Tracklist
01. Intense Warmth
02. Devour Us
03. I Hunger
04. The Ritual
05. Desert Of Limbo
06. The Wandering
07. Creation
08. Revelation
Besetzung
Solomon Smith – Gitarre, Gesang
Will Vinson – Gitarre
Jeremy Smith – Bass
Matt Gleason – Schlagzeug
Parker Kitching – Gesang
Gastmusikerin:
Cecily Meade – Violine
Produktion:
Produktion, Mixing und Mastering – Jamie King
Artwork – Shannon Bortfeldt
Progressive Metal, Djent, Deathcore und Progressive Death Metal verschmelzen auf »The Vision« zu einem über einstündigen Konzeptalbum, das von der Band in Eigenregie veröffentlicht wurde. Hinter dem Debüt stehen die aus Colorado stammenden Entropist, deren gemeinsame Geschichte bereits 2013 in Greeley begann. Nach Jahren des gemeinsamen Musizierens, einer zwischenzeitlichen Trennung und der späteren Wiedervereinigung entwickelte das Quintett ein Album, dessen acht Kompositionen wie Kapitel einer durchgehenden Erzählung funktionieren. Dämonen, himmlische Wesen und eine alles verschlingende Leere bilden die fantastische Ebene, während psychische Belastung, Isolation, Nihilismus und die Suche nach Bedeutung den menschlichen Gegenpol liefern. Produzent Jamie King bringt diese musikalisch wie inhaltlich ambitionierte Konstruktion in eine druckvolle Form, ohne die zahlreichen Details zwischen den massiven Gitarren freizulegen.
WÄRME, DIE ZUM FLÄCHENBRAND WIRD
»Intense Warmth« eröffnet das Album mit einer sauberen Gitarrenfigur und mehrstimmigen Gesängen, die zunächst kaum erkennen lassen, welche Wucht wenige Augenblicke später folgen wird. Jeremy Smith setzt am Bass melodische Akzente, bevor Matt Gleasons Doublebass den Übergang in das zentrale Riff einleitet. Der Song steigert sich kontinuierlich, wechselt zwischen großen Akkorden, verschachtelten Rhythmen und einem massiven Breakdown und fällt schließlich wieder in eine ruhigere Schlussphase zurück.
Inhaltlich spricht hier eine Figur, die ihre bestehende Welt zunehmend ablehnt und von einer grundlegenden Veränderung träumt. Hoffnung und Unzufriedenheit stehen unmittelbar nebeneinander. Genau diesen Gegensatz bildet die Musik überzeugend ab: Die harmonischen Stimmen vermitteln zunächst Aufbruch, während die tiefer gestimmten Gitarren bereits andeuten, dass der Weg dorthin keineswegs friedlich verlaufen wird.
Solomon Smith und Will Vinson vermeiden es, die beiden Gitarren lediglich zu verdoppeln. Rhythmische Unisono-Passagen wechseln mit harmonisierten Linien und kurzen melodischen Gegenbewegungen. Dadurch bleibt die Komposition selbst während der dichtesten Abschnitte nachvollziehbar. Der Opener ist mit vier Minuten der kürzeste Titel des Albums, führt dessen zentrale Mittel aber ausgesprochen effizient ein.
DIE LEERE FORDERT IHREN PREIS
»Devour Us« beginnt mit akustischer Gitarre und einem Violinenbeitrag von Cecily Meade. Die Violine dient nicht nur als dekoratives Intro, sondern schafft einen melancholischen Ausgangspunkt, von dem aus die Band in technisch anspruchsvollere Bereiche wechselt. Gitarren und Bass springen zwischen gemeinsamen Figuren und gegeneinander verschobenen Linien, während Gleason selbst komplizierte Taktwechsel mit bemerkenswerter Übersicht zusammenhält.
Die Stimmen von Parker Kitching und Solomon Smith werden sowohl im Wechsel als auch gemeinsam eingesetzt. Klargesang, Schreie und tiefere Growls markieren unterschiedliche emotionale Zustände, anstatt lediglich möglichst viele Gesangstechniken vorzuführen. Der Text verbindet die fantastische Vorstellung einer herbeigerufenen Leere mit realen Erfahrungen von Isolation, Monotonie und empfundener Vergeblichkeit.
Im letzten Drittel beschleunigt die Band und streift kurz den Thrash Metal, bevor Vinson ein präzise formuliertes Solo übernimmt. Die vielen Richtungswechsel wirken nicht beliebig, weil ein düsteres harmonisches Grundmotiv erhalten bleibt. Dennoch verlangt der Song Aufmerksamkeit. Wer beim ersten Durchlauf einen leicht erfassbaren Refrain erwartet, dürfte von der Informationsdichte zunächst überfordert sein.
Noch schwerer fällt »I Hunger« aus. Die Stimme der alles verschlingenden Leere erhält einen langsamen, tief gestimmten und weitgehend melodiefreien Klangkörper. Drums und Gesang treiben das Stück stärker als die Gitarren, die vor allem eine bedrohliche Wand errichten. Auf unnötige Virtuosität wird verzichtet. Jeder Schlag, jedes abgebrochene Riff und jede Pause dient der Vorstellung einer Kraft, die nicht diskutiert oder verhandelt, sondern ausschließlich konsumiert.
Kitching liefert hier eine seiner stärksten Leistungen. Seine tiefen Laute bleiben kontrolliert, besitzen aber genügend Rauheit, um nicht nach steriler Studioarbeit zu klingen. Die Konsequenz des Arrangements macht »I Hunger« zum härtesten Titel der Platte. Gleichzeitig verhindert die überschaubare Laufzeit, dass sich das zentral gesetzte Motiv abnutzt.
EIN RITUAL OHNE SICHEREN AUSGANG
Mit »The Ritual« beginnt der experimentellere Mittelteil. Unruhige Akkorde, fremdartige Geräusche und eine zunächst schwer einzuordnende Atmosphäre führen in eine schnelle Passage aus Blastbeats, technischen Gitarrenfiguren und aggressivem Wechselgesang. Entropist verbinden hier die rhythmische Strenge des Djent mit der Unberechenbarkeit progressiver Kompositionsformen.
Der zentrale Breakdown ist stark synkopiert, ohne ausschließlich als vorhersehbarer Höhepunkt zu funktionieren. Anschließend reduziert die Band die Intensität deutlich. Jeremy Smith hält mit einer nachdenklichen Bassfolge das harmonische Fundament, während mehrstimmige Gesänge einen beinahe schwebenden Kontrast bilden. Der Bass übernimmt auf dem gesamten Album eine ungewöhnlich aktive Rolle. Er verstärkt nicht nur die tiefen Gitarren, sondern führt Übergänge ein, setzt melodische Gegenstimmen und gibt den offeneren Passagen eine eigene Richtung.
Inhaltlich behandelt »The Ritual« das Unbehagen, zufällig am falschen Ort und zur falschen Zeit in einen Vorgang hineingezogen zu werden, dessen Folgen nicht mehr kontrollierbar sind. Die Komposition bildet diese Unsicherheit durch abrupte Veränderungen ab. Manche Übergänge wirken beim ersten Hören beinahe absichtlich sperrig, ergeben im Zusammenhang des Albums aber eine klare dramaturgische Funktion.
VERLOREN IN DER WÜSTE DES LIMBUS
»Desert Of Limbo« entfernt sich am weitesten von klassischen Metal-Strukturen. Eine ruhige Passage in einem ungeraden Takt eröffnet den Song, während experimentelle Gesangsharmonien und eigenständige Bassbewegungen eine zugleich angenehme und unterschwellig instabile Atmosphäre erzeugen. Aus dieser scheinbaren Ruhe bricht unvermittelt ein schwerer Rhythmus hervor.
Die Band wechselt zwischen Tapping, komplexem Chugging, Echoeffekten, Duellsoli sowie einem reduzierten Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug. Trotz der technischen Anforderungen bleibt die Musik emotional lesbar. Das Stück handelt davon, sich in den Anforderungen und Abzweigungen des Lebens zu verlieren, dabei aber gerade durch diese Wege eine eigene Identität zu entwickeln.
Hier zeigt sich eine der größten Stärken von Entropist: Die Musiker behandeln Komplexität nicht als Selbstzweck. Matt Gleason kann die Taktarten mehrfach verändern, ohne dass der Groove vollständig verschwindet. Jeremy Smith spielt kleine Bassläufe, die sich deutlich von den Gitarren lösen. Vinson und Solomon Smith wechseln zwischen rhythmischer Präzision und melodischer Freiheit.
Nicht jede Passage ist gleichermaßen zwingend. Vor allem der Übergang zwischen den Soli und dem langsamen Breakdown hätte etwas kompakter ausfallen können. Die enorme Zahl an Ideen sorgt an dieser Stelle kurzzeitig dafür, dass der eigentliche emotionale Schwerpunkt aus dem Blick gerät. Der abschließende Aufbau aus großen Akkorden und harmonisierten Stimmen führt den Song jedoch überzeugend zusammen.
DIE RHYTHMUSGRUPPE DARF WANDERN
»The Wandering« ist das einzige reine Instrumentalstück des Albums. Die Musiker nutzen es nicht als technische Leistungsschau ohne Zusammenhang, sondern als Bindeglied zwischen der dunkleren ersten Hälfte und dem aufwärtsgerichteten Schlusskapitel. Bassfiguren, Gitarrenharmonien, ungewöhnliche Akkordwechsel und wechselnde Taktarten greifen ineinander, ohne einer Gesangslinie Platz freihalten zu müssen.
Besonders Gleason und Jeremy Smith profitieren von dieser Freiheit. Die Rhytmussektion setzt zahlreiche kleine Akzente, die bei weniger aufmerksamer Produktion leicht unter den Gitarren verschwunden wären. Gleason beschränkt sich nicht auf das präzise Abzählen komplizierter Muster. Sein Spiel besitzt Dynamik, reagiert auf die Soli und kann innerhalb weniger Takte von kontrollierter Zurückhaltung zu energischem Vorwärtsdrang wechseln.
Die Gitarristen teilen sich Melodie- und Rhythmusaufgaben ausgewogen. Harmonische Läufe werden von kantigen Figuren unterbrochen, während einzelne Passagen Raum für improvisatorische Variationen lassen. Dass der Song trotz dieser Freiheit nicht auseinanderfällt, spricht für die lange gemeinsame Entwicklung des Materials.
Als eigenständige Komposition funktioniert »The Wandering« gut, seine volle Bedeutung erhält das Stück jedoch innerhalb der Albumabfolge. Nach den düsteren Themen von »I Hunger« und »The Ritual« schafft es Bewegung, ohne bereits die Erlösung des letzten Abschnitts vorwegzunehmen.
DIE ERSCHAFFUNG EINER NEUEN WELT
Mit »Creation« verändert sich die emotionale Ausrichtung deutlich. Helle Akkorde, melodische Gitarren und ein energisches Schlagzeugspiel markieren den Beginn des letzten Erzählbogens. Statt ausschließlich auf Vernichtung und Leere zu reagieren, geht es nun darum, etwas Eigenes aufzubauen und der Welt eine neue Bedeutung zu geben.
Parker Kitching beginnt vergleichsweise ruhig, während Vinson eine melodische Figur über dem perkussiven Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug entwickelt. Daraus entsteht ein treibender Abschnitt, in dem breite Akkorde und Djent-Rhythmen miteinander verbunden werden. Der große Refrain gehört zu den eingängigsten Momenten der Platte. Klargesang und harmonisierte Stimmen vermitteln einen beinahe triumphalen Charakter, ohne dass die Band ihre Härte aufgibt.
Der anschließende Breakdown zählt zu den massivsten Abschnitten des Albums. Seine Wirkung entsteht vor allem durch den Kontrast zum melodischen Refrain. Entropist behandeln Härte hier nicht als Gegenteil von Hoffnung. Die schwere Rhythmik wird zum Ausdruck einer Entscheidung, gegen Stillstand und Bedeutungslosigkeit anzukämpfen.
Vinson setzt danach ein melodisches Solo, das den harmonischen Verlauf des Refrains aufnimmt und weiterführt. Das Stück endet mit schweren Rhythmen und mehrstimmigen Rufen. Obwohl »Creation« fast neun Minuten dauert, besitzt es einen klaren Aufbau und einen erkennbaren Zielpunkt. Es gehört zu den vollständigsten Kompositionen des Albums.
VIERZEHN MINUTEN OFFENBARUNG
Das abschließende »Revelation« ist mit mehr als 14 Minuten die längste und anspruchsvollste Nummer. Die Komposition greift melodische, rhythmische und textliche Motive der vorherigen Stücke erneut auf und führt beide Ebenen des Konzeptes zusammen. Die Offenbarung besteht nicht in einer einfachen göttlichen Antwort, sondern in der Erkenntnis, persönliche Fehler, innere Leere und äußere Widerstände überwinden zu können.
Die Band nimmt sich ausreichend Zeit, um den Spannungsbogen aufzubauen. Triumphale Gitarrenharmonien wechseln mit komplexem Chugging, technischen Drum-and-Bass-Passagen, melodischen Refrains und aggressiven Ausbrüchen. Die wiederkehrenden Motive sorgen dafür, dass der Song trotz seiner Länge nicht wie eine lose Folge verschiedener Riffs wirkt.
Kitching und Solomon Smith zeigen hier ihre größte vokale Bandbreite. Klargesang, mehrstimmige Harmonien, Screams und Growls stehen nicht getrennt nebeneinander, sondern kommentieren unterschiedliche Perspektiven der Geschichte. Die helleren Stimmen verkörpern Erkenntnis und Selbstbestimmung, während die aggressiven Passagen den vorausgegangenen Kampf nicht vergessen lassen.
Der Mittelteil könnte etwas straffer gestaltet sein. Einige technische Figuren verlängern die Reise, ohne den dramatischen Verlauf wesentlich zu verändern. Das emotionale Finale gleicht diese leichte Überdehnung jedoch aus. Große Akkorde, wiederkehrende Gesangsmotive und ein kontrollierter Schluss geben dem Album einen Abschluss, der tatsächlich vorbereitet und verdient wirkt.
TECHNIK IM DIENST DER ERZÄHLUNG
Die instrumentale Leistung ist durchgehend hoch. Solomon Smith und Will Vinson beherrschen tief gestimmte Präzisionsarbeit ebenso wie melodische Soli, saubere Passagen und harmonisierte Leads. Entscheidend ist jedoch ihre Bereitschaft, nicht jeden freien Raum mit Gitarren zu besetzen. Besonders in »Devour Us«, »Desert Of Limbo« und »Creation« erhalten Bass, Violine und Stimmen genügend Platz.
Jeremy Smith ist einer der wichtigsten Faktoren für die Eigenständigkeit des Materials. Sein Bass wird nicht als bloße Verstärkung der Gitarren behandelt. Er übernimmt Melodien, führt durch Taktwechsel und bildet gemeinsam mit Gleason eine bewegliche Grundlage. Gleason wiederum verbindet technische Präzision mit ausreichend Dynamik. Selbst bei komplexen Rhythmen klingt sein Spiel nicht programmiert oder mechanisch.
Parker Kitching und Solomon Smith ergänzen sich wirkungsvoll. Kitching bringt die extremsten und zugleich einige der melodischsten Momente ein, während Smith als zusätzliche Stimme Übergänge, Wechselgesänge und mehrstimmige Arrangements ermöglicht. Gelegentlich wäre eine stärkere Trennung der verschiedenen Gesangsebenen hilfreich gewesen. In besonders dichten Passagen lassen sich die Stimmen nicht immer sofort auseinanderhalten.
JAMIE KING HÄLT DIE VIELEN IDEEN ZUSAMMEN
Die Produktion von Jamie King bewältigt eine schwierige Aufgabe. Tiefe Gitarren, aktive Basslinien, komplexes Schlagzeug, mehrere Gesangsschichten und der Violinenbeitrag müssen ausreichend Gewicht erhalten, ohne sich gegenseitig vollständig zu verdecken. Das gelingt überwiegend hervorragend.
Die Gitarren besitzen Druck und Klarheit, wirken aber nicht übermäßig geglättet. Gleasons Schlagzeug klingt präzise und kraftvoll, während die Bassdrum auch in den schnellen Passagen nachvollziehbar bleibt. Besonders positiv fällt die Präsenz des Basses auf. Jeremy Smiths Spiel wird nicht im unteren Frequenzbereich versteckt, sondern als eigenständiger Teil der Arrangements behandelt.
Die saubereren Passagen verfügen über spürbar mehr Raum, während Breakdowns und Deathcore-Ausbrüche bewusst verdichtet werden. Dadurch entsteht Dynamik, obwohl das Album insgesamt modern und druckvoll gemastert wurde. Lediglich bei einigen besonders stark geschichteten Gesängen stößt die Mischung an ihre Grenzen.
EIN DEBÜT MIT ENORMEM ANSPRUCH
Mit einer Laufzeit von etwas mehr als einer Stunde verlangt »The Vision« Konzentration und Geduld. Entropist schreiben keine kurzen Songs, die ihre Ideen nach einem Refrain und zwei Breakdowns beenden. Die meisten Stücke entwickeln mehrere Phasen, greifen frühere Motive auf und erfüllen eine konkrete Aufgabe innerhalb des Konzeptes.
Dieser Ansatz führt zu beeindruckenden Höhepunkten, erzeugt aber auch einzelne Längen. Nicht jeder Taktwechsel und nicht jede zusätzliche Gitarrenfigur wäre zwingend erforderlich gewesen. Vor allem Hörer, die Progressive Metal stärker über kompakte Melodien erschließen, könnten sich von der Informationsfülle zunächst überfordert fühlen.
Trotzdem hält das Album bemerkenswert gut zusammen. Einflüsse von Between The Buried And Me, The Contortionist, Meshuggah und Opeth sind erkennbar, werden jedoch nicht einfach kopiert. Entropist kombinieren technische Härte, moderne Rhythmik, melodische Offenheit und konzeptionelles Erzählen zu einer eigenen Sprache.
FAZIT:
»The Vision« ist ein ausgesprochen ambitioniertes Debüt, das technische Fähigkeiten mit einer nachvollziehbaren emotionalen Entwicklung verbindet. Zwischen der vernichtenden Schwere von »I Hunger«, dem experimentellen Aufbau von »Desert Of Limbo« und der triumphalen Wendung von »Creation« entfaltet sich ein Album, das tatsächlich als zusammenhängende Reise funktioniert. Einige Passagen hätten von strengerer Selbstkontrolle profitiert, doch Musikerleistung, Produktion und konzeptionelle Geschlossenheit liegen weit über gewöhnlichem Debütniveau.






