Eine der meist erwarteten Veröffentlichungen des Jahres im Thrash Metal – und darüber hinaus in der gesamten Extreme-Metal-Landschaft – ist das neue Werk von EXODUS. „Goliath“ erscheint fünf Jahre nach dem Vorgänger und ist nicht nur durch die Rückkehr von Sänger Rob Dukes geprägt, sondern auch durch eine sehr aktive und kreative Phase der Band. Ein Album, das den geschätzten Sound der Gruppe mit einigen neuen, eigenständigen Ansätzen verbindet. Ein echtes Headbanger-Album, reiner Thrash Metal.
Ein explosiver Einstieg
Mit langsamen, schweren Riffs und atmosphärischen, fast unheimlichen Lachern beginnt „3111“, getragen von einer imposanten Basslinie. Doch schon bald verwandelt sich der Song in eine Explosion aus massiven Riffs und verzweifelten Schreien. Das Tempo steigt stetig, der Sound wird immer dichter, die Energie überwältigend. Thrash Metal in seiner reinsten Form: effizient, schleifend, unerbittlich und kraftvoll. Die Solos wirken weniger wie ein einzelner Höhepunkt, sondern eher wie eine Erweiterung des Gesamtklangs, in dem alle Instrumente ihren Beitrag leisten. Ein sehr starker Opener.
Veteranen wie EXODUS brauchen eigentlich keine Vorstellung. Als eine der prägendsten und wichtigsten Bands der Metalgeschichte gehören sie zu den Mitbegründern des Thrash Metal und können auf über vier Jahrzehnte Aktivität zurückblicken. Gegründet 1980, ist das Herz und die Seele der Band der Gitarrist Gary Holt, ein wahrer Meister der Riffs, der sowohl Rhythmus- als auch Leadgitarren übernimmt. An seiner Seite steht Mitgründer Tom Hunting am Schlagzeug, der ebenfalls einige Pausen in der Bandgeschichte hatte. Komplettiert wird das Line-up durch Bassist Jack Gibson, den zweiten Gitarristen Lee Altus sowie den nach elf Jahren zurückgekehrten Sänger Rob Dukes. Mit zahlreichen prägenden Alben und Songs im Rücken erweitert „Goliath“ als dreizehntes Studioalbum eine ohnehin beeindruckende Diskografie.
Eine scheinbar ruhigere Klanglandschaft eröffnet „Hostis Humani Generis“, doch die klaren, effizienten Riffs sind äußerst aggressiv. Für Thrash-Metal-Fans ist es ein Genuss, die rohen Gitarrenlinien von Gary Holt mit ihrer messerscharfen Präzision zu hören. Die Vocals klingen wütend und aufgeladen, und wenn die Band selbst von der „Performance seines Lebens“ spricht, wird hier deutlich, was sie meint. Rob Dukes liefert eine kontrollierte, intensive Darbietung, die perfekt mit den massiven Riffs harmoniert. Das Solo zeigt sich kreativer und komplexer – weniger melodisch, dafür eine eindrucksvolle Demonstration technischer Fähigkeiten. Die Rhythmussektion hält das Tempo ständig in Bewegung. Ein furioser und sehr überzeugender Song.
Melodie, Härte und neue Nuancen
Eingängige Leadgitarren eröffnen „The Changing Me“, zunächst melodisch und fast melancholisch in einem langsamen Crescendo. Bald jedoch verwandelt sich die Atmosphäre in druckvolle, schwere Riffs. Unterstützt werden die Hauptvocals von cleanen Gesangspassagen von Peter Tägtgren (Hypocrisy, PAIN), die eher wie ein Schatten der Hauptstimme wirken und dem Klangbild einen wichtigen Akzent verleihen. Der Song pendelt zwischen melodischen und abrasiven Momenten, zwischen eingängigem Refrain und aggressiven Strophen. Am Ende steigert sich das Stück zu einem gemeinsamen Ausbruch beider Stimmen – ein Dialog aus Schreien und Verzweiflung, der die Essenz des Songs überraschend treffend einfängt.
Nach dieser melodischeren Passage kehrt „Promise You This“ zu direkten und gewalttätigen Riffs zurück. Ein furioser Song mit einem weiteren markanten Riff und der bellenden Gesangsleistung von Rob Dukes. Das Schlagzeug trifft hart und präzise, während der Refrain fast melodisch wirkt und zugleich enormes Headbanging-Potenzial besitzt. Ein ansteckender Rhythmus, ergänzt durch ein scharfes, geradliniges Solo – ein sehr energischer Song und ein weiterer Höhepunkt.
Der Titelsong „Goliath“ beginnt mit einer massiven Basslinie und wirkt zunächst langsamer und introspektiver. Rob Dukes wählt hier eine andere stimmliche Herangehensweise, tiefer und düsterer. Die Atmosphäre ist dunkler und mit unheilvollen Akzenten versehen. Alle Instrumente tragen klar zum Gesamtbild bei, während die Gastmusikerin Katie Jacoby eine traurige Violinenmelodie einbringt, die von einer scharfen Leadgitarre gespiegelt wird. Eine Komposition, die melodische und zerstörerische Elemente verbindet – nicht die typische EXODUS-Struktur, aber eine, die erstaunlich gut zum Bandsound passt.
Produktion und klangliche Balance
Die Produktion ist sehr gelungen: klar, ohne überpoliert zu wirken, und stets mit einem Hauch klassischen Thrash-Metal-Sounds. Alle Instrumente sind hervorragend ausbalanciert. Während auf älteren Alben die Gitarren oft dominierend im Vordergrund standen, sind hier alle Elemente deutlich hörbar und verstärken dadurch sogar die Wucht der Gitarren. Auch die Gesangsleistung wird perfekt eingefangen. Produziert wurde das Album von der Band selbst, gemischt und gemastert von Mark Lewis.
Nachdem zuvor eine etwas andere Seite der Band zu hören war, entfesselt „Beyond The Event Horizon“ einen rasenden Angriff. Ständige Gitarrenarbeit, geschriene Vocals, einfache, aber effektive Riffs und ein dynamischer Bass treiben das hohe Tempo voran. Kurze instrumentale Wechsel unterbrechen den Angriff, bevor er erneut mit voller Wucht zurückkehrt. Ein weiteres Beispiel für authentischen, beeindruckenden Thrash Metal. „2 Minutes Hate“ erinnert im Intro an klassischen Old-School-Thrash und entwickelt sich zu einem konfrontativen Stück mit giftiger Gesangsführung. Zusammen mit unerbittlichen Gitarren und druckvollen Drums entsteht ein direkter, wirkungsvoller Song.
Ein verspieltes, gezupftes Gitarrenmotiv und ein ungewöhnlicher Rhythmus eröffnen „Violence Works“. Hier werden verschiedene Ansätze kombiniert, während der Rhythmus ständig wechselt und zahlreiche musikalische Ideen ein Groove-geprägtes Klangbild formen. Das Solo wirkt technisch und erinnert stellenweise an Blues- oder klassische Heavy-Metal-Einflüsse.
Der längste Song des Albums, „Summon Of The God Unknown“, führt diese komplexere Richtung weiter. Verschiedene Gitarrenansätze greifen ineinander, während die Vocals zwischen cleanen und harschen Passagen wechseln – von infernalischen Schreien bis zu melodischen, aber dennoch wütenden Linien. Der Rhythmus entwickelt sich stetig weiter, und der Song öffnet sich in mehrere Richtungen. Schwer, komplex und doch klar als typisches-EXODUS Stück erkennbar.
Der abschließende Track „The Dirtiest Of The Dozen“ erhöht noch einmal das Tempo und kehrt zu einer rasenden, hochenergetischen Klanglandschaft zurück. Schnell, direkt und aggressiv, mit wütenden Vocals und starken Riffs. Rasende Basslinien, treibende Double-Bass-Drums und messerscharfe Gitarrensolos führen zu einem finalen Ausbruch, bevor der Song in Höchstgeschwindigkeit endet. Ein würdiger Abschluss.
Riffs als Fundament
Wenn man an EXODUS denkt, denkt man sofort an Riffs. Einfache Riffs, zerstörerische Riffs, melodische oder direkte Riffs. Genau das liefert „Goliath“: eine Vielzahl erstklassiger Gitarrenideen, gebündelt in starken Songs – eine Sturmfront aus knochenbrechenden Riffs und rasanten Rhythmen. Doch das Album bietet mehr als nur Gitarrenarbeit: starke Kompositionen, eine beeindruckende Gesangsleistung und zahlreiche erinnerungswürdige Momente.
Jeder einzelne Musiker auf „Goliath“ verdient Anerkennung für seinen Beitrag. Betrachtet man die individuellen Leistungen, zeigt sich ein hohes technisches Niveau. Noch wichtiger ist jedoch das Gesamtbild: Die Band klingt geschlossen, kraftvoll und überwältigend. Ein Album, das mindestens auf Augenhöhe mit den letzten Veröffentlichungen steht – vielleicht sogar darüber hinausgeht. Dynamisch, gelegentlich überraschend, und doch jederzeit klar als EXODUS erkennbar. Kraftvoll, massiv und eine weitere Bestätigung der Qualitäten dieser Band, die damit weiterhin zu den führenden Vertretern des Thrash Metal gehört. Eine klare Empfehlung für Fans des Genres – und eigentlich für jeden Metal-Hörer.
Fazit: „Goliath“ bündelt alles, was EXODUS ausmacht: gewaltige Riffs, starke Songs und enorme Energie – ein überzeugendes Thrash-Metal-Album.
Und nicht vergessen: EXODUS spielen am 9. April 2026 in Wien in der Raiffeisen Halle im Gasometer – eine gute Gelegenheit, Songs von „Goliath“ live zu erleben.