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Akhoth – Of Might And Hierarchy

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Akhoth - Of Might And Hierarchy - cover artwork
Akhoth - Of Might And Hierarchy - cover artwork

Band: Akhoth 🇦🇺
Titel: Of Might and Hierarchy
Label: Eigenveröffentlichung / Signal Rex
VÖ: 30.05.2025 / internationale CD-Neuauflage 05.06.2026
Format: Digital / CD / Vinyl angekündigt
Genre: Medieval Black Metal / Raw Melodic Black Metal

Tracklist

01. Fractured Divinity – 03:08
02. Veil of the Cosmic Night – 03:59
03. The Conjugation of Famine – 07:44
04. Oath of Iron and Blood – 00:53
05. Emperor’s Demise – 04:00
06. …Of Ambivalence and Iniquity – 05:02
07. The Ancient Betrayal (Mendacious Lord) – 05:26

Besetzung

Xieistnet – Gesang, Texte
Swamp Tyrant – Gitarren, Bass, Songwriting
LCF – Schlagzeug, Akustikgitarre, Songwriting

Akiva Ljungström – Aufnahme, Engineering, Mix
Gaslight Studios – Produktion
Tomek – Logo
LCF – Covergestaltung, Design

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Aus dem australischen Queensland erhebt sich mit Akhoth eine Formation, die für ihr Debütalbum keine gläsernen Hochhäuser, digitalen Überwachungsstaaten oder moderne Weltuntergangsszenarien benötigt. Auf »Of Might and Hierarchy« herrschen eiserne Schwüre, göttliche Macht, hungernde Reiche, verräterische Herrscher und eine gesellschaftliche Ordnung, die nicht durch Verträge, sondern durch Blut und Stahl aufrechterhalten wird.

Das ursprünglich im Mai 2025 veröffentlichte Album gelangte zunächst nur in einer kleinen Auflage in den Untergrund. Rund ein Jahr später hebt Signal Rex das Werk aus seiner relativen Verborgenheit und macht es einer größeren internationalen Hörerschaft zugänglich. Eine nachvollziehbare Entscheidung, denn Akhoth präsentieren auf diesen sieben Stücken keinen gesichtslosen Black-Metal-Aufguss, sondern eine temperamentvolle Verbindung aus roher Produktion, melodischer Gitarrenarbeit, mittelalterlich anmutender Erhabenheit und fast punkigem Vorwärtsdrang.

Die Australier klingen dabei weniger nach einem einsamen Schatten, der regungslos auf einem verschneiten Berggipfel steht, sondern nach einer bewaffneten Gefolgschaft, die mit wehenden Bannern auf das nächste Burgtor zustürmt. Die Musik ist scharf, rau und traditionsbewusst, besitzt gleichzeitig aber eine Lebendigkeit, die vielen absichtlich leblos produzierten Veröffentlichungen des Genres fehlt.

Albumstream:

DIE HIERARCHIE STEHT IN FLAMMEN

Bereits der Albumtitel macht deutlich, dass Akhoth nicht an persönlicher Selbstfindung oder alltäglichen Befindlichkeiten interessiert sind. »Of Might and Hierarchy« richtet den Blick auf Machtordnungen, göttliche Legitimation, Treue, Verrat und jene Gewalt, mit der Herrschaft errichtet und verteidigt wird.

Die mittelalterliche Ausrichtung erschöpft sich dabei nicht in Schwertgeklirr, Burgenromantik und einem passenden Covermotiv. Die gesamte Musik folgt einer Vorstellung von archaischer Größe. Wiederkehrende Melodien wirken wie Signale eines Horns, während die Rhythmusgruppe nicht selten den Eindruck eines hastigen Vormarschs erzeugt.

Anstelle moderner Präzision regiert eine rohe, aber kontrollierte Darbietung. Die Instrumente besitzen Ecken, Kanten und eine gewisse Unberechenbarkeit. Das Schlagzeug atmet, die Gitarren kratzen und der Gesang klingt nicht wie eine exakt bearbeitete Tonspur, sondern wie eine Stimme, die ausmitten eines brennenden Heerlagers gegen Sturm und Stahl anschreit.

Gerade diese Verbindung aus rauer Oberfläche und melodischer Klarheit macht den Reiz der Platte aus. Unter dem Schmutz liegen nachvollziehbare Riffs, wiedererkennbare Motive und Strukturen, die nicht im reinen Chaos verschwinden.

ZERBROCHENE GÖTTLICHKEIT

»Fractured Divinity« eröffnet das Album ohne langwierige Vorbereitungen. Die Band stürzt sich unmittelbar in ein Geflecht aus schneidenden Gitarren, drängendem Schlagzeug und dem zerrissenen Kreischen von Xieistnet. Der Song besitzt eine fast triumphale Grundhaltung, obwohl sein Titel bereits den Bruch einer vermeintlich unantastbaren Ordnung ankündigt.

Swamp Tyrant verbindet flirrendes Tremolo-Picking mit Riffs, die deutlich stärker auf körperlichen Vorwärtsdrang setzen. Manche Passagen besitzen beinahe eine Black-’n’-Roll-artige Direktheit. Der Kopf beginnt sich zu bewegen, bevor der Verstand überhaupt vollständig sortiert hat, welche Melodie gerade durch den Klangnebel schneidet.

Aufgebaut auf einem bombenfesten Fundament aus Drums und Bass werden die Gitarren nicht zu einer undurchdringlichen Wand aufgetürmt, sondern in mehreren gut erkennbaren Schichten aufgebettet. Während eine Spur das rhythmische Gerüst zusammenhält, kann sich eine zweite mit helleren und bewusst schrilleren Bewegungen darüberlegen.

LCF bearbeitet sein Schlagzeug mit einer auffallenden Lebendigkeit. Statt lediglich das notwendige Gerüst unter die Riffs zu setzen, reagiert er auf die Gitarren, treibt sie an und bricht immer wieder mit kurzen Wirbeln aus dem gleichmäßigen Puls aus. Dadurch wirkt »Fractured Divinity« nicht wie ein sauber ablaufendes Programm, sondern wie ein tatsächlich stattfindendes Gefecht.

HINTER DEM SCHLEIER DER KOSMISCHEN NACHT

Mit »Veil of the Cosmic Night« folgt eine der unmittelbarsten Nummern des Albums. Der Song ist kompakt, griffig und besitzt mehrere Gitarrenbewegungen, die sich trotz der rauen Produktion schnell im Gedächtnis festsetzen.

Das Stück zeigt besonders deutlich, dass melodischer Black Metal nicht zwangsläufig weich, romantisch oder überproduziert klingen muss. Die Melodien werden nicht auf einem symphonischen Samtkissen serviert, sondern mit rostigen Nägeln in die Songstruktur geschlagen. Sie besitzen Widerhaken und eine fast körperliche Schärfe.

Der Bass verleiht den Gitarren zusätzlichen Druck, während das Schlagzeug zwischen treibenden Rhythmen und kurzen beschleunigten Ausbrüchen wechselt. Über allem liegt Xieistnets heiserer Gesang. Seine Stimme ist kein tiefes, dämonisches Grollen, sondern ein raues, stellenweise beinahe bellendes Kreischen, das erstaunlich viel Energie transportiert.

Der Titel öffnet das Album erstmals stärker in Richtung kosmischer und spiritueller Vorstellungen. Doch auch hier entsteht keine schwerelose Atmosphäre. Die Nacht ist bei Akhoth kein stiller Sternenhimmel, sondern ein Schleier, hinter dem sich Macht, Unheil und eine größere Ordnung verbergen.

Die knapp vier Minuten vergehen beinahe zu schnell. Einige Motive hätten durchaus länger ausgearbeitet werden können. Gleichzeitig ist gerade diese Kürze ein Teil der Wirkung. Der Song schlägt zu, setzt seine Haken und verschwindet, bevor die zentrale Melodie an Kraft verlieren kann.

DIE BESCHWÖRUNG DES HUNGERS

»The Conjugation of Famine« bildet mit fast acht Minuten das ausgedehnte Herzstück des Albums. Nach den beiden kurzen Eröffnungsangriffen nehmen sich Akhoth deutlich mehr Zeit, ihre Motive auszubreiten und unterschiedliche Spannungszustände aufzubauen.

Der Begriff Hunger erhält innerhalb der mittelalterlichen Bilderwelt eine besondere Bedeutung. Er kann körperliche Not beschreiben, steht aber ebenso für unstillbares Machtstreben. Reiche hungern nach Land, Herrscher nach Einfluss und Menschen nach einer göttlichen Ordnung, die ihrem Leiden einen Sinn geben soll.

Musikalisch entsteht dieser Eindruck durch beharrliche Wiederholung. Riffs kehren zurück, verändern jedoch ihre Wirkung, weil Schlagzeug und begleitende Gitarren neue Akzente setzen. Die Band setzt weniger auf abrupte Überraschungen als auf eine langsame Verschiebung der Kräfte.

Schärfere Tremolo-Passagen wechseln mit schwereren, beinahe marschierenden Abschnitten. Das Schlagzeug bleibt beweglich und verhindert, dass sich die lange Spielzeit in statischer Wiederholung verliert. Besonders die rhythmischen Übergänge geben dem Stück jene körperliche Spannung, die bei episch angelegtem Black Metal schnell fehlen kann.

Nicht jede Passage besitzt dieselbe Prägnanz. Im Mittelteil könnte die Komposition etwas straffer geführt sein. Manche Wiederholung verlängert die Atmosphäre stärker, als sie die musikalische Aussage vertieft. Dennoch rechtfertigt das Stück seine Position als längster Titel, weil es dem Album Größe und einen ersten echten Ruhepol innerhalb des bisherigen Ansturms verleiht.

EIN SCHWUR VOR DEM FEUER

Nach dem ausgedehnten Hauptstück folgt mit »Oath of Iron and Blood« ein gerade einmal 53 Sekunden langes akustisches Zwischenspiel. Leise Gitarren und das Geräusch eines Feuers unterbrechen die bisherige Raserei und erzeugen den Eindruck einer kurzen nächtlichen Zusammenkunft.

Der Titel lässt an einen Schwur denken, der nicht vor einem Gericht oder auf einem beschriebenen Pergament geleistet wird. Eisen und Blut bilden die Grundlagen einer Verbindung, die im Zweifelsfall mit dem eigenen Leben verteidigt werden muss.

LCFs Akustikgitarre erfüllt hier eine klare dramaturgische Funktion. Das Stück ist kein dekoratives Intro, das beliebig zwischen zwei Songs geschoben wurde, sondern markiert die Mitte des Albums. Nach Kampf, kosmischer Nacht und Hunger wird für einen Moment innegehalten, bevor die Hierarchie selbst angegriffen wird.

Gerade weil »Oath of Iron and Blood« so kurz bleibt, wirkt es. Eine mehrminütige Dungeon-Synth- oder Lagerfeuerpassage hätte den aufgebauten Schwung unnötig gebremst. So entsteht lediglich ein kurzer Atemzug – und danach wird die Axt wieder aufgehoben.

DER KAISER MUSS FALLEN

»Emperor’s Demise« setzt anschließend mit neuem Schwung ein. Das Schlagzeug übernimmt beinahe die Führung und peitscht die übrigen Instrumente durch einen der lebendigsten Songs der Platte. LCF nutzt schnelle Wirbel, wechselnde Akzente und kleine rhythmische Ausbrüche, ohne das Stück in technische Selbstdarstellung zu verwandeln.

Swamp Tyrant antwortet darauf mit kompakten Riffketten, die zwischen rohem Black Metal und räudigem Metal-Punk vermitteln. Das Stück besitzt einen dreckigen Rock-’n’-Roll-Kern, der unter den melodischen Gitarrenbewegungen deutlich hörbar bleibt.

Der Untergang des Kaisers wird musikalisch nicht als langsame Tragödie inszeniert. Hier stürzt eine Machtordnung lärmend zusammen. Die Band klingt beinahe ausgelassen, als würden die alten Banner bereits brennen und die Tore des Palastes von innen geöffnet.

Diese ungewöhnlich triumphale Energie verhindert, dass das Album vollständig in finsterer Gleichförmigkeit versinkt. Akhoth spielen Black Metal, der trotz aller Dunkelheit lebendig und stellenweise geradezu euphorisch wirkt. Die Musiker scheinen sich gegenseitig anzutreiben und auf die nächste Steigerung zu lauern.

Das hat mit steriler Perfektion wenig zu tun. Einzelne Töne stehen scharf hervor, Becken krachen und der Gesang scheint gelegentlich fast über den übrigen Instrumenten zu zerreißen. Genau darin liegt der Charakter des Songs. Ein glattgezogener Mix würde ihm einen beträchtlichen Teil seiner Wirkung nehmen.

ZWISCHEN ZWEIFEL UND FREVEL

»…Of Ambivalence and Iniquity« bringt eine melancholischere Färbung in die zweite Albumhälfte. Die Gitarren behalten ihren rauen Klang, richten sich jedoch stärker auf melodische Spannungsbögen aus. Zwischen den kämpferischen Bewegungen entsteht ein Gefühl von Unsicherheit.

Der Titel verbindet Ambivalenz mit moralischer Verfehlung. Macht erscheint nicht mehr ausschließlich als äußere Herrschaft, sondern als innerer Konflikt. Treue, Ehrgeiz, Glaube und Verrat lassen sich in einer hierarchischen Welt kaum sauber voneinander trennen.

Musikalisch ist das einer der Momente, in denen Akhoth über die reine Angriffslust hinausgehen. Die Melodien wirken nachdenklicher, ohne in romantische Weichzeichnung abzugleiten. Das Schlagzeug bleibt aktiv, lässt den Gitarren aber mehr Raum zur Entfaltung.

Besonders gelungen ist die Verbindung aus melancholischen Motiven und weiterhin festem rhythmischem Druck. Viele Bands trennen ihre atmosphärischen und aggressiven Passagen deutlich voneinander. Akhoth lassen beides gleichzeitig stattfinden. Die Gitarren können klagen, während Bass und Schlagzeug bereits den nächsten Angriff vorbereiten.

Xieistnets Gesang bleibt dagegen weitgehend in derselben harschen Tonlage. Das passt zur rohen Ausrichtung, begrenzt jedoch die dramatische Tiefe. Einige tiefere Stimmen, geflüsterte Passagen oder bewusster gesetzte Pausen hätten die ambivalente Stimmung des Titels noch stärker hervorheben können.

DER LÜGENHERR UND DER URALTE VERRAT

Mit »The Ancient Betrayal (Mendacious Lord)« endet das Album auf einem dunkleren und etwas langsameren Pfad. Die zuvor häufig triumphale Energie wird zurückgenommen. Statt eines siegreichen Abschlusses bleibt der Eindruck einer Ordnung, die auf Täuschung errichtet wurde und daher zwangsläufig erneut zerbrechen muss.

Die Gitarren verwenden ausdrucksstarke, bedrohliche Motive. Diese wirken weniger wie ein offener Sturmangriff und mehr wie eine Macht, die sich hinter den Mauern bewegt. Der Verrat ist bereits geschehen, seine Folgen werden jedoch erst allmählich sichtbar.

LCF bleibt auch im kontrollierteren Tempo ausgesprochen beschäftigt. Kleine Fills und rhythmische Verschiebungen halten die Musik in Bewegung. Das Schlagzeug begleitet nicht bloß, sondern kommentiert die Gitarren und verleiht einzelnen Übergängen zusätzliche Spannung.

Swamp Tyrant findet eine überzeugende Balance aus düsteren Akkorden und melodischen Linien. Die Motive besitzen genügend Wiedererkennungswert, ohne den Song in einen eingängigen Refrain zwingen zu müssen. Dadurch wirkt das Finale ernster und verschlossener als die vorherigen Stücke.

Der Schluss verweigert eine klare Auflösung. Die Hierarchie wurde offengelegt, ein Kaiser ist gestürzt und uralter Verrat trat zutage. Doch an die Stelle der alten Ordnung tritt keine neue Gewissheit. Macht bleibt ein Kreislauf aus Aufstieg, Herrschaft, Täuschung und Verfall.

SCHLAGZEUG STATT KLANGKÄFIG

Eine der größten Stärken von »Of Might and Hierarchy« ist das natürliche Schlagzeug. In einem Genre, das häufig zwischen absichtlich primitivem Gerumpel und klinisch bearbeiteter Präzision schwankt, findet LCF einen wesentlich lebendigeren Mittelweg.

Sein Spiel ist schnell, kraftvoll und detailreich, wirkt aber niemals wie eine Sammlung einzeln zusammengesetzter Schläge. Kleine Schwankungen und spontane Akzente vermitteln den Eindruck einer tatsächlichen Darbietung. Gerade dadurch erhalten die Stücke ihre punkige Unmittelbarkeit.

Besonders bei »Fractured Divinity« und »Emperor’s Demise« treibt das Schlagzeug die Gitarren vor sich her. In anderen Momenten reagiert es auf melodische Veränderungen oder bereitet einen neuen Abschnitt vor. Diese Wechselwirkung sorgt dafür, dass sich die Musik trotz wiederkehrender stilistischer Mittel nicht vollkommen statisch anfühlt.

Der Bass bleibt stärker im Hintergrund, erfüllt dort aber seine Funktion. Er verdichtet die rhythmischen Gitarren und gibt den Stücken einen robusten Unterbau. Eine etwas deutlichere Präsenz hätte dem Album zusätzlichen Körper verliehen, insbesondere in den langsameren Passagen des Schlussstücks.

GITARREN WIE ROSTIGE BANNER

Swamp Tyrants Gitarrenton gehört zu den markantesten Merkmalen des Albums. Er ist hell, rau und stellenweise bewusst schrill. Die höheren Linien schneiden durch den Mix, während die rhythmischen Riffs genügend Substanz besitzen, um nicht zu kraftlosem Hintergrundrauschen zu werden.

Die melodischen Figuren erinnern an alte Banner, deren Farben längst verblichen sind, die aber weiterhin über einem Schlachtfeld wehen. Sie vermitteln Größe, ohne gepflegt oder majestätisch poliert zu wirken.

Einige Riffs besitzen jene räudige Direktheit, die frühen Desaster auszeichnete. Daneben stehen flirrende Black-Metal-Linien, melancholische Motive und robuste Akkordfolgen, die stärker aus traditionellem Heavy Metal oder Punk gespeist scheinen.

Die Vielfalt entsteht somit nicht durch vollständige Stilwechsel, sondern durch unterschiedliche Gewichtung derselben Grundelemente. Mal steht das Tremolo-Picking im Vordergrund, mal ein einfacher, aber wirkungsvoller Rhythmus und gelegentlich eine melodische Figur, die mehrere Durchläufe lang im Kopf bleibt.

An manchen Stellen kippt der helle Ton in eine etwas anstrengende Schärfe. Besonders bei höherer Lautstärke können einzelne Gitarrenpassagen dünner wirken, als es die darunterliegenden Riffs verdient hätten. Eine geringfügig vollere Produktion hätte hier zusätzlichen Druck erzeugen können, ohne den rohen Charakter zu beschädigen.

EIN GESANG WIE EIN ZERRISSENER BEFEHL

Xieistnets Stimme passt hervorragend zur martialischen Ausrichtung des Albums. Sein Kreischen klingt rau, ungeschliffen und stellenweise beinahe überdreht. Er trägt die Texte nicht wie ein distanzierter Erzähler vor, sondern wirkt wie eine Figur innerhalb dieser Welt.

Der Gesang besitzt mehr triumphale Energie als reine Verzweiflung oder Menschenhass. Selbst in den finsteren Stücken klingt Xieistnet häufig nicht besiegt, sondern herausfordernd. Diese Haltung unterscheidet Akhoth von zahlreichen Bands, deren Sänger ausschließlich auf völlige emotionale Erstarrung setzen.

Auf Dauer bleibt die Ausdrucksweise allerdings etwas einheitlich. Die Stimme bewegt sich überwiegend innerhalb derselben zerrissenen Tonlage. Weil auch die Gitarren häufig mit hellen Frequenzen arbeiten, entsteht stellenweise Konkurrenz um denselben klanglichen Raum.

Etwas mehr Variation hätte den langen »The Conjugation of Famine« und das abschließende »The Ancient Betrayal (Mendacious Lord)« zusätzlich aufgewertet. Dennoch besitzt Xieistnet genügend Wiedererkennungswert, um nicht im allgemeinen Black-Metal-Gekreische unterzugehen.

ROH, ABER NICHT GEDANKENLOS

Produziert wurde das Album von den Gaslight Studios. Akiva Ljungström war für Aufnahme, Engineering und Mix verantwortlich. Das Ergebnis bewahrt die raue Untergrundwirkung, ohne die Kompositionen vollständig im Nebel verschwinden zu lassen.

Das Schlagzeug bleibt klar wahrnehmbar, die Gitarren lassen sich voneinander unterscheiden und der Gesang besitzt genügend Raum, um über die Instrumente zu schneiden. Gleichzeitig wurde nichts künstlich aufgeblasen. Die Produktion klingt nicht nach hundert übereinandergelegten Gitarrenspuren und auch nicht nach einem Schlagzeug, das in ein digitales Raster geprügelt wurde.

Diese Natürlichkeit unterstützt die mittelalterliche Atmosphäre. »Of Might and Hierarchy« wirkt nicht wie eine moderne Inszenierung über eine vergangene Epoche, sondern wie ein Fundstück, das mit genügend Sorgfalt freigelegt wurde, ohne jeden Rost zu entfernen.

Der Klang hat jedoch Grenzen. Der Bass könnte präsenter sein, manche Gitarrenspitzen wirken sehr dünn und die größeren melodischen Momente könnten räumlich breiter erscheinen. Wer druckvollen modernen Black Metal erwartet, wird die Platte möglicherweise als zu spröde empfinden.

Doch eine klinische Hochglanzproduktion wäre hier die deutlich schlechtere Entscheidung gewesen. Die Musik lebt von Reibung, Bewegung und dem Eindruck, dass die Beteiligten gemeinsam gegen die Grenzen der Aufnahme anspielen.

EIN STURM MIT ÄHNLICHEN BANNERN

Die größte Schwäche des Albums liegt in der begrenzten Abgrenzung einzelner Songs. Fast alle Stücke verwenden eine ähnliche Verbindung aus rohen melodischen Gitarren, harschem Gesang und lebendigem Schlagzeug. Die Energie bleibt hoch, doch dadurch konkurrieren manche Titel miteinander, anstatt klar voneinander getrennte Identitäten auszubilden.

»Oath of Iron and Blood« schafft als akustisches Zwischenspiel einen wichtigen Einschnitt. Weitere kurze instrumentale Übergänge oder deutlichere Tempowechsel hätten dem Gesamtwerk zusätzliche Konturen verleihen können.

Auch der lange »The Conjugation of Famine« könnte stärker von den kompakten Stücken abgehoben werden. Die zusätzliche Spielzeit allein erzeugt noch keine vollkommen andere dramaturgische Form. Einige Motive werden länger ausgeführt, doch ein radikalerer Ruhepunkt oder ein besonders schwerer Schlussabschnitt hätte seine Stellung als Zentrum des Albums noch deutlicher gemacht.

Auf der anderen Seite sorgt diese stilistische Geschlossenheit für einen ungebrochenen Fluss. Die Platte wirkt wie ein einziger Feldzug. Kaum ist eine Auseinandersetzung beendet, bewegt sich die Gefolgschaft bereits auf das nächste Ziel zu.

MITTELALTER OHNE MARKTSTAND

Erfreulich ist, dass Akhoth ihre mittelalterliche Ausrichtung nicht mit Dudelsack, Tavernengesang oder folkloristischer Fröhlichkeit verwechseln. Hier gibt es weder Met noch Tanzmusik und auch keinen singenden Händler, der vor dem nächsten Refrain seine Ledergürtel anpreist.

Das Mittelalter erscheint als Epoche von Mangel, Gewalt, Glauben und streng organisierter Macht. Selbst die triumphalen Passagen besitzen eine raue Kälte. Der Sieg einzelner Figuren bedeutet nicht automatisch Freiheit, sondern häufig nur die Errichtung der nächsten Hierarchie.

Diese ernste Herangehensweise bewahrt das Album vor unfreiwilligem Theater. Die Bildwelt ist deutlich, doch die Musik bleibt Black Metal und wird nicht zur Kostümveranstaltung.

Die Band verwendet historische Vorstellungen dabei nicht als dokumentarische Erzählung. Es geht weniger um konkrete Ereignisse als um archetypische Konflikte: Herrscher und Untertanen, göttlicher Anspruch und zerbrochene Legitimation, Schwur und Verrat, Hunger und Macht.

Gerade dadurch bleibt das Konzept über die mittelalterliche Oberfläche hinaus relevant. Hierarchien verändern ihre äußere Gestalt, doch der Kampf um Einfluss, Deutung und Kontrolle wiederholt sich.

DREI MUSIKER, EIN GEMEINSAMER ANGRIFF

Obwohl die Aufgaben klar verteilt sind, klingt das Album nicht wie das Produkt voneinander isolierter Einzelspuren. Gitarre und Schlagzeug reagieren unmittelbar aufeinander. Der Gesang sitzt nicht nachträglich über der Musik, sondern scheint gegen sie anzukämpfen.

Swamp Tyrant liefert das melodische und rhythmische Gerüst. Seine Riffs sind nicht unnötig kompliziert, besitzen aber ausreichend Bewegung und Wiedererkennungswert. Der Musiker versteht, dass eine prägnante Tonfolge im richtigen Moment stärker wirken kann als eine technisch überladene Konstruktion.

LCF ist der auffälligste Instrumentalist. Sein Schlagzeugspiel verleiht selbst einfacheren Riffs zusätzliche Dynamik. Gleichzeitig zeigt das akustische Zwischenspiel, dass seine Funktion nicht auf Geschwindigkeit und körperliche Wucht beschränkt bleibt.

Xieistnet gibt der Platte mit seiner rauen Stimme und den Texten ihre menschliche Perspektive. Er klingt nicht wie ein allwissender Chronist, sondern wie ein Teilnehmer der beschriebenen Ordnung – möglicherweise Krieger, Verräter, Untertan und Ankläger zugleich.

Diese gemeinsame Energie ist wichtiger als technische Perfektion. Akhoth wirken nicht wie drei Musiker, die um den größten persönlichen Moment kämpfen. Sie klingen wie eine Einheit, die geschlossen auf dasselbe Tor zustürmt.

DIE NEUAUFLAGE HOLT DAS WERK AUS DEM SCHATTEN

Dass Signal Rex das Album international neu auflegt, ist mehr als eine nachträgliche kosmetische Maßnahme. Die ursprüngliche Veröffentlichung war nur eingeschränkt erhältlich und verschwand entsprechend schnell in den tieferen Schichten des Untergrunds.

Die Neuauflage gibt dem Werk eine zweite Gelegenheit, ohne seinen ursprünglichen Charakter umzuschreiben. Das Album wird nicht mit Bonusmaterial überfrachtet, neu arrangiert oder in ein vermeintlich zeitgemäßes Klangbild gezwungen. Es bleibt dieselbe halbstündige Attacke.

Diese Konzentration ist eine weitere Stärke. Sieben Titel und gut 30 Minuten reichen aus, um die Welt der Platte aufzubauen, mehrere Kämpfe auszutragen und die Ordnung am Ende erneut infrage zu stellen. Kein belangloses Outro verlängert die Laufzeit, und kein überflüssiger Bonustrack verwässert den Abschluss.

Die angekündigte Vinylfassung passt besonders gut zur bewusst traditionellen Ausrichtung. Dennoch funktioniert das Album auch digital, weil seine Wirkung nicht allein von physischer Exklusivität oder Untergrundromantik abhängt. Unter der rauen Oberfläche befinden sich schlicht starke Riffs und eine Band mit spürbarer Energie.

FAZIT:

»Of Might and Hierarchy« ist ein lebendiges, raues und auffallend temperamentvolles Debüt. Akhoth verbinden mittelalterlich geprägte Erhabenheit mit melodischem Black Metal, punkiger Angriffslust und einer Rhythmussektion, die den Songs weit mehr Bewegung verleiht als das übliche mechanische Dauerfeuer.

Besonders »Fractured Divinity«, »Veil of the Cosmic Night«, »Emperor’s Demise« und das düstere Finale »The Ancient Betrayal (Mendacious Lord)« zeigen die Stärken der Australier. Die Gitarren besitzen griffige Melodien, LCF liefert ein hervorragendes und natürlich klingendes Schlagzeugspiel und Xieistnets zerrissener Gesang fügt sich glaubwürdig in die martialische Welt ein.

Die Songs könnten teilweise deutlicher voneinander abgegrenzt sein. Der Gesang bleibt über längere Strecken ähnlich gefärbt, der Bass steht zu weit im Hintergrund und einige Gitarrenspitzen geraten unnötig dünn. Auch das lange »The Conjugation of Famine« hätte seine ausgedehnte Spielzeit noch konsequenter für einen stärkeren dramaturgischen Bruch nutzen können.

Diese Schwächen ändern nichts daran, dass Akhoth ein eigenständiges und hörenswertes Werk vorlegen. Die Band behandelt Medieval Black Metal nicht als folkloristische Kulisse, sondern als musikalischen Feldzug durch Herrschaft, Hunger, Treue und Verrat.

Die Hierarchie wurde errichtet, der Kaiser gestürzt und der Lügenherr enttarnt. Zurück bleibt ein Album, das lieber mit rostiger Klinge kämpft, als sich hinter sauber polierter Rüstung zu verstecken.

Song: Veil of the Cosmic Night

Internet

Akhoth - Of Might and Hierarchy - CD Review

Ditheist – Cosmic Liar

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Ditheist - Cosmic Liar - cover artwork
Ditheist - Cosmic Liar - cover artwork

Band: Ditheist 🇺🇸
Titel: Cosmic Liar
Label: Eigenveröffentlichung
VÖ: 06.06.2026
Format: Digital / CD angekündigt
Genre: Death Metal / Deathgrind

Tracklist

01. Cosmic Liar – 02:17
02. Evil To Live – 03:20
03. Kill The Priest – 04:09
04. Nyarlathotep – 04:05
05. Apoplectic Delirium – 03:49
06. Covenant Ov Torture – 04:12
07. Mouth Of Hell – 03:38
08. Singularity – 03:35

Besetzung

Matt „Chesterfields“ Wright – Gesang, Texte
Konrad Lysak – Gitarre, Texte
Brian Frost – Gitarre, Bass
Narcyz Fortuna – Schlagzeug

Briant Daniel – Gitarrensoli bei »Nyarlathotep« und »Covenant Ov Torture«
Thomas Moore – Oud-Intro bei »Nyarlathotep«
Mad Chad Chanfield – Irish Low Whistle bei »Nyarlathotep«

Chris Wisco – Aufnahme, Mix, Mastering, Produktion
Konrad Lysak – Produktion
Tatomir Pitariu – Coverartwork

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Uldra Brudaler Death Metal alder! Mit »Cosmic Liar« melden sich die Chicagoer Todesmetaller Ditheist nach mehr als einem Jahrzehnt mit ihrem zweiten vollständigen Album zurück und schmeißen euch ohne lange Vorwarnung die Prügel raus. Acht Stücke, knapp 30 Minuten Spielzeit und keinerlei Interesse an musikalischer Rücksichtnahme: Das Quartett setzt auf rasende Riffs, Blastbeats, sägende Soli, gutturalen Gesang und eine Grundhaltung, die irgendwo zwischen klassischem amerikanischem Death Metal, Deathgrind und technisch kontrollierter Verwüstung liegt.

Seit dem 2015 erschienenen Debütalbum »Eternity Of Nothingness« ist reichlich Zeit vergangen. Ditheist klingen auf ihrer Rückkehr jedoch nicht eingerostet, sondern deutlich konzentrierter und aggressiver. Die Musiker greifen Einflüsse von Deicide, Vader, Morbid Angel, Decapitated und Atheist auf, ohne sich vollständig einer technischen oder brutalen Unterkategorie des Death Metal zu unterwerfen.

Das Material wird von kurzen, griffigen Riffmotiven getragen, die mit ständigen Tempowechseln, Blastbeats, Doublebass-Attacken und überraschend melodischen Gitarrensoli verbunden werden. Inhaltlich bewegt sich »Cosmic Liar« durch Blasphemie, religiöse Heuchelei, kosmisches Grauen, existenzielle Abgründe und die üblichen finsteren Orte, an denen christliche Erlösung garantiert keinen Parkplatz findet.

Albumstream:

DER KOSMISCHE LÜGNER SCHLÄGT ZUERST ZU

Der eröffnende Titelsong »Cosmic Liar« benötigt lediglich etwas mehr als zwei Minuten, um die Marschrichtung des Albums festzulegen. Ein kurzes Gitarrenmotiv wird von Blastbeats überrollt, während Matt „Chesterfields“ Wright seine gutturalen Befehle durch die Instrumente drückt. Der Song funktioniert weniger als ausgedehnte Komposition denn als gezielte Eröffnungssalve.

Die Gitarren von Konrad Lysak und Brian Frost setzen auf kompakte, tief gestimmte Riffs. Statt einzelne Motive minutenlang auszuwalzen, werden sie schnell ausgetauscht oder rhythmisch verschoben. Dadurch entsteht bereits im Opener eine nervöse Bewegung, die das gesamte Album prägt.

Wrights Stimme bewegt sich überwiegend in einer mitteltiefen gutturalen Lage. Seine Worte werden nicht vollständig von der Gitarrenwand verschluckt, sondern bleiben vergleichsweise verständlich. Der Gesang funktioniert dabei fast wie ein zusätzliches Rhythmusinstrument. Kurze Phrasen werden eng mit den Riffs verbunden und verstärken deren schlagende Wirkung.

Der Titelsong könnte durchaus länger sein. Gerade als sich die einzelnen Elemente vollständig miteinander verzahnen, endet die Nummer bereits. Gleichzeitig verhindert diese Kürze jede Form von Leerlauf. Ditheist treten die Tür ein, hinterlassen einen Krater im Eingangsbereich und gehen sofort zum nächsten Raum über.

DAS BÖSE LEBT RÜCKWÄRTS UND VORWÄRTS

»Evil To Live« beginnt mit einer kurzen akustischen Passage und schafft damit einen deutlichen Kontrast zur unmittelbaren Gewalt des Openers. Die Ruhe ist allerdings schnell vorbei. Nach wenigen Augenblicken setzt die gesamte Band ein und verwandelt den palindromischen Songtitel in einen erstaunlich eingängigen Death-Metal-Refrain.

Inhaltlich richtet sich das Stück gegen religiöse Doppelmoral, moralische Überlegenheit und eine angebliche Reinheit, die durch Gewalt und Unterdrückung erzwungen werden soll. Die christliche Symbolik wird umgedreht, während Leviathan und dämonische Kräfte als Gegenbilder zur scheinheiligen Ordnung angerufen werden.

Der Refrain bleibt durch seine einfache Wiederholung unmittelbar hängen. Das ist für Death Metal keine Selbstverständlichkeit. Ditheist beweisen hier, dass brutale Musik nicht auf Wiedererkennungswert verzichten muss. Die zentrale Phrase wird so lange in den Schädel gehämmert, bis selbst der örtliche Exorzist unfreiwillig mitspricht.

Musikalisch besitzt der Song mehr Groove als der hektische Auftakt. Die Rhythmusgitarren wechseln zwischen beschleunigten Anschlägen und schwereren, klar akzentuierten Bewegungen. Das Schlagzeug begleitet diesen Wechsel mit präzisen Doublebass-Figuren und kurzen Blastbeat-Schüben.

»Evil To Live« gehört zu den stärksten Stücken des Albums, weil Härte, Eingängigkeit und textliche Aussage besonders sauber ineinandergreifen. Die akustische Einleitung bleibt nicht bloß ein bedeutungsloser Effekt, sondern sorgt dafür, dass der folgende Angriff noch massiver erscheint.

DER PRIESTER STEHT AUF DER ABSCHUSSLISTE

Bereits der Titel von »Kill The Priest« lässt keine umfangreiche theologische Debatte erwarten. Ditheist greifen die blasphemische Tradition des Death Metal auf und kleiden sie in eine der längeren Kompositionen des Albums.

Das Stück arbeitet stärker mit Riffs, die an Vader erinnern. Die Gitarren sind schnell und präzise, besitzen aber genügend Gewicht, um nicht in konturlosem Geschredder zu verschwinden. Besonders gelungen sind die Übergänge zwischen den rasenden Passagen und den schwereren rhythmischen Einschüben.

Aufgebaut auf einem bombenfesten Fundament aus Drums und Bass werden die Gitarren von Lysak und Frost gekonnt aufgebettet. Während eine Spur den rhythmischen Angriff zusammenhält, können melodische und technisch anspruchsvollere Figuren darübergelegt werden. Der Bass bleibt dabei überwiegend eng an den Gitarren, sorgt aber für den nötigen Druck im unteren Frequenzbereich.

Wright variiert seinen Vortrag etwas stärker als zuvor. Einzelne Worte werden länger gezogen, während andere als kurze gutturale Schläge auf die Riffs gesetzt werden. Diese Phrasierung verleiht dem Song zusätzliche Dynamik.

Das Gitarrensolo zeigt die technischen Fähigkeiten der Musiker, wirkt jedoch etwas deutlich vom übrigen Songkörper abgetrennt. Es setzt plötzlich ein, liefert eine schnelle Demonstration handwerklicher Sicherheit und verschwindet wieder. Etwas stärker in die vorhergehenden Melodien eingebunden, hätte es eine nachhaltigere Wirkung entfalten können.

Trotzdem gehört »Kill The Priest« zu den stärkeren Nummern der ersten Albumhälfte. Der Song ist brutal, gut strukturiert und besitzt genügend Tempowechsel, um seine vier Minuten ohne Ermüdungserscheinungen zu überstehen.

NYARLATHOTEP ERWACHT IN CHICAGO

Mit »Nyarlathotep« öffnet sich das Album erstmals deutlicher in Richtung Atmosphäre. Der nach einer Figur aus dem kosmischen Grauen von H. P. Lovecraft benannte Song beginnt mit Oud und Irish Low Whistle. Die ungewöhnliche Instrumentierung erzeugt den Eindruck eines uralten Rituals, bevor die Death-Metal-Maschinerie einsetzt.

Für das Intro sind Thomas Moore und Mad Chad Chanfield verantwortlich. Ihre Beiträge heben die Nummer deutlich von den übrigen Stücken ab. Statt direkt mit Blastbeats loszuprügeln, nehmen sich Ditheist einen kurzen Moment, um eine fremdartige und bedrohliche Stimmung aufzubauen.

Nach dem Intro brechen massive Riffs hervor. Das Schlagzeug wechselt zwischen rasender Geschwindigkeit und kontrollierten, schwereren Passagen. Die Gitarren nutzen diese rhythmischen Veränderungen für eine der abwechslungsreichsten Kompositionen der Platte.

Der von Briant Daniel eingespielte Gastbeitrag verleiht dem Song zusätzliche melodische Schärfe. Sein Solo ist technisch anspruchsvoll, bleibt aber kompakt genug, um die Atmosphäre nicht durch ausgedehnte Griffbrettakrobatik zu zerlegen.

Die fremdartigen Instrumente werden nach dem Intro allerdings kaum weiter in die Komposition eingebunden. Hier verschenkt die Band etwas Potenzial. Eine Wiederaufnahme der Oud- oder Flötenmelodie im Mittelteil oder am Ende hätte »Nyarlathotep« noch stärker als eigenständiges Stück definiert.

Dennoch ist die Nummer ein Höhepunkt. Die Riffs besitzen Größe, das Tempo wird sinnvoll variiert und die kosmische Thematik erhält tatsächlich eine musikalische Entsprechung. Wo die vorherigen Songs hauptsächlich mit körperlicher Gewalt arbeiten, kommt hier erstmals ein Gefühl unbegreiflicher Bedrohung hinzu.

APOPLEKTISCHER KONTROLLVERLUST

»Apoplectic Delirium« kehrt anschließend zum direkteren Death Metal zurück. Der Song beginnt ohne atmosphärische Einleitung und stürzt sich sofort in beschleunigte Riffs, Blastbeats und gutturale Ausbrüche.

Der Titel beschreibt bereits den Grundzustand der Nummer. Die Musik wirkt wie ein kontrollierter Anfall, bei dem jede Bewegung kurz davorsteht, vollständig aus der Spur zu geraten. Ditheist halten das Geschehen jedoch mit großer rhythmischer Disziplin zusammen.

Besonders Narcyz Fortuna sorgt dafür, dass die zahlreichen Wechsel nicht auseinanderfallen. Seine Doublebass-Figuren sitzen präzise unter den Gitarren, während kurze Fills neue Abschnitte einleiten. Die Blastbeats werden nicht pausenlos eingesetzt, sondern dienen als gezielte Steigerungen.

Die Gitarren wechseln zwischen dissonanten Figuren und klassischen Palm-Mute-Riffs. Dadurch entsteht ein rauer technischer Einschlag, ohne dass der Song in mathematische Komplexität abdriftet. Ditheist demonstrieren ihre Fähigkeiten, vergessen dabei aber nicht, dass ein Death-Metal-Riff auch körperlich wirken muss.

Im Vergleich zu »Nyarlathotep« fällt die Nummer konventioneller aus. Es gibt weniger atmosphärische Besonderheiten und keine ungewöhnliche Instrumentierung. Dafür liefert »Apoplectic Delirium« einen konzentrierten Angriff, der die zweite Albumhälfte mit ordentlich Schub eröffnet.

DER BLUTVERTRAG DER FOLTER

»Covenant Ov Torture« verbindet klassischen amerikanischen Death Metal mit einer besonders scharfen, beinahe thrashigen Riffarbeit. Der Song besitzt eine hohe Grundgeschwindigkeit, wird aber immer wieder von schweren Akzenten und kurzen rhythmischen Verschiebungen unterbrochen.

Die bewusste Schreibweise mit „Ov“ bedient eine bekannte extremmetallische Tradition und weist zugleich auf die finstere, rituelle Ausrichtung der Nummer hin. Inhaltlich lassen Titel und Gesamtzusammenhang einen Bund erkennen, der nicht durch Vertrauen oder Glauben, sondern durch Schmerz und Unterwerfung geschlossen wird.

Fortuna liefert erneut eine herausragende Leistung. Seine Füße arbeiten fast ununterbrochen, ohne dass das Schlagzeug zu einem gleichförmigen Maschinengewehr verkommt. Kurze Wechsel zu triolischen Figuren verändern den Bewegungsfluss und verhindern, dass die Musik ausschließlich geradeaus rast.

Briant Daniel übernimmt auch hier ein Gastsolo. Der Beitrag besitzt melodische Konturen und bildet einen wirkungsvollen Gegensatz zu den kompakten Rhythmusgitarren. Wie schon bei »Nyarlathotep« zeigt sich, dass Ditheist nicht nur auf stumpfe Brutalität setzen, sondern ein deutliches Interesse an klassischer Leadgitarrenarbeit besitzen.

Die Nummer erinnert stellenweise an Vader, während die brutalen Gesangsrhythmen und dunklen Harmonien stärker in Richtung Deicide weisen. Eigenständige Neuerfindung klingt anders, doch die Umsetzung besitzt ausreichend Energie und handwerkliche Qualität.

DAS MAUL DER HÖLLE STEHT OFFEN

»Mouth Of Hell« gehört zu den kompromisslosesten Titeln des Albums. Die Gitarren setzen mit messerscharfen Riffs ein, während das Schlagzeug den Song beinahe ununterbrochen nach vorne treibt. Ruhepausen werden hier offenbar als Zeichen menschlicher Schwäche betrachtet.

Das Stück trägt eine deutliche Deicide-Färbung. Besonders die Verbindung aus schnellen, tief gestimmten Rhythmusgitarren, blasphemischer Grundhaltung und melodischen Solopassagen erinnert an die spätere Phase der Florida-Legenden.

Die Leadgitarre zeigt dabei einen Einfluss, der an den verstorbenen Ralph Santolla denken lässt. Schnelle Tonfolgen treffen auf melodische Bewegungen, die über dem brutalen Unterbau stehen, ohne dessen Wirkung abzuschwächen.

Wright klingt hier besonders aggressiv. Seine Stimme sitzt deutlich im Zentrum des Mixes und wird nicht unter den Gitarren begraben. Dadurch bleibt der Song trotz seiner hohen Dichte nachvollziehbar.

Die Struktur ist geradliniger als bei »Nyarlathotep« oder »Covenant Ov Torture«. Das macht »Mouth Of Hell« nicht unbedingt originell, aber ausgesprochen wirkungsvoll. Der Song ist ein schneller Schlag gegen den Schädel, der weder eine Entschuldigung noch einen Eisbeutel hinterlässt.

DIE SINGULARITÄT VERSCHLINGT DEN REST

Mit »Singularity« endet das Album auf einem seiner stärksten Momente. Die Band verbindet hohe Geschwindigkeit mit schwereren Halbzeitpassagen und gibt den Riffs dadurch mehr Raum zur Entfaltung.

Fortunas Schlagzeugspiel steht erneut im Mittelpunkt. Schnelle Doublebass-Bewegungen werden mit triolischen Figuren und abrupten Wechseln kombiniert. Der Schlagzeuger demonstriert technische Präzision, ohne den Song in eine reine Leistungsschau zu verwandeln.

Die Gitarren profitieren besonders von den langsameren Abschnitten. Wenn das Schlagzeug in einen schwereren Rhythmus wechselt, treten die harmonischen Spannungen und tiefen Akkorde deutlicher hervor. Die Musik öffnet sich für einen Moment, bevor der nächste Geschwindigkeitsausbruch alles wieder unter sich begräbt.

Der Titel verweist auf einen Punkt, an dem bekannte Regeln zusammenbrechen und alles in einer einzigen Kraft verdichtet wird. Musikalisch passt das hervorragend zur Funktion des Songs. Die unterschiedlichen Elemente des Albums – Blastbeats, Doublebass, kompakte Riffs, melodische Leads und schwere Grooves – werden noch einmal zusammengeführt.

Dass Ditheist eine ihrer stärksten Nummern an das Ende stellen, ist eine gute Entscheidung. »Singularity« hinterlässt einen deutlich nachhaltigeren Eindruck als ein beliebiges Outro oder eine langsam ausklingende Instrumentalpassage.

DIE RHYTHMUSSEKTION SCHMEISST DIE PRÜGEL RAUS

Die herausragende Leistung auf »Cosmic Liar« liefert Narcyz Fortuna. Sein Schlagzeugspiel bildet nicht nur das Fundament des Albums, sondern steuert einen erheblichen Teil seiner Dynamik. Blastbeats, Doublebass-Figuren, Triolen und schwere Halbzeitpassagen werden präzise miteinander verbunden.

Fortuna spielt schnell, aber nicht eindimensional. Er verwendet Geschwindigkeit als Werkzeug und nicht als permanenten Selbstzweck. Besonders bei »Nyarlathotep«, »Covenant Ov Torture« und »Singularity« verändert sein Spiel die Wirkung der Gitarren entscheidend.

Der von Brian Frost eingespielte Bass bleibt im Mix zurückhaltender. Er sorgt für Druck und verdichtet die Rhythmusgitarren, entwickelt aber nur selten eine deutlich eigenständige Stimme. Gerade in den langsameren Passagen hätte das Instrument stärker hervortreten können.

Trotzdem funktioniert die Rhythmussektion als stabiles Fundament. Die schnellen Gitarren können ihre zahlreichen Wechsel nur deshalb überzeugend durchführen, weil Bass und Schlagzeug das Material zuverlässig zusammenhalten.

RIFFS ZWISCHEN PRÄZISION UND KONTROLLIERTEM CHAOS

Die Gitarrenarbeit von Konrad Lysak und Brian Frost bewegt sich zwischen klassischem amerikanischem Death Metal und technischeren Ansätzen. Die Musiker verwenden kurze Riffmotive, verändern deren Akzentuierung und wechseln häufig das Tempo.

Dadurch entsteht eine hohe Informationsdichte. Selbst kurze Songs enthalten mehrere rhythmische Ideen und Gitarrenfiguren. Die Band verliert sich jedoch selten vollständig in technischer Komplexität. Immer wieder tauchen einfache, griffige Riffs auf, die den Stücken körperliche Direktheit verleihen.

Die Soli besitzen einen deutlich melodischeren Charakter als die Rhythmusgitarren. Diese Trennung funktioniert grundsätzlich gut, wirkt stellenweise aber etwas blockartig. Manche Leadpassage scheint über einen bereits vollständigen Riffabschnitt gelegt worden zu sein, anstatt organisch aus ihm hervorzugehen.

Besonders bei »Nyarlathotep« gelingt die Verbindung besser. Dort tragen Atmosphäre, Rhythmus und Leadgitarren gemeinsam zur Dramaturgie bei. Andere Songs präsentieren ihre Soli stärker als eigenständige technische Einschübe.

Handwerklich gibt es wenig auszusetzen. Lysak und Frost spielen präzise, schnell und mit einem sicheren Gespür für klassische Death-Metal-Spannung. Die große stilistische Überraschung bleibt aus, doch die Riffs besitzen genügend Schärfe, um das Album über seine kompakte Laufzeit zu tragen.

GUTTURALE BEFEHLSAUSGABE

Matt „Chesterfields“ Wright setzt nicht auf extrem tiefe, kaum noch menschlich erkennbare Geräusche. Sein Gesang bewegt sich stärker in einer mittleren gutturalen Lage und bleibt dadurch innerhalb des dichten Mixes vergleichsweise präsent.

Diese Entscheidung passt zur rhythmischen Ausrichtung der Musik. Wright phrasiert viele Zeilen wie Befehle und setzt Silben eng auf die Gitarrenbewegungen. Der Gesang begleitet die Riffs nicht nur, sondern verstärkt deren rhythmische Wirkung.

Seine Stimme besitzt Aggression, Druck und ausreichend Wiedererkennungswert. Eine größere Bandbreite aus tieferen Growls, höheren Schreien oder geflüsterten Passagen hätte einzelnen Songs dennoch zusätzliche Konturen verliehen.

Gerade auf einem Album, dessen instrumentale Grundsprache bewusst eng zusammengehalten wird, könnten stärkere vokale Kontraste für mehr Abwechslung sorgen. Wright erfüllt seine Aufgabe überzeugend, verlässt seinen bevorzugten Ausdrucksbereich aber nur selten.

KLARE PRODUKTION OHNE PLASTIKPANZER

Aufgenommen, gemischt und gemastert wurde »Cosmic Liar« von Chris Wisco im Belle City Sound in Racine, Wisconsin. Gemeinsam mit Konrad Lysak übernahm Wisco auch die Produktion.

Der Klang verbindet moderne Klarheit mit ausreichender organischer Härte. Die Gitarren sind stark komprimiert, bleiben aber voneinander unterscheidbar. Das Schlagzeug besitzt einen sehr klaren Attack, besonders bei der Bassdrum, ohne vollständig nach programmiertem Plastikgewitter zu klingen.

Wrights Stimme steht deutlich im Zentrum. Selbst während schneller Blastbeat-Passagen bleibt sie hörbar und wird nicht von Becken oder Gitarren überlagert. Der Bass besetzt den tieferen Frequenzbereich, ohne den gesamten Mix in undefiniertes Brummen zu verwandeln.

Die Produktion unterstützt Fortunas präzises Spiel besonders gut. Doublebass-Figuren und rhythmische Wechsel lassen sich jederzeit nachvollziehen. Gleichzeitig bleibt genügend natürliche Bewegung erhalten, um nicht den Eindruck einer vollständig am Raster ausgerichteten Studioübung zu erzeugen.

Einige Hörer könnten sich eine dreckigere und weniger kontrollierte Produktion wünschen. Die moderne Klarheit nimmt der Musik stellenweise etwas von jener unberechenbaren Gefahr, die klassischer Death Metal entwickeln kann. Dennoch passt der Mix zur technischen Ausrichtung der Band.

DIE UNGEWÖHNLICHEN INSTRUMENTE BLEIBEN GÄSTE

Akustische Gitarre, Oud und Irish Low Whistle bringen interessante Klangfarben in das Album. Sie sorgen dafür, dass einzelne Stücke nicht vollständig nach demselben Schema beginnen. Besonders das Intro von »Nyarlathotep« erzeugt sofort eine eigene Atmosphäre.

Diese Instrumente bleiben jedoch überwiegend kurze Gäste. Sie eröffnen einen Song, verschwinden anschließend aber fast vollständig aus der Komposition. Dadurch wirken sie stärker wie dekorative Übergänge als wie entscheidende Bestandteile des Songwritings.

Das ist verschenktes Potenzial. Eine wiederkehrende Oud-Melodie, eine Flötenlinie über einem langsameren Riff oder eine stärkere Verzahnung mit den Gitarren hätte dem Album mehr Eigenständigkeit verleihen können.

Die Band zeigt, dass sie bereit ist, über die klassische Besetzung hinauszudenken. Der nächste Schritt müsste darin bestehen, solche Elemente nicht nur als Einleitung, sondern als tragende kompositorische Werkzeuge einzusetzen.

BRUTALITÄT INNERHALB BEKANNTER GRENZEN

Die größte Stärke des Albums liegt in seiner Konsequenz. Ditheist wissen genau, welche Form des Death Metal sie spielen möchten. Schnelle Riffs, Blastbeats, Doublebass, gutturaler Gesang und melodische Soli werden in acht kompakte Stücke gepresst.

Gleichzeitig liegt darin die zentrale Schwäche. Viele Songs verwenden ähnliche Bauteile und unterscheiden sich stärker durch einzelne Riffs als durch grundlegend verschiedene Dramaturgien. Nach der Hälfte des Albums sind die meisten Werkzeuge bekannt.

»Nyarlathotep« fällt deshalb besonders positiv auf. Die ungewöhnliche Einleitung und der atmosphärischere Aufbau verleihen dem Stück eine klarere Identität. Auch »Singularity« profitiert von seinen markanten Halbzeitpassagen.

Weitere Ausbrüche dieser Art hätten »Cosmic Liar« noch stärker gemacht. Die Band muss ihren Death-Metal-Kern dafür nicht aufgeben. Bereits kleine Veränderungen in Instrumentierung, Tempo oder Gesangsform könnten die Songs deutlicher voneinander abgrenzen.

Aufgrund der knappen Spielzeit entwickelt sich die Ähnlichkeit allerdings nicht zu einem schwerwiegenden Problem. Nach etwas mehr als 29 Minuten ist die Schlacht beendet, bevor sich die Wiederholungen vollständig abnutzen können.

EIN COVER ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE

Das von Tatomir Pitariu gestaltete Cover fügt sich hervorragend in die Themenwelt des Albums ein. Eine geisterhafte, beinahe religiöse Szenerie zeigt blutende Engelsgestalten, leidende Seelen und eine dämonische Figur, die auf die Verderbtheit himmlischer Macht verweist.

Das Artwork wirkt nicht wie eine gewöhnliche Ansammlung aus Schädeln, Pentagrammen und Feuer. Es besitzt eine malerische Qualität und verbindet sakrale Bildsprache mit kosmischem Grauen.

Damit greift es die zentralen Motive des Albums auf: Religion erscheint nicht als Quelle der Erlösung, sondern als Machtapparat voller Gewalt, Täuschung und verborgener Bosheit. Himmel und Hölle sind keine klaren Gegensätze mehr, sondern Bestandteile derselben verdorbenen Ordnung.

Die Gestaltung von Logo und Albumtitel wirkt gegenüber dem detailreichen Gemälde etwas schlicht. Das eigentliche Motiv besitzt jedoch genügend Kraft, um diesen Schwachpunkt weitgehend auszugleichen.

FAZIT:

»Cosmic Liar« ist eine kompakte und technisch starke Death-Metal-Rückkehr. Ditheist überzeugen mit präzisen Riffs, Fortunas herausragendem Schlagzeugspiel und Höhepunkten wie »Evil To Live«, »Nyarlathotep«, »Mouth Of Hell« und »Singularity«.

Mehr kompositorische Ausbrüche und eine stärkere Einbindung der ungewöhnlichen Instrumente hätten dem Album zusätzliche Eigenständigkeit verliehen. Wer jedoch eine halbe Stunde kontrollierte Brutalität zwischen Deicide, Vader und modernem Deathgrind sucht, bekommt hier ordentlich die Prügel rausgeschmissen.

Official Music Video: Nyarlathotep

Internet

Ditheist - Cosmic Liar - CD Review

Blüdwyrm – The Blissful Sleep Of Ignorance

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Bluedwyrm - The Blissful Sleep Of Ignorance - cover Artwork
Bluedwyrm - The Blissful Sleep Of Ignorance - cover Artwork

Band: Blüdwyrm 🇬🇧
Titel: The Blissful Sleep Of Ignorance
Label: Road To Masochist Records
VÖ: 05.06.2026
Format: CD / Kassette / Digital
Genre: Sludge Metal / Doom Metal / Stoner Doom

Tracklist

01. Preacher Of My Own Demise
02. Isolate
03. The Vultures
04. Pesticides

Besetzung

Leo Butterworth – Bass, Gesang
Alex Jones – Gitarre, Effekte
Seb Olds – Schlagzeug

Aufgenommen in den Poole Gateway Studios
Andrei Dipper – Mix, Mastering, Co-Produktion
Blüdwyrm – Produktion
Putra Satria Nugraha – Artwork

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Was bedeutet eigentlich »The Blissful Sleep Of Ignorance« – ist Unwissenheit tatsächlich ein friedlicher Schlaf oder lediglich eine bequeme Betäubung, mit der wir den eigenen Zerfall und den Zustand unserer Umwelt ausblenden? Blüdwyrm aus Bournemouth beantworten diese rhetorische Frage nicht mit philosophischer Feinmechanik, sondern mit heruntergestimmten Gitarren, knurrendem Bass und einer Stimme, die sich anhört, als hätte sie mehrere Nächte in einem feuchten Keller mit den eigenen Dämonen diskutiert. Auf ihrer Debüt-EP verbinden die Briten Doom Metal, Sludge und Stoner-Grooves zu vier schweren Entladungen über Selbstzerstörung, Isolation, geistige Fremdbestimmung und eine Welt, die aus ihrem eigenen Gift auch noch Kapital schlägt.

Full EP Stream: The Blissful Sleep Of Ignorance

DER FRIEDLICHE SCHLAF VOR DEM ZUSAMMENBRUCH

Der Albumtitel beschreibt einen Zustand, in dem mangelndes Wissen zunächst wie Schutz wirken kann. Wer nicht hinsieht, muss sich nicht mit seiner eigenen Verantwortung, gesellschaftlicher Gewalt oder dem drohenden ökologischen Kollaps auseinandersetzen. Ignoranz ermöglicht Ruhe – allerdings nur so lange, bis die verdrängte Wirklichkeit durch die Tür bricht und den Schlafenden mitsamt Bettgestell aus dem Fenster wirft.

Blüdwyrm betrachten diesen Zustand sowohl nach innen als auch nach außen. Die Texte handeln von Selbstentfremdung, geistiger Isolation und zerstörerischen Gedankenkreisen, richten sich aber ebenso gegen Menschen und Systeme, die aus Angst, Ausgrenzung und Umweltzerstörung ihren Nutzen ziehen.

Die Band benötigt dafür nur knapp 18 Minuten. Dennoch wirkt die EP nicht wie eine lose Ansammlung erster Gehversuche. Die vier Stücke folgen einer nachvollziehbaren Entwicklung: vom selbst verursachten persönlichen Niedergang über vollständige Isolation und äußere Fremdbestimmung bis zur gesellschaftlichen und ökologischen Vergiftung.

Musikalisch setzt das Trio auf Masse, Raum und Kontrast. Die Gitarren sind tief gestimmt und mit Fuzz überzogen, der Bass drückt mit großer körperlicher Präsenz und das Schlagzeug bewegt sich zwischen schleppendem Doom, schweren Grooves und einzelnen schnelleren Ausbrüchen. Ruhige Passagen öffnen kurz die Fenster, bevor die nächste Verstärkerwand wieder sämtliche Luft aus dem Raum presst.

PREDIGER DES EIGENEN UNTERGANGS

»Preacher Of My Own Demise« beginnt mit einem schweren, rollenden Riff, das zunächst überraschend viel Stoner-Groove besitzt. Der Song schleppt sich nicht sofort durch zähen Schlamm, sondern bewegt sich mit einem knorrigen Rhythmus vorwärts. Erst nach und nach verliert er seine Stabilität und sinkt tiefer in eine langsamere, deutlich bedrückendere Sludge-Passage.

Der Titel beschreibt einen Menschen, der seinen eigenen Untergang nicht nur vorhersieht, sondern ihn selbst verkündet und möglicherweise aktiv vorbereitet. Die verlorenen Teile der Persönlichkeit werden nicht einer äußeren Macht zugeschrieben. Sie entstehen aus einer formlosen Existenz, aus Erniedrigung und aus der eigenen Beteiligung am Verfall.

Leo Butterworth singt nicht als distanzierter Beobachter. Seine Stimme klingt erschöpft, rau und körperlich angegriffen. Die Worte dringen aus dem Mix wie jemand, der unter einem eingestürzten Gebäude liegt und trotzdem noch genügend Luft besitzt, um seine eigene Grabrede zu halten.

Sein Bass übernimmt eine tragende Rolle. Das Instrument verdoppelt nicht ausschließlich die Gitarre, sondern gibt dem Hauptriff einen zusätzlichen knurrenden Untergrund. Zusammen mit Seb Olds entsteht ein schweres Fundament, auf dem Alex Jones seine verzerrten Akkorde errichten kann.

Besonders wirkungsvoll ist der kurze Rückzug in eine reduzierte Passage. Die schwere Klangwand bricht plötzlich auseinander, einzelne Töne bleiben stehen und geben dem Hörer einen Moment zum Atmen. Wenn die Band anschließend zurückkehrt, besitzt das Riff mehr Gewicht, obwohl es musikalisch nicht komplizierter geworden ist.

DIE WÄNDE HABEN KEIN ENDE

»Isolate« ist mit etwas mehr als drei Minuten das kürzeste Stück, entwickelt aber die bedrückendste Atmosphäre. Die zentrale Figur fühlt sich verlassen, von Ketten umgeben und in einem Raum gefangen, dessen Wände kein erkennbares Ende besitzen.

Isolation wird dabei nicht als friedlicher Rückzug beschrieben. Sie ist ein formloser, auswegloser Zustand, in dem jede Umgebung nur noch Verfall erkennen lässt. Sobald die Nacht beginnt, verblasst die eigene Persönlichkeit weiter. Sehnsucht bleibt vorhanden, kann gegen die permanente Enge jedoch nichts ausrichten.

Musikalisch verzichtet das Trio weitgehend auf einen klassischen Spannungsbogen. Das Stück lebt von einem unerbittlich pulsierenden Riff, das sich wiederholt und dadurch immer bedrückender wirkt. Es gibt keinen großen Refrain und keine melodische Befreiung. Die Wiederholung selbst wird zur Gefängnismauer.

Butterworth setzt seinen Gesang wie eine Beschwörung über den schleppenden Rhythmus. Die Stimme liegt tief im Klangbild und wirkt dadurch weniger wie eine klare Botschaft als wie ein Gedanke, der innerhalb eines abgeschlossenen Bewusstseins immer wiederkehrt.

Jones arbeitet mit wenigen Akkorden und zusätzlichen Effekten. Im Hintergrund entstehen verzerrte Geräusche und Rückkopplungen, die den Song räumlich größer machen. Die Gitarre wirkt nicht wie ein einzelnes Instrument, sondern wie ein Gebäude, dessen tragende Teile langsam unter zu großer Belastung nachgeben.

Olds hält den Rhythmus bewusst einfach. Seine Schläge stehen weit auseinander, besitzen aber ausreichend Gewicht, um jede Bewegung zu markieren. Mehr technische Aktivität hätte der klaustrophobischen Wirkung eher geschadet.

DIE GEIER KREISEN IM KOPF

»The Vultures« richtet den Blick stärker nach außen. Die titelgebenden Geier sind keine Tiere, sondern Menschen oder gesellschaftliche Kräfte, die Unsicherheit ausnutzen, Kontrolle predigen und andere ausgrenzen, um ihre eigenen Ängste zu rechtfertigen.

Sie greifen nicht nur den Körper oder die soziale Stellung an. Sie dringen in die Gedanken ein, bestimmen den Blick auf die Welt und markieren Menschen bereits im Voraus als gescheitert. Die zentrale Figur erkennt diesen Mechanismus, bleibt aber von ihm gezeichnet.

Der Song beginnt mit einem schmutzigen Groove, der deutlich stärker nach Sludge und Stoner Metal klingt als nach klassischem Doom. Der Bass schiebt, die Gitarre arbeitet mit einem rauen Hauptriff und Olds setzt einen Rhythmus, der zunächst beinahe lässig wirkt.

Diese Sicherheit hält jedoch nicht lange. Das Stück fällt in eine langsamere Passage, in der jeder Akkord wie eine weitere Last auf den Schultern liegt. Anschließend verändert die Band erneut die Richtung und lässt den Song in einen rohen, fast punkigen Angriff kippen.

Gerade dieser Ausbruch hebt »The Vultures« von den beiden vorherigen Stücken ab. Olds erhöht das Tempo, während Jones eine lärmende Gitarrenfigur und ein schrilles Solo über den Rhythmus legt. Das Trio klingt plötzlich weniger wie eine schwere Maschine und stärker wie ein verärgerter Mob, der beschlossen hat, das Gebäude der örtlichen Kontrollbehörde eigenhändig umzugestalten.

Butterworth singt aggressiver und unmittelbarer. Die zuvor erschöpfte Stimme erhält mehr Widerstandskraft. Das lyrische Ich ist weiterhin verletzt, beginnt aber, sich gegen die fremde Deutung seiner Existenz zu wehren.

DAS GIFT WAR EIN GUTES GESCHÄFT

Mit mehr als sechs Minuten ist »Pesticides« der längste und ambitionierteste Song der EP. Er erweitert die persönliche und gesellschaftliche Perspektive um ökologische Zerstörung, Profitdenken und eine Welt, in der aus ehemals grünem Land nur noch Schlamm geworden ist.

Die Pestizide des Titels sind dabei nicht ausschließlich wörtlich zu verstehen. Sie stehen für jedes Gift, das als Fortschritt, Lösung oder wirtschaftliche Chance verkauft wird. Das vermeintliche Goldgeschäft macht manche Menschen stark, andere schwach und hinterlässt am Ende eine Umgebung, in der niemand tatsächlich gewonnen hat.

Der Text verbindet äußere Verwüstung mit innerem Zusammenbruch. Straßen färben sich rot, Gewalt breitet sich aus und selbst der Körper scheint nur noch aus unterdrückten Schreien zu bestehen. Persönliche und ökologische Vergiftung sind keine getrennten Vorgänge mehr. Die beschädigte Welt setzt sich im Menschen fort.

Musikalisch beginnt der Song zurückhaltend. Einzelne saubere Gitarrentöne stehen im Raum, begleitet von einem Bass, der weniger drückt als tastend nach Orientierung sucht. Dadurch entsteht eine beinahe post-metallische Atmosphäre.

Wenn die verzerrten Gitarren einsetzen, wirkt die Musik nicht wie ein abrupter Stilbruch. Die schweren Akkorde wachsen aus der vorherigen Ruhe und überrollen sie langsam. Olds steigert seine Schlagzeugarbeit ebenfalls schrittweise, wodurch der große Ausbruch tatsächlich vorbereitet erscheint.

Jones zeigt hier seine vielseitigste Leistung. Neben massiven Doom-Riffs setzt er schwebende Effekte, lärmende Rückkopplungen und kurze melodische Figuren ein. Die Gitarre erzeugt nicht nur Gewicht, sondern bildet eine beschädigte Landschaft, in der einzelne Geräusche wie Signale aus einer bereits verlassenen Industrieanlage auftauchen.

Der Song pendelt mehrfach zwischen beinahe stillen Passagen und gewaltigen Ausbrüchen. Diese Dynamik ist die größte kompositorische Stärke der EP. Blüdwyrm verstehen, dass extreme Lautstärke erst dann beeindruckt, wenn zuvor tatsächlich Raum für Stille vorhanden war.

Das Ende löst die Spannung nicht sauber auf. Rückkopplungen, verzerrte Töne und ein letzter schwerer Schub bleiben wie giftiger Rauch im Raum hängen. Die Welt wurde nicht geheilt. Der Song endet lediglich, weil nach dieser Vergiftung zunächst nichts mehr gesagt werden muss.

DREI MUSIKER IM FUZZNEBEL

Leo Butterworth prägt die EP mit Bass und Gesang. Sein Instrument ist ungewöhnlich präsent und trägt einen erheblichen Teil der Riffwirkung. Die tiefen Frequenzen liefern nicht bloß Unterstützung, sondern drücken die Musik mit eigener Verzerrung nach vorne.

Besonders auf »Preacher Of My Own Demise« und »The Vultures« entwickelt der Bass einen knurrenden Groove. In den langsameren Passagen verschmilzt er allerdings stark mit der Gitarre. Dadurch wächst die Klangmasse, einzelne Bewegungen gehen aber gelegentlich verloren.

Butterworths Stimme passt hervorragend zur emotionalen Ausrichtung. Sie wirkt erschöpft, wütend und teilweise beinahe wund. Eine sauberere oder technisch abwechslungsreichere Gesangsleistung würde dem Material nicht automatisch helfen. Trotzdem könnten zukünftige Stücke von deutlicheren Wechseln zwischen tiefem Brüllen, rauem Sprechen und aggressiveren Schreien profitieren.

Alex Jones konzentriert sich an der Gitarre auf Wirkung statt auf technische Selbstdarstellung. Seine Riffs bestehen häufig aus wenigen Akkorden, deren Gewicht durch Stimmung, Verstärkung und Wiederholung entsteht. Dabei zeigt er ein gutes Gefühl für Pausen und klangliche Zwischenräume.

Die zusätzlichen Effekte verhindern, dass die EP nur nach einer weiteren heruntergestimmten Doom-Aufnahme klingt. Rückkopplungen, Noise-Flächen und psychedelische Verfremdungen erweitern die Songs, ohne sie in reine Klangexperimente zu verwandeln. Besonders »Pesticides« zeigt, wie viel Potenzial in dieser atmosphärischeren Seite steckt.

Seb Olds spielt druckvoll und bewusst erdig. Seine Rhythmen fühlen sich nicht nach einem klinischen Raster an, sondern nach einer Band, die gemeinsam in einem Raum arbeitet. Die Snare klingt natürlich, die Becken dürfen rauschen und kleine Schwankungen geben den Songs Bewegung.

Seine stärksten Momente entstehen, wenn er aus dem schleppenden Doom in schnellere oder punkigere Passagen wechselt. Auf »The Vultures« verändert er den Charakter des gesamten Stücks innerhalb weniger Schläge. In den sehr langsamen Abschnitten bleibt die Bassdrum dagegen stellenweise etwas zu tief im Mix.

DER KELLER IST TEIL DES KONZEPTS

Die Produktion von Andrei Dipper versucht nicht, den Underground-Charakter des Trios zu verbergen. Gitarren und Bass bilden eine dichte, gesättigte Fuzzwand, während der Gesang tief in dieser Masse sitzt. Die Musik klingt roh, feucht und beinahe unkomprimiert.

Das passt zum Material. Eine sterile Produktion mit sauber polierten Einzelfrequenzen würde den Songs einen erheblichen Teil ihrer körperlichen Wirkung nehmen. Die EP soll nicht nach einem klimatisierten Hochglanzstudio klingen, sondern nach drei Verstärkern, einem Schlagzeug und einer Raumdecke, deren Belastbarkeit niemand vorher geprüft hat.

Gleichzeitig liegt hier die deutlichste Schwäche. Bass und Gitarre verschmelzen stellenweise so stark, dass einzelne Riffs an Kontur verlieren. Auch das Schlagzeug steht häufig weit hinter der verzerrten Vorderwand. Etwas mehr Trennung hätte die Musik nicht weniger schwer gemacht, sondern manche Details klarer hervortreten lassen.

Das Mastering bewahrt jedoch die Dynamik. Die ruhigen Passagen bleiben tatsächlich leiser, während die Ausbrüche körperlich größer erscheinen. Besonders »Pesticides« profitiert davon, weil seine Wechsel nicht durch permanente Maximallautstärke eingeebnet werden.

EIN DEBÜT MIT OFFENEN WUNDEN

»The Blissful Sleep Of Ignorance« klingt nach einer jungen Band, die bereits weiß, welche emotionale Wirkung sie erzeugen möchte. Die EP besitzt Schwere, glaubwürdige Wut und ein gutes Verständnis für den Wechsel zwischen Groove, Doom und atmosphärischer Ruhe.

Am stärksten sind Blüdwyrm immer dann, wenn sie ihre Grundformel aufbrechen. Der punkigere Ausbruch in »The Vultures« und die post-metallischen Ruhephasen von »Pesticides« geben der Musik eine eigene Kontur. Diese Elemente dürfen auf zukünftigen Veröffentlichungen noch mutiger ausgebaut werden.

Die Riffs erfüllen ihren Zweck, erreichen aber noch nicht durchgehend jene Wiedererkennbarkeit, mit der sich die Band dauerhaft von der großen Zahl ähnlich gestimmter Sludge- und Doom-Gruppen abheben könnte. Auch die kurze Spielzeit lässt einige Ideen eher wie vielversprechende Ansätze als vollständig ausgearbeitete Aussagen erscheinen.

Gerade als Debüt funktioniert diese Kürze jedoch. Blüdwyrm überziehen ihren ersten Auftritt nicht und verschwinden wieder, bevor sich die schwersten Grooves abnutzen. Zurück bleiben Feedback, Druck auf den Ohren und der Verdacht, dass Ignoranz vielleicht doch nicht ganz so erholsam schläft, wie der Titel behauptet.

FAZIT:

»The Blissful Sleep Of Ignorance« ist eine rohe und emotional glaubwürdige Debüt-EP zwischen Doom, Sludge und dreckigem Stoner Metal. Leo Butterworth, Alex Jones und Seb Olds errichten aus Bassdruck, Fuzzgitarren und schwerem Schlagzeug eine bedrückende Klangwand, die durch punkige Beschleunigungen und atmosphärische Ruhephasen sinnvoll aufgebrochen wird. Die Produktion verschluckt gelegentlich Details und nicht jedes Riff besitzt bereits eine unverwechselbare Handschrift, doch besonders »The Vultures« und »Pesticides« zeigen deutlich, welches Potenzial in diesem britischen Trio steckt.

Official Visualiser: The Vultures

Internet

Blüdwyrm - The Blissful Sleep Of Ignorance - EP Review

Khemmis – Khemmis

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Band: Khemmis 🇺🇸
Titel: Khemmis
Label: Nuclear Blast Records
VÖ: 12.06.2026
Format: Vinyl / CD / Digital
Genre: Epic Doom Metal / Traditional Heavy Metal / Death-Doom

Tracklist

01. Invocation Of The Dreamer
02. Corpsebloom Garden
03. Grief’s Reverie
04. Beneath The Scythe
05. Gilded Chambers
06. Tomb Of Roses
07. Carrion King
08. Benediction Tones

Besetzung

Phil Pendergast – Gesang, Gitarre
Ben Hutcherson – Gitarre, Gesang
David Small – Bass
Zach Coleman – Schlagzeug

Produktion:
Aufgenommen im Flatline Audio, Westminster, Colorado
Produktion, Mixing und Mastering – Dave Otero
Artwork – Christopher Remmers
Bandfotografie – Brock Marlborough

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Über Nuclear Blast Records erschienen, trägt das fünfte Studioalbum von Khemmis keinen geheimnisvollen Titel und benötigt auch keinen erklärenden Untertitel: »Khemmis« soll die Essenz der amerikanischen Band auf den Punkt bringen. Fünf Jahre nach »Deceiver« verbinden die Musiker aus dem Umfeld der Denverschen Metal-Szene ihre monumentalen Doom-Riffs, harmonisierten Doppelgitarren, melodischen Klargesänge und vereinzelten Growls mit einer neu entdeckten Spielfreude. Das selbstbetitelte Album ist als eine Art Heavy-Metal-Ritual angelegt, das bei der beschwörenden »Invocation Of The Dreamer« beginnt und mit den feierlichen »Benediction Tones« endet. Dazwischen stehen Tod, Verfall, Trauer und Gräber neben aufsteigenden Melodien, klassischen Metal-Galopps und Refrains, die nicht im dunklen Keller bleiben, sondern nach großen Bühnen verlangen. Der stärkere Fokus auf kompakte Songs macht die Platte zugänglicher als frühere Werke, nimmt ihr gelegentlich aber auch jene langatmige, hypnotische Schwere, mit der Khemmis einst ganze Doom-Landschaften aus dem Boden stampften.

Albumstream:

OHNE UMWEGE UND SCHNÖRKEL DIREKT ZUR SACHE!

Der Titel »Invocation Of The Dreamer« klingt nach einer langsam aufsteigenden Nebelwand, doch Khemmis verzichten auf minutenlanges Herantasten. Ein kurzer Ausbruch aus Blastbeats und ein heiserer Schrei schleudern den Hörer unmittelbar in das Album. Erst danach formieren sich die typischen Bestandteile: schwere Riffs, harmonisierte Gitarren, der klare Gesang von Phil Pendergast und die tiefen Growls von Ben Hutcherson.

Der Song ist eine kompakte Standortbestimmung. Die Gitarren greifen ineinander wie zwei Klingen, die dieselbe Bewegung aus unterschiedlichen Winkeln ausführen. Während eine Spur das schwere Fundament hält, steigt die andere in melodische Höhen. Diese Verbindung aus Doom-Gewicht und klassischem Heavy-Metal-Glanz gehört seit Jahren zu den wichtigsten Erkennungsmerkmalen der Band.

Pendergasts Gesang klingt melancholisch, aber nicht kraftlos. Seine Melodien tragen eine gewisse Verwundbarkeit, während die Instrumente darunter mit beträchtlicher Masse arbeiten. Hutchersons harsche Stimme wird gezielt eingesetzt und bildet keinen dauerhaften Gegenpol. Sie erscheint wie eine Kreatur, die nur für wenige Augenblicke aus dem Untergrund hervorkommt.

Eine besondere Rolle spielt der neue Bassist David Small. Sein Instrument bleibt nicht unter den beiden Gitarren begraben. Ein beweglicher Basslauf im Mittelteil verleiht dem Song zusätzliche Spannung, bevor die Doppelgitarren erneut zum Höhenflug ansetzen. Small wirkt nicht wie ein später hinzugefügter Ersatzmann, sondern wie ein Musiker, der die rhythmische Architektur der Band tatsächlich erweitert.

Der Auftakt zeigt außerdem, wie stark Khemmis ihr Material gestrafft haben. Frühere Alben eröffneten Räume, in denen sich einzelne Riffs über lange Strecken entfalten konnten. »Invocation Of The Dreamer« komprimiert diese Wirkung auf weniger als fünf Minuten. Dadurch geht etwas Hypnose verloren, dafür gewinnt der Song an unmittelbarer Schlagkraft.

BLÜTEN AUF VERWESENDER ERDE

»Corpsebloom Garden« trägt seinen Gegensatz bereits im Titel. Schönheit und Verfall stehen nicht nur lyrisch nebeneinander, sondern bestimmen auch die Musik. Die Gitarren schleppen sich zunächst mit majestätischer Schwere vorwärts, während Pendergasts Gesang über dem düsteren Fundament beinahe tröstlich wirkt.

Der Refrain öffnet das Stück und lässt für einen Moment Licht in die verwesende Gartenlandschaft. Diese Wechselwirkung beherrschen Khemmis ausgezeichnet. Ihre Melodien mindern die Härte nicht, sondern geben ihr eine emotionale Richtung. Ein schweres Riff kann körperlich beeindrucken, doch erst die darüberliegende Melodie macht es erinnerungswürdig.

Hutchersons Growls gehören hier zu den stärksten des Albums. Sie werden nicht als obligatorischer Extrem-Metal-Stempel eingesetzt, sondern verschärfen die bedrückendsten Abschnitte. Wenn sich die klare Stimme zurückzieht und die harschen Vocals übernehmen, scheint der Boden unter den blühenden Pflanzen aufzubrechen.

Das Stück entwickelt mehrere Bewegungen, ohne sich in technischen Umwegen zu verlieren. Langsame Doom-Passagen wechseln mit beschleunigten Rhythmen und melodischen Gitarrenantworten. Die Übergänge wirken natürlich, weil jedes neue Element aus dem vorherigen Motiv hervorgeht.

Small und Zach Coleman bilden dabei ein belastbares Fundament. Der Bass erhält genügend Raum für eigene Linien, während das Schlagzeug den Song vorantreibt, ohne die Gitarren zu überrollen. Besonders Colemans Beckenarbeit gibt den melodischen Öffnungen zusätzliche Breite.

»Corpsebloom Garden« gehört zu jenen Liedern, die den selbstbetitelten Charakter des Albums rechtfertigen. Doom Metal, traditioneller Heavy Metal, Growls und große Gesangsmelodien stehen in einem Verhältnis, das sofort nach Khemmis klingt.

TRAUER MIT ERHOBENEM SCHWERT

»Grief’s Reverie« behandelt Trauer nicht als stilles Verharren, sondern als Bewegung. Die Gitarrenlinien besitzen eine beinahe triumphale Farbe, während der Gesang weiterhin von Verlust und innerer Schwere geprägt bleibt. Dieser Widerspruch erzeugt eine emotionale Spannung, die sich durch das gesamte Album zieht.

Pendergast trägt den Song mit einer seiner stärksten Gesangsleistungen. Seine Stimme bleibt klar und kontrolliert, wirkt aber nie glatt. In den höheren Passagen scheint sie kurz vor dem Brechen zu stehen, ohne tatsächlich die Kontrolle zu verlieren. Diese leichte Unsicherheit gibt den Melodien ihre menschliche Wirkung.

Die Gitarren von Pendergast und Hutcherson arbeiten besonders eng zusammen. Harmonien erinnern an Thin Lizzy, Iron Maiden und die melodische Seite von Judas Priest, werden jedoch auf ein wesentlich schwereres Fundament gesetzt. Statt einer schnellen NWOBHM-Fahrt entsteht ein gepanzerter Zug, der seine Melodien durch eine Landschaft aus Asche trägt.

Die harschen Stimmen erscheinen nur punktuell. Diese Zurückhaltung ist sinnvoll, da der Song seine größte Wirkung aus dem Kontrast zwischen instrumentaler Masse und klarem Gesang bezieht. Ein permanenter Growl-Angriff hätte die melancholische Offenheit zugeschüttet.

Der Refrain besitzt eine fast hymnische Größe. Er klingt nach einer Arena, obwohl das Grundgefühl weit entfernt von unbeschwerter Euphorie bleibt. Trauer wird nicht überwunden, sondern in eine Form gebracht, die sich gemeinsam tragen lässt.

Genau darin liegt eine der besonderen Fähigkeiten von Khemmis: Die Band kann niederschmetternde Themen so vertonen, dass sie nicht ausschließlich nach unten ziehen. Die Musik hebt das Gewicht an, ohne es zu leugnen.

UNTER DER SENSE GALOPPIERT DER METAL

Mit »Beneath The Scythe« rückt der traditionelle Heavy Metal weiter in den Vordergrund. Ein galoppierender Rhytmus, aufsteigende Gitarrenharmonien und ein großer Refrain lassen den Doom-Anteil zeitweise in den Hintergrund treten. Die Sense schwingt nicht langsam über ein Kornfeld, sondern wird von einem gepanzerten Reiter durch die Nacht getragen.

Der Song gehört zu den zugänglichsten Stücken des Albums, ohne an Gewicht zu verlieren. Die Gitarren besitzen genügend Tiefe, um nicht in bloßen Retro-Metal umzuschlagen. Gleichzeitig erlauben sich die Musiker mehr Geschwindigkeit und heroische Gesten als in vielen älteren Kompositionen.

Pendergasts Gesang steht deutlich im Mittelpunkt. Seine Linien sind melodisch, eingängig und auf große Wirkung angelegt. Im Refrain treffen sich Melancholie und Kampfgeist. Das Ergebnis erinnert stellenweise an Epic Doom, besitzt aber ebenso Elemente des klassischen Power und Heavy Metal.

Die Soli gehören zu den Höhepunkten des Songs. Pendergast und Hutcherson spielen nicht gegeneinander, sondern führen ein melodisches Gespräch. Eine Gitarre steigt auf, die andere antwortet mit einer leicht veränderten Linie. Technische Fähigkeiten werden gezeigt, bleiben aber der Komposition untergeordnet.

Auch Small erhält einen auffälligen Moment. Sein Bass bewegt sich kurz aus der Rolle des Fundaments heraus und zeigt, dass die neue Besetzung tatsächlich neue Möglichkeiten eröffnet. Die Rhythmussektion klingt beweglicher und weniger ausschließlich auf massive Langsamkeit ausgerichtet.

Der Song könnte langjährige Doom-Puristen spalten. Wer von Khemmis vor allem ausgedehnte, erdrückende Kompositionen erwartet, erhält hier einen vergleichsweise direkten Heavy-Metal-Hit. Wer die Band schon immer wegen ihrer melodischen Gitarren und großen Refrains schätzte, dürfte »Beneath The Scythe« dagegen schnell zu den Favoriten zählen.

DIE VERGOLDETE KAMMER BRENNT

»Gilded Chambers« beginnt mit einem Schlagzeugausbruch, der beinahe aus dem Hardcore oder Punk stammen könnte. Coleman setzt ein energisches D-Beat-artiges Muster, bevor die Gitarren den Song in vertrauteres Heavy-Metal-Gelände ziehen. Dieser Einstieg wirkt wie ein Tritt gegen eine kostbar verzierte Tür.

Die Strophen treiben wesentlich direkter als der Großteil des bisherigen Albums. Das Riff besitzt eine kantige, fast rockige Energie. Gleichzeitig bleibt die melodische Seite erhalten. Pendergasts Stimme schwebt über dem schnellen Fundament, während Hutcherson mit raueren Einsätzen zusätzliche Schärfe einbringt.

Der Refrain ist bewusst groß und beinahe übertrieben melodisch gestaltet. Seine mehrstimmigen Gesänge bewegen sich nahe an Power Metal und klassischem Hard Rock. Diese Entscheidung kann als befreiend oder als zu süßlich empfunden werden. Die Band nimmt das Risiko jedoch vollständig an und versucht nicht, den melodischen Überschwang hinter zusätzlichem Lärm zu verstecken.

Im Mittelteil fällt der Song plötzlich in sich zusammen. Akustische oder sauber gespielte Gitarren öffnen einen stilleren Raum, während Bass und Schlagzeug die Spannung halten. Anschließend baut sich die schwere Wand erneut auf. Dieser Wechsel wirkt nicht wie ein aufgesetzter Progressive-Metal-Trick, sondern wie eine kurze Atempause in einer ansonsten ausgesprochen beweglichen Nummer.

»Gilded Chambers« zeigt die neu gewonnene Spielfreude besonders deutlich. Die Band scheint hörbar Freude daran zu haben, verschiedene Elemente zusammenzuwerfen und zu prüfen, ob sie unter dem Gewicht ihrer eigenen Gitarren bestehen bleiben.

Nicht jeder Abschnitt sitzt vollkommen bruchlos. Der sehr helle Refrain steht deutlich gegen die härteren Strophen, und die vielen Wechsel lassen den Song zunächst weniger geschlossen wirken. Nach mehreren Durchläufen offenbart sich jedoch ein bewusst gebauter Spannungsbogen.

DAS GRAB DUFTET NACH ROSEN

»Tomb Of Roses« kehrt zu jener dunklen Romantik zurück, die Khemmis besonders gut beherrschen. Eine neoklassisch gefärbte Einleitung und zurückhaltende Gitarren schaffen zunächst eine beinahe zerbrechliche Atmosphäre. Danach setzt ein kräftiges Riff ein und zieht den Song aus der Stille.

Die Komposition lebt von ihrem Wechsel zwischen Verletzlichkeit und Widerstand. Pendergasts Gesang klingt sehnsüchtig, während die Gitarren darunter immer wieder neue Kraft sammeln. Der Tod erscheint nicht ausschließlich als Niederlage, sondern auch als letzte Form der Verweigerung.

Die harmonisierten Leadgitarren gehören zu den schönsten Momenten des Albums. Sie steigen nicht einfach über das Riff, sondern tragen einen eigenen melodischen Gedanken. Dabei erinnern sie an klassische Heavy-Metal-Duos, ohne die schwere Grundstimmung aufzugeben.

Hutchersons harsche Stimme wird erneut sparsam eingesetzt. Wenn sie erscheint, zerreißt sie die kontrollierte Melancholie für wenige Augenblicke. Gerade weil die Growls nicht dauerhaft präsent sind, entfalten sie eine stärkere Wirkung.

Die Rhythmusgruppe arbeitet unauffälliger als bei »Gilded Chambers«, aber nicht weniger wirkungsvoll. Colemans Schlagzeug gibt den ruhigen Passagen genügend Raum und erhöht den Druck erst dann, wenn die Gitarren vollständig einsetzen. Smalls Bass bewegt sich zwischen den Akkorden und sorgt für zusätzliche Tiefe.

»Tomb Of Roses« ist eines der emotionalen Zentren der Platte. Der Song vereint die melodische Zugänglichkeit des neuen Materials mit der schwermütigen Atmosphäre früherer Veröffentlichungen. Hier ist die Straffung kein Verlust, sondern eine Konzentration.

DER AASKÖNIG FORDERT SEIN REICH

»Carrion King« ist der längste Song des Albums und zugleich dessen extremster Moment. Blastbeats, schwarzmetallische Schärfe und tiefe Growls eröffnen eine Komposition, die zunächst deutlich wilder wirkt als das vorangegangene Material.

Nach dem aggressiven Beginn fällt der Song in eine getragenere Doom-Bewegung. Pendergasts klarer Gesang erzeugt einen fast tröstlichen Gegensatz zur verwesenden Bildwelt. Gerade diese Reibung lässt die Musik bedrohlicher wirken, als es ein durchgehender Extrem-Metal-Angriff könnte.

Im weiteren Verlauf verwandelt sich das Stück mehrfach. Traditioneller Heavy Metal, Death-Doom und melodische Passagen greifen ineinander. Die Übergänge bleiben verständlich, obwohl »Carrion King« mehr unterschiedliche Räume durchquert als die meisten anderen Titel.

Hutcherson liefert seine brutalsten Gesangspassagen des Albums. Seine Growls besitzen eine tiefe, fast körperliche Wirkung und drücken die Musik weiter nach unten. Im späteren Verlauf erinnern einzelne Momente an die monumentale Schwere von Triptykon oder klassischen Death-Doom.

Coleman setzt erstmals in der Bandgeschichte besonders deutlich auf Blastbeats. Diese werden nicht zum Dauerzustand, sondern markieren einen Kontrollverlust, bevor sich der Song erneut sammelt. Der Wechsel macht die schnellen Abschnitte wirkungsvoller und bewahrt die Doom-Basis.

Der Titel zeigt, was auf dem Album manchmal fehlt: eine längere Entwicklung, in der sich Motive verwandeln und Stimmungen nicht bereits nach wenigen Minuten auflösen müssen. Obwohl auch »Carrion King« keine dreizehnminütige Doom-Suite ist, lässt die zusätzliche Laufzeit mehr Raum für Spannung.

Gleichzeitig bleibt die Komposition fokussiert. Kein Abschnitt wirkt ausschließlich zur Verlängerung eingesetzt. Der Aaskönig erhebt sich, verwüstet sein Reich und verschwindet wieder, bevor sich die Wiederholungen abnutzen.

DER SEGEN KLINGT WIE EIN ABSCHIED

»Benediction Tones« schließt das Heavy-Metal-Ritual mit einem feierlichen, aber nicht versöhnungslosen Finale. Der Titel verweist auf Segensklänge, doch die Musik bleibt von Dunkelheit und innerer Unruhe durchzogen.

Ein melodisches Gitarrenmotiv eröffnet den Song und wird nach und nach von der gesamten Band aufgenommen. Das Riff besitzt Gewicht, bewegt sich aber nicht in der erdrückenden Langsamkeit klassischer Funeral-Doom-Kompositionen. Stattdessen entsteht ein majestätischer Mittelfluss.

Pendergasts Gesang erreicht erneut große Höhen. Der Refrain wirkt beinahe hymnisch und könnte bei Konzerten von einem ganzen Saal mitgetragen werden. Hinter der zugänglichen Melodie bleibt jedoch eine melancholische Spannung bestehen.

Die Gitarrenarbeit vereint sämtliche Stärken des Albums. Schwere Akkorde, harmonisierte Leads, kurze Soli und melodische Gegenbewegungen werden zu einem geschlossenen Ganzen. Nichts klingt überfüllt, obwohl zahlreiche Details gleichzeitig arbeiten.

Der Song erfüllt seine Rolle als Abschluss, weil er nicht versucht, die Platte mit einem plötzlichen Stilbruch zu übertrumpfen. Stattdessen fasst er ihre Sprache zusammen: Doom-Schwere, traditioneller Heavy Metal, emotionaler Klargesang und ein letzter Blick in die extremere Tiefe.

Das ausklingende Ende lässt das Ritual langsam verschwinden. Kein harter Schlussstrich beendet die Platte. Die Gitarren ziehen sich zurück, als würden die letzten Töne noch über einer nächtlichen Berglandschaft schweben.

EIN ALBUM ALS EIGENE VISITENKARTE

Selbstbetitelte Alben tragen häufig den Anspruch, eine Band vollständig zu definieren. Bei »Khemmis« ist diese Entscheidung nachvollziehbar. Die acht Songs enthalten nahezu sämtliche Merkmale, die den Stil der Amerikaner seit dem Debüt geprägt haben.

Die Doom-Wurzeln bleiben vorhanden, bestimmen aber nicht mehr jede Bewegung. Klassischer Heavy Metal, NWOBHM-Harmonien, Death-Doom, vereinzelte Black-Metal-Ausbrüche und melodische Rockrefrains erhalten mehr Raum. Die Band wirkt weniger daran interessiert, Genregrenzen zu bewachen, als gute Riffs und einprägsame Gesangslinien miteinander zu verbinden.

Dadurch ist »Khemmis« vermutlich das zugänglichste Album der bisherigen Diskografie. Die Songs sind kürzer, die Refrains direkter und die Arrangements klarer strukturiert. Selbst die extremen Momente erscheinen gezielt gesetzt und werden nicht über lange Strecken ausgedehnt.

Diese Konzentration hat ihren Preis. Die hypnotischen Spannungsbögen von »Hunted« oder die langsame emotionale Zersetzung früherer Stücke treten in den Hintergrund. Mehrere Songs bewegen sich außerdem in einem ähnlichen mittleren Tempo und folgen einem vergleichbaren Wechsel aus schweren Riffs, klarem Refrain und harschem Gegenangriff.

Beim ersten Durchlauf können einzelne Stücke deshalb ineinanderfließen. Erst mit wiederholtem Hören treten die Unterschiede deutlicher hervor: Smalls Bassbewegungen, Colemans Rhythmuswechsel, die unterschiedlichen Gesangsschichten und die kleinen harmonischen Entscheidungen innerhalb der Gitarrenarbeit.

Das Album ist somit keine radikale Neuerfindung. Es ist vielmehr eine geschärfte Darstellung dessen, was Khemmis bereits waren – nur kompakter, selbstbewusster und stärker auf den unmittelbaren Heavy-Metal-Effekt ausgerichtet.

DER NEUE BASSIST ÖFFNET DEN UNTERGRUND

Die wichtigste personelle Veränderung ist David Small, der seit 2022 fest zur Band gehört und hier erstmals auf einem vollständigen Studioalbum mitwirkt. Seine Verbindung mit Coleman erweitert die rhythmischen Möglichkeiten spürbar.

Small spielt nicht ausschließlich die Grundtöne der Gitarren nach. Seine Linien bewegen sich durch freie Räume, setzen melodische Gegenpunkte und geben den schnelleren Stücken zusätzliche Elastizität. Besonders bei »Invocation Of The Dreamer« und »Beneath The Scythe« tritt der Bass bewusst aus dem Hintergrund.

Coleman reagiert darauf mit einem beweglicheren Schlagzeugspiel. D-Beats, Blastbeats, klassische Metal-Galopps und schwere Doom-Schläge stehen nebeneinander. Die Drums dienen weiterhin den Songs, wirken aber weniger vorhersehbar als auf einigen älteren Aufnahmen.

Die neue Rhythmussektion gibt den Gitarristen mehr Freiheit. Pendergast und Hutcherson können ihre harmonisierten Leads ausbauen, ohne dass das Fundament an Stabilität verliert. Selbst während längerer Solopassagen bleibt die Musik fest verankert.

Die Spielfreude, von der die Band im Zusammenhang mit dem Album spricht, ist deshalb nicht nur eine schöne Begleitgeschichte. Sie wird in den Interaktionen hörbar. Kleine Bassausbrüche, spontane Schlagzeugideen und entschlossene Tempowechsel vermitteln den Eindruck, dass vier Musiker tatsächlich aufeinander reagieren.

ZWEI STIMMEN ZWISCHEN TROST UND ABGRUND

Die Verbindung aus Pendergasts Klargesang und Hutchersons Growls bleibt ein entscheidendes Merkmal. Beide Stimmen erfüllen unterschiedliche Funktionen, ohne in ein einfaches Schön-und-Biest-Schema zu fallen.

Pendergast singt melodisch, melancholisch und zunehmend selbstsicher. Seine Stimme besitzt keine klassische Doom-Theatralik im Stil eines Messiah Marcolin, erreicht aber eine ähnliche emotionale Größe. Besonders in den Refrains von »Grief’s Reverie«, »Tomb Of Roses« und »Benediction Tones« trägt er die Musik weit über das schwere Gitarrenfundament.

Hutcherson erscheint wesentlich seltener. Seine Growls markieren jene Momente, in denen die kontrollierte Oberfläche aufbricht. Bei »Corpsebloom Garden« und »Carrion King« erhält seine Stimme ausreichend Raum, um tatsächlich bedrohlich zu wirken.

Die sparsamere Verwendung der Growls dürfte Hörer ansprechen, denen der frühere Wechsel zu häufig oder zu hart erschien. Gleichzeitig verliert die Platte dadurch stellenweise einen Teil ihrer extremen Spannung. Auf mehreren Songs ist früh absehbar, wann die harsche Stimme einsetzen wird.

Dennoch harmonieren beide Sänger besser als je zuvor. Die unterschiedlichen Ausdrucksformen wirken nicht mehr wie zwei übereinandergelegte Bandidentitäten, sondern wie zwei Perspektiven derselben Erzählung.

DAVE OTERO POLIERT DEN MONOLITHEN

Für Aufnahme, Produktion und Klangbearbeitung kehrten Khemmis zu Dave Otero und dessen Flatline Audio zurück. Die Zusammenarbeit sorgt für eine massive und gleichzeitig klar getrennte Produktion.

Die Gitarren klingen groß, ohne vollständig zu verschlammen. Harmonien bleiben selbst dann nachvollziehbar, wenn mehrere verzerrte Spuren übereinanderliegen. Der Bass erhält genügend Präsenz und die Stimmen sitzen deutlich über dem instrumentalen Fundament.

Das Schlagzeug ist druckvoll und präzise, wirkt jedoch gelegentlich etwas kühl. Vor allem die Bassdrum und einzelne schnelle Passagen besitzen eine moderne, stark kontrollierte Härte, die nicht immer zur organischen Wärme des Epic Doom passt.

Diese Glätte wird teilweise durch die Gitarrentöne ausgeglichen. Die Riffs besitzen eine körnige Oberfläche und ausreichend Schmutz, um nicht nach klinischem Studiometal zu klingen. Besonders die tieferen Passagen drücken mit erheblicher körperlicher Wirkung.

Das Album ist laut und kompakt gemastert. Die enorme Dichte unterstützt die direkte Ausrichtung, lässt aber weniger Luft als bei älteren, räumlicheren Doom-Produktionen. In längeren Hörsitzungen kann die gleichbleibende Klangmasse leicht ermüden.

Dennoch bleibt der Mix übersichtlich. Selbst in den hektischen Abschnitten von »Carrion King« verschwinden weder Bass noch Gitarrenharmonien vollständig. Otero hält den Monolithen zusammen, auch wenn dessen polierte Oberfläche nicht jedem Doom-Puristen gefallen dürfte.

NEUE BILDER FÜR DASSELBE RITUAL

Auch visuell markiert das Album eine Veränderung. Statt der barbarischen Illustrationen von Sam Turner, die mehrere frühere Veröffentlichungen prägten, stammt das neue Ölgemälde von Christopher Remmers.

Das Artwork bleibt im Bereich fantastischer und esoterischer Bildwelten, wirkt aber weniger wie eine klassische Sword-and-Sorcery-Szene. Es unterstützt den rituellen Charakter des Albums und dessen Verbindung aus Tod, Spiritualität und metallischer Erhabenheit.

Diese Veränderung wiederspiegelt die musikalische Ausrichtung. Die bekannte Welt bleibt erhalten, wird jedoch aus einer anderen Perspektive betrachtet. Khemmis brechen nicht mit ihrer Vergangenheit, sondern verändern den Blickwinkel.

Der selbstbetitelte Name, das neue Cover und die kompaktere Musik bilden daher eine zusammenhängende Aussage. Die Band präsentiert keine Rückkehr zu einem bestimmten früheren Album, sondern eine aktuelle Zusammenfassung ihrer Identität.

DOOM METAL MIT OFFENEN TOREN

Khemmis werden weiterhin als Doom-Metal-Band bezeichnet, doch das selbstbetitelte Album zeigt, wie unzureichend diese Einordnung geworden ist. Doom bildet das Fundament, aber zahlreiche weitere Stilrichtungen stehen inzwischen auf diesem Untergrund.

Die harmonisierten Gitarren stammen aus der Schule von Thin Lizzy und Iron Maiden. Die monumentalen Refrains erinnern an Epic Doom und traditionellen Heavy Metal. D-Beats, Blastbeats und Death-Doom-Ausbrüche erweitern das Spektrum in härtere Richtungen.

Vergleiche mit Candlemass, Pallbearer, YOB, Spirit Adrift, Grand Magus oder Green Lung sind nachvollziehbar, erfassen aber jeweils nur einen Ausschnitt. Khemmis besitzen inzwischen eine ausreichend deutliche Sprache, um nicht als bloße Verbindung ihrer Einflüsse wahrgenommen zu werden.

Die Band behandelt Melodie und Härte nicht als Gegensätze. Ein großer Refrain muss nicht weniger schwer sein, und ein Growl-Ausbruch muss die melodische Entwicklung nicht unterbrechen. Die besten Songs lassen beide Seiten gleichzeitig arbeiten.

Gelegentlich führt dieser Ansatz zu sehr vielen vertrauten Bausteinen innerhalb eines einzigen Stücks. Galopp, harmonisiertes Solo, Doom-Bremse, Growls und großer Refrain erscheinen mehrfach in ähnlicher Abfolge. Die handwerkliche Qualität bleibt hoch, doch der Überraschungseffekt nimmt in der zweiten Albumhälfte etwas ab.

KOMPAKTER, ABER NICHT KLEINER

Mit rund 42 Minuten ist »Khemmis« für die Verhältnisse der Band ausgesprochen kompakt. Es gibt keine zehn- oder dreizehnminütigen Epen, und selbst der längste Titel bleibt deutlich unter sieben Minuten.

Diese Straffung macht die Platte leicht zugänglich. Kein Song verliert sich in unnötiger Wiederholung, und das Album lässt sich in einem Zug hören. Die acht Titel bilden einen klaren Weg von der Beschwörung bis zum abschließenden Segen.

Gleichzeitig fehlt stellenweise der Mut zur Länge. Doom Metal gewinnt häufig durch Geduld, Wiederholung und das langsame Verändern scheinbar unbeweglicher Riffs. Auf »Khemmis« wird eine Idee oft bereits weitergeführt, bevor sie ihre volle hypnotische Wirkung entfaltet.

»Carrion King« deutet an, wie stark die Verbindung aus neuer Energie und älterer Weite funktionieren kann. Ein oder zwei zusätzliche Kompositionen mit einem vergleichbar langen Spannungsbogen hätten das Album noch abwechslungsreicher gemacht.

Die kompakte Ausrichtung ist dennoch keine bloße Anpassung an verkürzte Aufmerksamkeitsspannen. Sie passt zum erklärten Ziel, ein energiereiches Heavy-Metal-Album zu schreiben. Khemmis wollen diesmal weniger langsam versinken als gemeinsam durch die Dunkelheit marschieren.

FAZIT:

»Khemmis« bündelt Doom-Schwere, klassische Doppelgitarren, große Melodien und gezielte Extrem-Metal-Ausbrüche zu einem ebenso kompakten wie emotionalen Heavy-Metal-Ritual. Die ähnliche Mittellage einiger Songs und der etwas kühle Schlagzeugsound verhindern die Höchstwertung, doch »Invocation Of The Dreamer«, »Beneath The Scythe«, »Tomb Of Roses« und »Carrion King« zeigen eine Band in ausgezeichneter Form. 4,5 von 5 Punkten.

Official Video: Gilded Chambers

Internet

Khemmis - Khemmis - CD Review

Tårfödd – Skyfall

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Tarfoedd - Skyfall - cover Artwork
Tarfoedd - Skyfall - cover Artwork

Interpret: Tårfödd 🇸🇪
Titel: Skyfall
Label: Purity Through Fire
VÖ: 05.06.2026
Format: Digipak MCD / Digital
Genre: Atmospheric Black Metal / Depressive Black Metal / Post-Black Metal / Progressive Black Metal

Tracklist

01. Förödelse
02. Förödelse II
03. Den enes död…..
04. En värld i spillror

Besetzung

Simon Lindgren – Gesang, Gitarren, Bass, Drum-Programming, Synth-Programming, Songwriting, Texte, Mix und Mastering

Bewertung:

3,5 von 5 Punkten

Aus dem nordschwedischen Skellefteå kommt mit Tårfödd ein Ein-Mann-Projekt, das atmosphärischen Black Metal, depressive Schwermut, progressive Strukturen und akustische Klanglandschaften miteinander verbindet. Auf »Skyfall« erschafft Simon Lindgren vier lange Kompositionen über Krieg, Zerstörung, menschliche Gier und eine Gesellschaft, die ihren eigenen Untergang sehenden Auges vorbereitet. Eine epische Klangbühne baut sich im Hörraum auf, während akustische Gitarren, sägende Riffs, verhallte Schreie und dunkle Synthesizer den Hörer zwischen stiller Melancholie und schwarzem Orkan hin- und herwerfen.

YouTube Art Track: Förödelse

WENN DER HIMMEL AUF DIE ERDE STÜRZT

Der Titel »Skyfall« von Tårfödd steht für den Zusammenbruch einer Welt, die ihre Warnzeichen nicht mehr übersehen kann. Krieg, Hunger, religiöser Fanatismus, Machtstreben und Umweltzerstörung werden nicht als voneinander getrennte Katastrophen behandelt. Sie erscheinen als Zahnräder derselben Maschine, die sich langsam in Richtung Abgrund dreht.

Simon Lindgren baut daraus keinen nüchternen politischen Kommentar. Seine Musik spricht über Gefühle, bevor die Texte ihre Aussagen formulieren. Gitarren legen breite Klangteppiche über den Hörraum, akustische Passagen öffnen kurze Fenster der Ruhe und die harschen Vocals brechen anschließend wie eine schwarze Gewitterfront darüber herein.

Dabei fällt auf, wie weit sich die EP von klassischem, rein rifforientiertem Black Metal entfernt. Die Gitarren erzählen, wiederholen Motive, verändern ihre Bedeutung und führen den Hörer durch lange Spannungsbögen. Die vier Stücke funktionieren deshalb weniger wie einzelne Songs als wie vier Kapitel einer fortschreitenden Katastrophe.

DIE RUHE VOR DER VERNICHTUNG

»Förödelse« bedeutet übersetzt Zerstörung oder Verwüstung. Ausgerechnet dieses Stück beginnt jedoch nicht mit Blastbeats und Geschrei, sondern mit einer melancholischen akustischen Gitarre. Lindgren nimmt sich über sechs Minuten Zeit, um ein instrumentales Vorspiel aufzubauen, das zwischen klassischer Gitarrenmusik, nordischer Melancholie und Post-Rock schwebt.

Die Finger gleiten ruhig über die Saiten, einzelne Melodien setzen sich im Kopf fest und eine weite Klanglandschaft breitet sich vor dem inneren Auge aus. Das Stück wirkt wie ein Blick über eine noch stille Ebene, während sich am Horizont bereits dunkle Wolken zusammenschieben. Die Zerstörung ist noch nicht eingetreten, aber sie liegt bereits in der Luft.

Lindgrens Gitarrenspiel ist hier eine der größten Stärken der EP. Er braucht weder technische Schaustellung noch komplizierte Soli. Stattdessen setzt er auf klar formulierte Melodien, kleine harmonische Veränderungen und Wiederholungen, die allmählich an emotionalem Gewicht gewinnen.

Allerdings hätte die Komposition etwas konzentrierter ausfallen dürfen. Manche Motive werden länger gehalten, als ihre Entwicklung rechtfertigt. Die Atmosphäre trägt den Song, doch nicht jede Minute fügt diesem Klangbild eine neue Farbe hinzu.

DIESELBE MELODIE, EIN ANDERER ABGRUND

»Förödelse II« greift die musikalische Grundlage des Openers auf und verwandelt sie in ein vollständiges Black-Metal-Stück. Was zuvor wie eine stille Landschaft wirkte, wird nun von verzerrten Gitarren, programmierten Drums, Bass und gequälten Schreien überrollt. Aus der akustischen Melancholie wächst eine massive Klangwand.

Aufgebaut auf einem soliden Fundament aus Bass und programmiertem Schlagzeug werden die Gitarren Schicht für Schicht aufgebettet. Tremolo-Riffs, offene Akkorde und die bekannten akustischen Motive greifen ineinander, bis sich ein großer Klangkosmos öffnet. Die Gegensätze zwischen Ruhe und Ausbruch funktionieren besonders gut, weil Lindgren die Übergänge nicht einfach aneinanderklebt, sondern musikalisch vorbereitet.

Inhaltlich richtet sich der Song gegen Gleichgültigkeit in Zeiten von Krieg und Krise. Während die Welt brennt, fordert der Text dazu auf, die Hand eines anderen Menschen festzuhalten, einem Freund in Not beizustehen und inmitten der Katastrophe Schutz und Trost zu suchen. Hoffnung wird dabei nicht als unzerstörbare Kraft dargestellt. Sie kann entstehen und ebenso schnell wieder sterben.

Genau dieser Widerspruch gibt dem Stück Tiefe. Der Text weiß, dass ein einzelner Mensch keinen Krieg beenden kann. Er kann aber verhindern, dass ein anderer Mensch vollständig allein durch diese Dunkelheit gehen muss. Solidarität wird damit zum letzten Schutzraum in einer Welt, deren Fundamente bereits brechen.

Lindgrens harscher Gesang passt hervorragend zu dieser Verzweiflung. Seine Schreie wirken rau, aufgerissen und emotional, ohne vollständig in unverständlichem Kreischen zu verschwinden. Die wenigen klareren Gesangspassagen besitzen dagegen weniger Kraft. Sie bleiben flacher und können mit der Intensität der Instrumente nicht ganz mithalten.

HOFFNUNG IM WELTENBRAND

Die musikalische Dramaturgie von »Förödelse II« erinnert an eine riesige Welle. Zunächst hebt sich der Klang langsam an, dann rollen Gitarren und Schlagzeug mit voller Kraft durch den Hörraum, bevor alles wieder in ruhigere Abschnitte zurücksinkt. Diese Wechsel verleihen dem fast neunminütigen Song seine Spannung.

Simon Lindgren zeigt dabei ein gutes Gespür für melodische Gitarrenarbeit. Selbst in den härtesten Passagen bleiben die Riffs nachvollziehbar und tragen eine beinahe traurige Schönheit in sich. Der Black Metal dient nicht ausschließlich der Aggression, sondern wird zum Träger von Trauer, Hilflosigkeit und dem Wunsch, sich gegen das Unvermeidbare zu stemmen.

Das Drum-Programming erfüllt seinen Zweck und gibt den langen Kompositionen Struktur. Besonders die Tempowechsel und schnelleren Passagen schieben die Musik kraftvoll voran. In einigen ruhigeren Abschnitten hört man allerdings, dass hier kein menschlicher Schlagzeuger hinter dem Kit sitzt. Einzelne Übergänge wirken sehr exakt und dadurch etwas mechanisch.

Auch der Bass bleibt weitgehend unter der Gitarrenwand verborgen. Er gibt dem Sound die nötige Tiefe, entwickelt aber nur selten eine eigene Stimme. Gerade in den leiseren Passagen wäre etwas mehr Präsenz im unteren Frequenzbereich eine interessante Ergänzung gewesen.

DER TOD DES EINEN, DER PROFIT DES ANDEREN

»Den enes död…..« lässt sich sinngemäß als „Der Tod des einen …“ übersetzen und führt zu der bitteren Aussage, dass der Tod des einen zum Brot oder Vorteil des anderen wird. Der Song richtet sich gegen eine Welt, in der Krieg, Hunger und menschliches Elend für manche Menschen kein Unglück, sondern ein Geschäftsmodell darstellen.

Die wenigen Textzeilen werden mehrfach wiederholt. Dadurch entsteht keine ausführliche Erzählung, sondern eine Anklage, die wie ein dunkles Mantra durch den Song zieht. Menschen sterben, andere gewinnen Einfluss, Geld oder Macht. Die Katastrophe wird verwaltet, vermarktet und schließlich als Normalität akzeptiert.

Musikalisch beginnt das Stück im mittleren Tempo. Die Gitarren bewegen sich zunächst schwer und getragen, während sich langsam eine gewaltige Klangbühne aufbaut. Lindgren legt Melodie über Melodie, bis die Musik wie ein schwerer Vorhang den gesamten Hörraum verdunkelt. Wenn das Schlagzeug anschließend Tempo aufnimmt, bekommt der Song einen deutlich härteren Schub.

Gerade diese Steigerungen gehören zu den stärksten Momenten der EP. Die Drums treiben die Gitarren vor sich her, die harschen Vocals schneiden durch den Klangteppich und für einige Minuten entsteht eine eindringliche Mischung aus Post-Black Metal und depressiver Schwere.

Die klaren Gesangsmomente sind erneut weniger überzeugend. Sie sollen vermutlich einen Kontrast zur extremen Stimme bilden, wirken aber zu zurückgenommen und besitzen nicht dieselbe emotionale Präsenz. Der Song verliert dadurch kurzzeitig an Spannung, bevor die Instrumente ihn wieder auffangen.

EINE WELT AUS ASCHE UND TRÜMMERN

»En värld i spillror« bedeutet „Eine Welt in Trümmern“ und bildet den inhaltlichen sowie musikalischen Höhepunkt der EP. Der Text führt die bisherigen Themen zusammen: Gier, Macht, Religion, vergiftete Luft und eine Menschheit, deren Zeit abläuft. Der Untergang erscheint nicht als Naturkatastrophe, sondern als selbst geschaffenes Ergebnis menschlicher Entscheidungen.

Das Stück beginnt erneut mit akustischer Gitarre. Zarte Melodien ziehen durch den Raum und erzeugen für einen kurzen Moment den Eindruck von Frieden. Doch diese Ruhe ist nur eine dünne Oberfläche. Sobald Lindgrens Schreie einsetzen, bricht die gesamte Komposition auseinander und verwandelt sich in einen langen Wechsel aus Verzweiflung, Aggression und melancholischer Schönheit.

Die Aufforderung, sich von nahestehenden Menschen und allem Vertrauten zu verabschieden, gibt dem Song eine persönliche Dimension. Der Weltuntergang wird nicht als abstraktes Bild behandelt. Er bedeutet den Verlust von Beziehungen, Erinnerungen, Orten und jeder Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft.

Die Gitarren sind dabei erneut das Herzstück. Schwere Akkorde werden von melodischen Linien durchzogen, akustische Brücken öffnen kurze Atempausen und anschließend stürzt die nächste Klanglawine durch die Boxen. Lindgren versteht es, eine Melodie zunächst fast zerbrechlich erscheinen zu lassen und sie wenige Minuten später in ein gewaltiges Riff zu verwandeln.

Auch die Synthesizer erfüllen hier ihre Funktion. Sie drängen sich nicht in den Vordergrund, sondern liegen wie ein dunkler Nebelschleier hinter den Gitarren. Dadurch erhält die Musik zusätzliche räumliche Tiefe, ohne ihren rohen Black-Metal-Charakter zu verlieren.

Mit über neun Minuten ist »En värld i spillror« allerdings auch ein Beispiel für die Schwäche dieser EP. Lindgren besitzt viele gute Motive, hält manche davon aber zu lange fest. Ein strafferer Aufbau hätte den letzten Ausbruch noch wirkungsvoller erscheinen lassen.

EIN MANN BAUT EINEN GANZEN KLANGKOSMOS

Dass Simon Lindgren sämtliche Instrumente, den Gesang und die Produktion allein übernimmt, ist für die Bewertung von »Skyfall« entscheidend. Seine größte Leistung liegt im Gitarrenspiel und in der Komposition. Er versteht Melodien nicht als Dekoration, sondern als tragende Säulen seiner Musik.

Die akustischen Gitarren bringen Wärme und Verletzlichkeit in den Sound. Die verzerrten Gitarren setzen anschließend nicht nur Härte dagegen, sondern greifen dieselben Melodien auf und zeigen sie in einer anderen Form. Dadurch entsteht ein musikalischer Zusammenhang zwischen den ruhigen und extremen Passagen.

Auch Lindgrens harsche Stimme überzeugt. Sie klingt nicht schön, soll es aber auch nicht. Die Schreie tragen Verzweiflung, Wut und Erschöpfung und wirken wie ein weiterer Bestandteil der Instrumentierung. Sie stehen nicht über der Musik, sondern mitten in ihr.

Weniger überzeugend ist der klare Gesang. Ihm fehlt noch die Ausdrucksstärke, die Lindgren bei seinen extremen Vocals besitzt. Wo die Schreie den gesamten Hörraum ausfüllen, wirken die cleanen Passagen vergleichsweise blass und unsicher.

Das Drum-Programming ist technisch sauber und bewältigt sowohl langsame als auch schnelle Abschnitte zuverlässig. Gleichzeitig fehlt ihm gelegentlich die natürliche Bewegung eines menschlichen Schlagzeugers. Kleine Ungenauigkeiten, spontane Akzente und organische Schwankungen hätten dem Material zusätzliche Lebendigkeit geben können.

Der Bass erfüllt vor allem eine stützende Funktion. Er bildet zusammen mit den Drums ein standfestes Fundament, bleibt im Mix aber häufig hinter den Gitarren zurück. Gerade weil Lindgren alle Instrumente selbst kontrolliert, hätte er dem Bass an einigen Stellen eine eigenständigere Rolle geben können.

ROHE PRODUKTION MIT LICHT UND SCHATTEN

Die Produktion passt grundsätzlich zu diesem Material. »Skyfall« klingt roh, dunkel und nicht übermäßig poliert. Die Gitarren besitzen genügend Schärfe, die akustischen Instrumente bleiben verständlich und die Vocals schneiden durch den Mix, ohne wie ein Fremdkörper davorzustehen.

Besonders stark ist die räumliche Wirkung der Gitarren. Wenn mehrere Spuren übereinanderliegen, baut sich eine breite Klangwand auf, die den Hörer beinahe vollständig umschließt. Die Musik wirkt dadurch groß, obwohl sie aus einem vergleichsweise reduzierten Produktionsrahmen stammt.

In den härtesten Passagen verliert der Mix allerdings etwas an Trennschärfe. Gitarren, Synthesizer und Vocals verschmelzen zu einer dichten Masse, in der kleinere Details untergehen. Das kann atmosphärisch gewollt sein, nimmt den Arrangements aber gelegentlich etwas von ihrer Wirkung.

Auch die wiederkehrende Dramaturgie fällt auf. Akustischer Einstieg, langsame Verdichtung, massiver Ausbruch, erneute Ruhe und abschließender Höhepunkt: Dieses Prinzip funktioniert, wird innerhalb von vier langen Stücken aber sehr häufig verwendet. Ein kompakter, direkter Song oder ein vollständig instrumentales Finale hätte dem Material zusätzliche Abwechslung gegeben.

ZWISCHEN MELANCHOLIE UND SCHWARZEM ORKAN

»Skyfall« zeigt einen Musiker mit einer klaren Vorstellung davon, welche Gefühle seine Musik transportieren soll. Lindgren baut keine komplizierten Geschichten um seine Texte, sondern formuliert grundlegende Ängste: Krieg, Verlust, Gier, Einsamkeit und das Wissen, dass eine Gesellschaft an ihrer eigenen Gleichgültigkeit zerbrechen kann.

Seine Gitarren lassen diese Themen größer erscheinen. Melodien ziehen wie kalter Wind durch den Hörraum, während das Schlagzeug den Boden unter ihnen zum Beben bringt. Wenn akustische Ruhe und schwarze Raserei direkt aufeinanderprallen, erreicht die EP ihre stärksten Momente.

Gleichzeitig fehlt es stellenweise an Konzentration. Manche Passagen laufen länger, als es für ihre Aussage notwendig wäre, die klaren Vocals bleiben hinter den extremen Stimmen zurück und das programmierte Schlagzeug kann nicht immer die organische Kraft der Gitarren erreichen.

FAZIT:

»Skyfall« erschafft eine epische Klangbühne aus akustischer Melancholie, sägenden Gitarren, verzweifelten Schreien und apokalyptischen Texten. Simon Lindgren überzeugt besonders als Gitarrist, Komponist und extremer Sänger, während sich bei den klaren Vocals, dem Drum-Programming und der Straffung der langen Arrangements noch Luft nach oben zeigt. Eine intensive und atmosphärisch starke EP, die sich ihre verdienten 3,5 von 5 Punkten erarbeitet.

Trackpremiere: En värld i spillror

Internet

Tårfödd - Skyfall - EP Review

ARION veröffentlichen neue Single

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ARION - Into The Fire (Official Music Video)

ARION veröffentlichen neue Single und Video zu „Into The Fire“

arion - bandphoto
Photo Credit: Ville Juurikkala

Die finnischen Melodic-Metal-Überflieger ARION setzen den Vorlauf zu ihrem kommenden fünften Studioalbum fort und präsentieren mit „Into The Fire“ ihre brandneue Single inklusive offiziellem Musikvideo, heute über RPM erschienen. Nach dem vielversprechenden Auftakt durch den erst kürzlich veröffentlichten Song „Hurricane“ legt die Band nun mit einem weiteren energiegeladenen Track nach, der eingängige Melodien, wuchtige Riffs und eine emotionale Botschaft über Mut, Vertrauen und den Sprung ins Ungewisse vereint.

Getragen von intensiven Vocals, epischen Arrangements und einem messerscharfen Gitarrensolo erzählt „Into The Fire“ von der Kraft, Ängste zu überwinden und gemeinsam den nächsten Schritt zu wagen. Gitarrist und Songwriter Iivo Kaipainen beschreibt den Song als eine Geschichte darüber, wie Vertrauen und Zusammenhalt die nötige Stärke geben können, unbekannte Wege zu beschreiten. Mit seiner Mischung aus moderner Härte, großen Hooks und emotionaler Tiefe unterstreicht der Song einmal mehr ARIONs Gespür für zeitgemäßen Melodic Metal.

„Into The Fire“ läuft ab sofort bei allen digitalen Streaming-Anbietern: https://arion.rpm.link/firePR     

Der Videoclip feiert hier Premiere:

ARION gehören zu den wichtigsten modernen Melodic-Metal-Exports aus Finnland. Die Band steht für kraftvolle Produktionen, starke Hooks und internationales Format.

ARION waren bereits mit Bands wie Dream Theater, Gloryhammer, Battle Beast, Bloodbound und Sonata Arctica auf Tour und spielten Shows in Europa und Japan. Darüber hinaus arbeitete die Band mit bekannten Sängerinnen wie Elize Ryd (Amaranthe), Noora Louhimo sowie Melissa Bonny (Ad Infinitum / Kamelot) zusammen.

Mit mehreren zehn Millionen Streams, darunter der Song At The Break Of Dawn mit über 20 Millionen Streams und Goldstatus in Finnland, haben ARION längst bewiesen, dass sie zu den wichtigsten Vertretern der neuen Generation finnischer Metal-Acts zählen. Ihre stetige Weiterentwicklung und internationale Präsenz unterstreichen ihre Relevanz in der globalen Metal-Szene.

Quellenangabe: All Noir Photo Credit: Ville Juurikkala

VORAX – Neuer Videoclip veröffentlicht

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VORAX - Volcano Shock - official video

VORAX – Debütalbum „Volcano Shock“ erscheint in Kürze – Neuer Videoclip veröffentlicht

Die Schweizer Death-Metal-Band VORAX hat den letzten Vorab-Track ihres Debütalbums „Volcano Shock“ veröffentlicht. Das Album erscheint offiziell am 27. Juni 2026 auf CD, Vinyl sowie in digitalen Formaten.

Das Video zum Titelsong gibt es hier:

Mit ihrem in Eigenregie veröffentlichten Album präsentieren die Zürcher VORAX acht kompromisslose Songs des klassischen Old-School-Death-Metal, geschmiedet im Geiste der Ursprünge des Genres. Dies ist Death Metal, wie er ursprünglich gedacht war: roh, aggressiv und frei von moderner Studio-Trickserei.

Von schwerfälligen Midtempo-Brechern mit zähflüssiger Magma-Wucht bis hin zu brutalen, riffgetriebenen Gewaltausbrüchen schlägt „Volcano Shock“ ein wie eine tektonische Verschiebung. Vernichtende Gitarren, donnernde Drums und wilde Vocals treffen aufeinander und erinnern an die goldene Ära des Genres Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre, ohne dabei an zeitloser Brutalität und Groove einzubüßen. Keine Samples, keine Trigger, kein Quantisieren – nur pure menschliche Energie, eingefangen auf Band.

VORAX treiben ihre Hingabe zur Authentizität auf die Spitze. Das Album wurde größtenteils analog aufgenommen, gemischt und gemastert. Zum Einsatz kam von der Band selbst restauriertes Studioequipment aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Die Aufnahmen und das Mastering erfolgten auf Band, gemischt wurde über ein klassisches Studer-Mischpult. Selbst das Studio wurde von der Band eigenhändig gebaut. Das Ergebnis ist eine Produktion, die atmet, zermalmt und mit unverkennbarem Old-School-Charakter brüllt – ein Sound, den man nicht programmiert, sondern einfängt.

Getreu seinem Titel ist „Volcano Shock“ eine donnernde Reise in prähistorische Welten. Inhaltlich dreht sich das Album um Naturkatastrophen, die Herrschaft der Dinosaurier und die unerbittlichen Gesetze des Überlebens. Diese konsequente thematische Ausrichtung hebt VORAX von vielen anderen Bands ab und verstärkt die ungezähmte Atmosphäre des Albums.

Die Band vereint Musiker der legendären Formationen Messiah, Omophagia und Death Kommander und bringt damit eine Besetzung zusammen, die tief in der Geschichte des Death Metal verwurzelt ist. Diese Erfahrung ist auf „Volcano Shock“ deutlich hörbar, wenn routiniertes Können auf wilde, ungefilterte Aggression trifft.

Von Anfang bis Ende komplett im DIY-Geist realisiert, beweisen VORAX, dass Old-School-Death-Metal keine nostalgische Rückschau ist, sondern eine lebendige, atmende Kraft. „Volcano Shock“ steht als monumentales Zeugnis dafür, wie verheerend dieses Genre klingen kann, wenn es mit absoluter Überzeugung gespielt, aufgenommen und gelebt wird. Pflichtprogramm für alle, die glauben, dass Death Metal gefährlich, körperlich spürbar und zeitlos sein sollte.

Tracklist

01. Magma Ocean
02. Devouring Raw Flesh
03. Volcano Shock
04. Burning Lava
05. Hunter Killer
06. Flight Of The Pteranodon
07. Reign Supreme
08. The Great Dying

 

Quellenangabe: Sure Shot Worx

Joseph Tholl – It Might Be Art

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Interpret: Joseph Tholl 🇸🇪
Titel: It Might Be Art
Label: High Roller Records
VÖ: 12.06.2026 – CD / Digital; 26.06.2026 – Vinyl
Format: Vinyl / CD / Digital
Genre: Melodic Rock / Dark Rock / AOR / Post-Punk

Tracklist

01. New Dawn
02. Oh The Madness
03. I’m In A Darkness
04. Invocation Of The Evening Star
05. Walking
06. It Might Be Art
07. I Syrenens Tid
08. Rebirth
09. On Velvet Waves
10. The Burial

Besetzung

Joseph Tholl – Gesang, Gitarren, Bass, Piano, Synthesizer
Robert Eriksson – Schlagzeug
Jakob Ljungberg – Schlagzeug

Gastbeiträge:
Johannes Andersson
Tobias Lindkvist
Pia Stjärnvind
Adam Zaars
Robert Pehrsson

Bewertung:

4,5 von 5 Punkten

Wer Joseph Tholl ausschließlich mit dem rasanten Heavy Metal von Enforcer, dem kernigen Siebzigerjahre-Rock von Black Trip und Vojd oder der finsteren Atmosphäre von Tribulation verbindet, dürfte von »It Might Be Art« zunächst überrascht werden. Auf seinem zweiten Soloalbum öffnet der schwedische Multiinstrumentalist die Türen weit und verbindet melodischen Rock, AOR, Post-Punk, Gothic Rock, schwedischen Pop und vereinzelte Heavy-Metal-Wurzeln zu einem kurzen, aber ungewöhnlich abwechslungsreichen Werk. Sieben Jahre nach »Devil’s Drum« wirkt Tholl heller, poppiger und unmittelbarer, ohne die melancholische Dunkelheit vollständig aus seinem Songwriting zu verbannen. Gerade dieser Gegensatz aus großen Melodien, rauer Studioatmosphäre und emotionalen Abgründen macht den Reiz eines Albums aus, das seinen vorsichtig formulierten Titel am Ende selbstbewusster bestätigt, als es zunächst zugeben möchte.

Albumstream:

EIN NEUER MORGEN IM NORDEN

»New Dawn« eröffnet die Platte mit jener unmittelbaren melodischen Wärme, für die skandinavischer Rock seit Jahrzehnten bekannt ist. Gitarren, Tasteninstrumente und mehrstimmige Gesänge greifen sauber ineinander, während das Schlagzeug den Song mit einem geradlinigen, aber lebendigen Puls vorantreibt. Der Refrain öffnet sich weit, ohne nach einem künstlich konstruierten Stadionmoment zu klingen.

Thematisch geht es um Aufbruch, Erinnerung und die Hoffnung, aus vergangenen Jahren etwas Neues entstehen zu lassen. Der im Text beschworene Sonnenaufgang ist deshalb mehr als eine freundliche Naturaufnahme. Er steht für den Versuch, sich trotz Verlusten, vergangenen Träumen und dem unaufhaltsamen Lauf der Zeit erneut aufzurichten.

Tholls Stimme besitzt keine sterile Perfektion. Sie klingt warm, leicht rau und gelegentlich so, als würde sie unmittelbar aus einem kleinen, mit Holz verkleideten Aufnahmeraum kommen. Genau das gibt dem Song Persönlichkeit. Wo viele moderne Melodic-Rock-Produktionen jeden Atemzug polieren, lässt »New Dawn« kleine Kanten stehen.

Die Verbindung aus eingängigem Rock, schwedischer Popmelodik und einem leichten AOR-Schimmer erinnert stellenweise an die zugänglichere Seite von Ghost, ohne deren theatralischen Überbau zu übernehmen. Auch die Schule von Robert Pehrsson ist hörbar: Melodien werden nicht als Dekoration behandelt, sondern tragen den gesamten Song.

DER WAHNSINN BRAUCHT NUR ZWEIEINHALB MINUTEN

»Oh The Madness« verändert die Stimmung schlagartig. Der Song ist kompakter, dunkler und rhythmisch kantiger als der Opener. Statt des offenen Horizonts von »New Dawn« zieht Tholl die Wände näher zusammen und konfrontiert sich mit Schuld, Selbstzerstörung und der Erkenntnis, dass keine äußere Macht vor dem eigenen Inneren retten kann.

Die Musik bleibt dennoch eingängig. Ein markanter Refrain verhindert, dass die Nummer in schwermütiger Selbstbetrachtung versinkt. Genau darin liegt Tholls Stärke: Er kann über psychologische Abgründe schreiben und trotzdem eine Melodie finden, die nach wenigen Durchläufen im Gedächtnis sitzt.

Die leicht angezerrte Stimme und die dunkleren Tasteninstrumente rücken den Song in die Nähe von Post-Punk und Gothic Rock. Gleichzeitig behalten die Gitarren genügend Druck, um die Rockbasis zu sichern. »Oh The Madness« klingt nicht nach einem Metal-Musiker, der sich für ein Wochenende an Wave-Musik versucht, sondern nach einem Songwriter, der diese Klangsprache verstanden und in seine eigene Welt übertragen hat.

Mit seiner kurzen Laufzeit endet das Stück, bevor sich sein zentraler Gedanke abnutzen kann. Kein zusätzlicher Refrain, kein überlanges Solo und keine künstliche Steigerung verlängern die Nummer. Der Wahnsinn kommt, setzt seinen Haken und verschwindet wieder.

IM DUNKELSTEN RAUM DES ALBUMS

»I’m In A Darkness« ist das emotionale Zentrum der Platte. Das Tempo wird zurückgenommen, die Instrumentierung gewinnt an räumlicher Tiefe und Tholls Gesang trägt eine Müdigkeit, die nicht gespielt wirkt. Die Dunkelheit ist hier kein stilistisches Accessoire, sondern ein Zustand, aus dem es zunächst keinen sichtbaren Ausgang gibt.

Der Text beschreibt ein Versinken im Wasser, einen endlosen dunklen Ozean und die Angst vor dem kommenden Tag. Diese Bilder werden musikalisch nicht mit übertriebener Dramatik beantwortet. Stattdessen lässt Tholl die Melodie langsam kreisen, als würde sie tatsächlich auf einer Strömung treiben.

Die Gitarren bleiben kontrolliert und erzeugen gemeinsam mit den Tasteninstrumenten eine kühle, graue Atmosphäre. Erinnerungen an The Cure, The Sisters Of Mercy und die melancholischere Seite von Unto Others sind nachvollziehbar. Dennoch besitzt das Stück genügend eigene Konturen, um nicht wie eine nachgespielte Gothic-Rock-Schablone zu wirken.

Besonders überzeugend ist die stufenweise Steigerung. Der Song beginnt beinahe erstarrt, gewinnt aber mit jedem Abschnitt an Intensität. Tholl erhöht nicht einfach die Lautstärke, sondern erweitert die harmonischen Räume und lässt die Stimme zunehmend verzweifelter wirken.

Wo »New Dawn« einen neuen Morgen verspricht, zieht »I’m In A Darkness« die Vorhänge wieder zu. Dieser Gegensatz gibt dem Album früh eine emotionale Tiefe, die über gewöhnlichen Melodic Rock hinausgeht. Die Nummer ist kein beiläufiger Stimmungswechsel, sondern der Punkt, an dem das Album seine dunkle Seele offenlegt.

EIN GEBET AN DEN ABENDSTERN

Mit »Invocation Of The Evening Star« kehrt die rhythmische Energie zurück. Die Gitarren treten deutlicher hervor, das Schlagzeug schiebt nach vorne und der Refrain verbindet himmlische Bilder mit einer bodenständigen Rockstruktur.

Der Text richtet sich an den Abendstern und beschreibt eine Welt, die ihre ursprünglichen Träume verloren hat. Zwischen brennendem Himmel, Mondlicht und spiritueller Neuordnung entsteht eine beinahe feierliche Atmosphäre. Tholl vermeidet es jedoch, daraus eine pathetische Metal-Hymne mit überladenen Chören zu machen.

Die Nummer lebt von ihrem Kontrast aus kosmischer Bildsprache und direkter Komposition. Ein klarer Rhythmus führt durch den Song, während Orgel- und Synthesizerspuren im Hintergrund zusätzliche Farben setzen. Kleine Details wie Percussion, mehrstimmige Stimmen und melodische Gitarrenantworten verhindern, dass die übersichtliche Grundstruktur zu schlicht wirkt.

Gerade dieser Song zeigt, wie selbstverständlich Tholl verschiedene Jahrzehnte miteinander verbindet. Siebzigerjahre-Rock, Achtzigerjahre-AOR und dunkler Alternative Rock der Neunziger fließen zusammen, ohne dass die Übergänge wie bewusst gesetzte Genreübungen wirken.

WEITERGEHEN, OBWOHL DIE STRASSE ENDET

»Walking« nimmt erneut Tempo und Gewicht aus der Platte. Die Instrumentierung wird reduzierter, und Tholls Stimme rückt in den Mittelpunkt. Der Song bewegt sich zwischen Rockballade, Folk und melancholischem Pop, ohne vollständig in eine dieser Richtungen zu kippen.

Inhaltlich beschreibt er eine Figur, die weitergeht, obwohl Ziel und Rettung ungewiss bleiben. Regen, Nacht, Leere und die Flucht vor dem eigenen Selbst prägen den Text. Das wiederkehrende Gehen wird zum Sinnbild für eine Bewegung, die weniger aus Hoffnung als aus der Unfähigkeit zum Stillstand entsteht.

Die Komposition ist bewusst einfach gehalten. Diese Reduktion verleiht der Stimme Raum und macht die Verletzlichkeit glaubwürdig. Gleichzeitig ist »Walking« einer jener Songs, deren Wirkung stark von der persönlichen Verbindung zur Melodie abhängt. Wer auf einen großen Refrain wartet, erhält ihn hier nicht.

Innerhalb der Albumdramaturgie ist diese Zurückhaltung sinnvoll. Nach den dichten ersten vier Stücken entsteht eine kurze Ruhezone, die den Titeltrack vorbereitet. Dennoch gehört »Walking« nicht zu den unmittelbarsten Höhepunkten. Die Nummer berührt leise, hinterlässt aber weniger deutliche Spuren als »I’m In A Darkness« oder »The Burial«.

VIELLEICHT KUNST, SICHER EIN GUTER SONG

Der Titelsong »It Might Be Art« steht zwischen schwebendem Synth-Rock, Post-Punk und melodischem Pop. Die Gitarren ziehen sich etwas zurück, während Tasteninstrumente und sorgfältig aufgeschichtete Gesangsharmonien das Bild bestimmen.

Der Text spielt mit Formen, Linien, Rahmen und Bedeutungen. Ein Pfeil durch das Herz kann ebenso Kunst sein wie ein Apfel oder eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Tholl liefert keine eindeutige Definition, sondern beschreibt den Moment, in dem Betrachter und Werk miteinander in Verbindung treten.

Diese Offenheit spiegelt sich in der Musik. Der Song besitzt keinen brachialen Höhepunkt, sondern entwickelt eine schwebende, leicht entrückte Stimmung. Der Refrain setzt sich nicht durch Lautstärke, sondern durch seine melodische Klarheit fest.

Besonders gelungen sind die mehrstimmigen Gesänge. Sie wirken nicht wie eine nachträglich aufgesetzte Vergrößerung der Hauptstimme, sondern bilden eigene harmonische Bewegungen. Dadurch erhält die Komposition eine Tiefe, die bei ihrem vergleichsweise zurückhaltenden Aufbau zunächst leicht überhört werden kann.

Der Titel könnte als ironische Unsicherheit missverstanden werden. Nach mehreren Durchläufen wirkt er jedoch eher wie eine Einladung. Tholl behauptet nicht, ein großes Kunstwerk geschaffen zu haben. Er stellt den Song in den Raum, tritt einen Schritt zurück und überlässt die Entscheidung dem Hörer.

ZWISCHEN FLIEDERDUFT UND VERGEHENDER ZEIT

»I Syrenens Tid« ist der einzige schwedischsprachige Song der Platte und gehört zu ihren persönlichsten Momenten. Musikalisch kehrt das Album zu einem direkten, beschwingten Rocksound zurück. Die Gitarren treiben, der Refrain wirkt warm und die gesamte Nummer besitzt eine beinahe frühlingshafte Leichtigkeit.

Unter dieser hellen Oberfläche liegt jedoch erneut Melancholie. Der Text beschreibt ein Kind mit goldenen Locken, einen alten Hafen, Erdbeerplätze, Wellen und Kirchenglocken. Im Zentrum steht der Wunsch, die Zeit möge für einen kurzen Moment stillstehen.

Gerade weil der Text nicht ins Englische übertragen wurde, besitzt der Song eine besondere Nähe. Tholl klingt nicht wie ein international ausgerichteter Rockmusiker, sondern wie ein schwedischer Songwriter, der eine Erinnerung in seiner eigenen Sprache festhalten möchte.

Das Stück entwickelt eine ansteckende Energie, ohne seine emotionale Ebene zu verlieren. Der Refrain lässt sich auch ohne Schwedischkenntnisse schnell erfassen. Stimme, Rhythmus und Melodie vermitteln ausreichend deutlich, dass hier Freude und die Angst vor dem Vergehen derselben Zeit nebeneinanderstehen.

»I Syrenens Tid« gehört zu den stärksten Belegen dafür, dass Eingängigkeit und persönliche Tiefe keine Gegensätze sein müssen. Der Song könnte problemlos als sommerlicher Rocktitel funktionieren, besitzt aber unter seiner hellen Oberfläche einen bittersüßen Kern.

WIEDERGEBURT OHNE WORTE

Das kurze Instrumental »Rebirth« wirkt wie eine atmosphärische Brücke. Nach der unmittelbaren Wärme des schwedischen Songs nimmt Tholl die Stimme vollständig heraus und lässt Instrumente und Klangfarben den Übergang zum letzten Albumdrittel gestalten.

Der Titel legt eine große Transformation nahe, doch die Musik vermeidet bombastische Gesten. Statt einer monumentalen Wiedergeburt entsteht ein stiller Moment des Neuordnens. Tastenflächen, Gitarren und eine zurückhaltende rhythmische Bewegung schaffen Raum zum Durchatmen.

Als eigenständige Komposition bleibt »Rebirth« skizzenhaft. Innerhalb der Albumstruktur erfüllt das Stück jedoch eine klare Funktion. Es trennt die intime Mitte von den beiden abschließenden Hauptsongs und verhindert, dass die unterschiedlichen Stimmungen zu abrupt aufeinanderstoßen.

AUF SAMTENEN WELLEN

»On Velvet Waves« bringt die sonnigere Seite des Albums zurück. Der Song besitzt einen lockeren Rock-’n’-Roll-Puls, melodische Gitarren und eine Wärme, die an Tom Petty, The Hellacopters und den klassischen schwedischen Gitarrenrock erinnert.

Die lyrische Reise führt über Ozeane, durch den Himmel und in eine surreale Welt aus Dünen, Mondlandschaften, Engeln und Unterwasserwelten. Die Bilder sind verträumt, doch die Musik bleibt fest auf dem Boden. Bass und Schlagzeug geben dem Stück einen natürlichen, beinahe live wirkenden Schwung.

Der Refrain gehört zu den unmittelbarsten des Albums. Die samtenen Wellen werden zum Symbol einer gemeinsamen Reise durch Dunkelheit, Sturm und Veränderung. Dabei vermeidet Tholl eine übertrieben romantische Inszenierung. Seine Stimme bleibt rau genug, um den Song vor glatter Sentimentalität zu bewahren.

Die Gitarrenarbeit ist besonders wirkungsvoll, weil sie nicht mit langen Soli auf Aufmerksamkeit drängt. Kurze melodische Linien, Akkordbewegungen und kleine Antworten auf die Stimme genügen, um der Nummer Charakter zu geben.

»On Velvet Waves« ist vielleicht der klassischste Rocksong der Platte. Er verbindet Zugänglichkeit, Spielfreude und Melancholie in einem Verhältnis, das exemplarisch für Tholls Songwriting steht. Das Stück klingt leicht, ohne bedeutungslos zu sein.

DIE LETZTE GLOCKE

Mit »The Burial« endet das Album in seinem dunkelsten Raum. Kirchenglocken, Trauer, Erde, Asche und der endgültige Abschied bestimmen den Text. Musikalisch bewegt sich Tholl zwischen Gothic Rock, düsterem Americana und einer beinahe sakralen Form des melodischen Rock.

Die Stimme wird tiefer und erzählerischer eingesetzt. Stellenweise erinnert dieser Vortrag an Andrew Eldritch, Lee Hazlewood oder die späten, reduzierten Aufnahmen von Johnny Cash. Tholl imitiert diese Stimmen nicht, nutzt aber eine ähnliche Verbindung aus Ruhe, Schwere und Autorität.

Die Instrumentierung lässt dem Text ausreichend Platz. Statt den Tod mit massiven Gitarrenwänden zu vertonen, setzt der Song auf Atmosphäre. Jeder Schlag, jede Fläche und jede melodische Bewegung scheint bewusst positioniert zu sein.

Inhaltlich wird das Begräbnis nicht ausschließlich als Ende verstanden. Der menschliche Körper kehrt zur Erde zurück, gebrochene Flügel heilen und der Kreislauf aus Geburt und Tod schließt sich. Dadurch erhält der Song trotz seiner Trauer einen versöhnlichen Unterton.

Als Abschluss ist »The Burial« hervorragend gewählt. Nach der hellen Eröffnung von »New Dawn« endet die Platte mit dem letzten Glockenschlag. Zwischen Morgen und Begräbnis liegen nur knapp 34 Minuten, doch Tholl nutzt diese kurze Strecke, um einen erstaunlich weiten emotionalen Bogen zu schlagen.

KEIN METALALBUM, ABER VON EINEM METALLER

»It Might Be Art« ist kein Heavy-Metal-Album. Verzerrte Gitarren, rockige Rhythmen und einzelne härtere Akzente sind vorhanden, doch das Zentrum bilden Melodien, Stimmen, Atmosphäre und klassisches Songwriting. Tholl selbst scheint keinerlei Interesse daran zu haben, seine Musik aus Rücksicht auf frühere Bandzugehörigkeiten künstlich härter zu machen.

Trotzdem dürften viele Metal-Hörer einen Zugang finden. Die dunkle Stimmung von »I’m In A Darkness« und »The Burial«, die organische Gitarrenarbeit sowie die beteiligten Musiker aus dem Umfeld von Tribulation, Tyrann, Serpent Omega und The Hellacopters sorgen für ausreichend Verbindungspunkte.

Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit. Tholl wechselt nicht zum melodischen Rock, weil sich dieser momentan besser vermarkten ließe. Die Songs wirken wie Stücke, die unabhängig von Genregrenzen geschrieben werden mussten. Mal landet das Ergebnis im AOR, mal im Post-Punk, mal im Gothic Rock oder beinahe im schwedischen Pop.

Diese Vielfalt könnte leicht zu einem unübersichtlichen Stilgemisch führen. Dass das nicht geschieht, liegt an Tholls Stimme, seiner charakteristischen Melodieführung und der warmen Produktion. Selbst wenn zwei aufeinanderfolgende Stücke unterschiedlichen Szenen entstammen könnten, bleibt der Urheber sofort erkennbar.

DAS STUDIO DARF ATMEN

Aufgenommen wurde »It Might Be Art« im Studio Humbucker, das Tholl gemeinsam mit Robert Pehrsson betreibt. Beide zeichneten für die Aufnahmen verantwortlich, während Pehrsson Mixing und Mastering übernahm.

Die Produktion klingt warm, direkt und leicht angeraut. Instrumente wurden klar voneinander getrennt, aber nicht in klinische Perfektion gezwungen. Das Schlagzeug besitzt natürlichen Druck, der Bass bleibt hörbar und die Gitarren behalten ihre individuelle Struktur.

Besonders die Stimmen profitieren von diesem Ansatz. Mehrstimmige Arrangements erhalten Breite, ohne zu einer anonymen Chorwand zu werden. Kleine Unregelmäßigkeiten und unterschiedliche Stimmfarben bleiben erhalten und geben den Songs eine menschliche Dimension.

Robert Eriksson und Jakob Ljungberg teilen sich die Schlagzeugparts. Beide stellen ihr Spiel vollständig in den Dienst der Kompositionen. Es gibt keine technischen Demonstrationen, aber zahlreiche kleine Akzente, die den jeweiligen Charakter eines Songs unterstützen.

Tholl selbst übernimmt neben dem Gesang sämtliche Gitarren, den Großteil der Bassparts sowie Piano und Synthesizer. Trotz dieser Konzentration klingt die Platte nicht wie ein isoliertes Heimstudio-Projekt. Die Gastbeiträge und die Zusammenarbeit mit Pehrsson bringen genügend unterschiedliche Energie ein, um das Material lebendig zu halten.

KURZ, ABER NICHT KLEIN

Mit weniger als 34 Minuten ist »It Might Be Art« ein ausgesprochen kompaktes Album. Mehrere Stücke bleiben deutlich unter der Vier-Minuten-Marke, und selbst die längeren Songs vermeiden ausgedehnte instrumentale Umwege.

Diese Kürze ist eine Stärke. Tholl behandelt eine gute Songidee nicht automatisch als Rohstoff für fünf Wiederholungen und ein obligatorisches Gitarrensolo. Besonders »Oh The Madness« und »I Syrenens Tid« zeigen, wie viel Charakter in wenigen Minuten entwickelt werden kann.

Lediglich das Instrumental »Rebirth« wirkt eher wie eine atmosphärische Verbindung als wie ein vollständig ausgearbeiteter Titel. Auch »Walking« bleibt in seiner Reduktion weniger prägnant als die stärksten Stücke. Diese kleinen Schwächen fallen angesichts des hohen kompositorischen Niveaus jedoch kaum ins Gewicht.

Das Album besitzt vor allem keinen Leerlauf. Jede Nummer verändert Klangfarbe, Tempo oder emotionale Temperatur. Trotzdem zerfällt die Platte nicht in Einzelteile. Der gemeinsame Nenner bleibt Tholls Fähigkeit, selbst dunkle Gedanken in klare, erinnerungswürdige Melodien zu verwandeln.

FAZIT:

»It Might Be Art« verbindet melodischen Rock, AOR, Post-Punk und Gothic-Dunkelheit zu einem warmen, persönlichen und bemerkenswert kurzweiligen Album, dessen stärkste Momente mit »I’m In A Darkness«, »I Syrenens Tid«, »On Velvet Waves« und »The Burial« weit über gewöhnliche Genreübungen hinausreichen. Kleine Abstriche gibt es lediglich für das skizzenhafte »Rebirth« und das weniger markante »Walking«, doch die hohe Melodiedichte und die organische Produktion überwiegen deutlich. 4,5 von 5 Punkten.

Official Video: It Might Be Art

Internet

Joseph Tholl - It Might Be Art - CD Review

DARK ZODIAK – Black Godess

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DARK ZODIAK - Black Goddess - cover artwork
DARK ZODIAK - Black Goddess - cover artwork

Band: DARK ZODIAK 🇩🇪
Titel: Black Goddess
Label: Independent
VÖ: 20/06/26
Genre: Thrash/Death Metal

Tracklist

01. Black Goddess
02. lost
03. Guardian of the night
04. primal force
05. depth of darkness
06. rising frim the Ground

 

Besetzung

Simone Schwarz – Vocals
Steffi Bergmann – Bass
Dieter Schwarz – Drums
Charly Gak – Guitar
Benni Pöck – Guitar

 

Bewertung:

4/5

Eine feste Größe zwischen Härte und Melodie

Seit der Gründung im Jahr 2011 durch Gitarrist Charly Gak und Schlagzeuger Dieter Schwarz haben sich DARK ZODIAK kontinuierlich einen Namen in der Thrash und Death-Metal-Szene erarbeitet. Mit einer Mischung aus aggressiven Riffs, melodischen Akzenten und einer kompromisslosen Livepräsenz entwickelte die Band ihren eigenen Stil. Besonders Frontfrau Simone Schwarz verleiht dem Klangbild mit ihrer kraftvollen Stimme und ihrer markanten Performance einen hohen Wiedererkennungswert. Nach einer EP und drei Alben legt die Formation mit »Black Goddess« ein weiteres Werk vor, das die eigene musikalische Entwicklung konsequent fortsetzt.

Dunkle Klangwelten mit viel Dynamik

Schon der Opener »Black Goddess« macht klar, wohin die Reise geht. Rasende Gitarrenläufe treffen auf wuchtige Drums und einen druckvollen Bass, während Simone Schwarz zwischen rauer Aggression und kontrollierter Intensität pendelt. Die Produktion sorgt dafür, dass jede Instrumentenspur genügend Raum erhält und dennoch das Gesamtbild dicht und kraftvoll bleibt.

Mit »lost« schaltet die Band einen Gang zurück, ohne an Energie einzubüßen. Atmosphärische Passagen wechseln sich mit schnellen Thrash-Attacken ab und verleihen dem Song eine spürbare emotionale Tiefe. Gerade dieses Spiel mit Dynamik verhindert, dass sich das Album in eintöniger Härte verliert.

Starke Gitarrenarbeit als roter Faden

Ein besonderes Merkmal von »Black Goddess« ist das harmonische Zusammenspiel der beiden Gitarristen Charly Gak und Benni Pöck. In »Guardian of the night« wechseln sich schneidende Riffs und melodische Leads nahezu fließend ab. Die Soli wirken nie aufgesetzt, sondern fügen sich organisch in die Kompositionen ein und unterstreichen die düstere Atmosphäre.

Auch »primal force« lebt von dieser Gitarrenarbeit. Hier dominieren klassische Thrash-Elemente mit schnellen Palm Mutes und markanten Rhythmuswechseln. Gleichzeitig sorgen kleinere melodische Einschübe dafür, dass der Song abwechslungsreich bleibt und sich im Gedächtnis festsetzt.

Druckvolle Rhythmussektion und markante Stimme

Steffi Bergmann am Bass und Dieter Schwarz am Schlagzeug liefern über die gesamte Laufzeit eine beeindruckend präzise Leistung ab. Besonders in »depth of darkness« bildet die Rhythmusfraktion das stabile Fundament für die komplexen Gitarrenarrangements. Die Drums treiben kompromisslos nach vorne, während der Bass immer wieder Akzente setzt, anstatt lediglich den Gitarren zu folgen.

Über allem thront die Stimme von Simone Schwarz. Ihr Gesang bewegt sich souverän zwischen Death-Metal-Growls und rauen Thrash-Shouts. Dadurch gewinnt das Material zusätzliche Ausdruckskraft und verleiht den einzelnen Songs eine unverwechselbare Identität. Gerade in den ruhigeren Momenten entsteht dadurch eine spannende Spannung zwischen Melodie und Brutalität.

Ein stimmiger Abschluss

Den Schlusspunkt setzt »rising frim the ground«, dessen Titel zwar ungewöhnlich geschrieben ist, musikalisch aber überzeugt. Der Song beginnt vergleichsweise zurückhaltend, steigert sich kontinuierlich und endet in einem kraftvollen Finale. Hier fassen DARK ZODIAK viele ihrer Stärken noch einmal zusammen. Technische Präzision, eingängige Melodiebögen und eine gehörige Portion Aggressivität.

Über die gesamte Spielzeit zeigt sich, dass die Band nicht ausschließlich auf Geschwindigkeit setzt. Immer wieder werden Tempi variiert und atmosphärische Zwischenspiele eingebaut, wodurch das Album lebendig bleibt. Die Kompositionen besitzen Struktur und entwickeln sich nachvollziehbar, anstatt lediglich auf maximale Härte abzuzielen.

»Black Goddess« präsentiert DARK ZODIAK als eingespielte Formation, die Thrash- und Death-Metal gekonnt miteinander verbindet. Die Mischung aus druckvoller Rhythmusarbeit, starken Gitarrenharmonien und der markanten Stimme von Simone Schwarz sorgt für ein abwechslungsreiches Hörerlebnis. Nicht jeder Song erreicht die gleiche Durchschlagskraft, und an einigen Stellen hätte etwas mehr Mut zu überraschenden Ideen dem Album zusätzlichen Glanz verliehen. Dennoch überzeugt die Platte mit hoher spielerischer Qualität, viel Energie und einer spürbaren Leidenschaft für kompromisslosen Metal.

Wer modernen Thrash- mit Death-Metal Einschlag schätzt und Wert auf melodische Elemente legt, findet hier ein Werk, das über weite Strecken begeistert und Lust auf die nächste Liveperformance der Band macht. Mit einer Bewertung von 4 von 5 Punkten gelingt DARK ZODIAK ein starkes Album, das seine Qualitäten besonders bei wiederholtem Hören entfaltet und die Entwicklung der Band eindrucksvoll unterstreicht.

Fazit: Mit »Black Goddess« beweisen DARK ZODIAK erneut ihre Fähigkeit, tiefgründige Themen mit musikalischer Härte zu verbinden.

Internet

DARK ZODIAK - Black Goddess - CD Review

Vithial – Awakened Ancient Spirits

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Vithial - Awakened Ancient Spirits - cover artwork
Vithial - Awakened Ancient Spirits - cover artwork

Band: Vithial 🇺🇸
Titel: Awakened Ancient Spirits
Label: Vithial Recordings / Eigenveröffentlichung
VÖ: 05.06.2026
Format: CD / Digital
Genre: Melodic Black/Death Metal / Thrash Metal

Tracklist

01. Tornadic Wind, the Barons of Nightfall – 04:45
02. Masquerading Deception of Tyranny – 04:39
03. War of the Gods, the Balance of Darkness and Light – 05:57
04. Temporis Infinitum, Eternity of the Mind – 05:28
05. Soul Incarceration, the Covenant of Blood – 06:13
06. Awakened Ancient Spirits – 06:35

Besetzung

David Dwayne – Gesang, Gitarren, Bass, Drum- und Keyboard-Programmierung, Songwriting

Scott Elliott – Mix und Mastering
Riaj Gragoth – Artwork

Bewertung:

4 von 5 Punkten

Alte Geister werden auf diesem Debüt nicht ehrfürchtig aus sicherer Entfernung betrachtet, sondern mit sägenden Gitarren, peitschenden Rhythmen und nekromantischer Entschlossenheit aus dem Boden gezerrt. Auf »Awakened Ancient Spirits« verbindet das aus Pensacola in Florida stammende Ein-Mann-Projekt Vithial den frostigen Melodieverlauf des Second-Wave-Black-Metal mit der körperlichen Wucht des Florida Death Metal und einer ordentlichen Portion Thrash.

Hinter dem Projekt steht David Dwayne, der Gesang, Gitarren und Bass selbst eingespielt sowie Schlagzeug und Keyboards programmiert hat. Die sechs Stücke bilden keine lose Ansammlung finsterer Einzelgeschichten. Naturgewalten, korrumpierte Herrscher, kämpfende Gottheiten, astrale Bewusstseinsebenen, Blutrituale und beschworene Geister sind Bestandteile einer zusammenhängenden mythologischen Welt.

Mit einer Spielzeit von knapp 34 Minuten bleibt das Album erfreulich konzentriert. Kein belangloses Intro wird auf mehrere Minuten ausgewalzt, kein Song dient als bloßer atmosphärischer Lückenfüller und auch die Synthesizer dürfen lediglich dort auftreten, wo sie tatsächlich zur Handlung beitragen. Vithial setzt auf kompakte Kompositionen, melodische Gitarren und eine Produktion, die modern genug für klare Konturen, aber rau genug für glaubwürdigen Black Metal bleibt.

Albumstream:

ZWISCHEN FLORIDA UND FROSTIGER FINSTERNIS

Die stilistischen Grundpfeiler des Albums werden schnell deutlich. Auf der einen Seite stehen melodische Tremolo-Gitarren, kalte Harmonien, harscher Gesang und jene entrückte Atmosphäre, die den Black Metal der frühen und mittleren Neunzigerjahre prägte. Auf der anderen Seite drücken schwerere Death-Metal-Riffs, kräftige Basslinien und thrashige Rhythmuswechsel in das Klangbild.

Dadurch klingt »Awakened Ancient Spirits« weder nach reinem nordischem Black Metal noch nach klassischem Florida Death Metal. Die Musik steht zwischen diesen Welten. Melodische Gitarrenlinien dürfen sich über die Stücke legen, ohne deren Aggressivität abzuschwächen. Die härteren Riffs wiederum sorgen für Gewicht, ohne die atmosphärische Ausrichtung unter einer stumpfen Prügelattacke zu begraben.

Einflüsse von Dissection, frühem Emperor, Immortal und Enslaved lassen sich ebenso erahnen wie Spuren von Morbid Angel, Deicide oder der schärferen Seite des Thrash Metal. Vithial verwendet diese bekannten Bausteine jedoch nicht als reine Retro-Dekoration, sondern fügt sie zu einer weitgehend stimmigen eigenen Klangwelt zusammen.

DER STURM ALS SCHÖPFUNGSKRAFT

»Tornadic Wind, the Barons of Nightfall« eröffnet das Album mit Naturgeräuschen und einer kurzen Dungeon-Synth-artigen Passage. Der Einstieg erzeugt nicht bloß dekorative Mystik, sondern führt direkt in das zentrale Weltbild der Platte. Natur ist hier weder friedliche Kulisse noch romantischer Rückzugsort. Sie erscheint als göttliche Kraft, die durch Sturm, Feuer und Zerstörung neue Ordnung erschafft.

Nach dem atmosphärischen Beginn brechen melodische Black-Metal-Gitarren hervor. Das Tremolo-Picking klingt kalt und schneidend, während die Rhythmussektion genügend Druck entwickelt, um den Song nicht im ätherischen Nebel verschwinden zu lassen. Aufgebaut auf einem standfesten Fundament aus Bass und programmierten Drums werden die Gitarren gekonnt aufgebettet. Melodische Leads bewegen sich über dunklen Akkordfolgen, ehe härtere Riffblöcke den Song zurück auf den Boden reißen.

Dwaynes Stimme bewegt sich zwischen heiserem Kreischen und tieferen, kräftigeren Growls. Diese Verbindung passt zum musikalischen Konzept. Die höheren Screams verkörpern die kalte Seite des Black Metal, während die tieferen Passagen den Death-Metal-Anteil verstärken.

Der Opener funktioniert als programmatische Einleitung, weil er bereits fast sämtliche Elemente des Albums enthält. Naturmystik, zerstörerische Energie, melodische Gitarren und eine unterschwellige Erhabenheit werden eingeführt, ohne den Hörer mit einem endlosen Vorspiel zu belasten.

TYRANNEI UNTER DER MASKE

»Masquerading Deception of Tyranny« richtet den Blick von den Naturgewalten auf die Korruption des Menschen. Lügen, Verrat, falsche Autoritäten und die Vergiftung des Geistes stehen im Mittelpunkt. Die Tyrannei zeigt sich nicht offen, sondern verbirgt sich hinter Masken, Versprechen und manipulierten Wahrheiten.

Musikalisch schlägt das Stück direkter zu. Thrashige Riffs sorgen für mehr Bewegung und geben dem Schlagzeugprogramm die Gelegenheit, mit schnelleren Figuren und kurzen Ausbrüchen zusätzlichen Druck aufzubauen. Die Gitarren bleiben melodisch, werden aber kantiger und aggressiver als im Opener.

Besonders gelungen ist der Kontrast zwischen den schnellen Passagen und den dunkleren, kontrollierter gespielten Abschnitten. Der Song rast nicht einfach viereinhalb Minuten mit unverändertem Tempo durch die Botanik, sondern nutzt Tempowechsel, um Misstrauen und innere Unruhe abzubilden.

Dwayne schreit einzelne Worte mit besonderem Nachdruck heraus und verleiht der Nummer dadurch einen anklagenden Charakter. Eine größere vokale Variation innerhalb der Strophen hätte dem Stück stellenweise noch mehr Dynamik gegeben. Dennoch gehört »Masquerading Deception of Tyranny« zu den unmittelbarsten Titeln des Albums.

WENN GÖTTER IN DEN KRIEG ZIEHEN

Mit »War of the Gods, the Balance of Darkness and Light« weitet sich das Konzept in kosmische Dimensionen aus. Licht und Dunkelheit werden nicht als einfache Vertreter von Gut und Böse behandelt. Beide Seiten bilden ein empfindliches Gleichgewicht, das durch Machtgier, Korruption und den Eingriff sterblicher Wesen zerstört wird.

Die Götter der Dunkelheit erscheinen dementsprechend nicht bloß als klassische Schurken. Sie reagieren auf eine Welt, in der das vermeintlich rechtschaffene Licht selbst korrumpiert wurde. Der Krieg wird damit zum gewaltsamen Versuch, eine verlorene Balance wiederherzustellen.

Musikalisch zählt das knapp sechsminütige Stück zu den stärksten Momenten des Albums. Black- und Death-Metal-Elemente greifen besonders sauber ineinander. Die Gitarren bauen zunächst eine bedrohliche melodische Spannung auf, bevor schwerere Riffs die Schlacht eröffnen. Sparsam gesetzte Synthesizer verleihen dem Geschehen zusätzliche Größe, ohne die eigentliche Bandinstrumentierung zu überdecken.

Die programmierten Drums entwickeln in den schnelleren Abschnitten ausreichend Durchschlagskraft. Blastbeat-nahe Passagen treffen auf kontrollierte Midtempo-Rhythmen und geben der Komposition eine nachvollziehbare Dramaturgie. Die Übergänge wirken größtenteils flüssig und vermeiden den Eindruck, mehrere voneinander unabhängige Ideen seien lediglich zusammengeschnitten worden.

Im letzten Drittel erreicht der Song seine größte Wucht. Gitarren, Gesang und Rhythmik verdichten sich, während die melodische Grundidee weiterhin erkennbar bleibt. Genau hier zeigt sich Dwaynes größte Stärke als Komponist: Selbst in den aggressivsten Momenten verliert er den roten Faden nicht.

DAS BEWUSSTSEIN VERLÄSST DIE MATERIE

»Temporis Infinitum, Eternity of the Mind« verlässt das Schlachtfeld und widmet sich alten Prophezeiungen, kollabierenden Sternen, astraler Projektion und dem Fortbestehen des Bewusstseins außerhalb eines sterblichen Körpers. Der physische Untergang der Welt wird nicht nur als Ende, sondern zugleich als Möglichkeit geistiger Transzendenz betrachtet.

Die Musik greift diese metaphysische Ausrichtung mit stärker atmosphärisch geprägtem Black Metal auf. Die Gitarren wirken offener und lassen den einzelnen Melodien mehr Raum. Dazwischen entstehen Passagen, in denen sich die Komposition beinahe schwerelos von der rhythmischen Grundlage löst.

Die Synthesizer werden auch hier zurückhaltend eingesetzt. Sie dienen nicht als dauerhafter orchestraler Teppich, sondern markieren Übergänge und verleihen einzelnen Melodien zusätzliche räumliche Tiefe. Diese Zurückhaltung ist wichtig. Eine zu dominante Keyboard-Spur hätte den Song schnell in überladenen Symphonic Black Metal verwandelt.

Inhaltlich arbeitet die Nummer mit einer Fülle an Begriffen und Bildern. Zeitwächter, Orakel, Dimensionstore, zerbrechende Himmel und kosmische Erkenntnis folgen dicht aufeinander. Das erzeugt eine faszinierende Bilderwelt, wirkt stellenweise aber etwas überfrachtet. Weniger Motive und eine stärkere Konzentration auf einzelne Gedanken hätten der Erzählung zusätzliche Tiefe geben können.

Musikalisch bleibt »Temporis Infinitum, Eternity of the Mind« dennoch einer der atmosphärischen Höhepunkte. Der Song beweist, dass Vithial nicht nur durch Geschwindigkeit und Härte überzeugen kann.

DER BLUTBUND IM REICH DER VERDAMMNIS

Mit »Soul Incarceration, the Covenant of Blood« beginnt der dunkelste Abschnitt der Platte. Verdammte Seelen werden ihrer körperlichen Existenz beraubt, in einem höllischen Reich gefangen gehalten und durch einen Blutbund an die Götter der Verdammnis gebunden. Das Blut der Sterblichen dient als Nahrung und Kraftquelle für eine wiedererstehende uralte Gottheit.

Die Musik wird entsprechend schwerer. Death-Metal-Riffs rücken stärker in den Vordergrund, während Thrash-Einflüsse für bissige rhythmische Akzente sorgen. Gleichzeitig bewahrt der Song seine kalte Black-Metal-Grundstimmung. Diese Mischung verhindert, dass die Nummer zu einem gewöhnlichen Death-Metal-Brett wird.

Saubere Gitarrenpassagen und ein deutlicherer Synthesizereinsatz schaffen eine ritualistische Atmosphäre. Eine gesprochene Passage verstärkt den Eindruck einer Beschwörung oder eines finsteren Schwurs. Gerade diese Abweichungen von der bisherigen Struktur machen den Song besonders wirkungsvoll.

Dwayne lässt den einzelnen Abschnitten genügend Zeit, sich zu entwickeln. Mit mehr als sechs Minuten gehört die Nummer zu den längsten Stücken, wirkt aber kaum unnötig ausgedehnt. Die verschiedenen Teile folgen der Handlung: Gefangenschaft, Blutopfer, Wiedergeburt und ewige Verdammnis bilden aufeinander aufbauende Stationen.

Die programmierte Rhythmussektion stößt hier allerdings auch an ihre Grenzen. Einige schnelle Figuren klingen sehr gleichmäßig und erreichen nicht vollständig die organische Unberechenbarkeit eines eingespielten Schlagzeugers. Dieser Umstand zerstört den Song keineswegs, ist in den besonders dichten Passagen aber wahrnehmbar.

DIE ALTEN GEISTER ERHEBEN SICH

Der Titelsong »Awakened Ancient Spirits« führt sämtliche thematischen Fäden zusammen. Ritualmagie, Nekromantie, verbotene Erkenntnis, dämonische Besessenheit und spiritueller Krieg verschmelzen zu einer abschließenden Beschwörung. Die alten Mächte kehren nicht als weise Ratgeber zurück. Sie erheben sich voller Zorn, um falsches Licht, menschliche Ignoranz und bestehende Herrschaftsordnungen zu vernichten.

Musikalisch liefert das Stück ein würdiges Finale. Schwere Gitarrenmelodien werden von Synthesizern umrahmt, während Black- und Death-Metal-Riffs erneut miteinander verzahnt werden. Die Komposition beginnt kontrolliert, steigert ihre Intensität schrittweise und erreicht schließlich eine dichte, beinahe zeremonielle Schlussphase.

Dwayne verwendet wiederkehrende Motive, um den Eindruck eines Rituals zu verstärken. Bestimmte Gesangsphrasen und Gitarrenbewegungen kehren wie Beschwörungsformeln zurück. Dadurch entsteht ein hypnotischer Effekt, ohne dass der Song in monotone Wiederholung abrutscht.

Der Titelsong besitzt allerdings nicht ganz die unmittelbare Schlagkraft von »Masquerading Deception of Tyranny« oder die dynamische Vielfalt von »War of the Gods, the Balance of Darkness and Light«. Seine Stärke liegt vielmehr in der Atmosphäre und seiner Funktion als konzeptioneller Abschluss.

Nach dem letzten Ton bleibt nicht der Eindruck eines abgeschlossenen Sieges, sondern einer geöffneten Tür. Die Geister wurden geweckt, doch welche Konsequenzen ihre Rückkehr haben wird, bleibt bewusst unbeantwortet.

EIN MANN ERSCHAFFT EINE GANZE WELT

Dass sämtliche musikalischen Bestandteile von einer einzigen Person stammen, verleiht dem Album seine große stilistische Geschlossenheit. Die Riffs, Synthesizer, Texte und Arrangements verfolgen durchgehend dieselbe Vision. Es gibt keine hörbaren Kompromisse zwischen unterschiedlichen Songwritern und keine stilistischen Fremdkörper, die nur deshalb auf der Platte landen, weil jedes Bandmitglied seinen bevorzugten Einfluss unterbringen wollte.

Dwayne ist vor allem ein überzeugender Gitarrenkomponist. Seine Stärke liegt weniger in technischen Zurschaustellungen als in der Verbindung aus Melodie und Aggression. Tremolo-Linien, schwere Akkordfolgen und thrashige Riffs werden so angeordnet, dass sie den jeweiligen Inhalt stützen.

Die Soli und Leadpassagen bleiben vergleichsweise kompakt. Statt minutenlanger Griffbrettakrobatik gibt es melodische Akzente, die einzelne Übergänge hervorheben oder einem Refrain zusätzliche Tiefe verleihen. Diese Disziplin kommt den Songs zugute.

Der Bass bildet ein solides Fundament, könnte innerhalb des Mixes aber gelegentlich stärker hervortreten. Besonders in den atmosphärischen Abschnitten wäre eine eigenständigere Bassbewegung eine interessante zusätzliche Ebene gewesen.

Die programmierten Drums sind dynamischer gestaltet als bei vielen vergleichbaren Ein-Mann-Projekten. Tempowechsel, Fills und unterschiedliche rhythmische Muster verhindern weitgehend einen statischen Eindruck. Trotzdem bleibt die exakte Gleichmäßigkeit einzelner Schläge hörbar. Ein echter Schlagzeuger könnte dem Material künftig noch mehr körperliche Energie und spontane Spannung verleihen.

KEYBOARDS ALS RITUALWERKZEUG

Die Synthesizer gehören zu den wichtigsten, aber zurückhaltendsten Elementen des Albums. Sie werden vor allem in Einleitungen, Übergängen und ausgewählten atmosphärischen Passagen eingesetzt. Dadurch behalten sie ihre Wirkung.

Viele Black-Metal-Produktionen verwenden Keyboards als permanente Tapete, die jede freie Stelle mit Chören, Streichern oder pseudo-orchestraler Größe füllt. Vithial widersteht dieser Versuchung. Die elektronischen Flächen erweitern das Klangbild, ohne die Gitarren an den Rand zu drängen.

Besonders bei »Tornadic Wind, the Barons of Nightfall«, »War of the Gods, the Balance of Darkness and Light« und dem Titelsong tragen die Synthesizer entscheidend zur mythologischen Atmosphäre bei. Sie lassen die Musik größer wirken, ohne ihr die notwendige Rohheit zu nehmen.

Auch die kurzen Dungeon-Synth-Anleihen passen zum Konzept. Sie vermitteln den Eindruck alter Rituale und vergessener Reiche, ohne zu einem separaten Stilmittel zu werden, das mit den Metal-Passagen um Aufmerksamkeit kämpft.

ROHE KANTE MIT MODERNER KLARHEIT

Für Mix und Mastering war Scott Elliott von Chernobyl Audio verantwortlich. Die Produktion bewegt sich bewusst zwischen traditioneller Rauheit und moderner Transparenz. Die Gitarren besitzen eine scharfe Oberfläche, ohne zu einem ununterscheidbaren Klangbrei zu verschmelzen. Gesang, Synthesizer und Rhythmussektion bleiben auch in den dichteren Passagen nachvollziehbar.

Diese Klarheit ist besonders wichtig, weil die Musik mehrere stilistische Ebenen gleichzeitig verarbeitet. Würden Tremolo-Gitarren, Death-Metal-Riffs, Keyboards und harscher Gesang vollständig ineinander verschwimmen, ginge ein großer Teil der kompositorischen Arbeit verloren.

Gleichzeitig klingt das Album nicht steril. Die Gitarren dürfen kratzen, der Gesang bleibt rau und die gesamte Produktion besitzt genügend Schmutz, um nicht wie ein klinisch poliertes Studioprojekt zu wirken.

Etwas mehr räumliche Tiefe hätte einzelnen Stücken dennoch gutgetan. Besonders die größeren Synthesizerpassagen und langsameren Abschnitte könnten noch breiter und bedrohlicher wirken. Auch der Bass dürfte an einigen Stellen stärker gegen die Gitarren arbeiten.

Insgesamt findet die Produktion jedoch eine überzeugende Balance. »Awakened Ancient Spirits« klingt traditionell, ohne absichtlich schlecht aufgenommen zu sein, und modern, ohne seine schwarze Seele an vollständige Perfektion zu verkaufen.

EINE GESCHLOSSENE VISION MIT KLEINEN GRENZEN

Die größte Stärke des Albums ist seine Konsequenz. Alle sechs Songs gehören erkennbar in dieselbe Welt. Natur, Götter, Blut, Zeit, Bewusstsein und spirituelle Mächte tauchen als wiederkehrende Elemente auf und erzeugen eine geschlossene Erzählung.

Auch musikalisch bleibt die Handschrift klar. Melodische Gitarren stehen im Mittelpunkt, Death-Metal-Riffs liefern Gewicht, Thrash-Passagen erzeugen Bewegung und Keyboards öffnen den Raum für mythologische Atmosphäre.

Diese Geschlossenheit führt allerdings zu einer gewissen Vorhersehbarkeit. Nach den ersten drei Stücken ist weitgehend klar, mit welchen Mitteln Vithial arbeitet. Die späteren Songs variieren Gewichtung und Stimmung, verlassen den gesteckten Rahmen aber nur selten.

Auch der Gesang könnte noch breiter aufgestellt sein. Dwaynes Screams und Growls besitzen Kraft, bewegen sich jedoch über längere Strecken innerhalb eines ähnlichen Ausdrucksbereichs. Zusätzliche tiefe Stimmen, geflüsterte Passagen oder stärker differenzierte Phrasierungen könnten zukünftigen Veröffentlichungen mehr dramatische Tiefe verleihen.

Die Texte entwickeln eine beeindruckende Fülle an Bildern, leiden gelegentlich aber unter ihrer eigenen Dichte. Fast jede Zeile enthält kosmische, okkulte oder apokalyptische Begriffe. Ein bewussterer Wechsel zwischen konkreten Szenen und abstrakten Beschreibungen könnte die einzelnen Geschichten künftig noch eindringlicher machen.

Diese Kritikpunkte ändern nichts daran, dass Vithial ein bemerkenswert geschlossenes Debüt vorlegt. Die Platte besitzt eine klare Identität, handwerkliche Substanz und eine Atmosphäre, die weit über oberflächliche Okkult-Dekoration hinausgeht.

FAZIT:

»Awakened Ancient Spirits« ist ein konzentriertes und erstaunlich ausgereiftes Debüt. Vithial verbindet den melodischen Frost des Second-Wave-Black-Metal mit der Wucht des Florida Death Metal, thrashiger Angriffslust und sparsam eingesetzten Synthesizern.

Besonders »Tornadic Wind, the Barons of Nightfall«, »War of the Gods, the Balance of Darkness and Light«, »Soul Incarceration, the Covenant of Blood« und der abschließende Titelsong zeigen, wie gut David Dwayne Melodie, Härte und mythologische Atmosphäre miteinander verbinden kann.

Die programmierten Drums klingen in einzelnen Passagen etwas zu gleichmäßig, der Gesang könnte mehr Variationsbreite vertragen und manche Texte schichten derart viele okkulte Begriffe übereinander, dass einzelne Gedanken kaum Zeit zur Entfaltung erhalten. Demgegenüber stehen starke Gitarrenarbeit, nachvollziehbare Songstrukturen und ein Konzept, das über die gesamte Spielzeit konsequent verfolgt wird.

Hier wurde kein beliebiger Haufen Black- und Death-Metal-Riffs zusammengeworfen. Vithial erschafft eine vollständige Welt aus Naturgewalten, spirituellen Kriegen, astraler Erkenntnis und uralten Mächten. Die Geister wurden erfolgreich geweckt – nun muss sich zeigen, welche Verwüstungen sie auf der nächsten Veröffentlichung anrichten.

Lyric Video: War of the Gods, the Balance of Darkness and Light

Internet

Vithial - Awakened Ancient Spirits - CD Review