stärker in den Achtzigern verwurzelt und setzt auf Sprechgesang, eine prägnante Bassbewegung und einen Refrain, der sich langsam im Gedächtnis festsetzt. Trotzdem bleibt die Gefahr spürbar. Immer wieder brechen harsche Stimmen und schwerere Gitarren durch die Oberfläche.

Als Finale ist das klug gewählt. Nach dem metallischen Ende von »Trouble With Demons« wäre eine weitere Steigerung kaum sinnvoll gewesen. »Babylon« führt stattdessen zurück in jene neonerleuchtete Nacht, mit der das Album begonnen hat, und schließt die Tore der Stadt hinter dem Hörer.

SCHWARZES BLUT MIT KLARER PRODUKTION

Produziert wurde das Album von CEMETERY ECHO selbst. Mix und Mastering übernahm Eric Sauter bei Blackheart Sound. Das Ergebnis lässt jeder Klangquelle genügend Raum. Der Bass ist deutlich hörbar, beide Gitarren lassen sich voneinander unterscheiden und das Schlagzeug wirkt kräftig, ohne die dunklere Atmosphäre zu zertrümmern.

Palumbos verschiedene Gesangsstile sitzen sauber im Mix. Tiefe Gothic-Linien, gesprochenes Raunen, raues Bellen und Growls besitzen jeweils eine eigene Funktion. Gerade die härteren Stimmen wurden nicht übermäßig nach vorne geschoben. Dadurch bleiben sie Teil der Komposition und wirken nicht wie ein Fremdkörper, der lediglich die Metal-Hörerschaft beruhigen soll.

Die Produktion könnte manchen Anhängern ganz alten Deathrocks etwas zu kontrolliert erscheinen. Dafür erlaubt sie es der Band, ihre zahlreichen Einflüsse verständlich zusammenzuführen. Selbst in den dichtesten Passagen von »Echolocation« und »Trouble With Demons« versinkt kein Instrument vollständig im Nebel.

Das Artwork stammt von Marc Schoenbach von Sadist Art Designs und ergänzt die Mischung aus Heavy Metal, Vampirromantik und urbanem Verfall ausgezeichnet. Hier passen Musik, Bildsprache und die bewusst gepflegte Bandmythologie tatsächlich zusammen.

KEIN MUSEUM FÜR ALTEN GOTHIC ROCK

Natürlich greifen CEMETERY ECHO auf reichlich bekanntes Material zurück. Die Bassläufe, Gitarreneffekte und dramatischen Gesangslinien verweisen regelmäßig auf die Achtziger. Auch die Nähe zu jüngeren Gruppen wie UNTO OTHERS, GRAVE PLEASURES und den gothiclastigen Phasen von TRIBULATION lässt sich nicht überhören.

Trotzdem besitzt das Album eine eigene Identität. Dafür sind vor allem die unerwarteten Übergänge verantwortlich. Wo andere Gothic-Rock-Bands einen Refrain wiederholen würden, schalten CEMETERY ECHO gelegentlich in Thrash Metal oder lassen Black-Metal-Gesang über eine schimmernde Post-Punk-Gitarre laufen. Diese Momente halten die Musik beweglich.

Nicht jeder Übergang sitzt vollkommen natürlich, und »Sanctuary« bremst das Album etwas aus. Außerdem verlangt die dichte Produktion aktive Aufmerksamkeit. Nebenbei kann das Werk tatsächlich zu einer dunklen, wenig greifbaren Fläche verschwimmen. Wer sich jedoch auf die Details einlässt, erhält ein ungewöhnlich starkes Debüt mit mehreren langfristig haltbaren Songs.

FAZIT:

»Civitas Lacrimarum« verbindet klassischen Gothic Rock, Deathrock, Post-Punk und metallische Härte zu einem eigenständigen und ausgesprochen atmosphärischen Debüt. Mit »Dungeon of Love«, »Echolocation« und »Trouble With Demons« besitzt die Stadt der Tränen gleich mehrere Orte, die man freiwillig erneut besuchen möchte. Ein kleiner Längenverlust verhindert die Höchstwertung – die Tore zur Oberklasse haben CEMETERY ECHO dennoch weit aufgestoßen.

CEMETERY ECHO – Trouble With Demons

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CEMETERY ECHO - Civitas Lacrimarum - Album Review

Osukaru – Tall Tales

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Band: OSUKARU 🇸🇪
Titel: Tall Tales
Label: Pride & Joy Music
VÖ: 21.08.2026
Format: CD / Digital
Genre: Melodic Hard Rock / AOR / Heavy Rock

Tracklist

01. Exceeder
02. Wendigo
03. Blood On The Rocks
04. The Outer Side Within
05. Ronin
06. Who Do You Love
07. Split
08. Only Moments Left
09. When It’s Over
10. C’est Dans Ta Tête

Besetzung

Fredrik Werner – Gesang, Gitarre
Oz Hawe Petersson – Gitarre, Hintergrundgesang
Marcus Zerath – Bass, Hintergrundgesang
C.D – Schlagzeug, Percussion

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Diesen Sonntagmorgen beginnen wir mit einem Kaffee und etwas amtlichem Melodic Rock beziehungsweise AOR, und zwar von OSUKARU. Fünf Jahre nach »Starbound« servieren die Schweden mit »Tall Tales« ihr siebtes Studioalbum. Der Kaffee darf dabei ruhig etwas kräftiger ausfallen, denn die Band hat ihre melodischen Trademarks zwar nicht vergessen, lässt die Gitarren diesmal jedoch häufiger und härter zupacken. Zwischen großen Refrains, amerikanischem Hard Rock, klassischen AOR-Melodien und vereinzelten Metal-Ausflügen erzählt die Platte von Mythen, inneren Konflikten und jenen Geschichten, die im eigenen Kopf irgendwann ein beunruhigendes Eigenleben entwickeln.

Albumstream:

VON GÖTEBORG AUF DEN MELODIC-ROCK-HIGHWAY

Gitarrist Oz Hawe Petersson gründete OSUKARU 2010 in Göteborg. Aus einem zunächst stark am klassischen AOR ausgerichteten Projekt entwickelte sich im Laufe der Jahre eine feste Band, die ihren Sound zunehmend um härtere Gitarren und moderne Heavy-Rock-Elemente erweiterte. Spätestens »House of Mirrors« und »Starbound« zeigten, dass sich die Schweden nicht auf Keyboards, Hochglanzrefrains und nostalgische Achtziger-Verweise reduzieren lassen wollen.

Auf »Tall Tales« wird dieser Weg konsequent fortgesetzt. Die Melodien bleiben das tragende Element, doch darunter arbeitet eine kräftige Rhythmussektion, während die Gitarren häufiger mit metallischem Nachdruck auftreten. Produziert wurde das Album von Petersson und Sänger Fredrik Werner. Svein Jensen kümmerte sich um den Mix, Mats Eriksson um das Mastering.

Das Ergebnis klingt druckvoll und sauber, ohne die Musik in sterilen Hochglanz zu verwandeln. Bass und Schlagzeug besitzen ausreichend Gewicht, die Gitarren stehen breit im Panorama, und Werners Stimme bekommt genügend Raum für die großen Melodien. Lediglich einige besonders dicht geschichtete Refrains wirken beinahe ein wenig zu kontrolliert.

DER ERSTE KAFFEE BRAUCHT NOCH EINEN MOMENT

»Exceeder« eröffnet die Platte mit einem schweren, kontrollierten Midtempo-Riff. Werner singt souverän, der Refrain sitzt und die Gitarren besitzen bereits den angekündigten Biss. Als Auftakt bleibt die Nummer dennoch etwas vorsichtig. Das Stück erfüllt seine Aufgabe, entfacht aber noch nicht jene Aufbruchsstimmung, die ein Album dieser Stilrichtung zum Start gut gebrauchen könnte.

Wesentlich auffälliger tritt »Wendigo« auf. Eine Mundharmonika führt zunächst auf eine falsche, beinahe bluesige Fährte, ehe ein Riff einsetzt, das an die härtere Seite von Dokken und Lynch Mob erinnert. Die Strophen schleichen bedrohlich voran, während sich der Refrain weit öffnet. Gerade dieser Gegensatz zwischen düsterer Erzählung und zugänglicher Melodie macht den Song zu einem der ersten Höhepunkte.

Die Band widersteht dabei der Versuchung, den Refrain mit zusätzlichen Spuren vollständig zu überladen. Stattdessen bleiben Gitarren und Rhythmusgruppe deutlich hörbar. Das verleiht dem Stück jene körperliche Präsenz, die dem etwas zurückhaltenden Opener noch gefehlt hat.

BLUT AUF DEN FELSEN

Mit »Blood On The Rocks« erreicht »Tall Tales« früh seinen Kern. Das Fundament stammt aus dem bluesigen Hard Rock der späten Achtziger, klingt durch die kräftige Produktion aber keineswegs wie eine reine Retroveranstaltung. Marcus Zeraths Bass schiebt unter einem geradlinigen Riff, während C.D das Stück mit schnörkellosem Schlagzeugspiel antreibt.

Der Refrain ist sofort verständlich, ohne sich nach dem ersten Durchlauf vollständig abzunutzen. Petersson setzt kleine Gitarrenakzente, anstatt jede freie Stelle mit einem Solo zu füllen. Damit bringt die Nummer ziemlich genau auf den Punkt, was OSUKARU auf diesem Album besonders gut gelingt: klassisches Songwriting, kräftige Gitarren und genügend melodische Disziplin, damit aus dem Material keine lose Sammlung von Achtziger-Zitaten wird.

»The Outer Side Within« zieht das Tempo anschließend zurück. Die Halbballade lebt von Werners kontrollierter Stimme und einem ausgesprochen starken Refrain. Die mehrstimmigen Gesänge erinnern an die große AOR-Schule, während die Gitarren dafür sorgen, dass das Stück nicht im Kitsch versinkt. Emotional wird hier nicht geflüstert, aber auch nicht mit der gesamten Sirupflasche gearbeitet.

RONIN ZIEHT DAS SCHWERT

Wer nach den melodischen ersten Stücken befürchtet, dass es sich die Schweden auf dem Sofa bequem machen, wird von »Ronin« unsanft aufgescheucht. Die schnellste und härteste Nummer des Albums arbeitet mit energischer Doublebass, scharfen Gitarrenfiguren und einem deutlich metallischeren Grundton.

Petersson bekommt ausreichend Platz für flinke Läufe und kleine neoklassische Verzierungen, ohne dass der Song zur technischen Vorführung gerät. Der Refrain bleibt kompakt und eingängig. Gerade deshalb funktioniert der Ausflug in härtere Bereiche: OSUKARU wechseln nicht die Identität, sondern erhöhen lediglich den Druck.

In der Mitte zeigt das Stück mit seinen Arpeggien und Tempoverschiebungen, wie beweglich die Band geworden ist. »Ronin« hätte aufgrund dieser Energie durchaus das Zeug zum Opener gehabt. An fünfter Position wirkt die Nummer dafür wie ein kräftiger Wachmacher zur Halbzeit.

WER LIEBT HIER EIGENTLICH WEN?

»Who Do You Love« führt anschließend zurück auf den Sunset Strip. Das Stück verbindet Glam Metal, AOR und amerikanischen Hard Rock zu einem bewusst unkomplizierten Ohrwurm. Der Refrain dürfte auf der Bühne ohne lange Einweisung funktionieren, während die Gitarren mit kleinen Widerhaken verhindern, dass die Nummer zu glatt ausfällt.

Ganz frei von Bekanntem ist das nicht. Einige Wendungen wirken so vertraut, als hätten sie bereits seit 1989 eine Dauerkarte im Melodic Rock. Allerdings spielen OSUKARU dieses Material mit genügend Überzeugung, sodass aus der Nähe zu den Vorbildern kein ernsthaftes Problem entsteht.

Rauer klingt »Split«. Ein präsenter Bass und ein kantiges Rhythmusfundament bestimmen den Song. Der Refrain fällt weniger süßlich aus, die Gitarren arbeiten stärker mit Groove als mit flächigen Akkorden. Diese Abwechslung tut der zweiten Albumhälfte gut und verhindert, dass eine große Gesangsmelodie auf die nächste folgt, ohne irgendwo Halt zu finden.

ZWISCHEN NACHTCLUB UND ABSCHIED

»Only Moments Left« bewegt sich mit bluesiger Lässigkeit durch die Nacht. Der Rhythmus hat etwas Verführerisches, beinahe Schleichendes, während Werner eine seiner gefühlvollsten Gesangsleistungen abliefert. Der Song verzichtet auf einen übergroßen Knalleffekt und gewinnt gerade dadurch an Charakter.

Mit »When It’s Over« folgt die klassische Ballade. Handwerklich gibt es wenig auszusetzen: Die Melodie ist sauber aufgebaut, der Gesang glaubwürdig und das Arrangement geschmackvoll. Im Albumzusammenhang verliert das Stück dennoch etwas an Boden, weil »The Outer Side Within« die gefühlvolle Seite zuvor spannender mit härteren Elementen verbunden hat.

Schlecht ist »When It’s Over« deshalb nicht. Die Nummer bleibt lediglich vorhersehbarer als der Großteil des Albums. Wo andere Songs mit unerwarteten Gitarrenfarben, Tempowechseln oder einem ungewöhnlichen Einstieg überraschen, fährt diese Ballade ziemlich genau jene Strecke ab, die das Genre seit Jahrzehnten kennt.

ALLES NUR IN DEINEM KOPF?

Das sechsminütige »C’est Dans Ta Tête« übernimmt das Finale. Der französische Titel bedeutet sinngemäß „Es ist in deinem Kopf“ und führt zurück zum Grundgedanken des Albums: Wo endet die Wirklichkeit, und wo beginnen jene Geschichten, die Menschen aus Angst, Erinnerung oder Sehnsucht selbst erschaffen?

Musikalisch besitzt der Song ein starkes Riff, ein angenehm drängendes Tempo und einen Refrain, der sich schnell festsetzt. Er gehört zu den geschlossensten Kompositionen der Platte und hätte ebenfalls einen überzeugenden Auftakt abgegeben. Im letzten Abschnitt lösen sich die klaren Songstrukturen allerdings zunehmend auf. Eine Frauenstimme trifft auf verzerrte, beinahe dämonische Stimmen, bevor das Album langsam ausblendet.

Die Idee passt zum psychologischen Thema, wird jedoch etwas zu lange ausgespielt. Nach dem starken eigentlichen Song hätte ein kürzerer, härter gesetzter Schluss nachhaltiger gewirkt. So endet »Tall Tales« zwar atmosphärisch, aber nicht ganz so präzise, wie es die vorherigen Minuten erwarten lassen.

HÄRTER GEWORDEN, MELODISCH GEBLIEBEN

Die größte Stärke von »Tall Tales« liegt in der Balance. OSUKARU haben ihren AOR-Ursprung nicht abgelegt, erweitern ihn aber um ausreichend Heavy Rock und Metal, damit die Platte nicht wie ein verspätetes Achtziger-Klassentreffen klingt. Werner besitzt die passende Stimme für große Refrains, Petersson setzt seine technischen Fähigkeiten überwiegend songdienlich ein, und die Rhythmusgruppe gibt selbst den weicheren Nummern ein solides Rückgrat.

Nicht jeder Titel erreicht das Niveau von »Wendigo«, »Blood On The Rocks«, »Ronin« oder »Split«. »Exceeder« startet etwas verhalten, »When It’s Over« erfüllt bekannte Balladenmuster, und das Outro des Finales hätte eine Straffung vertragen. Außerdem sind manche Einflüsse so deutlich, dass erfahrene Genre-Hörer ihre Vergleichsnamen bereits nach wenigen Takten auf den Tisch legen können.

Dagegen stehen griffige Refrains, hörbar engagierte Musiker und eine Produktion, die den härteren Kurs unterstützt. OSUKARU versuchen nicht, AOR neu zu erfinden. Sie zeigen vielmehr, dass diese Stilrichtung auch 2026 kraftvoll klingen kann, wenn Melodie und Gitarrendruck nicht als Gegensätze behandelt werden.

FAZIT:

»Tall Tales« ist ein überzeugendes Melodic-Hard-Rock-Album mit großen Refrains, kräftigen Gitarren und einer gelungenen Verbindung aus AOR-Tradition und metallischer Härte. Kleinere Längen und einige vertraute Genrebausteine verhindern den ganz großen Wurf, doch mit »Wendigo«, »Blood On The Rocks« und »Ronin« liefern OSUKARU genügend Gründe, den sonntäglichen Kaffee noch einmal nachzuschenken.

OSUKARU – Blood On The Rocks

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OSUKARU - Tall Tales - Album Review

ZVINDIYAR​ – Six Rites​

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ZVINDIYAR​ - Six Rites​ - album artwork

Band: ZVINDIYAR​ 🇧🇭
Titel: Six Rites​
Label: Independent
VÖ: 04/09/26
Genre: Atmospheric Death Metal

Tracklist

01. Anqa
02. Hex of the Frenzied Decay
03. The Soaring Enigmatic
04. Fell
05. The First Whisper
06. Shadhavar

 

Besetzung

Mohammed AlMeshkhas – Vocals & all instruments

 

Bewertung:

4.5/5

Ein Projekt mit eigener Handschrift

ZVINDIYAR ist kein klassisches Bandgefüge, sondern das Projekt von Mohammed AlMeshkhas, der auf „Six Rites“ Gesang und sämtliche Instrumente übernimmt. Musikalisch bewegt sich das Ganze im Atmospheric Death Metal, wobei sich schnell zeigt, dass hier nicht einfach der nächste düstere Death-Metal-Brocken auf den Hörer losgelassen wird. ZVINDIYAR setzt auf Atmosphäre, mystische Stimmungen und eine deutlich erkennbare Verbindung zu persischer und arabischer Mythologie.

Diese Ausrichtung ist für das gesamte Album entscheidend. „Six Rites“ möchte nicht nur musikalisch funktionieren, sondern eine eigene Welt entstehen lassen. Dazu gehört neben der Musik auch die visuelle Ebene, die beim Projekt eine ebenso große Rolle spielt. Das Konzept wirkt entsprechend geschlossen und gibt den sechs Songs einen gemeinsamen Rahmen.

Und genau das macht den Einstieg interessant. Man merkt schon bei „Anqa“, dass hier nicht auf den schnellen Effekt gesetzt wird. Die Gitarren sind schwer, der Gesang bringt die nötige Härte mit, gleichzeitig bleibt genügend Platz für dunkle Klangflächen. ZVINDIYAR nimmt sich Zeit, Stimmung aufzubauen.

Zwischen Härte und Atmosphäre

Mit „Hex of the Frenzied Decay“ kommt anschließend mehr Bewegung ins Spiel. Der Death Metal tritt stärker in den Vordergrund, ohne dass die atmosphärische Komponente verloren geht. Gerade diese Mischung funktioniert erstaunlich gut. Die härteren Passagen wirken nicht wie ein Fremdkörper, sondern fügen sich in das düstere Gesamtbild ein.

Wer beim Stichwort Atmospheric Death Metal allerdings eine durchgehend langsame und beinahe schwebende Platte erwartet, wird überrascht sein. ZVINDIYAR kann durchaus Druck erzeugen. Gleichzeitig wird nicht jeder mögliche Freiraum mit Gitarren, Drums und Gesang zugestellt. Diese Luft zwischen den einzelnen Elementen ist ein wichtiger Bestandteil des Sounds.

„The Soaring Enigmatic“ schlägt anschließend wieder eine stärker mystische Richtung ein. Hier bekommt die cineastische Seite des Projekts besonders viel Raum. Der Song wirkt weit und geheimnisvoll, fast so, als würde sich vor dem inneren Auge eine Landschaft auftun. Das passt hervorragend zum mythologischen Hintergrund von ZVINDIYAR.

Sechs Songs, ein geschlossenes Konzept

Mit „Fell“ wird es wieder schwerer. Der Track bringt eine gewisse Erdung in das Album und erinnert daran, dass hinter all den atmosphärischen Elementen immer noch Death Metal steckt. Die Gitarren haben Gewicht, der Gesang bleibt kraftvoll und die Produktion lässt den einzelnen Bestandteilen genügend Raum.

Interessant wird es danach mit „The First Whisper“. Der Titel passt ziemlich gut zu einem Song, der weniger mit dem großen Knall arbeitet. Vieles entsteht hier über Spannung und Stimmung. Genau solche Momente machen „Six Rites“ abwechslungsreich. Die Platte versucht nicht, jeden Song nach demselben Muster aufzubauen.

Zum Schluss wartet mit „Shadhavar“ ein Stück, das die unterschiedlichen Seiten des Albums noch einmal zusammenführt. Schwere Riffs, dunkle Atmosphäre und die mystische Grundstimmung greifen hier besonders gut ineinander. Nach sechs Songs bleibt deshalb eher das Gefühl zurück, ein geschlossenes Werk gehört zu haben, als einfach eine Sammlung von Tracks.

Mehr als nur dunkle Musik

Die größte Stärke von „Six Rites“ liegt für mich in der Konsequenz, mit der ZVINDIYAR sein Konzept verfolgt. Die persischen und arabischen mythologischen Einflüsse sind nicht einfach ein dekoratives Extra, das man irgendwo in der Beschreibung des Albums erwähnt. Sie passen zur Musik und prägen deren Atmosphäre.

Natürlich verlangt eine solche Platte etwas Aufmerksamkeit. Wer Death Metal hauptsächlich wegen Geschwindigkeit, Aggression und möglichst viel Druck hört, wird hier nicht in jedem Moment glücklich werden. ZVINDIYAR funktioniert anders. Die Songs brauchen ihre Zeit und entwickeln ihre Wirkung eher über Stimmung und Zusammenspiel als über permanente Attacke.

Gerade dadurch bekommt „Six Rites“ aber Charakter. Die Ambient-Elemente wirken nicht wie Lückenfüller, und die Death-Metal-Passagen werden nicht unnötig in den Vordergrund gedrängt. Beides braucht einander.

„Six Rites“ ist ein Album für Hörer, die Death Metal gerne etwas weiterdenken. ZVINDIYAR verbindet schwere Gitarren und aggressive Vocals mit Ambient, cineastischen Klangbildern und einem ungewöhnlichen mythologischen Konzept. Das Ergebnis klingt dunkel, geheimnisvoll und stellenweise ausgesprochen intensiv.

Mohammed AlMeshkhas beweist dabei ein gutes Händchen für Atmosphäre und Dramaturgie. Besonders die Übergänge zwischen den härteren und ruhigeren Momenten sorgen dafür, dass das Album nicht in einer einzigen Stimmung stecken bleibt.

„Six Rites“ ist sicherlich keine Platte für den schnellen Nebenbei-Konsum. Dafür gibt es hier zu viel zu entdecken. Wer sich auf die sechs Kapitel einlässt, bekommt ein eigenständiges Atmospheric-Death-Metal-Album, das musikalische Härte und mystische Klangwelten überzeugend miteinander verbindet.

Fazit: ZVINDIYAR gelingt es mit „Six Rites“, atmosphärischen Death Metal mit cinematischer Größe zu verbinden und dabei eine einzigartige visuelle Sprache zu sprechen.

Internet

ZVINDIYAR - Six Rites - CD Review