Band: Entgeist 🇩🇪
Titel: Welk
Label: Independent
VÖ: 26.06.2026
Format: Digipak CD / limitierte Holzbox / Digital
Genre: Modern Black Metal / Blackened Death Metal / Post-Black Metal

Tracklist

01. Am Rande der Finsternis
02. Gefangen in der Zeit
03. Auserzählt
04. Imperfektion
05. Lethargie weicht Wut
06. Fatigue
07. Fassade
08. Ein Flammenmeer
09. Verwelkt
10. Funkenspiel

Besetzung

Tim – Gesang
Sergej – Gitarre
Lars Mensis – Rhythmusgitarre
Randy Lee Liberty – Bass
Godvaser – Schlagzeug

Produktion:
Aufgenommen im Winter 2025 in Heilbronn
Mixing und Mastering – Iguana Studios
Artwork – Entgeist

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Moderner Black Metal, Blackened Death Metal und die urbane Trostlosigkeit des Post-Black Metal bilden das Fundament von »Welk«, dem zweiten Langspieler der Heilbronner Band Entgeist. Veröffentlicht wurde das Album am 26. Juni 2026 in Eigenregie, erhältlich ist es digital, als Digipak-CD und in einer limitierten Holzbox. Vier Jahre nach »Res Gestae« klingt das Quintett schärfer, technischer und deutlich kompromissloser. Gleichzeitig haben Entgeist ihr Gespür für melancholische Melodien, dramatische Spannungsbögen und deutschsprachige Texte weiterentwickelt. Die zehn Stücke handeln von Selbstentfremdung, psychischem Zerfall, urbaner Isolation und einer Umwelt, die ebenso langsam verwelkt wie die Menschen, die sich in ihr bewegen. Das ist kein romantisch verklärter Waldspaziergang unter Vollmond. »Welk« spielt zwischen Beton, Neonlicht, zerbrochenem Glas und den Resten eines Lebens, das sich selbst kaum noch erträgt.

Full Album Playlist: Welk

DIE FINSTERNIS KOMMT NICHT AUS DEM WALD

»Am Rande der Finsternis« eröffnet das Album mit einer kurzen Anspannung, bevor Schlagzeug und Gitarren nahezu gleichzeitig durch die Tür brechen. Entgeist setzen nicht auf ein minutenlanges Ambient-Vorspiel, sondern werfen die Hörerschaft unmittelbar in ein Geflecht aus Blastbeats, tremolierenden Melodien, dissonanten Akkorden und kantigen Unterbrechungen. Godvaser spielt schnell, aber nicht blind. Seine Wirbel und Doublebass-Figuren folgen den Gitarren eng, lassen zwischen den Attacken jedoch genügend Raum für abrupte Tempowechsel.

Tim steht mit seinem scharf artikulierten Keifen weit vorn. Seine Stimme besitzt genügend Kontur, damit die deutschen Texte trotz der extremen Artikulation verständlich bleiben. Das ist wichtig, denn Entgeist verwenden Sprache nicht als austauschbare Klangfarbe. Der Opener schildert einen Menschen, dessen verborgene Ängste während einer Sonnenfinsternis offenbrechen. Das vorübergehende Verschwinden des Lichts wird zum Auslöser einer inneren Entblößung.

Die Gitarren von Sergej und Lars Mensis verbinden schneidende Black-Metal-Läufe mit rhythmisch versetzten Death-Metal-Figuren. Melodie und Dissonanz arbeiten nicht gegeneinander, sondern ziehen den Song in unterschiedliche Richtungen. Dadurch bleibt der Einstieg trotz seiner hohen Geschwindigkeit nachvollziehbar.

»Gefangen in der Zeit« legt anschließend noch entschlossener nach. Zigaretten, Medikamente, abgestandene Räume und ein Mensch, über den die Außenwelt hinwegsteigt, bilden das graue Zentrum des Textes. Musikalisch setzen Entgeist dazu einen schwereren Groove, der von kurzen Blastbeat-Eruptionen zerrissen wird. Besonders Randy Lee Libertys Bass verleiht dem Stück zusätzliche Tiefe. Er folgt nicht permanent der Rhythmusgitarre, sondern schiebt sich in den langsameren Abschnitten hörbar zwischen die Akkorde.

AUSERZÄHLT, ABER NOCH NICHT VERSTUMMT

»Auserzählt« formuliert einen der stärksten Texte des Albums. Ein Mensch sitzt vor einem leeren Blatt und erkennt in jeder möglichen Geschichte nur noch eine Wiederholung bereits erzählter Gedanken. Kreative Erschöpfung, Nutzlosigkeit und der Eindruck, dem eigenen Leben nichts Bedeutendes mehr hinzufügen zu können, werden ohne mystische Tarnung ausgesprochen.

Die Musik reagiert mit einem Wechsel aus technisch präzisem Death Metal und weiter geöffneten Post-Black-Metal-Flächen. Das erste Drittel ist eng getaktet, mit Stakkato-Riffs, schnellen Stopps und kontrollierter Rhytmusarbeit. Anschließend lassen die Gitarren Akkorde länger stehen. Aus der mechanischen Verkrampfung entsteht eine melancholische Weite, die den Text nicht auflöst, sondern seine Leere vergrößert.

Tim schreit hier nicht permanent auf maximaler Intensität. Einzelne Zeilen werden stärker betont, andere nahezu resigniert ausgespuckt. Dadurch entsteht eine erkennbare Dramaturgie. Der Gesang erzählt tatsächlich, anstatt lediglich über dem Instrumental zu liegen.

»Imperfektion« ist unruhiger. Die Band springt zwischen Blastbeats, dissonanten Gitarrenwänden und kurzen, fast breakdownartigen Einschüben. Inhaltlich geht es um Angst vor der Außenwelt, selbstzerstörerische Gedanken und die Unfähigkeit, sich von vergangenen Beziehungen zu lösen. Entgeist vermeiden dabei jede romantische Verklärung. Die Bilder aus verdreckten Wohnungen, Glasscherben und schwitzenden Menschenmassen wirken konkret, unangenehm und nah.

Die Gitarrenarbeit besitzt in diesem Stück einen beinahe nervösen Charakter. Sergej setzt hohe, flirrende Linien über die massiven Akkorde von Lars Mensis. Die beiden Instrumente ergänzen sich, ohne zu einem einzigen verzerrten Block zu verschmelzen. Gerade diese Trennung macht die komplexeren Passagen wirksam.

WENN LETHARGIE IN GEWALT UMSCHLÄGT

Bei »Lethargie weicht Wut« nehmen Entgeist zunächst Tempo heraus. Das Schlagzeug wird schwerer, die Gitarren bewegen sich schleppend und der Bass erhält zusätzlichen Raum. Der Titel beschreibt bereits die Struktur: Aus Erstarrung wächst langsam Aggression, bis die angestaute Energie im letzten Abschnitt vollständig hervorbricht.

Die Komposition gehört zu den stärksten Momenten des Albums, weil Musik und Text nicht nur thematisch nebeneinanderstehen. Der Aufbau übersetzt den psychischen Zustand direkt in Klang. Die ersten Minuten wirken niedergedrückt und kraftlos. Danach verdichten sich die Rhythmen, der Gesang wird schärfer und das Schlagzeug treibt die Gitarren in eine abrupte Eskalation.

Das nur gut einminütige »Fatigue« dient anschließend als instrumentale Zäsur. Statt belangloser Geräuschkulisse liefert die Band ein kurzes Übergangsstück, das den Druck reduziert, ohne die Atmosphäre vollständig aufzugeben. Die Funktion ist klar: Nach der Explosion von »Lethargie weicht Wut« benötigt das Album einen Moment, in dem sich die Spannung neu sammeln kann.

Mit »Fassade« kehrt die volle Besetzung zurück. Weiße Küchenfliesen, zerbrochenes Geschirr, leere Straßenzüge und bröckelnde Häuserwände werden zu Bildern einer Kommunikation, die nicht mehr stattfindet. Das Stück arbeitet mit einem markanten Wechsel zwischen schnellen Attacken und schweren, beinahe marschierenden Passagen.

Godvaser liefert hier eine besonders kontrollierte Leistung. Seine Blastbeats besitzen Druck, doch die langsameren Abschnitte wirken nicht wie bloße Übergänge. Er setzt Akzente auf Becken und Toms, die das Riffing strukturieren und den Song auch bei niedrigerem Tempo in Bewegung halten.

DIE STADT BRENNT, ABER NIEMAND SIEHT HIN

»Ein Flammenmeer« erweitert die persönliche Perspektive um gesellschaftliche und apokalyptische Bilder. Ein Wohnblock erscheint als gestapeltes Massengrab, während Einsamkeit hinter Mauern, Dämmung und geschlossenen Fenstern wächst. Der Text greift zudem ein Motiv aus H. P. Lovecrafts Erzählung »The Music of Erich Zann« auf und verbindet kosmische Leere mit einer sehr realen Stadtlandschaft.

Musikalisch gehört der Song zu den dichtesten Stücken. Die Gitarren schichten disharmonische Akkorde, melodische Läufe und kurze rhythmische Ausbrüche übereinander. Randy Lee Liberty verhindert mit einem warmen, gut hörbaren Bassklang, dass die tiefen Frequenzen vollständig von den Rhythmusgitarren verschluckt werden.

Der Song besitzt keine klassische Hook, entwickelt aber mehrere wiederkehrende Motive. Besonders die Verbindung aus hektischen Strophen und einer breiter angelegten Schlussphase überzeugt. Das Flammenmeer ist keine rein fantastische Katastrophe. Es steht ebenso für Krieg, Klimazerstörung und die Gleichgültigkeit einer Gesellschaft, die Warnzeichen erst wahrnimmt, wenn die Luft bereits nicht mehr zu atmen ist.

»Verwelkt« überträgt den Albumtitel auf Natur und menschliche Identität. Ein ausgehöhlter Baum, abgetrennte Wurzeln und fallendes Laub stehen für den Verlust von Halt und Zugehörigkeit. Die Band spielt hier melodischer, ohne in gefälligen Post-Black-Metal-Schönklang abzurutschen.

Die Gitarrenlinien wirken klagend, bleiben aber von scharfen Akkorden und aggressiven Schlagzeugpassagen eingerahmt. Gerade diese Spannung macht den Titel zu einem der emotionalsten Stücke des Albums. Entgeist zeigen, dass Melancholie nicht automatisch Weichzeichnung bedeuten muss. Selbst die weit geöffneten Passagen behalten Widerhaken.

FUNKEN ÜBER EINER HEIMATLOSEN WELT

Mit fast sieben Minuten ist »Funkenspiel« der längste Titel und ein konsequenter Abschluss. Grauer Dunst, Oberleitungen, verlassene Landschaften und Menschen, die nur noch verschwommen aneinander vorbeiziehen, bilden ein letztes Panorama der Entfremdung. Heimat erscheint nicht als geografischer Ort, sondern als innerer Zustand – und genau dieser ist verloren gegangen.

Das Stück beginnt kontrolliert und lässt die Gitarren zunächst einzelne Motive entwickeln. Nach und nach wächst daraus eine komplexe Komposition aus Blastbeats, melodischen Passagen und schweren rhythmischen Verschiebungen. Anders als einige progressive Extreme-Metal-Bands verlieren Entgeist dabei nicht den emotionalen Kern aus den Augen. Die Technik bleibt Mittel zum Zweck.

Sergej und Lars Mensis bauen das Finale aus mehreren Ebenen auf. Eine Gitarre hält die kantige Rhythmusfigur, während die andere darüber eine melodische Linie entwickelt, die immer wieder von Dissonanzen beschädigt wird. Godvaser reagiert mit Tempowechseln, ohne den Song in einzelne Fragmente zu zerlegen. Der Bass bindet die verschiedenen Abschnitte zusammen.

Der Schluss liefert keine Erlösung. Das Album endet nicht mit einem triumphalen Akkord und auch nicht mit einer künstlich verlängerten Rückkopplung. Entgeist lassen ihre Figuren dort zurück, wo sie während der vergangenen 51 Minuten standen: zwischen Bewegung und Stillstand, umgeben von einer Welt, die weiterläuft, obwohl im Inneren längst alles zum Erliegen gekommen ist.

TECHNIK MIT OFFENEN WUNDEN

Die instrumentale Leistung ist hoch, wird aber nicht zur sterilen Vorführung. Godvaser beherrscht die abrupten Wechsel zwischen Blastbeats, Doublebass, schweren Grooves und kurzen Pausen. Sein Spiel klingt präzise, ohne programmiert zu wirken. Besonders bei »Gefangen in der Zeit« und »Lethargie weicht Wut« zeigt sich, dass er nicht ausschließlich Geschwindigkeit liefern kann.

Sergej und Lars Mensis teilen ihre Aufgaben sinnvoll. Die Rhythmusgitarre erzeugt Druck und Struktur, während die Leadgitarre melodische Gegenbewegungen, Dissonanzen und atmosphärische Flächen beisteuert. Gelegentlich häufen sich allerdings so viele Ideen innerhalb kurzer Zeit, dass ein starkes Motiv kaum Gelegenheit bekommt, seine volle Wirkung zu entfalten.

Randy Lee Libertys Bass ist im Mix präsent genug, um nicht nur als tiefes Fundament wahrgenommen zu werden. Seine Linien geben den komplexeren Arrangements zusätzlichen Zusammenhalt. Vor allem dort, wo die Gitarren auseinanderdriften, hält er die Stücke auf Kurs.

Tim liefert eine intensive und erfreulich verständliche Gesangsleistung. Sein Keifen wirkt wütend, verzweifelt und stellenweise beinahe erschöpft. Eine größere Variation zwischen hohen Schreien und tieferen Stimmlagen hätte einzelne Songs noch stärker voneinander abheben können. Die konsequente Schärfe passt jedoch zur inhaltlichen Ausrichtung.

IGUANA STUDIOS VERMEIDEN DEN PLASTIKPANZER

Aufgenommen wurde »Welk« im Winter 2025 in Heilbronn, Mixing und Mastering entstanden in den Iguana Studios. Die Produktion ist modern, druckvoll und klar, aber nicht klinisch. Gitarren und Schlagzeug besitzen genügend Schärfe, während der Bass auch in den schnellsten Passagen hörbar bleibt.

Die Blastbeats wirken kompakt und präzise, ohne vollständig glattgezogen zu sein. Besonders die Becken behalten einen natürlichen Charakter. Die Gitarren sind breit angelegt, lassen aber ausreichend Platz für Leadlinien und Bassbewegungen. Tims Stimme steht deutlich über dem Instrumental, ohne wie ein nachträglich aufgelegter Fremdkörper zu klingen.

In den dichtesten Momenten stößt die Mischung gelegentlich an ihre Grenzen. Mehrere Gitarrenspuren, schnelle Drums und der scharf platzierte Gesang verdichten sich dann zu einer nahezu geschlossenen Wand. Das unterstützt zwar die aggressive Wirkung, verschluckt aber einzelne Feinheiten. Insgesamt findet die Produktion dennoch eine überzeugende Balance zwischen moderner Durchsetzungskraft und schwarzmetallischer Rauheit.

MODERNE, DIE IHRE WURZELN NICHT VERLEUGNET

Entgeist spielen keinen traditionellen Black Metal im engeren Sinne. Die Band verwendet Blastbeats, Tremoloriffs und schneidenden Gesang, verbindet diese Elemente jedoch mit technischem Death Metal, modernen Breaks und atmosphärischem Post-Black Metal. Vergleiche mit Der Weg einer Freiheit, Thormesis, Harakiri For The Sky oder der progressiveren Seite von Groza liegen nahe, erklären das Album aber nur teilweise.

Die Eigenständigkeit entsteht vor allem durch die deutschsprachigen Texte. Entgeist benötigen keine mittelalterlichen Schlachtfelder, heidnischen Kultstätten oder satanischen Zeremonien. Ihre Hölle besteht aus Küchenfliesen, Medikamenten, verrauchten Zimmern, anonymen Wohnblöcken und der Unfähigkeit, anderen Menschen in die Augen zu sehen.

Nicht jede Passage ist vollständig neu. Einige melodische Steigerungen und Wechsel aus Blastbeat und offenem Akkord gehören inzwischen zum festen Vokabular des modernen Black Metal. Entgeist gleichen diese Vertrautheit mit technischer Präzision, einer konsequenten Bildsprache und einem bemerkenswert geschlossenen Albumaufbau aus.

FAZIT:

»Welk« ist ein hart geschnittenes, modernes Black-Metal-Album, das technische Präzision nicht mit emotionaler Kälte verwechselt. Entgeist verbinden dissonante Gitarren, kontrollierte Raserei und melancholische Melodien mit Texten, die inmitten urbaner Verwahrlosung nach den letzten Resten menschlicher Identität suchen. Einige Arrangements könnten ihren stärksten Motiven etwas mehr Raum geben, doch Stücke wie »Auserzählt«, »Lethargie weicht Wut«, »Ein Flammenmeer« und »Verwelkt« besitzen Substanz, Schärfe und eine nachhaltige Wirkung. Hier verwelkt nichts geräuschlos.

Official Lyric Video: Auserzählt

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Entgeist - Welk - Album Review

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