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Seahaven – Seahaven

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Seahaven - Seahaven - album artwork
Seahaven - Seahaven - album artwork

Band: Seahaven 🇺🇸
Titel: Seahaven
Label: Pure Noise Records
VÖ: 05.06.2026 Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Alternative Rock / Indie Rock / Emo / Dream Pop / Post-Hardcore

Tracklist

01. Godsend
02. Hellbound
03. Infinite Blue
04. Midnight Hour
05. February Flowers
06. Remember Me
07. Highwire
08. Million Ways
09. Tidal Wave
10. Long Goodbye
11. Wedding Bells
12. Companion

Besetzung

Kyle Soto – Gesang, Gitarre, Songwriting
Cody Christian – Gitarre Mike DeBartolo – Bass, Gesang
Eric Findlay – Schlagzeug

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Sechs Jahre nach »Halo of Hurt« kehren Seahaven mit einem selbstbetitelten Album zurück, das die bisherigen Entwicklungsstufen der Band unter einem Dach vereint. Die emotionale Unmittelbarkeit von »Winter Forever«, die verträumte Weite von »Reverie Lagoon« und die dunklere Atmosphäre des Vorgängers fließen in zwölf Songs zusammen, die zwischen Emo, Indie Rock, Alternative Rock, Dream Pop und dezenten Post-Hardcore-Spuren pendeln. Im Zentrum steht Kyle Soto, der über verlorene Beziehungen, Selbsthass, Erinnerung, Tod und die Angst schreibt, im Leben eines anderen Menschen vollständig zu verschwinden.

YouTube Art Playlist: Seahaven

EIN NAME ALS STILISTISCHE STANDORTBESTIMMUNG

Ein selbstbetiteltes Album wird häufig als Neubeginn, Zusammenfassung oder endgültige Definition der eigenen Identität verstanden. Bei Seahaven trifft von allem etwas zu. Die Kalifornier erfinden ihren Sound nicht neu, bringen dessen unterschiedliche Seiten aber erstmals in eine auffallend geschlossene Form. Die Songs sind zugänglicher als auf »Halo of Hurt«. Große atmosphärische Umwege, bedrohliche Post-Rock-Flächen und abrupte Spannungswechsel treten zugunsten klarerer Strukturen und stärkerer Refrains zurück. Dennoch klingt das Album nicht nach einer Band, die ihre Vergangenheit für einen freundlicheren Radiosound entsorgt hat. Unter den warmen Gitarren, luftigen Synthesizern und melodischen Hooks liegen Texte, die von emotionaler Abhängigkeit, Trauer und einem tief beschädigten Selbstbild handeln. Dieser Gegensatz bestimmt die Platte. Die Musik kann sommerlich, weich und beinahe unbeschwert wirken, während Soto im selben Moment Beziehungen als aussichtslos erklärt, sein eigenes Verschwinden betrachtet oder sich fragt, ob ein anderer Mensch ihn überhaupt in Erinnerung behalten wird.

EIN GESCHENK MIT VERBORGENEM PREISSCHILD

»Godsend« eröffnet das Album mit schwebenden Gitarren, elektronischem Puls und einer wiederholten Liebeserklärung. Die besungene Person erscheint zunächst als rettende Kraft, die einem erschöpften und innerlich ausgetrockneten Menschen wieder Sinn geben könnte. Doch bereits unter dieser warmen Oberfläche entstehen Zweifel. Das lyrische Ich bezeichnet sich selbst als zerstörte Landschaft und stellt infrage, ob hinter der vermeintlichen Erlösung nicht erneut Manipulation und Schuld stehen. Liebe wird zum Versprechen eines neuen Anfangs, trägt aber bereits den Keim der nächsten Enttäuschung in sich. Der kurze Opener geht unmittelbar in »Hellbound« über. Hier wird die romantische Hoffnung endgültig von Selbstsabotage eingeholt. Soto beschreibt einen Menschen, der sich für keine stabile Beziehung geeignet hält, ständig in der Vergangenheit lebt und eine neue Partnerin mit einer unerreichbaren früheren Liebe vergleicht. Musikalisch ist der Song wesentlich direkter. Eric Findlay eröffnet mit druckvollem Schlagzeug, während Cody Christian und Soto breite Alternative-Rock-Gitarren darüberlegen. Synthesizer und kleine elektronische Elemente füllen den Hintergrund, ohne den Song in reinen Dream Pop zu verwandeln. Der Refrain besitzt erhebliche Eingängigkeit, bleibt aber emotional unbequem. Die zentrale Figur warnt ihr Gegenüber nicht aus nobler Selbstlosigkeit. Sie hat sich bereits so vollständig mit ihrem Scheitern identifiziert, dass jede Möglichkeit einer funktionierenden Beziehung im Voraus zurückgewiesen wird.

UNENDLICHES BLAU UND UNERREICHBARE NÄHE

»Infinite Blue« ist einer der größten und melodisch stärksten Songs der Platte. Der Titel beschreibt nicht nur Meer, Himmel oder räumliche Weite. Das Blau steht für einen Zustand aus Sehnsucht, Erinnerung und emotionaler Unerreichbarkeit. Die besungene Person taucht überall im Alltag auf: in Straßen, Gegenständen und vertrauten Gewohnheiten. Soto beschreibt die Bereitschaft, bestehende Bindungen aufzugeben, Schuld zu übernehmen und jede innere Mauer einzureißen, wenn dadurch eine verlorene Nähe zurückkehren könnte. Hinter der romantischen Größe steckt eine problematische Besessenheit. Die Gitarren öffnen den Hörraum, während Mike DeBartolos Bass den Song mit einer geschmeidigen, melodischen Bewegung zusammenhält. Findlay spielt kraftvoll, aber nicht aufdringlich. Der Rhythmus gibt dem Refrain genügend Größe, ohne dessen verletzliche Grundstimmung mit unnötiger Härte zu überfahren. »Midnight Hour« führt in eine Beziehung, die nur noch aus nächtlichen Begegnungen, Entschuldigungen und gegenseitiger Selbsttäuschung besteht. Liebe und körperliche Nähe werden ausgesprochen, am nächsten Morgen aber nicht erinnert oder nicht mehr anerkannt. Beide Beteiligten wissen, dass sie einander beschädigen, können sich vom gemeinsamen Muster jedoch nicht lösen. Musikalisch arbeitet der Song mit einem geradlinigen Indie-Rock-Rhythmus und einer unmittelbaren Gesangslinie. Der Refrain klingt fast leichtfüßig, obwohl Soto darin jede romantische Inszenierung des Gegenübers zurückweist. Das vermeintliche Heiligenscheinchen wird nicht gekauft – die Eintrittskarte für das nächste emotionale Desaster dagegen offenbar schon.

BLUMEN, DIE IM SCHATTEN VERWELKEN

»February Flowers« behandelt eine Beziehung, in der Fürsorge nur in eine Richtung fließt. Das lyrische Ich investiert Aufmerksamkeit und Gefühle, erhält aber Ausreden, Schweigen und einen künstlich aufrechterhaltenen Schein zurück. Die Blumen des Titels wirken dadurch weniger wie ein romantisches Geschenk als wie ein zu spät geliefertes Zeichen. Die Musik besitzt einen leicht dunklen, beinahe Gothic-Rock-artigen Unterton. DeBartolos Bass steht deutlich im Raum, während die Gitarren auf große Verzerrung verzichten und stattdessen eine bedrückende Stimmung erzeugen. Sotos Stimme klingt müde und enttäuscht, vermeidet aber melodramatische Übertreibung. Der Text erkennt, dass es in diesem emotionalen Spiel keine Gewinner gibt. Beide Personen ziehen in unterschiedliche Richtungen, bleiben aber aneinander hängen. Besonders wirkungsvoll ist, dass der Song die Verantwortung nicht vollständig auf eine Seite abschiebt. Selbst in der Anklage bleibt das Bewusstsein bestehen, am toxischen Kreislauf beteiligt zu sein. »Remember Me« reduziert die instrumentale Dichte und wirkt wie ein dunkles Zwischenspiel. Verhallte Stimme, Drone-Flächen und elektronische Elemente begleiten Gedanken über Bedeutungslosigkeit, psychische Erschöpfung und die Angst, nach dem eigenen Ende vergessen zu werden. Der Song verwendet drastische Bilder, ohne sie als sensationellen Schockeffekt auszustellen. Soto klingt wie ein Mensch, der seine Verzweiflung bereits so oft durchdacht hat, dass selbst die schlimmsten Vorstellungen beinahe beiläufig formuliert werden. Gerade diese emotionale Nüchternheit macht das Stück beklemmend.

MIT GESCHLOSSENEN AUGEN AUF DEM HOCHSEIL

»Highwire« beschreibt das Leben als Balanceakt über einem Abgrund. Verpasste Chancen, unerfüllte Erwartungen und das Gefühl, von erfolgreichen Freunden lediglich oberflächliche Anteilnahme zu erhalten, erhöhen den Druck. Das lyrische Ich schließt auf dem Hochseil die Augen – nicht aus Mut, sondern weil der freie Fall plötzlich einfacher erscheint als das ständige Halten des Gleichgewichts. Die Band verbindet dieses Thema mit fließenden Gitarren und einem Refrain, der sich weit öffnet. Findlay spielt dynamisch und gibt dem Song in den richtigen Momenten zusätzlichen Schub. DeBartolos Bass bleibt beweglich und verhindert, dass die weicheren Gitarrentöne ihre Bodenhaftung verlieren. »Million Ways« führt Selbstvorwürfe und verlorene Liebe zusammen. Soto blickt auf zahlreiche kleine Versäumnisse zurück, durch die eine Beziehung nicht mit einer großen Katastrophe, sondern Stück für Stück beschädigt wurde. Erinnerungen drehen sich wie ein Karussell, während die ersehnte Person nur noch im Traum erreichbar erscheint. Der Song besitzt einen der stärksten Refrains des Albums. Die Melodie ist groß genug für eine weit geöffnete Konzertbühne, bleibt aber eng mit der persönlichen Erzählung verbunden. Christian und Soto überladen das Arrangement nicht. Statt mehrerer Gitarrenschichten um Aufmerksamkeit kämpfen zu lassen, setzen sie auf klare Akkorde, kleine melodische Antworten und sorgfältig kontrollierten Hall.

WENN AUS DER FLUT EINE WAND WIRD

»Tidal Wave« erhöht das Tempo und bringt die Post-Hardcore-Wurzeln der Band etwas deutlicher zurück. Das zentrale Bild beschreibt zunächst eine gewöhnliche Flutbewegung, die plötzlich zur zerstörerischen Welle anwächst. Ein Verlust, der kontrollierbar erschien, nimmt alles mit sich und hinterlässt das lyrische Ich in den Folgen seiner eigenen Entscheidungen. Der Song blickt auf einen vergangenen Sommer und den Übergang von Zuneigung zu Gleichgültigkeit zurück. Besonders schmerzhaft ist nicht nur das Ende der Beziehung, sondern die Erinnerung an den Moment, in dem sich erste Risse bereits erkennen ließen. Findlay spielt hier offensiver, während die Gitarren kantiger und direkter auftreten. Nach mehreren schwebenden Songs wirkt »Tidal Wave« wie ein notwendiger Stoß gegen die Tür. Die Band beweist, dass sie noch immer kräftig zupacken kann, ohne in die jugendliche Härte ihres Debüts zurückfallen zu müssen. »Long Goodbye« ist kompakter und traditioneller aufgebaut. Der Song richtet den Blick auf einen Menschen, der verlassen wurde und nun mit Müdigkeit, alten Erinnerungen und einer verblassenden Zukunftsvorstellung zurückbleibt. Hoffnung erscheint nicht als Rettung, sondern als etwas, das möglicherweise einen zu hohen Preis verlangt hat. Der Refrain ist einfach, aber wirkungsvoll. Soto singt zurückhaltend, während die Band den Song mit einer Mischung aus Emo, Alternative Rock und leichtem Post-Hardcore-Druck trägt. Die Kürze verhindert, dass sich die melancholische Idee unnötig wiederholt.

HOCHZEITSGLOCKEN UND EIN LEERER PLATZ

»Wedding Bells« war der erste Song, aus dem sich das Album entwickelte. Entsprechend wirkt er wie ein inhaltlicher Knotenpunkt. Bilder von Hochzeit, Schwangerschaft und gemeinsamer Zukunft treffen auf Tod, psychische Krisen und das Gefühl, nirgends wirklich dazuzugehören. Freiheit erhält dabei eine bittere Bedeutung. Sie wird mit einem herrenlosen Hund oder einem Vogel ohne Baum verglichen: ungebunden, aber auch ohne Schutz, Heimat und Stimme. Die Abwesenheit einer festen Beziehung kann Befreiung sein, zugleich aber eine Form vollständiger Isolation. Soto schreibt hier besonders offen über Dunkelheit, Hilferufe und eine Person, die sich offenbar in einem zerstörerischen inneren Zustand befand. Die Details bleiben fragmentarisch, vermitteln aber deutlich, wie eng Liebe, Schuld und Trauer miteinander verbunden sind. Musikalisch gehört der Song zu den ruhigeren, fließenderen Momenten. Gitarren und Bass bewegen sich mit großer Zurückhaltung, während Findlay kleine rhythmische Akzente setzt. Sotos Gesang bleibt menschlich und leicht brüchig. Eine technisch makellose Stimme hätte dem Stück eher geschadet.

DIE LETZTE BEGLEITUNG

»Companion« beendet das Album mit einer zärtlichen und zugleich endgültigen Abschiedsgeste. Der Song stellt menschliche Nähe über abstrakte Vorstellungen eines jenseitigen Paradieses. Himmel entsteht nicht an einem entfernten Ort, sondern in Berührung, Freundlichkeit und der kurzen Zeit, die zwei Menschen miteinander teilen. Gerade diese Zeit ist jedoch begrenzt. Alles Gute existiert nur auf Leihbasis, und selbst tief empfundene Hoffnung kann vergehen, wenn sie nicht gepflegt wird. Soto richtet sich an einen geliebten Menschen, bedankt sich für dessen Güte und sendet seinen Abschied sinnbildlich vom Grund des Ozeans. Die letzten Bilder verbinden Geburt und Tod zu einer kurzen Durchreise. Ein Mensch erscheint für einen begrenzten Moment, hinterlässt Spuren und verschwindet wieder. Die Platte schließt damit nicht bei romantischer Trennung, sondern bei der grundlegenden Vergänglichkeit jedes Lebens. Musikalisch arbeitet »Companion« mit elektronischen Unterströmungen, unterbrochenen Rhythmen und einem zunehmend fragilen Arrangement. Der große Rockabschluss bleibt aus. Stattdessen zieht sich die Band zurück, bis nur noch die menschliche Verletzlichkeit des Songs übrig bleibt.

KYLE SOTO ZWISCHEN SELBSTANKLAGE UND ERINNERUNG

Kyle Soto trägt das Album als Sänger, Texter und Hauptkomponist. Seine Stimme ist nicht auf makellose technische Kontrolle oder gewaltige Tonhöhen ausgerichtet. Ihre Stärke liegt im Ausdruck. Müdigkeit, Ironie, Selbstverachtung und Sehnsucht lassen sich bereits in kleinen Veränderungen seiner Phrasierung erkennen. Besonders wirkungsvoll ist die Nüchternheit, mit der Soto drastische Gedanken formuliert. Er schreit den Schmerz nicht permanent heraus, sondern behandelt ihn teilweise wie einen längst bekannten Mitbewohner. Dadurch bleiben die Texte glaubwürdig, selbst wenn sie große Bilder von Himmel, Ozean, Unendlichkeit oder vollständigem Zusammenbruch verwenden. Gelegentlich kreisen die Songs sehr stark um ähnliche Beziehungsmuster. Unerreichbare Menschen, emotionale Abhängigkeit, Selbstsabotage und die Erwartung des Scheiterns kehren mehrfach zurück. Das gibt dem Album inhaltliche Geschlossenheit, lässt einzelne Perspektiven aber auch verschwimmen.

VIER MUSIKER, DIE DER STILLE VERTRAUEN

Cody Christian setzt an der Gitarre weniger auf auffällige Soli als auf Klangfarbe, Raum und melodische Ergänzungen. Zusammen mit Soto erzeugt er warme Akkordflächen, helle Einzelnoten und kontrollierte Verzerrung. Die Gitarren dürfen leuchten, rauschen oder kurz aggressiv werden, ohne den Songs eine unnötig schwere Rüstung anzuziehen. Mike DeBartolo gehört zu den wichtigsten musikalischen Kräften der Platte. Sein Bass ist deutlich hörbar und bewegt sich häufig unabhängig von den Gitarren. Besonders auf »February Flowers«, »Highwire« und »Million Ways« gibt er den Arrangements eine geschmeidige Bewegung. Eric Findlay spielt mit großer Disziplin. Er kennt den Unterschied zwischen einem Song, der Druck benötigt, und einem Moment, der durch Zurückhaltung stärker wird. Auf »Hellbound« und »Tidal Wave« treibt er die Band kräftig an, während er sich in »Remember Me« und »Companion« beinahe vollständig der Atmosphäre unterordnet. Das Zusammenspiel wirkt eingespielt und natürlich. Obwohl Soto die Grundrisse vieler Songs zunächst allein entwickelte, klingt das Endergebnis nicht wie ein Soloprojekt mit nachträglich hinzugefügter Begleitband. Jeder Musiker trägt zur endgültigen Form bei.

WILL YIP LÄSST DIE SONNE DURCH DEN NEBEL

Die Eigenproduktion der Band wurde von Alex Estrada technisch eingefangen und anschließend von Will Yip gemischt und gemastert. Das Ergebnis ist warm, transparent und ausgesprochen räumlich. Gitarren, Bass, Schlagzeug und Elektronik lassen sich klar unterscheiden, ohne dass die Musik steril wirkt. Besonders die helleren Gitarrentöne profitieren von der Produktion. Sie erhalten genügend Luft, während der Bass im unteren Bereich präsent bleibt. Findlays Schlagzeug klingt natürlich und körperlich; selbst in den ruhigeren Passagen bleiben kleine Bewegungen und Anschlagsunterschiede erhalten. Der polierte Klang ist gleichzeitig eine mögliche Schwäche. Im Vergleich zu »Halo of Hurt« fehlt stellenweise jene bedrohliche Unberechenbarkeit, die Seahaven besonders spannend machen kann. Manche Refrains und Gitarrenflächen sind so sauber ausgeleuchtet, dass die dunklen Texte kurzzeitig weiter entfernt wirken. Dennoch verhindert Yip, dass die Platte in glattem Alternative-Rock verschwindet. Kleine Nebengeräusche, brüchige Gesangsmomente und dynamische Unterschiede erhalten die menschliche Präsenz.

ZUGÄNGLICHKEIT OHNE VOLLSTÄNDIGE VERSÖHNUNG

»Seahaven« ist vermutlich das unmittelbarste Album der Band. Die Songs verfügen über klare Refrains, kompakte Laufzeiten und einen durchgehend angenehmen Fluss. Selbst die experimentelleren Elemente werden so eingesetzt, dass sie die Kompositionen erweitern und nicht auseinanderbrechen. Diese Konzentration besitzt Vorteile. »Hellbound«, »Infinite Blue«, »Midnight Hour«, »Million Ways« und »Tidal Wave« bleiben schnell im Gedächtnis. Gleichzeitig fehlt dem Album an einigen Stellen der Mut zu jenen unerwarteten Wendungen, die frühere Veröffentlichungen ausgezeichnet haben. Die Selbstbetitelung bleibt dennoch nachvollziehbar. Seahaven fassen ihre bisherige Geschichte nicht über stilistische Zitate zusammen, sondern über ein gemeinsames Grundgefühl: warme Musik für Gedanken, die alles andere als warm sind.

FAZIT:

»Seahaven« verbindet melancholischen Indie Rock, Emo, Dream Pop und Alternative Rock zu einem warm produzierten, emotional schweren Gesamtwerk. Kyle Soto schreibt offen über Selbstsabotage, Verlust und die Angst vor dem Vergessen, während Cody Christian, Mike DeBartolo und Eric Findlay seine Texte mit klaren Gitarren, melodischem Bass und fein abgestufter Dynamik tragen. Die stärkere Zugänglichkeit nimmt dem Album gelegentlich etwas von der früheren Unberechenbarkeit, doch als konzentrierte Darstellung der heutigen Band funktioniert es ausgesprochen überzeugend.

Musikvideo: Million Ways

Internet

Seahaven - Seahaven - CD Review

Grimveil – Beneath The Veil Of Silent Woods

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Grimveil - Beneath The Veil Of Silent Woods - cover artwork
Grimveil - Beneath The Veil Of Silent Woods - cover artwork

Band: Grimveil 🇸🇪 🇩🇪
Titel: Beneath the Veil of Silent Woods
Label: Purity Through Fire
VÖ: 05.06.2026
Format: Digipak CD / Digital
Genre: Atmospheric Black Metal / Folk Black Metal / Nature Black Metal

Tracklist

01. Where the Path Fades to Nothing
02. Into the Depths of Shrouded Pines
03. Only Trees Bear Witness
04. Beneath the Veil of Silent Woods
05. The Distant Murmur of Trees
06. Where Beauty Breathes in Silence
07. As Fog Devours the Trail
08. The Light That Lives in Leaves

Besetzung

Simon Lindgren – sämtliche Instrumente, Songwriting, Mix und Mastering
Revenant – Gesang, Texte, Naturklänge, Vocal-Mix

Mitglieder unter anderem aktiv bei:
Tårfödd
Order of Nosferat
Sarkrista
Siechknecht
Velmorth

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Wenn sich der Nebel zwischen den Bäumen verdichtet und jeder bekannte Pfad plötzlich in eine andere Richtung zu führen scheint, beginnt die Welt von Grimveil. Auf ihrem Debütalbum »Beneath the Veil of Silent Woods« verbinden Simon Lindgren aus Nordschweden und der norddeutsche Sänger Revenant atmosphärischen Black Metal mit akustischer Gitarrenmusik, Folk, zurückhaltenden Synthesizern und aufgenommenen Naturklängen. Das Ergebnis ist eine gut einstündige Wanderung durch einen Wald, der nicht bloß Kulisse bleibt: Er beobachtet, erinnert sich, lockt seine Besucher tiefer hinein und gibt längst nicht jeden wieder frei.

YouTube Art Playlist: Beneath the Veil of Silent Woods

EIN WALD, DER ZUR EIGENEN WELT WIRD

Grimveil entstanden aus der Zusammenarbeit zwischen Tårfödd-Kopf Simon Lindgren und Revenant, der unter anderem bei Order of Nosferat und Sarkrista aktiv ist. Nachdem beide bereits gemeinsam gearbeitet hatten, sollte ein neues Projekt tiefer in die Atmosphäre von Wäldern, Natur und einsamen Wanderungen vordringen.

Das hört man dem Album in jeder Minute an. »Beneath the Veil of Silent Woods« benutzt Natur nicht als romantische Postkartenlandschaft. Der Wald besitzt hier eine eigene Wahrnehmung. Seine Bäume speichern Erinnerungen, die Wurzeln reagieren auf Eindringlinge und im Nebel bewegt sich etwas, das nie vollständig sichtbar wird.

Diese bedrohliche Seite wird allerdings nicht einseitig dargestellt. Grimveil zeigen ebenso die beruhigende, zeitlose und beinahe heilende Kraft unberührter Natur. Licht fällt durch Blätter, Flüsse geben den Rhythmus vor und das menschliche Denken verlangsamt sich. Die Platte bewegt sich damit zwischen Ehrfurcht und Angst: Der Wald kann Schutz gewähren, doch er benötigt den Menschen nicht.

WO DER PFAD IM NICHTS VERSCHWINDET

»Where the Path Fades to Nothing« beginnt die Wanderung mit dem Verlust jeder sicheren Richtung. Äste verdunkeln den Himmel, Schatten bewegen sich an falschen Stellen und der bisher erkennbare Weg löst sich langsam auf. Die Figur geht zwar weiter, lässt dabei aber einen Teil ihrer bisherigen Identität im Wald zurück.

Simon Lindgren baut die Komposition geduldig auf. Melancholische Gitarrenlinien werden von einem überwiegend getragenen Rhythmus gestützt, während akustische Elemente und dezente Synthesizer die räumliche Tiefe vergrößern. Erst später nimmt die Musik stärker Fahrt auf. Die Beschleunigung wirkt nicht wie ein befreiender Ausbruch, sondern wie die Erkenntnis, dass ein Umkehren nicht mehr möglich ist.

Aufgebaut auf einem festen Fundament aus Schlagzeug und Bass werden die Gitarren Schicht für Schicht aufgebettet. Lindgren hält die einzelnen Melodien verständlich, selbst wenn mehrere Spuren gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen ziehen. Der Song wirkt dadurch weit und dicht, ohne sich vollständig in Klangnebel aufzulösen.

Revenant setzt darüber ein raues, aufgerissenes Krächzen. Seine Stimme klingt nicht wie die eines Erzählers, der den Wald von außen beschreibt. Sie scheint bereits aus dessen Innerem zu kommen. Der Gesang besitzt viel emotionale Intensität und bleibt tief genug in die Instrumentierung eingebettet, um die Atmosphäre nicht zu unterbrechen.

TIEFER ZWISCHEN VERHÜLLTEN KIEFERN

»Into the Depths of Shrouded Pines« führt noch weiter in die abgeschlossene Welt des Albums. Die dicht stehenden Kiefern nehmen jede Orientierung, die Luft wird schwer und selbst der Boden scheint sich an jeden vergangenen Sturz zu erinnern. Etwas bewegt sich knapp außerhalb des Blickfeldes und wächst umso stärker, je länger der Besucher bleibt.

Musikalisch arbeitet das Stück überwiegend im mittleren Tempo. Die Gitarren entfalten lange, traurig gefärbte Melodien, die sich allmählich ineinanderschieben. Akustische Passagen schaffen kurze Öffnungen, bevor die verzerrten Instrumente erneut den gesamten Hörraum ausfüllen.

Gerade der Gegensatz zwischen ruhigen und aggressiveren Abschnitten funktioniert ausgesprochen gut. Die akustischen Momente klingen nicht wie Unterbrechungen, sondern wie Lichtungen innerhalb derselben Landschaft. Wenn Tremolo-Riffs und Schlagzeug anschließend wieder einsetzen, wird die scheinbare Ruhe rückwirkend als trügerisch erkennbar.

Revenant schreit die Worte mit hörbarer Verzweiflung heraus. Seine Stimme besitzt zwar keine große Vielfalt an unterschiedlichen Techniken, doch ihre zerrissene Intensität passt hervorragend zur Vorstellung eines Menschen, der seine räumliche und geistige Orientierung verliert.

NUR DIE BÄUME BLEIBEN ALS ZEUGEN

Das über zehn Minuten lange »Only Trees Bear Witness« ist das erste große Zentrum der Platte. Die Bäume werden hier als uralte Beobachter verstanden, die menschliche Versprechen, Gewalt, Namen und untergegangene Gesellschaften überdauern. Ihre Wurzeln reichen durch Böden, in denen längst vergessene Geschichten begraben liegen.

Der Text gibt der Natur keine menschliche Moral. Die Bäume urteilen nicht und greifen nicht ein. Sie erinnern sich lediglich. Genau diese Gleichgültigkeit verleiht dem Stück seine Größe: Der Mensch betrachtet seine eigene Geschichte als bedeutend, während der Wald sie nur als eine weitere vorübergehende Bewegung registriert.

Simon Lindgren verbindet klassisch gefärbte akustische Gitarren mit schweren, melodischen Tremolo-Passagen. Die ruhigen Abschnitte entwickeln etwas Nachdenkliches, ohne in gemütlichen Folk abzurutschen. Sobald die Verzerrung zurückkehrt, wird aus der stillen Betrachtung eine kraftvolle Erinnerung an die Überlegenheit der Natur.

Der lange Aufbau funktioniert weitgehend, obwohl nicht jede Wiederholung zwingend notwendig erscheint. Einzelne Motive werden sehr ausführlich ausgearbeitet. Wer jedoch bereit ist, sich auf diesen bedächtigen Rhythmus einzulassen, erlebt eine Komposition, die nicht auf einen schnellen Refrain zustürmt, sondern ihre Wirkung langsam in den Boden wachsen lässt.

UNTER DEM SCHLEIER DES SCHWEIGENDEN WALDES

Der Titelsong fasst die dunklere Seite des Albums zusammen. Der Nebel wird beinahe körperlich, Geräusche werden verschluckt und die Bäume erscheinen nicht länger als unbewegliche Pflanzen. Wurzeln verdrehen sich, Stämme neigen sich zueinander und etwas Uraltes beginnt hinter dem sichtbaren Wald aufzuwachen.

Die Natur ist nun kein passiver Zeuge mehr. Sie kennt den Namen des Eindringlings, antwortet mit verzerrten Erinnerungen und behält, was sie einmal an sich genommen hat. Das Bild des schweigenden Waldes wird damit umgekehrt: Das Schweigen bedeutet nicht, dass dort nichts lebt. Es bedeutet lediglich, dass der Mensch dessen Sprache nicht versteht.

Musikalisch gehört »Beneath the Veil of Silent Woods« zu den stärksten Stücken. Lindgren verbindet getragenen Atmospheric Black Metal mit kurzen schnelleren Ausbrüchen und einem feinen Schleier aus Synthesizern. Die Gitarrenmelodien bleiben melancholisch, wirken aber bedrohlicher als in den vorherigen Songs.

Besonders gelungen sind die Übergänge. Die Komposition springt nicht unkontrolliert zwischen verschiedenen Geschwindigkeiten, sondern lässt jede Veränderung aus dem vorherigen Motiv herauswachsen. Dadurch wirkt der Song trotz seiner Länge geschlossen.

Revenants Gesang dringt wie eine Warnung durch die Instrumentierung. Seine harsche Stimme trägt viel von der unheimlichen Präsenz, die der Text beschreibt. Wo Lindgrens Musik den Wald errichtet, gibt Revenant dem unsichtbaren Bewohner darin eine Stimme.

DAS FERNE MURMELN DER BÄUME

»The Distant Murmur of Trees« betrachtet den Wald als ein Wesen, dessen Kommunikation nicht aus Worten besteht. Wind, Äste, Wurzeln, Steine und plötzlich verstummende Vögel ergeben eine Sprache, die über Gewicht, Bewegung und Atmosphäre funktioniert.

Der Song nimmt etwas Geschwindigkeit aus dem Album und setzt stärker auf Wiederholung. Eine zentrale melodische Bewegung zieht sich durch die Komposition, während weitere Gitarren und Naturklänge langsam darum angeordnet werden. Das Murmeln entsteht dadurch nicht als einzelnes Geräusch, sondern als Summe verschiedener Ebenen.

Lindgren zeigt erneut, dass atmosphärischer Black Metal nicht zwangsläufig aus permanentem Blastbeat und gleichförmigem Tremolo bestehen muss. Er arbeitet mit Pausen, akustischen Tönen und einer Rhythmik, die eher schreitet als rast.

Allerdings beginnt die Albumstruktur an dieser Stelle, sich etwas zu wiederholen. Erneut führen ruhige Passagen zu einer allmählichen Verdichtung, und erneut kreisen die Texte um eine verborgene Präsenz zwischen den Bäumen. Die Atmosphäre bleibt stark, doch ein radikalerer kompositorischer Bruch hätte der zweiten Albumhälfte zusätzliche Spannung gegeben.

WO SCHÖNHEIT IN DER STILLE ATMET

»Where Beauty Breathes in Silence« verändert die Perspektive. Der Wald ist hier kein verschlingendes Labyrinth, sondern ein lebendiger Raum, in dem Licht, Blätter, Luft und Wasser eine Form natürlicher Harmonie bilden. Das Herz beginnt langsamer zu schlagen und passt sich dem Rhythmus der Umgebung an.

Der Text enthält zugleich eine ökologische Aussage. Der Mensch soll zurückgeben, was ihm die Bäume kostenlos schenken, und die Welt nicht ausschließlich als Rohstofflager betrachten. Diese Botschaft bleibt einfach, passt aber konsequent zum naturzentrierten Konzept.

Musikalisch gehört das Stück zu den interessantesten Kompositionen. Ein zurückhaltender, beinahe kammermusikalischer Beginn öffnet einen größeren Raum, bevor Gitarren und Rhythmussektion das Material zunehmend verdichten. Die späteren Ausbrüche wirken trotz ihrer Härte nicht zerstörerisch. Sie unterstreichen vielmehr die gewaltige Lebenskraft der beschriebenen Umgebung.

Besonders die elegante Hauptmelodie bleibt im Gedächtnis. Lindgren verbindet darin Trauer, Ruhe und ein kurzes Gefühl von Erhabenheit. Revenants Stimme bildet dazu einen starken Gegensatz. Sein scharfer Vortrag verhindert, dass die Komposition in gefällige Naturromantik abrutscht.

WENN DER NEBEL DEN LETZTEN WEG VERSCHLINGT

»As Fog Devours the Trail« kehrt zur Orientierungslosigkeit des Albumanfangs zurück. Ein zuvor deutlich erkennbarer Weg verschwindet innerhalb weniger Augenblicke. Jeder Schritt löst sich im Nebel auf, während sich etwas knapp außerhalb des sichtbaren Bereichs bewegt.

Inhaltlich schließt sich damit der Kreis zu »Where the Path Fades to Nothing«. Der Unterschied liegt darin, dass die Unsicherheit nun nicht mehr neu ist. Die Figur weiß bereits, dass der Wald seine eigenen Regeln besitzt und keine Antwort auf menschliche Rufe geben wird.

Musikalisch wirkt der Song direkter und konzentrierter. Die melancholischen Gitarren bleiben erhalten, werden aber häufiger von kraftvollen, schnelleren Passagen unterbrochen. Lindgren erhöht die Aggression, ohne die atmosphärische Grundfarbe aufzugeben.

Revenant liefert einen besonders intensiven Auftritt. Seine Stimme klingt erschöpft und gleichzeitig angriffslustig, als würde die Figur nicht länger nach einem Ausgang suchen, sondern gegen das vollständige Verschwinden ankämpfen.

DAS LICHT, DAS IN DEN BLÄTTERN LEBT

Das instrumentale »The Light That Lives in Leaves« bildet einen ruhigen Epilog. Nach mehr als 50 Minuten voller Nebel, verborgener Bewegungen und verlorener Wege endet das Album nicht in vollständiger Dunkelheit. Zwischen den Blättern bleibt Licht bestehen.

Die Komposition löst die vorherigen Bedrohungen allerdings nicht auf. Sie gibt dem Hörer lediglich einen anderen Blickwinkel. Der Wald ist weiterhin älter, größer und unabhängiger als der Mensch. Doch diese Erkenntnis muss nicht ausschließlich Angst erzeugen. Sie kann ebenso Demut und Ruhe ermöglichen.

Lindgren verzichtet auf einen letzten großen Black-Metal-Angriff und lässt die Musik langsam ausatmen. Akustische und melodische Elemente stehen im Mittelpunkt, während die Atmosphäre des gesamten Albums noch einmal verdichtet wird.

Als Abschluss funktioniert das Stück ausgezeichnet. Es ist kurz genug, um nicht wie ein weiterer vollwertiger Longtrack zu wirken, und besitzt dennoch genügend Substanz, um die Reise nicht abrupt enden zu lassen.

SIMON LINDGREN ERRICHTET DEN WALD

Simon Lindgren trägt als Komponist, Multiinstrumentalist sowie Verantwortlicher für Mix und Mastering den größten Teil der musikalischen Arbeit. Seine wichtigste Stärke liegt im Aufbau langer Spannungsbögen. Er schreibt keine bloße Ansammlung atmosphärischer Riffs, sondern lässt akustische, verzerrte und elektronische Ebenen ineinander übergehen.

Die Gitarren stehen deutlich im Mittelpunkt. Tremolo-Melodien, offene Akkorde und akustische Figuren werden nicht voneinander getrennt, sondern greifen dieselben Stimmungen aus verschiedenen Perspektiven auf. Gerade dadurch wirkt das Album geschlossen.

Auch Bass und Schlagzeug erfüllen ihre Aufgaben zuverlässig. Der Bass gibt den teilweise schwebenden Gitarren genügend Körper, während das Schlagzeug zwischen getragenen Rhythmen und schnellen Ausbrüchen vermittelt. In den langsameren Passagen dürfte der Tieftonbereich gelegentlich etwas präsenter sein. Die Gitarren bestimmen den Klang so stark, dass kleinere rhythmische Details in den Hintergrund geraten.

Die Synthesizer setzt Lindgren sparsam ein. Sie bilden keinen symphonischen Überbau, sondern liegen wie dünner Nebel hinter den Gitarren. Diese Zurückhaltung ist wichtig, weil das Album sonst schnell in überladene Naturromantik abgleiten könnte.

REVENANT GIBT DEM UNSICHTBAREN EINE STIMME

Revenant übernimmt Gesang, Texte, Naturklänge und den Mix seiner Stimme. Seine Vocals sind scharf, heiser und emotional aufgeladen. Statt technische Vielfalt zu demonstrieren, konzentriert er sich auf eine einzige, sehr glaubwürdige Ausdrucksform.

Besonders in »Only Trees Bear Witness«, dem Titelsong und »As Fog Devours the Trail« verstärkt sein Vortrag die Vorstellung, dass eine menschliche Stimme langsam mit der Umgebung verschmilzt. Die Vocals stehen nicht sauber vor der Musik, sondern wirken wie ein weiterer Laut zwischen Wind, Ästen und Gitarren.

Die Texte bleiben konsequent beim Waldthema. Pfade verschwinden, Wurzeln greifen nach Menschen, Bäume beobachten und der Nebel verändert jede Wahrnehmung. Diese Geschlossenheit ist eine Stärke, führt über acht Songs allerdings zu gewissen Wiederholungen. Bestimmte Bilder und Formulierungen kehren so häufig zurück, dass die einzelnen Texte nicht immer klar voneinander zu unterscheiden sind.

Am stärksten wirkt Revenant dort, wo er den Wald nicht ausschließlich als Bedrohung beschreibt. »Where Beauty Breathes in Silence« erweitert das Konzept um Ehrfurcht, Verantwortung und ökologische Verbundenheit. Mehr solcher Perspektivwechsel hätten der gesamten Textwelt zusätzliche Tiefe gegeben.

EINE STUNDE ZWISCHEN VERSENKUNG UND WIEDERHOLUNG

Mit gut 61 Minuten verlangt »Beneath the Veil of Silent Woods« Zeit und Konzentration. Die Songs besitzen keine kurzen Refrains, an denen man sich sofort festhalten kann. Grimveil denken in langen Wegen, wiederkehrenden Motiven und langsamen Veränderungen.

Diese Methode funktioniert besonders gut, wenn Akustik, Melodie und harte Ausbrüche eng miteinander verzahnt sind. »Into the Depths of Shrouded Pines«, »Only Trees Bear Witness«, der Titelsong und »Where Beauty Breathes in Silence« entwickeln dadurch eine starke Sogwirkung.

Nicht jede Passage ist allerdings gleich zwingend. Einige Midtempo-Abschnitte kreisen länger um ihre Motive, als es für deren Aussage notwendig wäre. Auch die häufig ähnliche Dramaturgie aus ruhigem Aufbau, Verdichtung und harschem Höhepunkt wird im letzten Drittel vorhersehbarer.

Ein kompakterer Schnitt hätte die Unterschiede zwischen den Songs deutlicher hervorgehoben. Gleichzeitig gehört die ausgedehnte Versenkung zum Konzept. Grimveil wollen den Wald nicht in einem kurzen Spaziergang zeigen, sondern den Hörer so lange darin festhalten, bis Zeit und Richtung an Bedeutung verlieren.

FAZIT:

»Beneath the Veil of Silent Woods« ist ein starkes Debüt, das atmosphärischen Black Metal, akustische Melancholie und eine konsequente Naturthematik zu einer eindringlichen Waldwanderung verbindet. Simon Lindgren errichtet eine weitläufige musikalische Landschaft, während Revenant ihr mit intensiven Vocals und bildhaften Texten eine bedrohliche Seele gibt. Für Freunde von Drudkh, Saor, Wolves In The Throne Room, Grima und naturverbundenem Black Metal ist dieses Werk quasi unverzichtbar

Trackpremiere: Into the Depths of Shrouded Pines

Internet

Grimveil - Beneath The Veil Of Silent Woods - CD Review

Shadowborne – Heaven’s Falling

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Shadowborne – Heaven's Falling - cover artwork
Shadowborne – Heaven's Falling - cover artwork

Band: Shadowborne 🇸🇪
Titel: Heaven’s Falling
Label: Scarlet Records
VÖ: 19.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Power Metal / Melodic Power Metal

Tracklist

01. Winter Is Coming (Heims Advenit)
02. High And Low
03. Wolf And The Queen
04. Custodians
05. Hold The Door
06. Heaven’s Falling (Dragons‘ Hymn)
07. Strangers To Myself
08. The Wall
09. Raven
10. End Of The World

Besetzung

Eira Shadowborne – Lead- und Hintergrundgesang
The Warden – Gitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
The Oathbearer – Leadgitarre
The Keeper – Bass
The Warbringer – Schlagzeug

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Power Metal at it’s best! Auf ihrem Debütalbum »Heaven’s Falling« reiten die schwedischen Newcomer Shadowborne mit Drachen, Wölfen, Raben und einer ganzen Wagenladung hymnischer Refrains in die Schlacht. Wer angesichts von Songtiteln wie »Winter Is Coming«, »Hold The Door« und »The Wall« an eine gewisse erfolgreiche Fantasy-Saga denkt, besitzt entweder bemerkenswerte Kombinationsgabe oder hat in den vergangenen Jahren nicht vollständig unter einem Felsen gelebt.

Albumstream:

Die Schweden verbinden modernen Melodic Power Metal mit schweren Gitarren, glänzenden Synthesizern, treibenden Rhythmen und einer Sängerin, die jeden Refrain mühelos über brennende Burgen und abstürzende Drachen trägt. Inhaltlich geht es um Macht, Loyalität, Verbannung, Identität, Überleben und den Preis ungezügelten Ehrgeizes. Die Fantasywelt dient dabei als Spiegel menschlicher Konflikte und nicht nur als Ablagefläche für Schwerter, Umhänge und dramatisch wehende Haare.

Mit knapp 35 Minuten bleibt das Album erfreulich kompakt. Kein Epos wird auf zwölf Minuten gestreckt, nur weil im Studio noch ein Orchester-Preset herumlag. Shadowborne konzentrieren sich auf griffige Songs, große Melodien und Refrains, die möglichst schnell in den Kopf marschieren – dort aber gelegentlich auch die Möbel umstellen.

DER WINTER KOMMT MIT CHOR UND KEYBOARD

»Winter Is Coming (Heims Advenit)« eröffnet das Album als kurzes cineastisches Intro. Chöre, Orchestrierungen und eine zunehmend bedrohliche Atmosphäre bereiten den Einmarsch vor. Die gut anderthalb Minuten erfüllen ihren Zweck, ohne den Hörer mit einem halben Hörbuch über die Stammbäume imaginärer Königshäuser aufzuhalten.

Mit »High And Low« beginnt anschließend der eigentliche Angriff. Das Hauptriff besitzt Gewicht, während die Keyboards helle Akzente über die Gitarren setzen. The Warbringer hält den Song mit einem geradlinigen, marschierenden Rhythmus in Bewegung und bereitet damit den Boden für den ersten großen Refrain.

Aufgebaut auf einem bombenfesten Fundament aus Drums und Bass werden die Gitarren von The Warden und The Oathbearer gekonnt aufgebettet. Rhythmische Akkorde sorgen für den nötigen Druck, während melodische Leads und Synthesizer die cineastische Weite erzeugen.

Im Mittelpunkt steht jedoch Eira Shadowborne. Ihre Stimme besitzt Kraft, Klarheit und eine leicht raue Kante, die verhindert, dass die Melodien zu süßlich werden. Sie kann einzelne Zeilen kontrolliert aufbauen und den Refrain anschließend mit voller Brust öffnen. Das Ergebnis erinnert an die Schnittmenge aus Battle Beast, Beast In Black und Brothers Of Metal.

WOLF, KÖNIGIN UND DIE GANZE FANTASY-BAGAGE

»Wolf And The Queen« setzt noch stärker auf unmittelbare Eingängigkeit. Die Strophen stampfen kontrolliert voran, während Synthesizer und Gitarren bereits auf den nächsten Refrain hinarbeiten. Dieser fällt entsprechend groß aus und gibt Eira die Gelegenheit, ihre Stimme bis in höhere Lagen zu führen.

Der Song erzählt von Macht, Bindung und dem gefährlichen Verhältnis zwischen Herrscherin und Beschützer. Musikalisch lebt er vor allem vom Gegensatz zwischen schweren, relativ einfachen Rhythmusgitarren und der weit geöffneten Gesangsmelodie.

Das funktioniert ausgezeichnet, ist allerdings kaum revolutionär. Wer in den vergangenen Jahren modernen europäischen Power Metal gehört hat, kennt den Aufbau: druckvolle Strophe, kurzer Spannungsanstieg, gigantischer Chorus und ein melodisches Solo. Shadowborne führen diese bekannten Arbeitsschritte jedoch mit so viel Überzeugung aus, dass die fehlende Innovation zunächst kaum stört.

Eiras Stimme trägt auch hier den größten Teil der Komposition. Sie klingt gleichermaßen kämpferisch und melodisch und verleiht selbst den vertrautesten Textbildern genügend Autorität. Eine Königin ohne Ausstrahlung wäre schließlich auch nur eine Frau mit unbequemem Stuhl.

DIE WÄCHTER LASSEN DIE KETTEN LOS

Mit »Custodians« zieht das Tempo deutlich an. Das Schlagzeug treibt kräftiger, die Gitarren werden bissiger und die Band zeigt, dass sie nicht ausschließlich im gemächlichen Schlachtenmarsch unterwegs sein möchte.

Die schnellere Gangart bringt dringend benötigte Abwechslung in das Album. The Warbringer liefert Doublebass-Passagen und hält den Song mit energischen Akzenten auf Kurs. The Keeper verdichtet den Unterbau, während die Gitarren zwischen melodischen Leads und deutlich härteren Akkordfolgen wechseln.

Auch Eiras Gesang erhält eine rauere Färbung. Sie klingt stellenweise weniger wie eine entrückte Fantasy-Herrscherin und mehr wie eine Frontfrau, die dem gegnerischen Heer persönlich erklärt, wo sich der Notausgang befindet.

Der Refrain bleibt melodisch und zugänglich, besitzt aber mehr Schärfe als die vorherigen Stücke. Dadurch gehört »Custodians« zu den stärksten Nummern des Albums. Der Song zeigt, dass die Band ihre Melodien nicht zwangsläufig in hochglänzende Watte packen muss.

HALTET DIE TÜR – DER SYNTHESIZER KOMMT!

»Hold The Door« trägt seine popkulturelle Inspiration ungefähr so unauffällig vor sich her wie ein Drache ein brennendes Schaf. Der Titel spielt mit Opferbereitschaft, Pflicht und jenem Moment, in dem eine einzelne Person den Rückzug anderer ermöglicht.

Musikalisch gehört das Stück zu den folkloristischeren und verspielteren Momenten. Die Keyboards treten deutlicher hervor, während stampfende Rhythmen und mehrstimmige Hintergrundrufe für eine tavernenartige Kampfgesangsstimmung sorgen.

Der Refrain ist so konstruiert, dass er bereits beim zweiten Durchlauf mitgesungen werden kann. Das dürfte auf Konzerten hervorragend funktionieren. Die Hintergrundstimmen besitzen allerdings eine etwas künstliche und dünne Klangfarbe. Mehr echte Stimmen und weniger Studiovervielfältigung hätten dem Song zusätzliche Wucht verliehen.

Trotzdem macht »Hold The Door« Spaß. Das Stück nimmt sich nicht wichtiger, als es sein muss, und liefert einen kräftigen Power-Metal-Ohrwurm. Man sollte die Tür allerdings wirklich festhalten – hinter ihr drängen bereits mehrere Keyboards und mindestens drei Chöre in den Raum.

WENN DER HIMMEL FÄLLT UND DER DRACHE SINGT

Der Titelsong »Heaven’s Falling (Dragons‘ Hymn)« bildet das programmatische Zentrum der Platte. Ein schweres Riff, leuchtende Synthesizer und eine breit angelegte Gesangsmelodie verbinden sämtliche zentralen Elemente von Shadowborne.

Der Song beginnt kontrolliert und steigert sich über mehrere kleine Spannungsstufen. Die Strophen bleiben vergleichsweise zurückhaltend, damit der Refrain umso größer wirken kann. Sobald Eira die Titelzeile anstimmt, öffnet sich das gesamte Arrangement.

The Oathbearer setzt mit melodischen Leadgitarren wichtige Gegenstimmen zum Gesang. Das Solo ist technisch sauber und besitzt genügend eigene Melodie, um nicht bloß als Pflichtübung zwischen zweitem und letztem Refrain zu erscheinen.

Inhaltlich steht der Drache für eine zerstörerische, zugleich aber reinigende Macht. Feuer vernichtet bestehende Ordnungen, eröffnet dadurch jedoch die Möglichkeit eines Neubeginns. Rettung und Untergang liegen entsprechend dicht beieinander.

Der Titelsong ist zweifellos effektiv, ähnelt in seinem Aufbau und einigen rhythmischen Bewegungen jedoch stark »Wolf And The Queen«. Beide Stücke funktionieren für sich hervorragend, stehen auf dem Album aber etwas zu dicht nebeneinander. Ein markanterer Tempowechsel oder ein ungewöhnlicher Mittelteil hätte dem Drachen eine individuellere Flugroute verschafft.

FREMD IM EIGENEN SPIEGEL

»Strangers To Myself« verlässt die reine Schlachtfeldperspektive und richtet den Blick nach innen. Identitätsverlust, Zweifel und das Gefühl, sich selbst nicht mehr zu erkennen, bilden den emotionalen Kern.

Passend dazu verändert sich auch die musikalische Ausrichtung. Elektronische Klangfarben treten stärker hervor und verbinden den Power Metal mit einer deutlichen Achtzigerjahre-Schlagseite. Die Strophen wirken leichter und poppiger, bevor der Refrain erneut sämtliche Türen öffnet.

Eira zeigt hier eine weichere Seite ihrer Stimme. Sie muss nicht jede Zeile mit maximalem Druck singen, sondern arbeitet stärker mit kontrollierten Abstufungen. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem späteren Refrain zusätzliche Wirkung.

Der Song ist ausgesprochen eingängig und dürfte zu den Titeln gehören, die auch außerhalb der eng gesteckten Power-Metal-Zielgruppe funktionieren. Gleichzeitig tritt hier ein wiederkehrendes Problem des Albums hervor: Während die Refrains regelmäßig überzeugen, wirken manche Strophen wie funktionale Übergangsräume auf dem Weg zum nächsten großen Chorus.

Die Gitarren beschränken sich zeitweise auf relativ gewöhnliches rhythmisches Schieben, während die Keyboards den freien Raum füllen. Etwas mehr instrumentelle Eigenständigkeit innerhalb der Strophen hätte dem Song gutgetan.

AUF DER MAUER WIRD GESTAMMT

»The Wall« kehrt zum kämpferischen Power Metal zurück und besitzt einen der unmittelbarsten Rhythmen der Platte. Das Schlagzeug marschiert, die Gitarren setzen kurze, kräftige Akzente und die Gesangsmelodie lädt sofort zum Mitrufen ein.

Die Nummer erinnert mit ihrer Mischung aus Folk-Anklängen, schwerem Stampfen und hymnischer Melodie besonders deutlich an Brothers Of Metal. Auch die Verbindung aus weiblichem Leadgesang und kämpferischen Hintergrundrufen folgt einem vertrauten Muster.

Dennoch entwickelt »The Wall« genügend eigene Energie. Die Melodie ist hervorragend gesetzt, das Gitarrensolo sitzt genau an der richtigen Stelle und die kompakte Laufzeit verhindert jede überflüssige Wiederholung.

The Keeper und The Warbringer bilden ein stabiles Fundament, das den gesamten Song trägt. Der Bass könnte im Mix zwar etwas stärker hervortreten, doch gemeinsam mit dem Schlagzeug erzeugt er jene stampfende Bewegung, auf der Gitarren und Gesang sicher marschieren können.

Der Song besitzt sämtliche Zutaten für einen zukünftigen Livefavoriten. Man kann sich den Refrain bereits in einer Halle mit erhobenen Fäusten vorstellen. Irgendwo wird dabei garantiert jemand ein Trinkhorn hochhalten, obwohl niemand genau weiß, warum.

DER RABE BRINGT DIE DUNKELHEIT

Mit »Raven« wird das Album spürbar düsterer. Die Strophen arbeiten mit schwereren Gitarren, dunkleren Keyboardflächen und einer bedrohlicheren Gesangslinie. Der Rabe erscheint als Beobachter, Bote und Symbol eines unausweichlichen Schicksals.

Die Komposition nimmt sich mit mehr als vier Minuten etwas mehr Zeit als der übrige Teil der Platte. Dadurch können Atmosphäre und Spannung stärker wachsen. Die Gitarren besitzen mehr Gewicht, und auch der Bass erhält innerhalb der dunkleren Passagen etwas mehr Präsenz.

Eira liefert eine ihrer besten Leistungen ab. In den Strophen klingt ihre Stimme kontrolliert und beinahe unheilvoll, während der Refrain erneut in eine große, emotionale Melodie übergeht. Gerade dieser Gegensatz verleiht dem Song Tiefe.

»Raven« zeigt, wie gut Shadowborne klingen können, wenn sie ihre helle Power-Metal-Fassade etwas abdunkeln. Die Band muss dabei weder auf eingängige Melodien noch auf einen großen Refrain verzichten. Sie schafft lediglich mehr Spannung auf dem Weg dorthin.

Ein oder zwei weitere Stücke mit dieser düsteren Ausrichtung hätten dem Album zusätzliche Vielfalt verliehen. Zwischen all den siegreichen Hymnen tut ein Rabe, der schlechte Nachrichten bringt, ausgesprochen gut.

DAS ENDE DER WELT WIRD ZUR BALLADE

»End Of The World« beschließt das Album als emotionale Power-Ballade. Klare Gitarren, zurückhaltende Keyboards und Eiras gefühlvoller Gesang bestimmen den Beginn. Erst nach und nach wächst die Komposition zu einem größeren Finale an.

Die Sängerin steht vollständig im Mittelpunkt. Sie beginnt kontrolliert und verletzlich, steigert ihre Stimme aber zunehmend, bis die höheren Töne das Arrangement deutlich überragen. Diese Entwicklung funktioniert, weil der Song nicht bereits in der ersten Minute sämtliche verfügbaren Spuren abfeuert.

The Oathbearer liefert zum Abschluss ein melodisches Solo, das die emotionale Ausrichtung fortführt. Statt technischer Raserei gibt es lange Töne und eine klar nachvollziehbare Melodieführung.

Ganz ohne Zuckerguss kommt die Nummer allerdings nicht aus. Manche Passage bewegt sich gefährlich nahe an jener Grenze, an der aus gefühlvollem Power Metal der musikalische Abspann einer Fantasy-Hochzeit wird. Eiras starke Darbietung hält den Song jedoch zusammen und verhindert den vollständigen Absturz in den Sirupkessel.

Als Abschluss erfüllt »End Of The World« seine Aufgabe. Nach Drachen, Mauern, Wölfen und fallenden Königreichen endet die Geschichte nicht mit einem weiteren Schlachtruf, sondern mit einem persönlichen Blick auf Verlust und Vergänglichkeit.

EIRA SHADOWBORNE REGIERT DIE REFRÄNGIGKEIT

Der entscheidende Trumpf des Albums ist Eira Shadowborne. Ihre Stimme besitzt genügend Kraft für die schweren Passagen, bleibt aber melodisch und klar. Sie kann zwischen kontrollierten Strophen, raueren Akzenten und weit geöffneten Refrains wechseln, ohne ihre Identität zu verlieren.

Besonders bei »Wolf And The Queen«, dem Titelsong und »Raven« zeigt sich ihre Fähigkeit, große Melodien mit emotionaler Glaubwürdigkeit zu tragen. Sie klingt nicht wie eine Sängerin, die lediglich über ein fertiges Instrumental gelegt wurde. Die Songs sind erkennbar um ihre Stimme herum aufgebaut.

Darin liegt zugleich ein kleines Problem. Sobald die Gesangsmelodie weniger spektakulär ausfällt, treten die vertrauten instrumentalen Bauteile deutlicher hervor. Viele Strophen verlassen sich auf einfache Rhythmusgitarren und flächige Synthesizer, bis der nächste Refrain die Aufmerksamkeit wieder vollständig übernimmt.

Die Band besitzt ausgezeichnete Musiker, nutzt deren Möglichkeiten innerhalb der Strophen aber nicht immer aus. Mehr eigenständige Basslinien, markantere Rhythmusgitarren und überraschendere Keyboardmotive könnten zukünftige Songs auch außerhalb ihrer Refrains stärker machen.

FÜNF MUSIKER IM SCHATTEN DER KRONE

The Warden hält mit seinen Gitarren und Keyboards einen großen Teil der Klangarchitektur zusammen. Seine Synthesizer liefern Orchestrierungen, elektronische Akzente und die cineastische Oberfläche. Gelegentlich wirken die Sounds etwas zu glatt, doch sie geben dem Album seinen modernen Charakter.

The Oathbearer setzt mit der Leadgitarre melodische Glanzpunkte. Seine Soli sind kompakt, technisch sicher und überwiegend songdienlich. Besonders bei »High And Low«, »The Wall« und »End Of The World« bleiben die Leadmelodien über den eigentlichen Song hinaus im Gedächtnis.

The Keeper sorgt am Bass für den notwendigen Druck, wird innerhalb der dichten Produktion aber häufig von Gitarren und Keyboards verdeckt. Ein präsenterer Bassklang hätte den schweren Passagen zusätzliche Körperlichkeit verliehen.

The Warbringer spielt kontrolliert und druckvoll. Seine marschierenden Rhythmen passen zur kämpferischen Ausrichtung, während die schnelleren Passagen von »Custodians« zeigen, dass er durchaus mehr als gleichmäßiges Midtempo beherrscht.

Als Einheit klingt die Band präzise und geschlossen. Spontane Rauheit oder unberechenbare Ecken sind allerdings kaum vorhanden. Hier sitzt jeder Hieb exakt, jeder Drache startet pünktlich und selbst das fallende Königreich dürfte vorher einen Ablaufplan erhalten haben.

HOCHGLANZ ZWISCHEN FEUER UND EIS

Produziert wurde »Heaven’s Falling« von Kristoffer Göbel, während Christoffer Borg bei Far Beyond Productions Mix und Mastering übernahm. Das Album klingt entsprechend klar, laut und modern.

Gesang, Gitarren und Keyboards sind sauber voneinander getrennt. Die Refrains besitzen enorme Breite, und selbst in den dichteren Arrangements bleibt jedes zentrale Element nachvollziehbar. Die Produktion unterstützt damit die melodische Ausrichtung hervorragend.

Allerdings wirkt der Klang stellenweise beinahe zu kontrolliert. Einige Schlagzeug- und Gitarrenspuren besitzen wenig natürliche Reibung, während die Hintergrundchöre gelegentlich dünn und künstlich erscheinen. Etwas mehr organischer Schmutz hätte den Schlachten zusätzliche Gefahr verliehen.

Der moderne Hochglanz passt grundsätzlich zu Bands wie Battle Beast oder Beast In Black, deren Einfluss deutlich hörbar ist. Wer Power Metal bevorzugt, bei dem jede Lederschnalle und jedes Kettenhemd akustisch nach echtem Eisen klingt, dürfte sich hier etwas mehr Rauheit wünschen.

BEKANNTE BURGEN, STARKE MELODIEN

Die größte Schwäche von »Heaven’s Falling« ist seine starke Bindung an etablierte Genreformeln. Stampfende Rhythmen, synthetische Orchestrierungen, große Refrains und Fantasytexte gehören längst zum Grundinventar des europäischen Power Metal.

Die Nähe zu Battle Beast, Beast In Black, Brothers Of Metal und stellenweise Sabaton ist kaum zu überhören. Einige Strophen wirken, als wären sie hauptsächlich gebaut worden, um den Weg zum nächsten Chorus nicht völlig unmöbliert zu lassen.

Doch selbst der bekannteste Bauplan benötigt starke Melodien, um zu funktionieren – und genau diese besitzen Shadowborne. Nahezu jeder Refrain sitzt, die Spielzeit bleibt kompakt und Eira verleiht der Band einen deutlichen Wiedererkennungswert.

Das Debüt erfindet den Power Metal nicht neu. Es poliert seine bekanntesten Waffen, bemalt den Schild mit einem Drachen und stürmt damit sehr überzeugend auf die Bühne. Manchmal genügt genau das.

FAZIT:

»Heaven’s Falling« ist ein starkes, melodisches und ausgesprochen eingängiges Power-Metal-Debüt. Shadowborne überzeugen mit großen Refrains, druckvollen Gitarren und einer herausragenden Sängerin. Besonders »Custodians«, der Titelsong, »The Wall« und »Raven« bleiben hängen.

Die bekannten Genreformeln, einige blasse Strophen und die stellenweise sterile Produktion verhindern eine höhere Wertung. Wer bei Drachen, Schlachtgesängen und gigantischen Hooks jedoch sofort das Trinkhorn hebt, darf bedenkenlos eintreten.

Official Video: Wolf And The Queen

Internet

Shadowborne – Heaven's Falling - CD Review

Double Crush Syndrome – Until One Of Us Dies

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Double Crush Syndrome - Until One Of Us Dies - cover artwork
Double Crush Syndrome - Until One Of Us Dies - cover artwork

Band: Double Crush Syndrome 🇩🇪
Titel: Until One Of Us Dies
Label: Eigenveröffentlichung
VÖ: 05.06.2026
Format: Vinyl / CD / Digital
Genre: Rock ’n’ Roll / Hard Rock

Tracklist

01. It’s A Trap
02. Rome
03. Death Disco
04. Mercury In Retrograde
05. Until One Of Us Dies
06. Mover And Shaker
07. Ain’t It Funny
08. Mi Corazón Salvaje
09. Free Hugs For Dictators
10. Off With Her Head

Besetzung

Andy Brings – Gesang, Gitarre, Songwriting, Produktion
Slick Prolidol – Bass, Gesang
Markus Herzog – Schlagzeug

Wolfgang Stach – Co-Produktion, Mix

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Double Crush Syndrome melden sich sieben Jahre nach »Death To Pop« mit einem Album zurück, das Rock ’n’ Roll nicht als historische Stilübung behandelt. »Until One Of Us Dies« verbindet Punk Rock, Hard Rock, Glam, Power Pop und ein deutliches Gespür für griffige Refrains. Die zehn Songs handeln von Altersbildern, persönlicher Freiheit, Leidenschaft, gesellschaftlicher Manipulation und der Entscheidung, die eigene Identität nicht fremden Erwartungen zu überlassen. Dabei tritt das Trio kompakt und geschlossen auf: Andy Brings führt mit Stimme und Gitarre, Slick Prolidol bringt Bass, Gegenstimme und eigene gesangliche Akzente ein, während Markus Herzog den Stücken ihren unmittelbaren rhythmischen Antrieb gibt.

YouTube Art Playlist: Until One Of Us Dies

ERWACHSENWERDEN IST KEIN MUSIKALISCHES RENTENPROGRAMM

»It’s A Trap« eröffnet das Album mit einer Absage an die Vorstellung, ein Mensch müsse mit zunehmendem Alter zwangsläufig ruhiger, angepasster und berechenbarer werden. Der Song richtet sich gegen gesellschaftliche Schablonen, in denen Vernunft häufig mit Selbstverleugnung verwechselt wird. Erwachsenwerden wird nicht grundsätzlich abgelehnt; problematisch ist vielmehr die Erwartung, dabei Neugier, Energie und persönliche Eigenheiten aufzugeben.

Musikalisch übersetzen Double Crush Syndrome diesen Gedanken in schnellen Power Pop mit Punk-Rhythmus und einem Refrain, der bewusst unkompliziert gehalten ist. Andy Brings singt nicht mit glatter Perfektion, sondern mit einer Mischung aus Spott, Überzeugung und hörbarer Freude an der Provokation. Seine Stimme besitzt genug Rauheit, um den Text glaubwürdig wirken zu lassen, bleibt dabei aber melodisch klar.

Markus Herzog hält den Song mit kurzen, präzisen Schlägen in ständiger Bewegung. Er spielt nicht übermäßig komplex, setzt aber Fills und Becken genau dort ein, wo die Strophen zusätzliche Energie benötigen. Slick Prolidol orientiert sich am Bass nicht ausschließlich an der Gitarre, sondern gibt dem Stück einen eigenständigen melodischen Unterbau.

ROM ALS ORT UND VORSTELLUNG

»Rome« wirkt zunächst wie der große, unmittelbar zugängliche Refrain des Albums. Hinter der eingängigen Oberfläche steht jedoch eine Sehnsucht nach Bewegung und Veränderung. Rom lässt sich dabei sowohl als konkretes Reiseziel als auch als Projektionsfläche verstehen: ein Ort außerhalb des geregelten Alltags, an dem bisherige Rollen und Erwartungen vorübergehend ihre Bedeutung verlieren.

Der Song verklärt diese Flucht nicht vollständig. Vielmehr schwingt die Frage mit, ob ein Ortswechsel tatsächlich eine innere Veränderung bewirken kann oder ob die eigenen Konflikte lediglich in eine attraktivere Umgebung mitgenommen werden. Gerade dieser Gegensatz aus Leichtigkeit und unterschwelliger Unruhe gibt dem Stück zusätzliche Tiefe.

Brings setzt auf offene Akkorde und eine einfache, aber effektive Melodieführung. Seine Gitarre trägt den Refrain, während Prolidols Bass die Strophen beweglicher gestaltet. Herzog spielt weniger aggressiv als im Opener und gibt der Nummer dadurch mehr Raum. Das Trio zeigt hier, dass Druck nicht zwangsläufig über Lautstärke entstehen muss.

TANZEN, SOLANGE ES NOCH GEHT

»Death Disco« verbindet Tanzbarkeit mit dem Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit. Der Titel bringt die Grundidee bereits zusammen: Bewegung und Tod stehen nicht als Gegensätze nebeneinander, sondern gehören derselben Feier an. Das Stück lässt sich als Aufforderung verstehen, das Leben nicht auf einen späteren, vermeintlich besseren Zeitpunkt zu verschieben.

Slick Prolidol spielt hier eine zentrale Rolle. Sein Bass eröffnet den Song nicht bloß als Hintergrundinstrument, sondern als tragende rhythmische Figur. Die tiefen Töne bestimmen den Groove und geben den Gitarren genügend Platz, um mit kurzen Akkorden und Akzenten zu arbeiten. Prolidol beweist damit, dass ein Powertrio nicht versuchen muss, fehlende Musiker durch permanente Lautstärke zu ersetzen.

Herzog reagiert präzise auf den Bass und hält die Nummer trotz ihrer tanzbaren Anlage im Rockbereich. Seine Bassdrum setzt klare Schwerpunkte, während die Snare trocken und unmittelbar bleibt. Brings wiederum verzichtet auf ein überladenes Riff und konzentriert sich auf Wiedererkennung. Das Ergebnis gehört zu den musikalisch eigenständigsten Momenten des Albums.

WENN DER KOSMOS FÜR DAS CHAOS HERHALTEN MUSS

»Mercury In Retrograde« nimmt die bekannte Vorstellung auf, Kommunikationsprobleme, technische Pannen und persönliche Krisen ließen sich mit einem rückläufigen Merkur erklären. Der Song nutzt diesen Gedanken jedoch weniger als ernsthafte Astrologie, sondern als humorvolle Betrachtung menschlicher Ausweichstrategien. Wenn alles gleichzeitig schiefgeht, erscheint eine kosmische Ursache angenehmer als die Erkenntnis, möglicherweise selbst Anteil am Durcheinander zu haben.

Die Komposition ist deutlich härter als »Rome«. Brings setzt auf ein kompaktes Riff, das den Song ohne längere Einleitung vorantreibt. Seine Gitarrnearbeit bleibt bewusst einfach, besitzt aber genügend rhythmische Verschiebungen, um die nervöse Grundstimmung des Textes zu unterstützen.

Prolidol verstärkt die Strophen mit einem kräftigen Basston, während Herzog mit kurzen Tempowechseln verhindert, dass die Nummer gleichförmig wird. Besonders der Übergang in den Refrain zeigt, wie gut das Trio inzwischen aufeinander abgestimmt ist: Niemand drängt sich unnötig in den Vordergrund, trotzdem bleibt jedes Instrument deutlich erkennbar.

BIS EINER VON UNS STIRBT

Der Titelsong »Until One Of Us Dies« ist keine düstere Todesbetrachtung, sondern ein Treueversprechen. Gemeint ist die Entscheidung, Musik, Freundschaft und gemeinsames Arbeiten so lange fortzuführen, wie es tatsächlich möglich ist. Der Titel besitzt dadurch eine doppelte Bedeutung: Er formuliert Beständigkeit, erkennt aber gleichzeitig an, dass jede gemeinsame Geschichte irgendwann endet.

Gerade nach der längeren Pause der Band wirkt dieser Gedanke glaubwürdig. Das Stück behauptet nicht, dass innerhalb einer Gruppe niemals Zweifel, Erschöpfung oder Konflikte auftreten. Es sagt vielmehr, dass solche Phasen nicht automatisch das Ende bedeuten müssen. Zusammenbleiben wird hier nicht romantisiert, sondern als immer wieder erneuerte Entscheidung verstanden.

Musikalisch gehört die Nummer zu den eingängigsten Stücken der Platte. Brings singt mit einer Mischung aus Trotz und Gelassenheit. Die hohen Töne sind nicht klinisch sauber, tragen aber genau jene menschliche Direktheit, die der Song benötigt. Prolidols Bass liegt breit unter den Gitarren, und Herzog spielt einen geradlinigen Rhythmus, der den Refrain für die Bühne vorbereitet.

EHRGEIZ OHNE SELBSTVERLEUGNUNG

»Mover And Shaker« beschäftigt sich mit Menschen, die Situationen verändern, Kontakte herstellen und ihre Ziele aktiv verfolgen. Der Begriff kann anerkennend oder ironisch verstanden werden. Der Song hält beide Möglichkeiten offen: Ehrgeiz ist notwendig, kann aber zur Rolle werden, wenn Anerkennung und Wirkung wichtiger werden als der eigentliche Inhalt.

Brings behandelt diese Ambivalenz mit einem Refrain, der zunächst selbstbewusst klingt, in den Strophen jedoch Raum für Zweifel lässt. Die Musik bleibt positiv, ohne die Figur vollständig zu bestätigen. Gerade dadurch verhindert das Stück, zu einer einfachen Durchhaltehymne zu werden.

Herzog spielt hier besonders kontrolliert. Seine Schläge bleiben kompakt und trocken, während Prolidol den Refrain mit einer melodischen Bassbewegung unterstützt. Brings setzt einzelne Leadfiguren ein, verzichtet aber auf ein ausgedehntes Solo. Die Band folgt damit konsequent dem Song, nicht dem Wunsch nach instrumentaler Selbstdarstellung.

WENN DAS LEBEN SEINEN EIGENEN HUMOR ENTWICKELT

Bei »Ain’t It Funny« übernimmt Slick Prolidol eine deutlichere gesangliche Rolle. Seine Stimme unterscheidet sich von Brings’ rauem Vortrag und gibt dem Album zur richtigen Zeit eine andere Perspektive. Prolidol klingt zurückhaltender und etwas dunkler, wodurch die ironische Betrachtung persönlicher Widersprüche besonders gut funktioniert.

Der Song beschäftigt sich mit Situationen, deren Bedeutung oft erst im Rückblick erkennbar wird. Entscheidungen, die zunächst vernünftig erscheinen, können später absurd wirken; vermeintliche Niederlagen führen mitunter in eine bessere Richtung. Das wiederkehrende Staunen über diese Zusammenhänge ist nicht zynisch, sondern Ausdruck einer gewissen Lebenserfahrung.

Instrumental gehört die Nummer zu den melodischeren Stücken. Der Bass begleitet nicht nur, sondern trägt gemeinsam mit dem Gesang die zentrale Linie. Brings hält seine Gitarre bewusst im Hintergrund und unterstützt Prolidols Auftritt mit klaren Akkorden. Herzog passt sein Spiel an und setzt mehr auf Fluss als auf Aggression.

EIN WILDES HERZ BRAUCHT KEINE ERLAUBNIS

»Mi Corazón Salvaje« erweitert das Album sprachlich und musikalisch. Der spanische Titel bedeutet „mein wildes Herz“ und steht für Leidenschaft, Unabhängigkeit und die Weigerung, emotionale Intensität als Schwäche zu betrachten. Das Herz folgt hier keiner vernünftigen Planung, sondern einer eigenen Ordnung.

Der Sprachwechsel wirkt nicht wie ein dekorativer Einfall. Er verändert den Rhythmus des Gesangs und ermöglicht Brings eine weichere, fließendere Phrasierung. Gleichzeitig bleibt die Musik eindeutig bei Double Crush Syndrome: kurze Gitarrenfiguren, ein klarer Basslauf und ein Schlagzeug, das den Song mit gleichmäßigem Druck zusammenhält.

Prolidol und Herzog bilden dabei ein bemerkenswert stabiles Fundament. Der Bass führt durch die harmonischen Wechsel, während das Schlagzeug den lateinamerikanischen Anklang nicht überbetont. Die Band vermeidet damit eine oberflächliche Stilkopie und integriert den Sprachwechsel in ihren eigenen Rocksound.

KEINE UMARMUNG FÜR AUTORITÄRE VERFÜHRER

»Free Hugs For Dictators« ist der politisch deutlichste Song des Albums. Der bewusst freundliche Titel steht im scharfen Gegensatz zu seinem Thema. Er richtet sich gegen autoritäre Figuren, die Ängste vereinfachen, Schuldige präsentieren und komplexe gesellschaftliche Probleme in leicht konsumierbare Parolen verwandeln.

Entscheidend ist, dass die Kritik nicht nur auf die Diktatoren selbst zielt. Der Song fragt indirekt auch danach, weshalb ihre Botschaften erneut auf Zustimmung treffen. Verführung funktioniert schließlich nur, wenn Menschen bereit sind, Verantwortung gegen scheinbare Sicherheit einzutauschen. Die ironische Freundlichkeit des Titels legt genau diesen Mechanismus offen.

Musikalisch antwortet die Band mit schnellem Punk Rock. Herzog treibt die Nummer ohne Umwege voran, Prolidol verdoppelt den Druck und Brings formuliert den Gesang schärfer als in den vorherigen Stücken. Die Produktion lässt dabei genügend Rauheit stehen. Ein steriler Klang hätte der politischen Dringlichkeit eher geschadet.

ABSCHLUSS OHNE VERSÖHNUNG

»Off With Her Head« beendet das Album mit einer überzeichneten Abrechnung. Der Titel greift die Sprache öffentlicher Verurteilung und historischer Machtdemonstration auf. Inhaltlich lässt sich der Song als Reaktion auf eine toxische Verbindung lesen, zugleich aber auch als Kommentar zur schnellen Bereitschaft, Menschen vollständig auszugrenzen und symbolisch zu vernichten.

Die drastische Formulierung darf deshalb nicht ausschließlich wörtlich verstanden werden. Sie beschreibt die emotionale Radikalität eines Moments, in dem keine Verständigung mehr möglich erscheint. Wut wird nicht beschönigt, aber auch nicht als besonders kluge Lösung ausgegeben.

Prolidols Bass drängt in diesem Stück besonders weit nach vorne. Er arbeitet fast wie eine zweite Rhythmusgitarre, während Brings darüber kurze, aggressive Akkorde setzt. Herzog spielt geradlinig und schwer, wodurch das Finale trotz der kompakten Laufzeit genügend Gewicht erhält. Der Song beendet die Platte nicht mit einer großen Auflösung, sondern mit einem entschlossenen Schnitt.

DREI MUSIKER MIT KLAR VERTEILTEN AUFGABEN

Die Stärke von »Until One Of Us Dies« liegt im Zusammenspiel des Trios. Andy Brings prägt das Album als Songwriter, Sänger und Gitarrist, stellt seine technischen Fähigkeiten aber nicht über die Kompositionen. Seine Riffs sind meist einfach aufgebaut, gewinnen ihre Wirkung jedoch durch Rhythmus, Wiederholung und den richtigen Einsatz kurzer Pausen. Besonders überzeugend ist sein Gespür für Refrains, die schnell zugänglich sind, ohne vollständig nach berechnetem Radio-Rock zu klingen.

Als Sänger besitzt Brings keine klassische Hard-Rock-Stimme mit makelloser Höhe. Seine Stärke liegt in Persönlichkeit, Aussprache und Haltung. Man erkennt innerhalb weniger Sekunden, wer hier singt. Die rauen Stellen, das gelegentliche Sprechen und die bewusst ungeschliffenen Übergänge geben den Texten Glaubwürdigkeit.

Slick Prolidol ist auf diesem Album weit stärker als bloße rhythmische Absicherung. Sein Bass ist präsent gemischt und übernimmt in Stücken wie »Death Disco« und »Off With Her Head« eine führende Funktion. Zusätzlich erweitert er das Album als Sänger. »Ain’t It Funny« zeigt, dass seine Stimme einen sinnvollen Gegenpol zu Brings bildet.

Markus Herzog versteht, welche Art von Schlagzeugspiel diese Songs benötigen. Er arbeitet mit klaren Grundrhythmen, trocken gesetzter Snare und kurzen Fills, die Übergänge markieren, ohne die Refrains zu überladen. Seine Leistung wirkt gerade deshalb stark, weil sie nicht permanent Aufmerksamkeit fordert. Er hält die Songs kompakt und sorgt dafür, dass die Band trotz wechselnder Einflüsse als Einheit erkennbar bleibt.

DIREKTER SOUND MIT BEWUSSTER UNVOLLKOMMENHEIT

Die Zusammenarbeit mit Wolfgang Stach gibt dem Album einen kräftigen, aber nicht übermäßig polierten Klang. Gitarren, Bass und Schlagzeug bleiben klar voneinander getrennt, behalten jedoch den Eindruck einer gemeinsam spielenden Band. Besonders der Bass profitiert von dieser Entscheidung, weil er nicht unter mehreren Gitarrenspuren verschwindet.

Nicht jeder Song erreicht allerdings dasselbe Niveau. »Mover And Shaker« und »Rome« funktionieren gut, bleiben kompositorisch aber etwas konventioneller als »Death Disco«, »It’s A Trap« oder »Free Hugs For Dictators«. Auch die Laufzeit von knapp 34 Minuten ist kurz. Andererseits entsteht dadurch kaum Leerlauf, und die Platte endet, bevor sich ihre Grundformeln abnutzen können.

FAZIT:

»Until One Of Us Dies« ist ein lebendiges und erfreulich vielseitiges Rock-Album, auf dem Double Crush Syndrome Punk, Hard Rock, Glam und Power Pop zu zehn kompakten Songs verbinden. Andy Brings, Slick Prolidol und Markus Herzog überzeugen als eingespieltes Trio, das große Refrains ebenso beherrscht wie politische Direktheit und selbstironische Zwischentöne. Kleinere qualitative Unterschiede ändern nichts am starken Gesamteindruck: 4 von 5 Punkten.

Musikvideo: Until One Of Us Dies

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Double Crush Syndrome - Until One Of Us Dies - CD Review

In Vespro – Where Silence Used To Sleep

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In Vespro - Where Silence Used To Sleep - cover Artwork
In Vespro - Where Silence Used To Sleep - cover Artwork

Band: In Vespro 🇮🇹
Titel: Where Silence Used To Sleep
Label: Meuse Music Records
VÖ: 19.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Melodic Death/Doom Metal

Tracklist

01. Fading Hollow – 04:31
02. Ghost Inside Tomorrow – 04:04
03. Where Silence Used To Sleep – 04:34
04. Absence Becomes Her – 03:24
05. A Quiet End – 05:50
06. Beneath The Unseen – 04:36
07. The Last Light – 03:12
08. Ashes Of The Dawn – 04:35
09. Everfall – 05:18

Besetzung

Luca Gagnoni – Gesang, Lead- und Rhythmusgitarre
Emanuela Marino – Rhythmusgitarre
Daniele Mielert – Bass
Diego Tasciotti – Schlagzeug

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Eine gewaltige Melange aus Doom und Death Metal ergießt sich mit »Where Silence Used To Sleep« über die Hörerschaft. Das römische Quartett In Vespro legt mit seinem Debüt ein erstaunlich geschlossenes Werk vor, das tief in der europäischen Death/Doom-Tradition der frühen Neunzigerjahre verwurzelt ist. Hier werden keine hektischen Stilwechsel aneinandergereiht und keine technischen Kabinettstückchen zur Schau gestellt. Stattdessen herrschen schleppende Rhythmen, kreisende Gitarrenfiguren, tiefschwarze Growls und eine Melancholie, die sich langsam, aber unerbittlich im Gehörgang festsetzt.

Der Albumtitel bringt den Charakter der Platte präzise auf den Punkt. Die Stille ist auf diesen neun Stücken kein friedlicher Rückzugsort, sondern eine bedrückende Macht, die Erinnerungen, Identität und jedes Gefühl für Zeit verschluckt. In Vespro behandeln Verlust nicht als kurzen emotionalen Ausbruch, sondern als Zustand, der sich dauerhaft im Bewusstsein eingenistet hat.

Albumstream:

WO DIE STILLE GEWICHT BEKOMMT

Bereits der Opener »Fading Hollow« legt das Fundament der gesamten Platte offen. Das Schlagzeug von Diego Tasciotti schreitet gemessen voran, während Daniele Mielert mit seinem Bass für die notwendige Schwere im Unterbau sorgt. Aufgebaut auf diesem bombenfesten Fundament aus Drums und Bass werden die Gitarren von Luca Gagnoni und Emanuela Marino präzise aufgebettet. Die Riffs drücken, ohne in stumpfes Tieftongewummer abzurutschen, während traurige Melodielinien den Song wie fahles Licht durch einen verdunkelten Raum durchziehen.

Gagnonis Gesang verzichtet vollständig auf schmeichelnde Klargesangspassagen. Seine Growls wirken wund, schwer und menschlich, können jedoch jederzeit in schärfere, beinahe schwarzmetallische Schreie umschlagen. Dadurch entsteht eine Ausdrucksstärke, die über bloße Aggression hinausgeht. Der Sänger klingt nicht wie ein unbesiegbares Monster, sondern wie jemand, der sich mit letzter Kraft gegen das eigene Verschwinden stemmt.

»Ghost Inside Tomorrow« greift diesen Zustand auf, verdichtet ihn jedoch mit stärker ausgeprägten Gitarrenharmonien. Der Song besitzt trotz seines gedrosselten Tempos einen unmittelbaren Wiedererkennungswert. Die Melodien tragen das Stück, während die Rhythmussektion jede unnötige Bewegung vermeidet. Hier zeigt sich bereits eine zentrale Stärke von In Vespro: Die Band versteht, dass ein Doom-Riff nicht allein durch Langsamkeit schwer wird. Entscheidend sind Platzierung, Wiederholung und die Spannung zwischen den einzelnen Akkorden.

ZWISCHEN KATATONIA, ANATHEMA UND EIGENER HANDSCHRIFT

Der Titelsong »Where Silence Used To Sleep« ist das emotionale Zentrum des Albums. Seine Gitarrenlinien erinnern unweigerlich an die frühe Phase von Katatonia, insbesondere an die spröde Hoffnungslosigkeit von »Brave Murder Day«. Auch die frühen Werke von Anathema, Paradise Lost und die finnischen Melodic-Doom-Spezialisten Rapture hinterlassen deutlich hörbare Spuren.

Das ist gleichzeitig Stärke und Schwachpunkt des Albums. In Vespro beherrschen diesen klassischen europäischen Death/Doom nahezu mustergültig. Manche Riffs, Harmoniefolgen und Gesangsphrasierungen stehen ihren historischen Vorbildern jedoch so nahe, dass eine vollständig eigenständige Identität noch nicht durchgehend erkennbar ist. Das Quartett kopiert keine einzelnen Stücke, bewegt sich aber bewusst innerhalb eines eng gesteckten stilistischen Rahmens.

Immer dann, wenn die Musiker diesen Rahmen etwas aufbrechen, wird es besonders spannend. »Absence Becomes Her« erhöht das Tempo, ohne die melancholische Grundhaltung aufzugeben. Die Gitarren dürfen stärker fließen, kurze Leadpassagen setzen helle Akzente und der Song entwickelt fast so etwas wie Vorwärtsdrang. Gemessen an der sonstigen Schwermut des Albums ist das natürlich kein ausgelassener Spaziergang durch die Sonne – eher ein kurzer Blick aus dem Fenster, bevor der Vorhang wieder zugezogen wird.

KEIN KNALL, NUR LANGSAMES VERSCHWINDEN

Mit einer Laufzeit von beinahe sechs Minuten bildet »A Quiet End« den längsten Titel der Platte. Der Song verzichtet auf einen großen dramatischen Ausbruch und setzt stattdessen auf kontrollierte Steigerungen. Die Gitarren werden dichter, Gagnonis Stimme drückt sich tiefer in den Mix und das Schlagzeug verstärkt den inneren Druck, ohne das Tempo deutlich anzuziehen.

Der Titel beschreibt kein spektakuläres Ende, sondern das lautlose Verblassen eines Menschen, der keine sichtbaren Spuren mehr zu hinterlassen glaubt. Diese Idee zieht sich auch durch die übrigen Texte. Wiederkehrende Bilder von Asche, erlöschendem Licht, Staub, Wasser und verlorener Zeit bilden eine geschlossene Symbolsprache.

Emanuela Marino beschreibt keine konkrete Handlung, sondern verschiedene Erscheinungsformen von Abwesenheit. Erinnerungen lösen sich auf, vertraute Personen werden zu schemenhaften Erscheinungen und die Grenze zwischen innerer Leere und äußerer Welt verschwindet zunehmend.

SCHWERE DURCH KONTROLLE

»Beneath The Unseen« arbeitet mit vergleichsweise einfachen, aber effektiv gesetzten Gitarrenlinien. Gerade diese Reduktion verleiht dem Song Gewicht. Keine Note wird gespielt, nur weil im Takt noch Platz vorhanden wäre. Die Komposition atmet, während Bass und Schlagzeug das Tempo stoisch halten.

Darüber legen sich Leads, die zunächst fast unscheinbar wirken, sich nach mehreren Durchläufen jedoch hartnäckig im Gedächtnis festsetzen. Die Musiker beweisen ein feines Gespür dafür, wann ein Motiv weiterentwickelt werden muss und wann es stärker wirkt, einfach unverändert im Raum stehen zu bleiben.

Mit »The Last Light« folgt das kürzeste Stück des Albums. Der Song kommt schneller auf den Punkt, besitzt eine fast schon klassische Gothic-Doom-Färbung und hätte in seiner melodischen Ausrichtung auch auf einer frühen Platte von Paradise Lost Platz finden können. Die kompakte Spielzeit verhindert, dass sich das Material totläuft, und bringt zur richtigen Zeit etwas Bewegung in die ansonsten bewusst gleichförmige Dramaturgie.

GITARREN, DIE MEHR KLAGEN ALS POSEN

»Ashes Of The Dawn« gehört zu den stärksten Kompositionen des Albums. Gagnoni und Marino lassen ihre Gitarren miteinander kommunizieren, anstatt sich gegenseitig mit endlosen Soli übertrumpfen zu wollen. Rhythmische Schwere und melodische Trauer werden sauber miteinander verzahnt. Kleine solistische Ausbrüche lockern die Strukturen auf, ohne den Song aus seiner düsteren Umlaufbahn zu werfen.

Überhaupt ist die Gitarrenarbeit das herausragende Element von »Where Silence Used To Sleep«. Die Musiker setzen auf zweistimmige Melodien, lang ausgehaltene Akkorde und Leads, die eher klagen als posieren. Gleichzeitig besitzt die Produktion genügend Wärme und Druck, damit die Platte nicht wie eine lieblose Neunzigerjahre-Kopie klingt.

Der von Luca Gagnoni im Mørknatt Studio angefertigte Mix lässt den Instrumenten ausreichend Raum. Die Gitarren bleiben massiv, der Bass ist wahrnehmbar und Tasciottis Schlagzeug klingt organisch statt klinisch zurechtgerückt.

DER LETZTE FALL

Der abschließende Song »Everfall« bündelt noch einmal sämtliche Motive des Albums. Das Meer, der Himmel, verlöschende Sterne und der Verlust einer festen Gestalt verschmelzen zu einem letzten Bild vollständiger Auflösung.

Musikalisch zieht das Quartett die Schlinge langsam zu. Wiederholte Gitarrenbewegungen erzeugen einen beinahe hypnotischen Sog, während die Rhythmusgruppe unbeirrt Richtung Abgrund marschiert. Es gibt keine befreiende Explosion und keinen versöhnlichen Schlussakkord.

Die Platte verschwindet so, wie es ihr Konzept verlangt: langsam und ohne Erlösung. Dadurch erhält »Everfall« eine besondere Wirkung. Das Stück versucht nicht, das Album mit einem übertriebenen Höhepunkt künstlich größer erscheinen zu lassen, sondern führt dessen emotionale Bewegung konsequent zu Ende.

DIE SCHÖNHEIT DER KONTROLLIERTEN EINTÖNIGKEIT

Die sehr geschlossene Gestaltung hat allerdings ihren Preis. Wer starke Tempowechsel, ausladende progressive Strukturen oder deutliche vokale Kontraste erwartet, wird auf »Where Silence Used To Sleep« nur bedingt fündig. Einige Klargesangspassagen oder stärkere dynamische Brüche hätten einzelnen Stücken zusätzliche Kontur verleihen können.

Gerade im Mittelteil besteht die Gefahr, dass die Songs beim flüchtigen Hören ineinander übergehen. Gagnonis Growls und Screams sind ausdrucksstark, bewegen sich aber über die gesamte Spielzeit innerhalb eines bewusst eingeschränkten Spektrums.

Im Zusammenhang mit dem Gesamtkonzept ist diese Gleichförmigkeit jedoch nachvollziehbar. In Vespro wollen keine emotionale Achterbahnfahrt inszenieren, sondern einen anhaltenden Zustand erzeugen. Die Musik drängt nicht auf einen kathartischen Höhepunkt. Sie setzt sich Schicht für Schicht fest und verweigert am Ende jede einfache Auflösung.

Wer sich darauf einlässt, entdeckt unter der zunächst gleichmäßigen Oberfläche zahlreiche kleine Melodien, harmonische Verschiebungen und fein platzierte Gitarrendetails.

VIER MUSIKER IM DIENST DER MELANCHOLIE

Die Instrumentalisten stellen ihre Fähigkeiten vollständig in den Dienst der Atmosphäre. Diego Tasciotti verzichtet auf übermäßige Schlagzeugakrobatik und arbeitet stattdessen mit kontrolliert gesetzten Akzenten. Sein Spiel hält die Stücke zusammen, ohne den Gitarren die notwendige Luft zu nehmen.

Daniele Mielert sorgt mit seinem Bass für ein standfestes Fundament. Das Instrument ist nicht bloß als kaum wahrnehmbarer Tiefton unter den Gitarren vorhanden, sondern gibt den Kompositionen zusätzliche Tiefe und körperliche Schwere.

Emanuela Marino stabilisiert mit ihrer Rhythmusgitarre die massiven Akkordflächen, während Luca Gagnoni zwischen Rhythmusarbeit, Leadmelodien und Gesang wechselt. Besonders im Zusammenspiel der beiden Gitarren entsteht jene traurige, schwebende Klangfarbe, die das Album zusammenhält.

Dass keiner der Beteiligten ständig in den Vordergrund drängt, ist ein entscheidender Vorteil. In Vespro klingen wie eine Band und nicht wie vier Musiker, die zufällig dasselbe Material einspielen.

MODERNE PRODUKTION, NEUNZIGERJAHRE-SEELE

Die Produktion bewahrt die raue und schwere Grundstimmung des Genres, ohne in dumpfer Klangbrühe zu versinken. Die Gitarren besitzen genügend Druck, bleiben aber klar voneinander unterscheidbar. Der Bass verleiht den Songs Substanz und das Schlagzeug hat einen natürlichen Klang, der gut zur organischen Ausrichtung der Kompositionen passt.

Gagnonis Stimme ist tief in das Klangbild eingebettet. Sie steht nicht als sauber abgetrennte Erzählerstimme über der Musik, sondern wird zum Bestandteil der gesamten Atmosphäre. Growls und Screams wirken dadurch wie eine weitere dunkle Klangschicht.

Manche Hörer könnten sich etwas mehr dynamische Breite wünschen. Gerade weil das Album über weite Strecken mit ähnlicher Intensität arbeitet, hätten einzelne bewusst leise oder beinahe vollständig reduzierte Passagen zusätzliche Spannung erzeugen können. Dennoch passt die kontrollierte Produktion zum Konzept einer Welt, in der Zeit und Bewegung zunehmend erstarren.

DOOM OHNE KÜNSTLICHEN HOFFNUNGSSCHIMMER

Die entscheidende Stärke von »Where Silence Used To Sleep« liegt in seiner Konsequenz. In Vespro machen keine Zugeständnisse an moderne Hörgewohnheiten, die alle paar Sekunden einen neuen Höhepunkt verlangen. Die Songs dürfen langsam wachsen, Motive wiederholen und ihre Wirkung allmählich entfalten.

Diese Beharrlichkeit macht das Album zu einer geschlossenen Erfahrung. Die Stücke funktionieren einzeln, gewinnen aber deutlich, wenn sie in der vorgesehenen Reihenfolge gehört werden. Aus Trauer, Erinnerung, Leere und Identitätsverlust entsteht ein musikalischer Zustand, der über die gesamte Spielzeit hinweg kaum unterbrochen wird.

Die Band romantisiert ihren Schmerz dabei nicht. Es gibt keine große Erlösung, keine versöhnliche Erkenntnis und keinen Moment, in dem sich plötzlich alles zum Guten wendet. Die melancholischen Melodien besitzen zwar Schönheit, doch diese Schönheit führt nicht aus der Dunkelheit heraus. Sie macht die Dunkelheit lediglich greifbarer.

FAZIT:

»Where Silence Used To Sleep« ist ein bemerkenswert geschlossenes Debüt, das den klassischen Death/Doom der frühen Neunzigerjahre nicht modernisieren oder zerlegen, sondern mit hörbarer Überzeugung weiterführen möchte. In Vespro liefern schwere Riffs, eindringliche Gitarrenharmonien, eine organische Produktion und einen Sänger, dessen Growls echte Verletzlichkeit transportieren.

Die Nähe zu Katatonia, Paradise Lost, Anathema und Rapture lässt sich nicht überhören und verhindert stellenweise, dass die Römer ihre eigene Stimme vollständig entfalten. Auch eine größere vokale und dynamische Vielfalt hätte einzelnen Stücken zusätzliche Konturen verliehen.

Dennoch besitzt das Album genügend kompositorische Qualität und emotionale Substanz, um weit mehr als eine nostalgische Stilübung zu sein. Besonders »Fading Hollow«, »Ghost Inside Tomorrow«, der Titelsong, »Ashes Of The Dawn« und »Everfall« zeigen eine Band, die genau verstanden hat, worauf es bei wirksamem Death/Doom ankommt.

Ein starkes, tieftrauriges Debüt für alle, die ihre Musik langsam, schwer und ohne künstlichen Hoffnungsschimmer bevorzugen.

Official Video: Where Silence Used To Sleep

Internet

In Vespro - Where Silence Used To Sleep - CD Review

Grabunhold – Frostheim

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Grabunhold - Frostheim - album artwork
Grabunhold - Frostheim - album artwork

Band: Grabunhold 🇩🇪
Titel: Frostheim
Label: Iron Bonehead Productions
VÖ: 05.06.2026
Format: CD / Vinyl / Digital
Genre: Medieval Black Metal / Melodic Black Metal / Old School Black Metal

Tracklist

01. Der Tod wohnt in Carn Dûm
02. Grambergs Fluch
03. Der Mondturm
04. Rerirs blauer Schatten
05. Über Grat und kalten Gipfel
06. Schreckenszauber
07. In Mordor, wo die Schatten drohn
08. Eärnurs Verderben

Besetzung

Irrwycht – Gitarren, Gesang, Keyboards
Morgoth – Bass
Olog-hai – Schlagzeug

Aufgenommen von Olog-hai im Klangdolch und Irrwycht zwischen 2022 und 2025
Dark Prod Studios – Mix und Mastering
Synod / Irrwycht – Illustrationen
Marie K. – Bandfotos

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Was passt eigentlich besser bei diesen heißen Temparaturen als frostbitten Black Metal? Grabunhold öffnen auf ihrem zweiten Album »Frostheim« die vereisten Tore zu einer Welt aus alten Festungen, verwunschenen Türmen, orkbesetzten Bergen und tödlichem Hochmut. Das Dortmunder Trio verbindet den kalten Geist der zweiten Black-Metal-Welle mit mittelalterlicher Melodik, Dungeon-Synth-Flächen und einer tiefen Verehrung für Tolkiens Legendarium. Sägende Gitarren ziehen wie schneidender Wind durch den Hörraum, während Bass und Schlagzeug ein standfestes Fundament errichten, auf dem sich acht düstere Kapitel zwischen Angmar, Beleriand, Mordor und Minas Morgul erheben.

Full Album Premiere: Frostheim

DER FROST KEHRT NACH DORTMUND ZURÜCK

Fünf Jahre nach »Heldentod« verändern Grabunhold ihre musikalische Ausrichtung nicht grundlegend. Statt eines stilistischen Neubeginns liefert die Band eine Weiterentwicklung ihrer bereits klar definierten Sprache. Klassischer Black Metal trifft weiterhin auf mittelalterliche Atmosphäre, melancholische Melodiebögen und Erzählungen aus Tolkiens Welt.

Dennoch wirkt »Frostheim« dynamischer und kompositorisch sicherer als sein Vorgänger. Die Gitarren führen nicht ausschließlich durch pausenlose Tremolo-Passagen, sondern wechseln zwischen schnellen Angriffen, getragenen Akkorden und beinahe heroischen Melodien. Die Keyboards bleiben gezielt eingesetzt und kleistern die Songs nicht mit symphonischem Zuckerguss zu.

Die Produktion klingt klarer, ohne der Musik ihre Kälte zu nehmen. Jedes Riff bleibt nachvollziehbar, während der Gesang weiterhin aus einiger Entfernung durch das Schneetreiben ruft. Das Ergebnis besitzt die Rohheit alter Black-Metal-Aufnahmen, aber genügend räumliche Tiefe, damit die zahlreichen Melodien nicht in einer grauen Wand verschwinden.

DER TOD HERRSCHT IN CARN DÛM

»Der Tod wohnt in Carn Dûm« öffnet das Album mit einem atmosphärischen Aufbau. Carn Dûm war die Festung des Hexenkönigs von Angmar und wird hier nicht als historischer Schauplatz behandelt, sondern als lebende Verkörperung von Kälte, Verfall und unsichtbarer Herrschaft.

Die Gitarren steigen langsam aus der Dunkelheit empor. Keyboards und entfernte Klangflächen errichten zunächst die Mauern, ehe Olog-hais Schlagzeug die Tore aufstößt. Danach entwickelt sich der Song zu einem schnellen, melodischen Black-Metal-Stück, dessen Tremolo-Riffs nicht ziellos rasen, sondern klar geführte Linien bilden.

Irrwychts Stimme klingt wie ein Befehl, der von einem vereisten Wehrturm über das Tal geschleudert wird. Sein Krächzen bleibt verständlich genug, um den erzählerischen Charakter zu tragen, wird aber nicht künstlich in den Vordergrund gedrückt. Die Stimme gehört zur Festung, nicht zum Besucher.

Besonders stark ist die verzögerte Auflösung der Spannungsbögen. Mehrfach scheint der Song kurz vor einem langsameren Abschnitt zu stehen, doch Schlagzeug und Gitarren ziehen die Bewegung weiter nach oben. Erst später wird der angestaute Druck entladen. Dadurch bleibt der fast siebenminütige Auftakt durchgehend lebendig.

DER FLUCH DES ORKBERGES

»Grambergs Fluch« führt in jene nördlichen Gebiete Mittelerdes, in denen sich Orks unter ihrem König Golfimbul sammelten. Grabunhold machen daraus keinen humoristischen Ausflug zur Entstehung des Golfspiels, sondern einen entschlossenen Black-Metal-Angriff, der nach rostigem Stahl und altem Hass klingt.

Das Hauptriff wird von einer eingängigen, fast triumphierenden Melodie begleitet. Irrwycht versteht es, heroische Tonfolgen einzusetzen, ohne in fröhlichen Pagan Metal abzurutschen. Die Melodien behalten eine dunkle Färbung und wirken eher wie die Erinnerung an einen längst verlorenen Sieg.

Morgoths Bass gibt den Gitarren zusätzliche Tiefe. Er bleibt im Mix nicht immer deutlich als eigenständiges Instrument wahrnehmbar, verhindert aber, dass die schneidenden Gitarren vollständig körperlos erscheinen. Zusammen mit dem Schlagzeug entsteht ein stabiles Fundament, auf dem die Melodien ihre kalten Bögen ziehen.

Der Song ist kompakter als der Opener und bringt seine Motive schnell auf den Punkt. Die Wiederholungen wirken nicht wie das Drehen auf der Stelle, sondern verstärken den marschartigen Charakter. Wer bei dieser Musik nicht wenigstens innerlich das Schwert hebt, hat vermutlich gerade beide Hände an der Klimaanlage.

VOM MONDTURM ZUR STADT DER ZAUBEREI

»Der Mondturm« verweist auf Minas Ithil, den einst strahlenden Turm des Mondes, der nach seiner Eroberung zu Minas Morgul wurde. Diese Verwandlung von Schönheit in Schrecken bildet die musikalische Grundspannung des Songs.

Zu Beginn besitzt die Gitarrenmelodie etwas beinahe Erhabenes. Sie könnte für die frühere Pracht des Turmes stehen, bevor dissonantere Akkorde und harscher Gesang das Bild verdunkeln. Grabunhold lassen Licht und Verfall nicht als sauber getrennte Abschnitte erscheinen. Beide Zustände existieren gleichzeitig innerhalb derselben Melodie.

Olog-hai spielt hier besonders wirkungsvoll. Seine Bassdrum treibt das Stück schnell voran, während Snare und Becken die melodischen Wechsel markieren. Er vermeidet eine gleichförmige Blastbeat-Wand und reagiert hörbar auf die Gitarrenlinien.

Irrwychts Keyboards bleiben im Hintergrund und geben dem Song eine fahle, geisterhafte Tiefe. Sie klingen nicht nach einem modernen Orchester, sondern nach einem uralten Instrument, dessen Töne aus einem verlassenen Turm dringen.

IM SCHATTEN DES BLAUEN BERGES

»Rerirs blauer Schatten« führt weit zurück in das Erste Zeitalter. Der Berg Rerir lag in den Blauen Bergen nördlich des dunklen Sees Helevorn und trug eine Festung auf seinen westlichen Hängen. Nach Krieg und Zerstörung blieb von seiner früheren Größe schließlich nur noch ein Schatten.

Diese Mischung aus vergangener Pracht und endgültigem Verlust passt hervorragend zu Grabunholds melodischer Seite. Der Song beginnt traditionell und geradlinig, öffnet sich aber nach und nach für melancholische Gitarrenfiguren und eine zurückhaltende Keyboardpassage.

Irrwychts Rhythmusgitarre bildet eine kalte Fläche, während die melodischen Spuren darüber wie fahles Licht auf einer vereisten Bergwand liegen. Der Song besitzt nicht die unmittelbare Aggression von »Grambergs Fluch«, entwickelt dafür aber eine stärkere emotionale Tiefe.

Gerade die Keyboards könnten bei weniger Fingerspitzengefühl schnell nach mittelalterlicher Theaterkulisse klingen. Hier werden sie sparsam genug eingesetzt, um Atmosphäre zu schaffen, ohne die Gitarren aus dem Mittelpunkt zu verdrängen.

ÜBER GRAT UND KALTEN GIPFEL

Das instrumentale »Über Grat und kalten Gipfel« unterbricht die Black-Metal-Angriffe und führt in eine Welt aus Wind, fernen Trommeln, Chören und Dungeon Synth. Der Titel beschreibt eine Reise durch eine unwirtliche Berglandschaft, in der jeder Schritt weiter von menschlicher Sicherheit wegführt.

Die knapp drei Minuten erfüllen mehr als die Funktion eines kurzen Zwischenspiels. Das Stück setzt einen bewussten Schnitt in der Albumdramaturgie. Nach vier gitarrenbetonten Songs wird der Blick geöffnet, bevor die zweite Hälfte erneut zum Angriff übergeht.

Kriegerische Trommeln und entfernte Stimmen erzeugen eine konkrete Szenerie. Man hört keine beliebige Ambientfläche, sondern glaubt tatsächlich, einen verschneiten Pass zu überqueren, während irgendwo jenseits des Nebels eine Armee auf ihren Einsatz wartet.

SCHRECKENSZAUBER UND SCHWARZE HEERSCHAREN

»Schreckenszauber« nimmt die zuvor aufgebaute Atmosphäre auf und setzt sie in einen schnelleren, schärferen Song um. Der Titel lässt sich im Kontext des Albums als Macht der Nazgûl, des Hexenkönigs oder anderer dunkler Herrscher lesen, die ihre Gegner nicht nur mit Waffen, sondern durch lähmende Angst bezwingen.

Die Gitarren kehren mit großer Entschlossenheit zurück. Tremolo-Linien schneiden durch den Raum, während das Schlagzeug zwischen schnellem Vorwärtsdrang und beinahe militärischen Rhythmen wechselt. Besonders diese Kontraste verleihen dem Stück seinen eigenen Charakter.

Irrwychts Gesang wird aggressiver und unmittelbarer. Wo er im Opener noch aus den Tiefen einer Festung zu kommen schien, steht er nun mitten im Angriff. Die Stimme bleibt rau und geisterhaft, besitzt aber genügend Kraft, um nicht unter den Gitarren begraben zu werden.

Der Song zeigt zugleich eine kleine Schwäche der Produktion. In den schnellsten Passagen fehlt dem Bass etwas Raum, und auch die Becken liegen vergleichsweise tief im Klangbild. Dadurch dominieren Gitarren, Snare und Bassdrum sehr deutlich. Das erzeugt Kälte und Geschwindigkeit, nimmt der Rhythmusgruppe aber einen Teil ihrer natürlichen Breite.

WO DIE SCHATTEN DROHEN

»In Mordor, wo die Schatten drohn« macht aus einem der bekanntesten Orte der Fantasy-Literatur ein kompaktes Black-Metal-Schlachtfeld. Die Band verzichtet auf einen langen atmosphärischen Einstieg und zieht die Geschwindigkeit früh an.

Die Riffs besitzen einen deutlich skandinavischen Einschlag. Alte Dissection, Gorgoroth, Emperor und frühe Satyricon scheinen durch einzelne Wendungen hindurch, werden aber mit der deutschen, mittelalterlichen Handschrift der Band verbunden.

Besonders die melodischen Gitarren überzeugen. Sie erzeugen keine strahlende Heldentat, sondern die Vorstellung einer Landschaft, in der jeder Horizont von Feuer, Asche und bedrohlichen Türmen begrenzt wird. Die Melodie führt vorwärts, verspricht aber keinen sicheren Ausgang.

Olog-hai hält das Stück mit hoher Geschwindigkeit zusammen. Seine Arbeit klingt kontrolliert, ohne steril zu werden. Kleine Veränderungen in der Snare und den Becken verhindern, dass der Song ausschließlich als gerade Linie durch Mordor marschiert.

EÄRNURS LETZTER RITT

Mit »Eärnurs Verderben« erreicht das Album seinen erzählerischen und musikalischen Höhepunkt. Eärnur, der letzte König von Gondor, ließ sich vom Hexenkönig provozieren und ritt schließlich nach Minas Morgul. Er kehrte niemals zurück, und mit seinem Verschwinden endete die Linie der Könige für viele Generationen.

Der Song konzentriert sich damit auf die zerstörerische Verbindung aus Mut, Stolz und fehlender Weisheit. Eärnur ist kein Feigling, aber gerade seine Unfähigkeit, eine Herausforderung unbeantwortet zu lassen, führt ihn in die Falle. Das Verderben kommt nicht aus Schwäche, sondern aus einer Stärke, die keine Grenze kennt.

Musikalisch nehmen sich Grabunhold mehr als acht Minuten Zeit. Die Gitarren kreisen zunächst um eine wiederkehrende Akkordfolge, während das Schlagzeug den Druck langsam erhöht. Neue Melodien werden nicht wahllos hinzugefügt, sondern wachsen aus dem zentralen Motiv heraus.

In der zweiten Hälfte öffnet sich das Arrangement. Die Becken treten deutlicher hervor, die Gitarren gewinnen an Größe und Irrwychts Stimme kehrt wie ein Ruf aus der Tiefe von Minas Morgul zurück. Der Song endet nicht mit einem triumphalen Schlussakkord, sondern mit dem Gefühl, dass sich die Tore hinter dem letzten König endgültig geschlossen haben.

Die lange Wiederholung verlangt Geduld, zahlt sich aber aus. Grabunhold lassen das Verderben nicht plötzlich hereinbrechen. Sie zeigen den gesamten Weg dorthin – vom ersten trotzigen Schritt bis zum Verschwinden im Schatten.

DREI MUSIKER IM DIENST DER ATMOSPHÄRE

Irrwycht prägt »Frostheim« mit Gitarren, Gesang und Keyboards. Seine größte Stärke liegt in der Verbindung von Aggression und Melodie. Die Riffs bleiben klar im Black Metal verwurzelt, tragen aber häufig eine epische oder melancholische zweite Ebene.

Seine Stimme besitzt keine große technische Bandbreite, benötigt sie aber auch nicht. Das raue Krächzen passt zur mittelalterlichen und geisterhaften Atmosphäre. Irrwycht klingt nicht wie ein moderner Frontmann vor einer Studioproduktion, sondern wie eine körperlose Gestalt innerhalb der erzählten Welt.

Die Keyboards setzt er diszipliniert ein. Sie erscheinen nur dort, wo eine Festung, ein Gebirge oder ein dunkler Übergang zusätzliche räumliche Tiefe benötigt. Dadurch bleibt »Frostheim« Black Metal und verwandelt sich nicht in ein symphonisches Fantasy-Hörspiel.

Morgoth bildet mit seinem Bass den tiefen Untergrund. Das Instrument folgt häufig den Gitarren, entwickelt aber genügend Druck, um deren dünnere Frequenzen auszugleichen. Etwas mehr Präsenz hätte besonders den schnelleren Stücken zusätzliche körperliche Wucht verliehen.

Olog-hai liefert eine vielseitige Schlagzeugleistung. Er beherrscht schnelle Angriffe, marschartige Passagen und langsamere Spannungsaufbauten. Besonders auf »Der Tod wohnt in Carn Dûm« und »Eärnurs Verderben« trägt sein Spiel entscheidend dazu bei, dass die langen Kompositionen nicht erstarren.

KLARE KÄLTE STATT KELLERRAUSCHEN

Die Aufnahmen entstanden zwischen 2022 und 2025 und wurden von Dark Prod Studios gemischt und gemastert. Das Album klingt deutlich und druckvoll, bewahrt aber den schneidenden Charakter der Gitarren.

Die Produktion liegt zwischen rohem Underground und moderner Transparenz. Die Melodien lassen sich problemlos verfolgen, ohne dass der Sound übermäßig glatt erscheint. Besonders die Gitarren profitieren davon, weil ihre zahlreichen Gegenstimmen und harmonischen Bewegungen nicht ineinander versinken.

Kritisch bleibt der vergleichsweise schlanke Tieftonbereich. Die Gitarren besitzen Geschwindigkeit und Schärfe, könnten an manchen Stellen aber mehr Masse vertragen. Auch die Becken sind häufig so weit zurückgenommen, dass das Schlagzeug stärker als Antrieb denn als vollständiges Instrumentarium wahrgenommen wird.

Diese Entscheidungen zerstören die Wirkung nicht, prägen aber den spezifischen Klang des Albums: »Frostheim« schneidet eher wie eine vereiste Klinge, als mit einem schweren Hammer zuzuschlagen.

ALTE SCHULE OHNE MUSEUMSSTAUB

Grabunhold erfinden mittelalterlichen Black Metal nicht neu. Die Einflüsse der zweiten Welle, des deutschen Pagan Black Metal und klassischer Dungeon-Synth-Ästhetik sind deutlich zu hören. Entscheidend ist jedoch, dass die Band diese Sprache nicht wie ein Museumsführer präsentiert.

Die Songs besitzen echte Bewegung, gut gesetzte Spannungsbögen und eine klare emotionale Wirkung. Besonders »Der Tod wohnt in Carn Dûm«, »Der Mondturm«, »Rerirs blauer Schatten« und »Eärnurs Verderben« verbinden Erzählung und Komposition überzeugend.

Einzelne Strukturen folgen vertrauten Mustern, und der sehr konsequente Tolkien-Bezug dürfte Hörer ohne Interesse an dieser Welt weniger stark erreichen. Für Freunde von Burgen, eisigen Gipfeln, alten Schwertern und melodischem Schwarzmetall ist genau diese Konsequenz jedoch ein wesentlicher Teil des Reizes.

FAZIT:

»Frostheim« ist ein starkes zweites Album, auf dem Grabunhold klassischen Black Metal, mittelalterliche Melodik und Tolkiens dunklere Schauplätze zu einer geschlossenen Reise verbinden. Irrwycht, Morgoth und Olog-hai überzeugen mit dynamischen Kompositionen, scharfen Gitarren und einer Atmosphäre, die auch bei hochsommerlichen Temperaturen Eis an die Fensterscheiben malt. Kleine Abzüge gibt es für den schlanken Tieftonbereich und einige vertraute Genreformeln. Dennoch ein album das Schwarzmetaller unbedingt anhören sollten.

Official Audio: Grambergs Fluch

Internet

Grabunhold - Frostheim - CD Review

Twist Lock – Surplus Citizen

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Twist Lock - Surplus Citizen - cover Artwork
Twist Lock - Surplus Citizen - cover Artwork

Band: Twist Lock 🇺🇸
Titel: Surplus Citizen
Label: Bikini Boys Productions
VÖ: 12.06.2026
Format: Digital
Genre: Beatdown Hardcore / Hardcore Punk / Slam

Tracklist

01. Get Bent
02. Your Mistake
03. CUNTstituents
04. Imbecile

Besetzung

Wade Taylor – Gesang, Effekte
Cameron Broomfield – Gitarren, Bass, Gesang
Dekota Martin – Schlagzeug

Twist Lock – Produktion
Wade Taylor und Cameron Broomfield – Aufnahmen
Filthy Swine Productions – Studio
Wade Taylor – Mix, Mastering und Artwork

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Ein Twist Lock verriegelt Frachtcontainer und sorgt dafür, dass tonnenschwere Ladung auch bei starkem Seegang an ihrem Platz bleibt. Die gleichnamige US-amerikanische Band verfolgt auf »Surplus Citizen« ein ähnlich robustes Prinzip: Riff einsetzen, verriegeln und anschließend so lange Druck ausüben, bis im Hörraum nichts mehr verrutschen kann. Das Trio aus Wade Taylor, Cameron Broomfield und Dekota Martin verbindet Beatdown Hardcore mit Punk-Aggression, schwerem Groove und kurzen Slam-Attacken. Inhaltlich richtet sich die Debüt-EP gegen wirtschaftliche Ausbeutung, falsche Persönlichkeiten, politische Verachtung und eine Gesellschaft, die gewöhnliche Menschen zunehmend wie überschüssiges Material behandelt.

YouTube Art Playlist: Surplus Citizen

ÜBERSCHÜSSIG IM EIGENEN SYSTEM

Der Titel »Surplus Citizen« beschreibt einen Bürger, der zwar arbeiten, konsumieren und funktionieren soll, darüber hinaus aber zunehmend als entbehrlich behandelt wird. Persönlicher Wert wird an Produktivität und wirtschaftlicher Verwertbarkeit gemessen. Wer nicht genügend Gewinn erzeugt, fällt aus dem Raster.

Twist Lock übersetzen diese gesellschaftliche Wut nicht in lange Erklärungen. Die EP dauert kaum zwölf Minuten und konzentriert sich auf vier kompakte Attacken. Jeder Song benötigt wenige Riffs, einen klaren Gegner und mindestens einen Breakdown, der ungefähr so dezent auftritt wie ein Betonmischer im Wohnzimmer.

Die 2024 gegründete Band besteht aus aktuellen und ehemaligen Mitgliedern von Atoll, Eyes Of Perdition, Lunacy, Necrambulent und Necrobot. Räumlich verteilt sich das Trio auf Las Vegas, Phoenix und Mobile. Musikalisch klingt die Zusammenarbeit dennoch nicht nach einem über das Internet zusammengesetzten Nebenprojekt, sondern nach drei Musikern, die eine gemeinsame Vorstellung von maximal reduziertem Druck besitzen.

DIE ZUKUNFT KANN SICH VERBIEGEN

»Get Bent« beginnt langsam und schwer. Cameron Broomfield legt ein tief gestimmtes Riff in den Raum, während Dekota Martin jeden Schlag mit ausreichend Abstand setzt, damit sich dessen Gewicht vollständig entfalten kann. Erst nach diesem bedrohlichen Auftakt zieht die Band das Tempo an.

Inhaltlich verarbeitet der Song das Gefühl, um die eigene Zukunft betrogen worden zu sein. Einer Generation wurde vermittelt, harte Arbeit führe zu Sicherheit und gesellschaftlichem Aufstieg. In der Realität steigen Lebenshaltungskosten, Konzerne und Milliardäre sammeln immer größere Vermögen an, während viele Menschen trotz permanenter Arbeit kaum überleben können.

Wade Taylor schreit diese Frustration nicht aus sicherer Distanz heraus. Seine Stimme klingt, als würde sie direkt aus einem schlecht bezahlten Zwölfstundendienst kommen. Zwischen den rauen Hardcore-Shouts liegen Effekte und zusätzliche vokale Ebenen, die den Eindruck einer größer werdenden Menge erzeugen.

Der Breakdown arbeitet mit konsequenter Reduktion. Gitarre, Bass und Schlagzeug setzen gemeinsam ein, stoppen und schlagen erneut zu. Technisch geschieht hier nichts Revolutionäres, doch die Platzierung sitzt. Beatdown Hardcore lebt schließlich nicht davon, das Rad neu zu erfinden, sondern es möglichst wirkungsvoll über den Hörer rollen zu lassen.

DEINE MASKE, DEIN FEHLER

»Your Mistake« richtet sich gegen manipulatives Verhalten, künstlich aufgebaute Persönlichkeiten und öffentliche Figuren, deren sorgfältig gepflegte Außendarstellung wenig mit ihrem tatsächlichen Handeln zu tun hat. Die Band betrachtet diese Masken nicht als harmlose Selbstinszenierung, sondern als Mittel zur Kontrolle.

Musikalisch setzt der Song ohne längere Einleitung ein. Das Hauptriff ist kantiger als auf »Get Bent« und enthält eine deutliche Punk-Komponente. Martin treibt die Komposition mit einer trockenen Snare voran, bevor der Rhythmus erneut in einen schweren Halftime-Groove fällt.

Broomfield übernimmt neben Gitarre und Bass zusätzlichen Gesang. Seine tieferen Einwürfe ergänzen Taylors aggressivere Stimme und verleihen einzelnen Passagen einen dialogartigen Charakter. Die beiden klingen nicht wie sorgfältig voneinander getrennte Studiostimmen, sondern wie zwei Personen, die denselben Gegner aus unterschiedlichen Richtungen anschreien.

Der Song ist ein präziser Tonsetzer für die gesamte EP. Seine Struktur bleibt übersichtlich, die Botschaft ist unmittelbar und sämtliche Umwege wurden bereits vor der Aufnahme aus dem Gebäude begleitet.

VERTRETER OHNE VERTRETUNG

Der Wortwitz von »CUNTstituents« verbindet die politischen „Constituents“, also Wähler oder Bürger eines Wahlkreises, mit einer unmissverständlichen Beleidigung. Damit rückt die Nummer die Beziehung zwischen Bevölkerung und angeblichen Volksvertretern in den Mittelpunkt.

Die politische Lesart passt zum Gesamtkonzept: Menschen werden während eines Wahlkampfs als wichtige Stimmen angesprochen, nach der Abstimmung aber häufig nur noch als statistische Masse behandelt. Entscheidungen folgen wirtschaftlicher Macht, Lobbyinteressen und öffentlicher Inszenierung, während die tatsächlichen Lebensbedingungen vieler Bürger zur Randnotiz werden.

Mit weniger als zweieinhalb Minuten ist der Song die kürzeste Nummer. Die Band erhöht das Tempo und lässt mehr Hardcore Punk in ihren Beatdown-Sound einfließen. Martin spielt direkter, während Broomfields Riff weniger schleppt und stärker nach vorne stößt.

In der zweiten Hälfte fällt die Komposition erwartungsgemäß in einen schweren Breakdown. Die Überraschung liegt nicht darin, dass er kommt, sondern in der Härte des Übergangs. Der Song zieht kurz die Handbremse, dreht das gesamte Fahrzeug quer und lässt den nachfolgenden Verkehr seine Probleme selbst regeln.

ANGESTAUTE NEGATIVENERGIE

»Imbecile« bildet den Abschluss und funktioniert als Ventil für aufgestaute Wut. Nach Kapitalismuskritik, Manipulation und politischer Entfremdung bleibt keine ausgearbeitete Lösung zurück. Die Band entlädt stattdessen den restlichen Frust in einem besonders stumpfen und körperlichen Finale.

Das Wort „Imbecile“ kann sich gegen konkrete Personen richten, beschreibt innerhalb des EP-Konzepts aber ebenso eine Gesellschaft, die offensichtliche Ausbeutungsmechanismen erkennt und dennoch permanent reproduziert. Dummheit erscheint nicht als fehlendes Wissen, sondern als beharrliche Weigerung, aus den sichtbaren Folgen des eigenen Handelns zu lernen.

Broomfields Bass drückt hier besonders stark. Das Instrument verschmilzt weitgehend mit der Gitarre, verstärkt aber deren untere Frequenzen so deutlich, dass das Hauptriff beinahe mehr gefühlt als gehört wird. Taylor und Broomfield stapeln ihre Stimmen darüber und erzeugen eine kompakte Wand aus Beschimpfung und Widerstand.

Der Song endet ohne versöhnlichen Ausblick. Das passt zur EP, die keine politische Programmschrift sein möchte. Twist Lock diagnostizieren einen Zustand, schlagen viermal dagegen und verlassen den Raum, bevor jemand einen Sitzkreis organisieren kann.

DREI MUSIKER, KEIN BALLAST

Wade Taylor trägt die Konfrontation mit seinem Gesang. Seine Hardcore-Shouts sind rau, kräftig und verständlich genug, um die zentralen Aussagen zu transportieren. Effekte und zusätzliche Spuren vergrößern die Stimme, ohne sie vollständig künstlich erscheinen zu lassen.

Die begrenzte Spielzeit verhindert, dass der relativ gleichförmige Vortrag ermüdet. Auf einer längeren Veröffentlichung dürften deutlichere Wechsel zwischen tiefen Stimmen, höheren Schreien und gesprochenen Passagen jedoch für zusätzliche Konturen sorgen.

Cameron Broomfield übernimmt Gitarre, Bass und weiteren Gesang. Seine Riffs sind bewusst einfach gehalten und beziehen ihre Wirkung aus Rhythmus, Stimmung und Produktion. Einzelne Akkorde werden nicht mit technischen Verzierungen überladen, sondern so gesetzt, dass Schlagzeug und Stimmen genügend Platz erhalten.

Besonders überzeugend ist seine Fähigkeit, Slam-Schwere und Punk-Direktheit miteinander zu verbinden. Die Songs schleppen nicht permanent im selben Tempo. Kurze Beschleunigungen und rhythmische Veränderungen verhindern, dass die EP zu einer einzigen zwölfminütigen Breakdown-Schleife wird.

Dekota Martin hält die Konstruktion zusammen. Sein Schlagzeugspiel ist präzise, ohne klinisch zu klingen. Die Snare besitzt einen trockenen Anschlag, die Bassdrum bleibt auch unter den tief gestimmten Saiteninstrumenten wahrnehmbar und kleine Tempowechsel werden sauber vorbereitet.

Martin spielt nicht mehr, als die Songs benötigen. Gerade in diesem Genre ist das eine wichtige Qualität. Ein übermäßig beschäftigtes Schlagzeug würde die bewusst schweren Zwischenräume auffüllen und den Riffs einen Teil ihrer Wirkung nehmen.

ROH, ABER NICHT FORMLOS

Die Band produzierte »Surplus Citizen« selbst. Wade Taylor und Cameron Broomfield nahmen das Material bei Filthy Swine Productions auf, Taylor übernahm anschließend Mix und Mastering.

Der Klang ist rau, tief und bewusst kompakt. Gitarre und Bass bilden eine gemeinsame Masse, während das Schlagzeug genügend Kontur behält. Die Stimmen sitzen weit vorne und vermitteln den Eindruck unmittelbarer körperlicher Nähe.

Diese Produktion passt zur Musik, verschluckt aber gelegentlich Details. Broomfields Bass und Gitarre lassen sich nicht immer klar voneinander unterscheiden, und Taylors Effekte liegen stellenweise sehr dicht über den eigentlichen Vocals. Mehr räumliche Trennung hätte der Brutalität nicht geschadet.

Gleichzeitig vermeidet die EP jene sterile Perfektion, an der moderner Beatdown gelegentlich krankt. Die Musik klingt nach einer Band und nicht nach vier exakt quantisierten Spuren, die sich zufällig dieselbe Audiodatei teilen.

ZWÖLF MINUTEN GESELLSCHAFTLICHER WIDERSTAND

Die Kürze ist Stärke und Begrenzung zugleich. Twist Lock verschwenden keine Zeit, wiederholen keine Refrains bis zur Erschöpfung und beenden jeden Song, sobald dessen zentrale Wirkung erreicht ist.

Dadurch entsteht eine EP mit hohem körperlichem Druck und klarer thematischer Linie. »Get Bent« und »Your Mistake« besitzen die stärksten Einzelriffs, während »CUNTstituents« durch seine punkige Direktheit auffällt. »Imbecile« liefert schließlich das erwartete schwere Finale.

Auf längere Sicht benötigt die Band jedoch mehr Kontraste. Die vier Stücke basieren auf ähnlichen Tempi, vergleichbaren Gitarrenklängen und einer sehr konsequenten Breakdowndramaturgie. Atmosphärische Passagen, schnellere Hardcore-Ausbrüche oder ein stärker hervortretender Bass könnten den eigenen Stil weiter schärfen.

Als Debüt funktioniert die Konzentration. »Surplus Citizen« möchte keine komplexe Gesellschaftsanalyse liefern, sondern der wahrgenommenen Ungerechtigkeit eine physische Form geben. Diesen Auftrag erfüllt die EP ohne Umschweife.

FAZIT:

»Surplus Citizen« ist eine kurze und kompromisslose Debüt-EP zwischen Beatdown Hardcore, Punk-Aggression und Slam-Schwere. Wade Taylor, Cameron Broomfield und Dekota Martin verwandeln wirtschaftlichen Frust, politische Entfremdung und persönliche Wut in vier druckvolle Songs ohne unnötigen Ballast. Die reduzierte Formel lässt noch wenig Raum für Überraschungen, besitzt aber ausreichend Energie, Groove und Glaubwürdigkeit, um Twist Lock als vielversprechenden neuen Namen im schweren Hardcore zu positionieren.

Lyric Video: Your Mistake

Internet

Twist Lock - Surplus Citizen - EP Review

A.A. Williams – Solstice

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A.A. Williams - Solstice - cover artwork
A.A. Williams - Solstice - cover artwork

Interpretin: A.A. Williams 🇬🇧
Titel: Solstice
Label: Reigning Phoenix Music
VÖ: 05.06.2026
Format: 2LP / CD / Digital
Genre: Alternative Metal / Atmospheric Doom / Doomgaze 

Tracklist

01. Poison
02. Wolves
03. Little By Little
04. Hold It Together
05. Outlines
06. I’ve Seen Enough
07. The Veil
08. Just A Shadow
09. It Won’t Rain Forever
10. Breathe
11. The Gentle Harm

Besetzung und Produktion

A.A. Williams – Gesang, Klavier, E-Gitarre, Cello
Matt de Burgh Daly – E-Gitarre, Bass, Pedal Steel, Percussion, Produktion, Mixing
Wayne Proctor – Schlagzeug
Grant Berry – Mastering

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Die britische Sängerin, Songwriterin und Multiinstrumentalistin A.A. Williams bewegt sich auf »Solstice« zwischen atmosphärischem Doom, Post-Rock, Dark Folk, Alternative Rock und zurückhaltendem Post-Metal. Ihre Musik lebt von weit auseinanderliegenden dynamischen Polen: Klavier und Cello tragen intime Momente, bevor verzerrte Gitarren, Bass und Schlagzeug die zuvor angestaute Spannung freisetzen. Inhaltlich beschreibt das Album keinen geradlinigen Weg aus der Dunkelheit, sondern den schwierigen Prozess, emotionale Abhängigkeit, Angst, Selbstverlust und unterdrückte Wut überhaupt erst zu erkennen.

YouTube-Playlist: Solstice

WENDEPUNKT OHNE EINFACHE ERLÖSUNG

Der Titel »Solstice« bezeichnet eine Sonnenwende und damit einen Moment, an dem eine Bewegung ihren äußersten Punkt erreicht und anschließend die Richtung wechselt. Genau diese Vorstellung bildet den gedanklichen Kern des Albums. A.A. Williams beschreibt Menschen an ihren emotionalen Grenzpunkten: Sie halten Beziehungen aufrecht, obwohl diese ihre Identität beschädigen, verbergen Überforderung hinter einem kontrollierten Auftreten und suchen nach einem Ausgang, ohne bereits zu wissen, wie ein Leben danach aussehen könnte.

Die elf Stücke handeln deshalb nicht ausschließlich von Trauer. Sie untersuchen auch, wie sich Trauer, Abhängigkeit und Angst in Gewohnheiten verwandeln. Die Figuren in diesen Liedern leiden nicht nur unter anderen Menschen, sondern unter den Schutzmechanismen, die sie selbst entwickelt haben. Rückzug bietet vorübergehend Sicherheit, nimmt ihnen jedoch zunehmend die Möglichkeit, Nähe, Freiheit und die eigene Persönlichkeit zu erfahren.

Musikalisch setzt Williams diesen Konflikt über extreme Dynamik um. Leise Klavierakkorde und ihre häufig zurückgenommene Stimme vermitteln Selbstbeobachtung, während die großen Steigerungen nicht bloß der Dramaturgie dienen. Sie markieren jene Momente, in denen das Verdrängte nicht länger kontrolliert werden kann.

FREIHEIT ZWISCHEN EUPHORIE UND SELBSTZERSTÖRUNG

»Poison« eröffnet das Album mit einem zunächst widersprüchlichen Gedanken. Freiheit wird hier nicht automatisch als Erlösung behandelt. Wer lange in festen emotionalen Strukturen gelebt hat, kann auch von der plötzlich verfügbaren Freiheit überfordert werden. Alte Begrenzungen lösen sich, doch an ihre Stelle tritt ein beinahe zwanghaftes Verlangen nach Intensität. Vernunft und Selbstschutz verlieren an Bedeutung, bis Neuanfang und Selbstsabotage kaum noch voneinander zu unterscheiden sind.

Williams singt kontrolliert und vermeidet einen übertrieben dramatischen Vortrag. Gerade dadurch wird die gefährliche Euphorie des Stücks glaubwürdig. Das Klavier gibt der Komposition zunächst eine klare Ordnung, während Bass, Schlagzeug und verzerrte Gitarren diese Ordnung allmählich destabilisieren. Der Song steigert sich nicht abrupt, sondern erweitert sein Volumen mit jeder Wiederholung.

Matt de Burgh Daly spielt den Bass mit bemerkenswerter Zurückhaltung. Er nutzt keine auffälligen Läufe, sondern verstärkt die harmonischen Spannungen und gibt den Gitarren ein tragfähiges Fundament. Wayne Proctor setzt am Schlagzeug lange auf kontrollierte Impulse. Wenn sich das Stück schließlich öffnet, wirkt die Intensivierung deshalb nicht wie ein vorgeschriebener Post-Rock-Effekt, sondern wie die zwingende Folge des zuvor aufgebauten inneren Drucks.

WÖLFE AN DER GRENZE ZWISCHEN TRAUM UND ERINNERUNG

»Wolves« beschäftigt sich mit der unsicheren Grenze zwischen Traum, Erinnerung und gegenwärtiger Wahrnehmung. Gefühle aus vergangenen Situationen bleiben erhalten, obwohl ihre konkreten Zusammenhänge längst undeutlich geworden sind. Die erzählende Person sucht nach etwas, das sie nicht präzise benennen kann. Vielleicht handelt es sich um einen Menschen, vielleicht um eine frühere Version der eigenen Identität oder um eine Möglichkeit, die nie wirklich bestanden hat.

Der Wolf steht dabei nicht für ein einzelnes äußeres Wesen. Er lässt sich als Ausdruck einer rastlosen Suche verstehen, die auch dann weitergeht, wenn längst keine realistische Aussicht auf Erfüllung besteht. Die Erinnerung wird dadurch nicht zum sicheren Rückzugsort, sondern zu einer Instanz, die das Denken immer wieder in dieselben unaufgelösten Bewegungen zwingt.

Musikalisch gehört »Wolves« zu den Stücken, in denen Williams’ Verständnis von Melachnolie besonders differenziert ausfällt. Ihre Stimme schwebt nicht einfach über der Begleitung, sondern verändert sich mit der zunehmenden Dichte der Instrumente. Anfangs wirkt sie fast distanziert, später dringt ein schärferer Ton in ihre Phrasierung. Die Gitarren entwickeln breite Akkordflächen, während Proctor das Schlagzeug nicht durchgehend antreibt, sondern gezielt auf die Wendepunkte der Komposition reagieren lässt.

WIE EIN MENSCH SCHRITTWEISE VERSCHWINDET

»Little By Little« gehört zu den textlich klarsten und psychologisch genauesten Stücken des Albums. Der Song beschreibt eine Beziehung, in der die eigene Persönlichkeit nicht durch einen einzelnen großen Konflikt zerstört wird. Die Beschädigung erfolgt schrittweise: fremde Aussagen setzen sich im Denken fest, Selbstvertrauen wird abgetragen und das eigene Empfinden verliert seine Verlässlichkeit.

Das Entscheidende ist die Ambivalenz der erzählenden Person. Sie erkennt längst, dass eine Trennung notwendig wäre, ist emotional aber noch nicht bereit, diese Erkenntnis auszusprechen oder umzusetzen. Der Wunsch nach Distanz besteht gleichzeitig mit der Angst vor dem endgültigen Verlust. Williams beschreibt damit sehr präzise, weshalb Menschen in schädlichen Beziehungen verbleiben können, obwohl sie deren Mechanismen bereits durchschaut haben.

Im letzten Teil verschiebt sich die Perspektive. Die Figur wartet nicht mehr darauf, von außen gerettet zu werden, sondern beginnt langsam, die eigene Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Das wiederkehrende „nach und nach“ bezeichnet somit sowohl die vorausgegangene Zerstörung als auch den anschließenden Wiederaufbau.

Musikalisch zählt das Stück zu den unmittelbareren Kompositionen. Der Refrain besitzt eine klare melodische Struktur, ohne die Schwere des Albums zu relativieren. Williams verbindet hier Eingängigkeit mit einer ungewöhnlich genauen Textführung. Jede Wiederholung verändert die Bedeutung der zentralen Formulierung, weil die erzählende Person ihre Situation zunehmend anders bewertet.

FUNKTIONIEREN, WÄHREND IM INNEREN ALLES NACHGIBT

»Hold It Together« untersucht das Verhalten eines Menschen, der jede emotionale Regung wahrnimmt, nach außen aber weiterhin Verlässlichkeit darstellen muss. Williams beschreibt keinen spektakulären Zusammenbruch. Im Mittelpunkt steht vielmehr die tägliche Anstrengung, einen solchen Zusammenbruch zu verhindern und dabei immer weniger von der eigenen Persönlichkeit erkennen zu können.

Die Figur passt sich ihrer Umgebung an, zieht sich hinter eine kontrollierte Oberfläche zurück und macht sich beinahe unsichtbar. Das Lächeln wird zu einer sozialen Funktion. Es schützt andere vor der eigenen Überforderung, verhindert zugleich aber, dass überhaupt jemand den Ernst der Situation erkennt. Diese Form der Selbstkontrolle erscheint zunächst fürsorglich, führt langfristig jedoch zur vollständigen Isolation.

Das über sechs Minuten lange Stück nimmt sich die notwendige Zeit, diesen Zustand musikalisch zu entwickeln. Williams beginnt am Klavier und lässt zwischen den Akkorden viel Raum. Ihre Stimme klingt nicht schwach, sondern bewusst begrenzt, als müsse jede stärkere Regung sofort wieder unter Kontrolle gebracht werden.

Erst später treten Schlagzeug, Bass und Gitarren deutlicher hervor. Proctor steigert die Intensität über Beckenarbeit und zunehmend kräftige Akzente, ohne den Song zu überfrachten. De Burgh Daly verdichtet die tiefen Frequenzen, während Williams’ Cello der Komposition eine zusätzliche emotionale Ebene gibt. Der abschließende Ausbruch wirkt nicht wie Befreiung, sondern wie das Eingeständnis, dass das bisherige Durchhalten nicht unbegrenzt möglich ist.

ENTWÜRFE EINES GEMEINSAMEN LEBENS

»Outlines« verschiebt den Blick von der unmittelbaren Krise auf eine mögliche Zukunft. Der Titel bezeichnet Umrisse: keine vollständig erkennbare Wirklichkeit, sondern eine Vorstellung, deren konkrete Form noch nicht gesichert ist. Zwischen Lärm, Niedergang, Angst und belastenden Erfahrungen erkennt die erzählende Person kurze Momente von Freude und Verbundenheit.

Diese Augenblicke reichen aus, um die Möglichkeit eines anderen Lebens vorstellbar zu machen. Der Song formuliert jedoch keine naive Hoffnung. Die gemeinsame Zukunft bleibt gefährdet, weil sie bislang nur als Skizze existiert. Dennoch liegt gerade darin eine zentrale Entwicklung des Albums: Die Figur kann wieder etwas denken, das über das bloße Überstehen der Gegenwart hinausgeht.

Williams’ Klavierspiel ist hier besonders wirkungsvoll. Sie vermeidet große virtuose Gesten und konzentriert sich auf Akkordfolgen, deren harmonische Verschiebungen den Text tragen. Das Cello verlängert einzelne Töne und schafft Übergänge zwischen den ruhigen Abschnitten und den später einsetzenden Gitarren. De Burgh Dalys Produktion lässt diese Instrumente nebeneinander bestehen, ohne sie zu einem einheitlichen Klangblock zu verdichten.

ERSCHÖPFUNG UND DIE ILLUSION FREMDER ANTWORTEN

»I’ve Seen Enough« beschreibt den Punkt, an dem emotionale Erschöpfung in Widerstand übergeht. Die erzählende Person hat Teile der eigenen Identität verloren und geglaubt, ein anderer Mensch verfüge über alle notwendigen Antworten. Diese Projektion schafft vorübergehend Orientierung, macht die eigene Stabilität aber vollständig vom Gegenüber abhängig.

Im Verlauf des Songs erkennt die Figur, dass niemand ihr langsames Versinken wahrgenommen hat. Diese Feststellung ist nicht nur ein Vorwurf an andere. Sie verweist auch darauf, wie erfolgreich das eigene Leiden verborgen wurde. Wer sich ständig an fremden Erwartungen orientiert, kann so unauffällig verschwinden, dass selbst nahestehende Menschen den Prozess erst bemerken, wenn kaum noch etwas übrig ist.

Williams beginnt erneut am Klavier, doch die Komposition bleibt nicht in reduzierter Traurigkeit stehen. Cello, Bass und Schlagzeug erweitern den Song allmählich. Besonders stark ist Williams’ Gesang in den höheren Lagen. Sie erhöht nicht einfach die Lautstärke, sondern lässt die Stimme zunehmend weniger geschützt wirken. Kleine Rauheiten bleiben hörbar und geben der Aufnahme eine menschliche Unmittelbarkeit.

HINTER DEM SCHLEIER

»The Veil« reduziert das Album für gut drei Minuten nahezu vollständig auf Stimme und Klavier. Nach den großen Steigerungen der vorausgegangenen Stücke wirkt diese Entscheidung konsequent. Die Musik bietet keinen Schutz durch Lautstärke mehr, sondern stellt die zentrale Erkenntnis des Songs offen in den Raum: Die verbleibende innere Kraft kann nicht dauerhaft allein aufrechterhalten werden.

Der Schleier lässt sich als Grenze zwischen dem gezeigten und dem tatsächlichen Zustand verstehen. Hinter ihm existiert noch ein Rest von Hoffnung oder Bindung, doch dieser Rest reicht nicht aus, wenn er nur von einer Person getragen wird. Williams singt hier sehr nah und fast ohne dekorative Effekte. Ihre Atemführung, das vorsichtige Ausklingen einzelner Worte und die sparsame Klavierbegleitung erzeugen eine Form von Intimität, die keine zusätzliche Instrumentierung benötigt.

Gerade in diesem Stück wird deutlich, wie wichtig Williams’ klassische musikalische Ausbildung für ihre Arbeit ist. Sie behandelt Stille nicht als leeren Zwischenraum, sondern als Teil der Komposition. Die Pausen besitzen Gewicht, weil sie die fehlenden Antworten und die emotionale Distanz unmittelbar erfahrbar machen.

DER SCHATTEN ALS TEIL DER EIGENEN PERSON

»Just A Shadow« wendet sich der Dunkelheit zu, die nicht von außen eindringt, sondern seit langer Zeit zur eigenen Persönlichkeit gehört. Williams beschreibt diesen Anteil nicht als klar besiegbaren Gegner. Der Schatten ist grausam, aber vertraut; er begleitet die Figur so lange, dass ein Leben ohne ihn beinahe ebenso beängstigend erscheint wie sein Fortbestehen.

Der Wunsch nach Flucht richtet sich deshalb nicht nur gegen eine Situation, sondern gegen einen Teil des eigenen Selbst. Die Bereitschaft, selbst in eine neue Gefahr hineinzugehen, wirkt weniger irrational, wenn die bestehende innere Belastung längst unerträglich geworden ist. Der Song zeigt damit, wie Menschen bekannte Schmerzen einer unsicheren Freiheit vorziehen können und wie radikal ein Ausbruch sein muss, wenn diese Ordnung schließlich zusammenbricht.

Musikalisch besitzt »Just A Shadow« einen der stärksten Spannungsbögen der Platte. Der dezente Einsatz der Kickdrum bereitet den späteren Anstieg vor, während der Bass die harmonische Bewegung fast unmerklich verstärkt. Sobald die verzerrten Gitarrne einsetzen, bleibt Williams’ Stimme dennoch das Zentrum. Sie wird nicht vom Arrangement überrollt, sondern gewinnt durch den Kontrast zusätzliche Autorität.

HOFFNUNG OHNE BESCHÖNIGUNG

Der Titel »It Won’t Rain Forever« könnte leicht nach einer einfachen Durchhalteparole klingen. Williams vermeidet jedoch genau diese Vereinfachung. Das Ende des Regens bedeutet nicht, dass Schmerz und Unsicherheit plötzlich verschwinden. Selbst Ruhe kann quälend sein, wenn ein Mensch so lange unter Anspannung gelebt hat, dass Entspannung nicht mehr als sicherer Zustand wahrgenommen wird.

Der Song beschreibt daher keine vollständige Genesung, sondern das Weitergehen trotz widersprüchlicher Empfindungen. Hoffnung besteht hier nicht in der Gewissheit, dass alles gut wird. Sie besteht in der Entscheidung, die Möglichkeit einer Veränderung nicht vollständig aufzugeben.

Musikalisch ist das Stück heller als viele andere Momente des Albums, ohne den Gesamtcharakter zu verlassen. Williams öffnet ihre Melodieführung, und auch die Gitarren wirken weniger bedrängend. Proctor spielt mit größerer Beweglichkeit und verleiht dem Song einen sanften Vorwärtsdrang. Die rhythmische Entwicklung unterstützt den Gedanken, dass Stillstand zwar überwunden werden kann, der folgende Weg aber weiterhin Kraft kostet.

ATMEN ALS RÜCKKEHR ZUM EIGENEN KÖRPER

»Breathe« richtet den Blick auf Angst als körperlichen Zustand. Die erzählende Person wünscht sich nicht sofort Glück oder eine neue Beziehung, sondern zunächst die Erfahrung von Ruhe. Dieser Wunsch ist grundlegend: Sie möchte wissen, wie es sich anfühlt, wenn der innere Griff nachlässt und die permanente Wachsamkeit für einen Moment endet.

Atmen wird damit zum Gegenbild der bisherigen Selbstkontrolle. Während »Hold It Together« das angestrengte Funktionieren beschreibt, geht es hier um die Erlaubnis, den Körper nicht länger gegen die eigenen Gefühle verteidigen zu müssen. Der Song verwechselt Heilung nicht mit Willenskraft. Die Figur bittet um eine Chance und erkennt damit an, dass sie ihre Situation nicht allein durch Disziplin lösen kann.

Williams’ Cello verleiht der Komposition eine körperliche Tiefe, während de Burgh Dalys Bass die langen Spannungsflächen trägt. Proctor hält sich anfangs zurück und lässt die Stimme frei stehen. Später wächst die Instrumentierung behutsma an, bis aus der Bitte nach Ruhe ein deutlich formulierter Anspruch auf ein anderes Leben wird.

DER SANFTE SCHADEN

Der abschließende Song »The Gentle Harm« fasst die psychologische Bewegung des Albums zusammen. Der Titel beschreibt Verletzungen, die nicht mit offenem Hass oder sichtbarer Gewalt verbunden sein müssen. Manche Menschen schaden anderen auf eine so zurückhaltende, alltägliche und scheinbar milde Weise, dass die Betroffenen lange an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln.

Als Reaktion darauf errichtet die erzählende Person Mauern, Dornen und einen inneren Käfig. Diese Schutzräume erfüllen zunächst ihren Zweck: Sie verhindern neue Verletzungen. Gleichzeitig schließen sie aber auch jede Form von Nähe und Entwicklung aus. Schutz wird zur Gefangenschaft.

Entscheidend ist, dass Williams den Ausbruch aus diesem Käfig nicht als sanfte Selbstfindung beschreibt. Die geschaffene Zuflucht muss mit erheblicher Kraft zerstört werden, weil sie längst Teil der eigenen Identität geworden ist. Die Wut richtet sich dabei sowohl gegen den verursachten Schaden als auch gegen die eigenen Mechanismen des Rückzugs.

Musikalisch bildet »The Gentle Harm« den folgerichtigen Abschluss. Das Klavier beginnt beinahe feierlich, doch die Harmonik bleibt instabil. Williams singt zunächst mit großer Ruhe und steigert ihre Ausdruckskraft erst, als die Instrumentierung dichter wird. Das Cello erweitert die tiefen Register, de Burgh Daly baut mit Bass und Gitarren ein zunehmend massives Klangbild auf, und Proctor führt die Komposition mit kraftvollen, aber präzise gesetzten Schlägen in das Finale.

Die abschließende Steigerung ist keine eindeutige Siegesfeier. Der Schatten bleibt bestehen, doch die Figur hat aufgehört, sich vollständig von ihm bestimmen zu lassen. Darin liegt die eigentliche Sonnenwende dieses Albums.

DREI MUSIKER, EIN GEMEINSAMES VERSTÄNDNIS VON DYNAMIK

Die Leistung von A.A. Williams geht weit über ihre Rolle als Sängerin hinaus. Als Komponistin, Pianistin, Gitarristin und Cellistin kontrolliert sie sowohl die harmonische Sprache als auch die emotionale Architektur des Albums. Ihr Gesang lebt nicht von maximaler Lautstärke oder technischer Selbstdarstellung. Entscheidend sind die feinen Veränderungen innerhalb einer Zeile: ein zurückgenommenes Wort, ein hörbarer Atemzug, ein bewusst rau belassener Ton oder der Wechsel von beinahe geflüsterter Nähe zu fester, klarer Stimme.

Am Klavier arbeitet Williams äußerst diszipliniert. Sie spielt selten mehr, als die jeweilige Szene benötigt. Die Akkorde schaffen Orientierung, lassen aber genug Raum für Stille, Gesang und die später hinzukommenden Instrumente. Ihr Cello übernimmt ebenfalls keine dekorative Funktion. Es verstärkt häufig jene emotionalen Bereiche, die der Text nur indirekt ausspricht, und verbindet die kammermusikalischen Passagen mit der Schwere der Bandarrangements.

Matt de Burgh Daly ist für die Geschlossenheit von »Solstice« ebenso entscheidend. Seine Gitarrenarbeit baut keine permanenten Klangwände, sondern unterscheidet sehr genau zwischen Begleitung, Textur und tatsächlicher Entladung. Einzelne Töne, Pedal-Steel-Färbungen und zurückhaltende Akkorde bekommen ebenso viel Bedeutung wie die großen verzerrten Passagen.

Am Bass sorgt de Burgh Daly dafür, dass die langen Kompositionen ihre Richtung behalten. Er orientiert sich nicht bloß an den Grundtönen, sondern verstärkt harmonische Übergänge und bereitet Steigerungen vor, bevor sie an der Oberfläche hörbar werden. Als Produzent und Mixer bewahrt er außerdem die Unterschiede zwischen Klavier, Cello, Stimme, Bass und Gitarren. Selbst in den dichtesten Momenten bleiben die einzelnen Ebenen nachvollziehbar.

Wayne Proctor spielt Schlagzeug mit einem ausgeprägten Verständnis für Zurückhaltung. Er behandelt die ruhigen Abschnitte nicht als Wartezeit bis zum nächsten lauten Teil, sondern arbeitet dort mit kleinen Akzenten, gedämpften Schlägen und fein dosierter Beckenarbeit. Wenn die Kompositionen schließlich an Intensität gewinnen, kann er die notwendige Kraft freisetzen, ohne den Gesang oder die harmonischen Details zu überdecken.

GROSSE WIRKUNG, ABER NICHT OHNE WIEDERHOLUNG

Die klare Stärke von »Solstice« liegt in der Verbindung aus Text, Dynamik und Instrumentierung. Williams schreibt nicht einfach melancholische Lieder über gescheiterte Beziehungen. Sie untersucht, wie solche Erfahrungen die eigene Wahrnehmung verändern und wie Schutzmechanismen irgendwann selbst zu einer Belastung werden.

Dennoch folgt ein Teil der Stücke einem ähnlichen dramaturgischen Verfahren: leiser Beginn, langsame Verdichtung, großer instrumentaler Höhepunkt. Williams und ihre Mitmusiker beherrschen diesen Aufbau außergewöhnlich gut, doch gegen Ende der knapp einstündigen Spielzeit ist das Prinzip deutlich erkennbar. Ein oder zwei stärker verkürzte oder formal anders organisierte Stücke hätten dem Album zusätzliche Kontraste geben können.

Auch die konsequent ernste Grundstimmung verlangt Aufmerksamkeit. »Solstice« eignet sich kaum als beiläufige Hintergrundmusik, weil die Stücke auf langsame Entwicklung und textliche Konzentration angewiesen sind. Genau darin liegt jedoch auch seine Qualität. Das Album versucht nicht, seine Themen durch schnelle Hooks oder künstlich gesetzte Härte leichter konsumierbar zu machen.

FAZIT:

»Solstice« ist ein tiefgründiges, musikalisch hervorragend ausgearbeitetes Album über emotionale Abhängigkeit, Selbstverlust und die schwierige Rückkehr zur eigenen Handlungsfähigkeit. A.A. Williams, Matt de Burgh Daly und Wayne Proctor verbinden präzise Zurückhaltung mit gewaltigen Steigerungen und lassen selbst kleine instrumentale Entscheidungen bedeutend erscheinen. Trotz leichter formaler Wiederholungen gehört das Werk mit 4 von 5 Punkten zu den stärksten Veröffentlichungen zwischen Post-Rock, Doom, Dark Folk und atmosphärischem Alternative Rock.

Musikvideo: Poison

Internet

A.A. Williams - Solstice - CD Review

AXEMASTER – Of Beasts And Plagues

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AXEMASTER - Of Beasts And Plagues - cover artwork
AXEMASTER - Of Beasts And Plagues - cover artwork

Band: AXEMASTER 🇺🇸
Titel: Of Beasts And Plagues
Label: Cosmic Fire Records
VÖ: 19/06/26
Genre: Heavy Metal, Thrash Metal, Doom Metal

Tracklist

01. The Plagues Among Us….
02. Murder of Crows
03. The Dark Side
04. Kissed With a Fist
05. Clinging to Life
06. Terrortory
07. Forsaken II
08. Dealers
09. Danse Macabre
10. Machine
11. Dagon Rising
12. Shadows Cast

 

Besetzung

Joe Sims – Lead Guitar
Jenson Kozar – Bass
Adam Windisch – Drums
Geoff McGraw – Vocals

 

Bewertung:

3,5/5

Vier Jahrzehnte Underground mit ungebrochener Leidenschaft

AXEMASTER gehören zu jenen US-amerikanischen Metalbands, die zwar nie den ganz großen kommerziellen Durchbruch schafften, sich über Jahrzehnte aber eine treue Fangemeinde erspielten. Bereits in den 1980er Jahren gegründet, entstand die Formation in einer Zeit, als klassischer Heavy-Metal, epische Hymnen und kraftvoller Doom ihren festen Platz in der Szene hatten. Zahlreiche Besetzungswechsel und Veränderungen innerhalb der Musikbranche konnten die Band nie ausbremsen. Statt Trends hinterherzulaufen, blieb AXEMASTER ihrem eigenen Stil treu und verbindet bis heute traditionellen Heavy Metal mit Power-Elementen und einer düsteren Atmosphäre. Mit »Of Beasts And Plagues« unterstreichen die Musiker erneut ihren Anspruch, zeitlosen Metal mit Herzblut und Charakter zu erschaffen.

Zwischen düsteren Visionen und klassischem Metal-Handwerk

Bereits das kurze Intro »The Plagues Among Us« schafft eine bedrohliche Stimmung und bereitet den Boden für das eigentliche Album. Der Übergang zu »Murder of Crows« gelingt fließend und präsentiert die Marschrichtung! Kräftige Gitarrenriffs, eingängige Melodien und eine Produktion, die bewusst organisch wirkt. Dabei steht weniger technische Perfektion als vielmehr die Atmosphäre im Vordergrund.

Joe Sims liefert mit seinem Gitarrenspiel den roten Faden des Albums. Seine Soli bleiben melodisch und verzichten auf unnötige Virtuosität, während Bassist Jenson Kozar und Schlagzeuger Adam Windisch für ein solides Fundament sorgen. Sänger Geoff McGraw setzt auf eine markante Stimme, die den Songs Persönlichkeit verleiht und sowohl in kraftvollen als auch in ruhigeren Momenten überzeugt.

Vielseitigkeit ohne den roten Faden zu verlieren

»The Dark Side« und »Kissed With a Fist« schlagen etwas energischere Töne an und zeigen die Nähe zum klassischen US-Power-Metal, ohne den doomigen Unterton ganz abzulegen. Gerade diese Mischung macht den Reiz der Platte aus. Die Songs besitzen ausreichend Dynamik, um abwechslungsreich zu bleiben, wirken aber dennoch wie aus einem Guss.

Mit »Clinging to Life« folgt ein Stück, das stärker auf Atmosphäre setzt. Die Gitarren entfalten ihre Wirkung in gemächlichem Tempo und lassen Raum für den Gesang. »Terrortory« zieht das Tempo anschließend wieder an und gehört zu den griffigeren Nummern der Platte. Hier gelingt es AXEMASTER besonders gut, traditionelle Heavy-Metal-Elemente mit modernen Einflüssen zu kombinieren.

Auch »Forsaken II« überzeugt durch seine epische Ausrichtung. Der Song entwickelt sich langsam und baut kontinuierlich Spannung auf. Fans melodischer Soli kommen dabei ebenso auf ihre Kosten, wie Liebhaber dunkler Harmonien.

Starke Ideen treffen auf kleinere Längen

Im weiteren Verlauf sorgen »Dealers« und »Danse Macabre« für unterschiedliche Akzente. Während Ersteres mit markanten Riffs punktet, lebt Letzteres von seiner düsteren Grundstimmung und einer fast schon erzählerischen Struktur. Beide Stücke verdeutlichen, dass AXEMASTER viel Erfahrung im Songwriting besitzen und ihre Kompositionen sorgfältig aufbauen.

»Machine« präsentiert sich kantiger und riffbetonter, ohne dabei die melodische Linie zu verlassen. »Dagon Rising« zählt anschließend zu den atmosphärischen Höhepunkten des Albums und entfaltet besonders gegen Ende eine eindrucksvolle Wirkung. Den Abschluss bildet »Shadows Cast«, das den Hörer mit schweren Gitarren und einer nachdenklichen Stimmung verabschiedet.

Allerdings erreicht nicht jeder Song das gleiche Niveau. Einige Passagen wirken etwas zu lang ausgearbeitet und hätten von einer kompakteren Struktur profitiert. Gerade im Mittelteil schleichen sich Momente ein, in denen die Spannung leicht abfällt. Dadurch fehlt dem Album stellenweise der letzte Funke, der aus einem guten Werk ein herausragendes machen würde.

Authentischer Metal für Liebhaber klassischer Klänge

Produktionstechnisch setzt »Of Beasts And Plagues« nicht auf Hochglanz, sondern auf Natürlichkeit. Die Instrumente besitzen genügend Druck, ohne steril zu klingen, und vermitteln das Gefühl einer Band, die ihre Musik aus Überzeugung spielt. Dieser Ansatz passt hervorragend zum traditionellen Charakter der Platte.

Die Mischung aus Heavy-, Power- und Doom-Metal funktioniert über weite Strecken ausgezeichnet. AXEMASTER verzichten auf modische Experimente und konzentrieren sich stattdessen auf starke Riffs, eingängige Refrains und eine dunkle Grundstimmung. Das Ergebnis richtet sich vor allem an Hörer, die ehrlichen Metal mit klassischen Wurzeln schätzen.

»Of Beasts And Plagues« ist kein Album, das durch spektakuläre Innovationen auffällt. Vielmehr lebt es von Erfahrung, Spielfreude und einer klaren musikalischen Identität. Die Band beweist, dass sie auch nach vielen Jahren noch relevante und überzeugende Musik schreiben kann. Kleinere Längen verhindern zwar eine höhere Wertung, doch unterm Strich steht ein solides und stimmungsvolles Werk, das insbesondere Fans traditionellen US-Metal ansprechen dürfte.

Fazit: AXEMASTER gelingt mit »Of Beasts And Plagues« ein solides bis gutes Album, das die Essenz ihrer musikalischen Identität einfängt.

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AXEMASTER - Of Beasts And Plagues - CD Review

DEVIL’S TRAIN – Devil’s Train

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DEVIL'S TRAIN - Devil's Train - cover artwork
DEVIL'S TRAIN - Devil's Train - cover artwork

Band: DEVIL’S TRAIN 🇩🇪
Titel: Devil’s Train
Label: Fireflash Records
VÖ: 19/06/26
Genre: Heavy Rock

Tracklist

01. Fire And Water
02. Devil’s Train
03. Roll The Dice
04. To The Ground
05. Forever
06. Sweet Devils Kiss
07. Find New Love
08. Room 66/64
09. Coming Home
10. Yellow Blaze
11. The Answers
12. American Woman

 

Besetzung

R.D. Liapakis – Vocals
Laki Ragazas – Guitars
Jari Kainulainen – Bass
Jörg Michael – Drums

 

Bewertung:

4/5

Das Debüt einer Hard-Rock-Supergroup rollt erneut an

Als sich Sänger R.D. Liapakis, Gitarrist Laki Ragazas, Bassist Jari Kainulainen und Schlagzeuger Jörg Michael zu DEVIL’S TRAIN zusammenschlossen, war schnell klar, dass hier keine gewöhnliche Studioformation am Werk war. Alle vier Musiker verfügten bereits über jahrzehntelange Erfahrung in der europäischen Rock- und Metalszene und brachten ihre jeweiligen Stärken in ein gemeinsames Projekt ein, das sich bewusst den klassischen Tugenden des Hard-Rock verschrieben hat. Das selbstbetitelte Debütalbum erschien ursprünglich vor einigen Jahren und ist nun als Neuauflage erstmals auch auf Vinyl erhältlich. Damit erhält eine Platte neue Aufmerksamkeit, die kraftvolle Riffs, eingängige Refrains und eine angenehm ungekünstelte Atmosphäre miteinander verbindet.

Zwischen Classic Rock und modernem Heavy Rock

Schon der Opener »Fire And Water« macht deutlich, wohin die Reise geht. Druckvolle Gitarren treffen auf einen kernigen Gesang, während die Rhythmussektion einen stabilen Unterbau liefert. DEVIL’S TRAIN orientieren sich hörbar an den großen Rockbands der Siebziger und Achtziger, kopieren diese Einflüsse jedoch nicht einfach. Stattdessen entsteht ein Sound, der vertraut wirkt und dennoch genug Eigenständigkeit besitzt, um sich von bloßer Nostalgie abzusetzen.

Der Titeltrack »Devil’s Train« legt noch eine Schippe Energie nach und entwickelt sich schnell zu einem der Höhepunkte des Albums. Die Kombination aus markantem Gitarrenriff und eingängigem Refrain besitzt Ohrwurmqualitäten, ohne dabei auf Härte zu verzichten. Hier zeigt sich die Erfahrung der Musiker, die genau wissen, wann technische Raffinesse gefragt ist und wann ein einfacher, aber wirkungsvoller Groove die bessere Entscheidung darstellt.

Vielseitige Songs ohne Stilbrüche

Mit »Roll The Dice« und »To The Ground« bewegt sich das Quartett souverän zwischen Heavy-Rock und melodischem Hard-Rock. Besonders Laki Ragazas setzt mit seinen Soli immer wieder Akzente, die technisch anspruchsvoll ausfallen, sich aber nie in den Vordergrund drängen. Ebenso überzeugend präsentiert sich Jari Kainulainen am Bass, dessen Spiel den Songs zusätzliche Dynamik verleiht.

Eine andere Seite offenbart die Band auf »Forever«. Die Nummer nimmt Tempo heraus und setzt stärker auf Atmosphäre und Melodie. R.D. Liapakis beweist dabei, dass seine markante Stimme nicht nur aggressive Passagen überzeugend transportieren kann, sondern auch emotionale Momente glaubwürdig vermittelt. Diese Abwechslung sorgt dafür, dass das Album trotz seiner klassischen Ausrichtung niemals eintönig wirkt.

Mit »Sweet Devils Kiss« und »Find New Love« geht es anschließend wieder deutlich rockiger zur Sache. Vor allem die Refrains bleiben schnell im Gedächtnis und laden zum Mitsingen ein. Die Produktion verzichtet auf übermäßige Effekte und lässt den Instrumenten ausreichend Raum, wodurch ein angenehm organischer Gesamteindruck entsteht.

Spielfreude steht im Mittelpunkt

Einen interessanten Kontrast bietet »Room 66/64«, das mit einer leicht düsteren Stimmung und abwechslungsreichen Arrangements überrascht. Direkt danach sorgt »Coming Home« für eine lockerere Note und vermittelt das Gefühl einer klassischen Roadtrip-Hymne, bei der Melodie und Groove perfekt ineinandergreifen.

Auch »Yellow Blaze« und »The Answers« halten das hohe Niveau weitgehend aufrecht. Zwar fehlt ihnen vielleicht die unmittelbare Durchschlagskraft der stärksten Stücke auf dem Album, dennoch fügen sie sich harmonisch in das Gesamtbild ein und profitieren vom eingespielten Zusammenspiel der Musiker. Besonders Jörg Michael überzeugt hier mit präzisem Schlagzeugspiel, das niemals überladen wirkt und den Songs stets den passenden Rhythmus verleiht.

Den Abschluss bildet die Interpretation von »American Woman«. Anstatt den bekannten Klassiker radikal umzudeuten, bleibt DEVIL’S TRAIN dem Geist des Originals treu und verleiht ihm gleichzeitig ihre eigene rockige Handschrift. Das Ergebnis wirkt respektvoll und unterhaltsam, ohne den Eindruck einer bloßen Pflichtübung zu hinterlassen.

Gelungene Neuauflage eines starken Debüts

Die Wiederveröffentlichung von »Devil’s Train« zeigt eindrucksvoll, dass gute Hard-Rock-Alben auch Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung nichts von ihrer Wirkung verlieren müssen. Die zwölf Songs überzeugen durch starke Gitarrenarbeit, eingängige Melodien und eine authentische Performance aller Beteiligten. Gerade weil die Band auf künstliche Modernisierung verzichtet und stattdessen kompromisslos ihren Stil verfolgt, besitzt das Album einen zeitlosen Charakter.

Nicht jeder Titel erreicht das Niveau der absoluten Highlights, und stellenweise wäre etwas mehr Risiko wünschenswert gewesen. Dennoch überwiegen die positiven Eindrücke deutlich. Wer klassischen Heavy-Rock mit kraftvollen Hooks, erfahrenen Musikern und ehrlicher Spielfreude schätzt, findet hier eine Veröffentlichung, die auch in der Vinyl-Neuauflage ihre Berechtigung besitzt.

Mit vier von fünf möglichen Punkten gelingt DEVIL’S TRAIN ein überzeugender Einstieg, der bis heute Bestand hat und eindrucksvoll unter Beweis stellt, wie viel Qualität in dieser hochkarätig besetzten Formation steckt.

Fazit: DEVIL’S TRAIN hat mit seinem Debütalbum ein starkes Zeichen gesetzt. Die Neuauflage auf Vinyl macht das Werk noch attraktiver für Musikliebhaber, die Wert auf Soundqualität und Sammlerobjekte legen.

Internet

DEVIL'S TRAIN - Devil's Train - CD Review